Manege frei für das Bundesforum Männer

Europäische Kommissare, allen voran Viviane Reding, sind immer dann, wenn es darum geht, die eigenen Interessen durchzusetzen, sehr gewieft. Ich habe bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, wie Frau Reding die Daten des Eurobarometer missbraucht und missinterpretiert, um ihre Agenda durchzuziehen und Unterstützung für ihren Plan zu erschleichen, die unternehmerische Freiheit abzuschaffen und börsennotierten Unternehmen vorzuschreiben, wie viele Frauen in ihrem Aufsichtsrat sitzen müssen. Neben der Manipulation der öffentlichen Meinung sind auch sogenannte “public consultations [öffentliche Konsultationen]” ein beliebtes Mittel, das die Europäische Kommission immer dann nutzt, wenn es darum geht, die eigene Politik als von gaaaanz vielen anderen unterstützt darzustellen. Zu diesem Zweck werden dann regelmäßig Stakeholder aufgefordert, Fragen zu beantworten, die die Kommission, in diesem Fall die DG Justiz von Frau Reding vorbereitet hat.

Public ConsultationDie öffentlichen Konsultationen gleichen einem Wanderzirkus, bei dem nach einander unterschiedliche Stakeholder durch die Manege geführt werden, um dort auf Zuruf “Männchen” zu machen oder sich als Clown in Sägespäne zu werfen, damit die versammelte Öffentlichkeit auch etwas zu lachen hat. Dass mit öffentlichen Konsultationen versucht wird, Stakeholder vor den eigenen Karren zu spannen und diesen von Stakeholdern ziehen zu lassen, wird überdeutlich, wenn man die “Consultation on Gender Imbalances in[on] Corporate Boards in the EU” betrachtet. Um dies zu verdeutlichen, bediene ich mich im Folgenden eines Kontrast”gruppen”designs, d.h. ich stelle eine “public consultation”, in der die Meinung der Stakeholder gefragt wäre, einer “public consultation” gegenüber, die die Stakeholder am Nasenring durch die Manage führt.

Was würde man an Fragen in einer Public Consultantion on Gender Imbalances on Corporate Boards [Geschlechterungleichgewichte in höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen] erwarten, bei der es tatsächlich darum geht, die Meinung von Stakeholdern einzuholen? Folgendes:

  1. Ganz zu Beginn die Frage, ob “Gender Imbalances” überhaupt ein Problem darstellen
  2. Für diejenigen, die denken, dass “Gender Imbalances” ein Problem darstellen, die Folgefragen:
    1. Warum “Gender Imbalances” ein Problem darstellen;
    2. Ob und wieso die Europäische Kommission etwas gegen diese “Gender Imbalances” unternehmen sollte;
    3. Welche positiven Effekte von Maßnahmen gegen die “Gender Imbalances” zu erwarten sind und welche wissenschatflichen Belege es dafür gibt, dass die entsprechenden Effekte auch eintreten;
    4. Ob Maßnahmen zur Beseitigung der entsprechenden “Gender Imbalances”  (z.B. durch die EU Kommission) und die damit zu erreichenden Gewinne die Kosten aufwiegen, die dadurch entstehen, dass die unternehmerische Freiheit und damit das Fundament kapitalistischer Systeme zerstört wird;
    5. Welchen persönlichen Nutzen sich die jeweiligen Stakeholder davon versprechen, eine Beseitigung der Gender Imbalances zu fordern.
  3. Für diejenigen, die denken, dass “Gender Imbalances” kein Problem darstellen, die Folgefragen:
    1. Warum “Gender Imbalances” kein Problem darstellen;
    2. Welche negativen Effekte von Maßnahmen gegen “Gender Imbalances” zu erwarten sind, und welche wissenschaftlichen Belege es gibt, dass diese negativen Effekte auch eintreten;
    3. Welchen persönlichen Nutzen sich die jeweiligen Stakeholder davon versprechen, eine Beseitigung von Gender Imbalances abzulehnen.

So sähe in etwa eine öffentliche Konsultation aus, bei der es nicht darum geht, die eigenen Politikziele von willfährigen Statisten (nein Stakeholdern) legitimieren zu lassen, sondern darum, die Meinung der Stakeholder einzuholen.

