Wann immer in Deutschland ein Problem im Bereich der schulischen Bildung identifziert wird, wird versucht, das Problem entweder zu individualisieren oder es in Familien anzusiedeln.
Entsprechend sind die erheblichen Nachteile, die Migranten in der Schule haben, auf ihre bzw. die mangelnde Integration ihrer Familien zurückzuführen. Sie ergeben sich daraus, dass angeblich (angeblich, weil es niemand untersucht hat) Migrantenkinder, die in dritter und vierter Generation in Deutschland leben und das gesamte institutionelle Bildungssystem durchlaufen haben, das Deutschland zu bieten hat, von der Kinderkrippe, über den Kindergarten, bis zur primärer und sekundären Bildung, der deutschen Sprachen nicht ausreichend mächtig sein sollen.
Entsprechend sind die erheblichen Nachteile, die Jungen in der Schule gegenüber Mädchen haben, auf deren individuelles Auftreten (kleine Machos), deren Lesefaulheit, deren Sozialisation oder die mangelnde Leseunterstützung im Elternhaus zurückzuführen.
In all den Jahren, die wir nunmehr die deutsche Bildungsdiskussion beobachten, haben wir es zu keinem Zeitpunkt erlebt, dass die entscheidenden Variablen, die für die Vermittlung von Wissen in z.B. Theorien zur Informationsverarbeitung wie der cognitive load theory (Sweller, 1988) herangezogen werden, in der Diskussion über Probleme des Bildungssystem vorkommen. Weder werden die Lehrmaterialien, mit denen in Schulen Wissen vermittelt werden soll, daraufhin evaluiert, ob sie überhaupt zur Wissensvermittlung geeignet sind, weder werden Lehrer in Schulen daraufhin überprüft, ob sie über die Fähigkeiten verfügen, um Wissen an Schüler zu vermitteln noch werden Schulen als Umfeld untersucht, daraufhin, ob sie zur Wissensvermittlung geeignet, entsprechend ausgestattet sind.
Alle diese Variablen sind in Deutschland sakrosankt. Die GEW wacht darüber, dass niemand etwas Negatives über Lehrer sagt und niemand auf die Idee kommt, Lehrer als unterschiedlich und vor allem unterschiedlich fähig zu bezeichnen. Die Kultusministerkonferenz wacht darüber, dass keine unabhängige Prüfung z.B. der Zusammenstellung eines Curriculum stattfindet und die Ausstattung von Schulen keinem systematischen Vergleich unterzogen werden kann.
Bereits die Einordnung des Berichts durch den Education Dean der Graduate School, Field Richards, ist wohltuend:
„Too many education policies address matters outside the classroom … We need to channel our resources to where they will make the biggest impact on learning outcomes – into teachers and teaching.“
Das sagt ein Ausralier. Was hätte Field Richards wohl mit Blick auf Deutschland gesagt, wo prinzipiell die Meinung herrscht, schulische Probleme seien entweder auf den Schüler oder sein Elternhaus zurückzuführen, wo generell davon ausgegangen wird, dass ganze Gruppen „Migranten“, „Jungen“, durch entsprechende Probleme im Elternhaus oder in der Person des Schülers Nachteile haben und diese Nachteile generell und gänzlich unabhängig von dem sind, was in Schulen, was in Klassenzimmern stattfindet? Vermutlich fehlten ihm die Worte ob solcher Leugnung des Offensichtlichen, oder wie es im Green Paper aus Melbourne heißt:
„It’s all about the teaching“ (10).
Mit dieser Überschrift beginnt eine Zusammenstellung von wissenschaftichen Untersuchungen, die allesamt zu dem Ergebnis kommen, dass die beiden Faktoren, die den Lernerfolg von Kindern am meisten, wenn nicht fast ausschließlich beeinflussen, die Lehrenden, das Lernmaterial und die Lehrformen sind.
Sind in anderen Ländern die Ursachen gefunden, dann werden Wege gesucht, um die Ursachen zu beseitigen und die schulische Bildung, das Bildungssystem zu verbessern. Soweit kommt man in Deutschland regelmäßig nicht, da mit dem Klären der Schuldfrage die Notwendigkeit einer Veränderung entfällt und der Auslobung von Projekten für Sozial[…] weicht. In anderen Worten, in Deutschland werden Probleme als Möglichkeit behandelt, um öffentliche Gelder in deren Pflege zu investieren, während sie in anderen Ländern zum Anlass genommen werden, um nach Lösungen zu suchen.
Und warum sucht man in Deutschland nicht nach Lösungen? Weil die Lösungen Pfründe, die mit Argusaugen von, in diesem Fall: GEW und Kultusminsterien in trauter Eintracht gehütet werden, angreifen würden. So haben die australischen Forscher die folgenden Empfehlungen, zur Verbesserung der Vermittlung schulischer Inhalte und zur Beseitigung von Nachteilen, wie sie vor allem Kinder aus, wie man in Deutschland sagt, „bildungsfernen Familien“ haben, zusammengestellt. Es sind dies Empfehlung, die auf gesicherten wissenschaftlichen Ergebnissen basierend, eine Verbesserung der Qualität schulischer Leistungen erwarten lassen:
- Die Spezialisierung von Grundschullehrern und die ausschließliche Vermittlung von Mathematik und naturwissenschaftlichen Inhalten durch spezialisierte Lehrer;
- Die Suche nach geeigneten Lehrern auch außerhalb universitärer Lehramtsstudiengänge und die Einstellung von Lehrern unter Berücksichtigung von deren didaktischen Fähigkeiten, deren Wissen und Fähigkeiten und deren Fähigkeit, mit Stress umzugehen;
- Und jetzt kommt’s: Die Bezahlung von Lehrern entsprechend ihrer Fähigkeiten, d.h. Grundschullehrerinnen und Gymnasiallehrer werden nicht nach Tarif, sondern nach Leistung bezahlt. Als Maß für die Leistung wird u.a. die Leistung der Schüler genutzt. Lehrer, deren Schüler bessere Leistungen erbringen, werden besser bezahlt als Lehrer, deren Schüler schlechtere Leistungen erbringen;
Sweller, John (1988). Cognitive Load During Problem Solving: Effects on Learning. Cognitive Science 12(2): 257-285.