Leser dieses blog werden sich schon denken, dass die Fragen, die ich zusammengestellt habe, nicht die Fragen sind, die die EU-Kommission unter der Verantwortung der ehemaligen Journalistin bei einem Luxemburger Provinzblatt, Viviane Reding, gestellt hat. Vielmehr wurden u.a. die folgenden Fragen gestellt:

  1. Für wie wirksam halten sie die Selbstregulierung durch Unternehmen im Hinblick auf den Abbau des Geschlechterungleichgewichts in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen in der EU?
  2. Welche zusätzlichen Maßnahmen (der Selbstregulierung bzw. Regulierung) sollten im Zusammenhang mit dem Abbau des Geschlechterungleichgewichts in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen in der EU ergriffen werden?
  3. Brächte Ihrer Meinung nach eine stärkere Präsenz von Frauen in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen wirtschaftliche Vorteile, und wenn ja, welche?
  4. Welche Zielvorgaben (z.B. 20%, 30%, 40%, 60%[!sic]) sollten für das unterrepräsentierte Geschlecht in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen festgesetzt werden und für welchen Zeitraum? Sollten diese Vorgaben bindenden oder empfehlenden Charakter haben? Warum?
  5. Soll es Sanktionen für Unternehmen geben, die die Zielvorgaben nicht einhalten?

Dies sind nicht die Fragen, die man stellt, wenn man seine Stakeholder ernst nimmt. Die Fragen sind eine Fundgrube für suggestive Fragen, es finden sich Beispiele für Framing, an denen Tversky und Kahneman (1974) ihre wahre Freude gehabt hätten, und die Fragen lassen eines von Anfang an nicht zu: Zweifel daran, dass die Gender Imbalances oder die Geschlechterungleichgewichte in höchsten Führungsgremien, wie es in der deutschen Ausgabe der Fragen heißt, beseitigt werden müssen (Ich habe hier durchweg “Gender Imbalances” genutzt, sonst unterstellt mir noch jemand ich wäre gegen Dicke in Führungsgremien…).

Zwei Beispiel um die Manipualtion der Stakeholder bereits durch die Fragen zu demonstrieren, mögen genügen: So unterstellen die beiden ersten Fragen, dass ein Abbau der Gender Imbalances durch steuernde Eingriffe notwendig ist, dass sich das ganze also nicht von selbst z.B. dann beseitigt, wenn mehr Frauen eine Karriere der Familie vorziehen. Das ist klassische Suggestion, mit der man sicherstellt, dass die Antworter auch nichts Falsches sagen. Frage 3 ist nicht nur suggestiv, sondern arbeitet auch mit dem Ankereffekt, den bereits Tversky und Kahneman (1974) deutlich gezeigt haben: Sind Fragen positiv formuliert, dann ist die Zustimmung größer und die Frage, ob das, was da positiv formuliert wurde, vielleicht auch einen negativen Effekt hat, in Worten, “Brächte Ihrer Meinung nach eine stärkere Präsenz von Frauen in den höchsten Entscheidungsgremien von Unternehmen wirtschaftliche Nachteile”, kommt unkritischen Geistern gar nicht mehr in den Sinn.

Man sieht, die EU-Kommission hat die Manege gut bereitet, in der sie nun ihre Stakeholder vorführen will. Und wie die Zahl der Stakeholder, die sich willig haben vorführen lassen, zeigt, ist es der EU-Kommission problemlos gelungen, eine Liste der am wenigsten zur Kritik fähigen Organisationen in Europa zusammenzustellen. Und nun heißt es auch in diesem post: Manege frei für das Bundesforum Männer.

Manege.freiBei der Stellungsnahme vom Bundesforum Männer zur öffentlichen Konsultation bin ich mir nicht ganz im Klaren, ob es sich um die Clown-Nummer oder die Pudel-Dressur handelt. Der Beitrag hat Elemente von beidem. Gleich vorweg, natürlich fällt den Antwortern vom Bundesforum Männern nicht auf, dass sie sich gerade missbrauchen lassen. Das fällt ihnen schon deswegen nicht auf, weil sie sich offensichtlich gerne missbrauchen lassen. Und so verkünden sie bereits in Ihrer Antwort auf Frage 1 (die nach der Wirksamkeit von Selbstregulierung), dass in jedem Fall ein Eingriff in die unternehmerische Freiheit von Unternehmen erfolgen müsse, denn: “Obwohl einige wenige Großunternehmen die betriebswirtschaftliche Relevanz von diversifizierten Teams (Väter, Mütter, Singles, Alter, etc.) erkannt haben, lassen sich kaum nachhaltige Personalentwicklungsmaßnahmen … nachweisen”. Das ist aus der Abteilung Clownerie, denn um eine solche Aussage zu treffen, müssten die Bundesforums Männer wissen, was in allen börsennotierten Unternehmen an Anstrengungen zur Diversifizierung unternommen wird (wer weiß, vielleicht wird bei der Lufthansa nach Größe und Sehstärke diversifiziert). Zudem ist die Einsicht, die uns die Bundesforums Männer so gnädig und gottgleich mitteilen, die höhere Erkenntnis, an der sie uns teilhaben lassen und nach der diversifizierte Teams betriebswirtschaftliche Relevanz haben, insofern falsch als damit ein positiver Effekt auf das Betriebsergebnis gemeint ist. Wie Øyvind Bøhren und Siv Staubo (2011) gezeigt haben, hat nicht zunehmende, sondern abnehmende Diversifizität einen positiven Effekt auf den Profit von Unternehmen. Insbesondere steigt die Rentabilität von Unternehmen mit einer abnehmenden Anzahl von Frauen in Führungsgremien. Mir scheint, die Herren vom Bundesforum sollten noch einmal in die Literatur gehen, Zeit genug dazu haben sie bestimmt.

Bundesforum_Maenner_gross1Ganz allerliebst sind auch die folgenden Sätze aus dem Bundesforum der Männer: “Ein politisches Instrument könnte generell in kürzeren und flexibleren Arbeitszeitregelungen (auch für Führungskräfte) liegen. Neben der Regulierung des Arbeitsumfanges – zum Beispiel durch ein uneingeschränktes Recht auf Teilzeitarbeit – ist eine umfassende Diskussion der anwesenheitsfixierten, überstundenorientierten und familienfeindlichen Arbeitskultur unumgänglich”. Haben Sie schon jemals einen solchen Unsinn gehört? Es ist zwar gut zu wissen, warum man telefonisch beim Bundesforum niemanden erreicht, denn die sind halt nicht anwesenheitsfixiert, aber der Rest der Sätze belegt einfach, dass die Bundesforumsmänner nicht wissen, wovon sie reden und in einer  geistigen Welt residieren, deren Enge ihresgleichen sucht.

Pudel DressurIch versuche es mal so: Also Ihr Männer vom Bundesforum, wenn ihr demnächst im Supermarkt vor leeren Regalen steht, dann liegt das daran, dass die Spedition, die den Supermarkt beliefert auf Teilzeit umgestellt hat und zudem keine Überstunden mehr gefahren werden. Wenn ihr morgen keine Post im Bundesforum bekommt, dann deshalb, weil die Anwesenheitsfixierung bei der Deutschen Post abgeschaftt wurde. Wenn der Strom demnächst ausfällt, dann liegt das daran, dass die Stadtwerke Berlin auf Familienfreundlichkeit machen, und deshalb gibt es nur noch Strom zwischen 9.00 Uhr und 17.00 Uhr. Anwesenheit zu anderen Zeiten ist Familienmitgliedern und das sind wir doch irgendwie alle, nicht zuzumuten. Und bitte, Männer vom Bundesforum, werdet nicht außerhalb der Öffnungszeiten krank, denn die Notärzte arbeiten keine Schicht mehr und sind nur noch a Tag zu erreichen.

Die gesamte Stellungnahme des Bundesforums Männer enthält nicht einen kritischen Satz und sie unterscheidet sich im Inhalt und in der Aussage in keiner Weise von dem, was der Deutsche Frauenring e.V. geschrieben hat oder davon, was man vom Deutschen LandFrauenverband zu lesen bekommt. Insofern kann man das Bundesforum Männer wirklich abschaffen, denn was diese “Männer” zu sagen haben, sagen bereits die Landfrauen oder die Frauen vom Ring und mehr als zweimal kann man den Unsinn nicht ertragen. Im übrigen würde ich es vorziehen, wenn ich wählen müsste, von Alice Schwarzer repräsentiert zu werden. Die hat wenigstens einen eigenen Standpunkt und eine eigene Meinung.

Bøhren, Øyvind & Staubo, Siv (2012). Changing Organizational Form to Avoid Regulatory Constraints: The Effect of Mandatory Gender Balance in the Boardroom.

Tversky, Amos & Kahneman, Daniel (1974). Judgements Under Uncertainty. Heuristics and Biases. Science 185: 1124-1131.

Bildnachweis
Delcampe

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