Der Papst als Wirtschaftsspezialist und Herrscher über Hedge-Funds

Als Oberhaupt der Katholiken weltweit, sollte man denken, habe der Papst genug damit zu tun, für die religiöse Hygiene seiner Schäfchen zu sorgen. Entsprechend verwundert es, wenn er sich neuerdings als Chef-Ökonom des Vatikan geriert und z.B. vor rund 20.000 Sardiniern erklärt:

banners-Audiencia-plaza-4-EN_1“We don’t want this globalized economic system that does us so much harm. At its center there should be man and women, as God wants, and not money.”

Der Papst hat also beschlossen, dass “wir” kein globales Wirtschaftssystem wollen. “Wir” wollen keinen weitgehend freien Handel, keine billigen Computer, Handys, Kühlschränke, Waschmaschinen aus asiatischer, Textilien aus türkischer oder Schuhe aus äthiopischer Produktion. “Wir” wollen den Schumacher um die Ecke und Fernseher, die in deutscher Produktion hergestellt werden, ohne dass notwendige Teile global beschafft werden. So hat es der Papst für “uns” beschlossen.

Oder meint der Papst mit “wir”, nicht uns, sondern sich und seine päpstlichen Untertanen, die sich im Vatikanstaat zusammengefunden haben? Meint er mit “wir”, den Vatikan und seine Besitztümer? Nun, die Frage hat mich dazu veranlasst, ein wenig zu recherchieren und dabei bin ich auf einen Beitrag von Kevin Roose im New York Magazin gestoßen und auf etwas, das man mit viel gutem Willen, aber wirklich mit viel gutem Willen, als eine Form der Gewinn- und Verlustrechnung des Vatikans bezeichnen kann.

Einnahmen VatikanDie Gewinn- und Verlustrechnung beschreibt im Wesentlichen die Finanzen der Vatikan “Holding” (Holy See) und der Vatikan Verwaltung (Vatican). Erstere steht z.B. hinter dem Radiosender des Vatikan und dem Observatore Romano, der Zeitung des Vatikan. Wie ein Zeitvergleich zeigt, den Kevin Roose angestellt hat, macht die Vatikan Holding Verluste von rund 10 Millionen Euro jährlich. Normalerweise werden diese Verluste durch die Einnahmen der Vatikan Administration (Vatican) ausgeglichen, die sich im Jahr 2011 auf mehr als 20 Millionen Euro beziffern, Einnahmen die vornehmlich aus dem Verkauf von Eintrittskarten zum Museum des Vatikan stammen. Ich schreibe normalerweise, denn im Verlauf der Finanzkrise zwischen 2007 und 2009 sind die Einnahmen der Vatikan Administration so stark gesunken, dass der Vatikan einen Verlust verbuchen musste, dies im Wesentlichen deshalb, weil die Besucherzahlen des Museums in den Krisenjahren gefallen sind.

Nun könnte man meinen, die Investitionen die der Vatikan über einen eigenen kleinen Hedge-Fund in Immobilien und Aktien vornimmt, hätten dabei geholfen, die Verluste über die letzten Jahre, in denen die Aktienmärkte sich wieder erholt haben, auszugleichen, aber das war nicht der Fall, denn der Hedge-Fond des Vatikans wird konservativ geführt. Man kann sich die Investitionsstrategie des Vatikans entsprechend einer Constant Proportion Portfolio Insurance (CPPI) vorstellen, bei der ein Höchstwert an Verlust festgelegt wird, der nicht überschritten werden kann. Entsprechend sind die Verluste gedeckelt, aber auch die Gewinne, denn die entsprechende Investment-Strategie reagiert eher schleppend auf eine Erholung der Märkte. Eine Entlastung der strapazierten Vatikan-Finanzen durch den eigenen Hedge-Fund ist also eher unwahrscheinlich.

Peters penceAuch der Peter Pfennig, also die rund 97 Millionen Euro im Jahr 2006, die von Gläubigen weltweit und jährlich gespendet werden, damit der amtierende Papst ein wenig “Taschengeld” für mildtätige Zwecke bzw. zum Ausgleich vorhandener Verluste hat, sind in der Zeit der Finanzkrise gefallen, auf rund 65 Millionen Euro in 2007 und haben seither die Höhe des jahres 2006 nicht mehr erreicht. Auch hier hatte der Vatikan also erheblich unter der globalen Finanzkrise zu leiden. Wenn Papst Franziskus also von “wir” spricht, die den globalen Kapitalismus mit seinen integrierten Finanzmärkten nicht mehr wollten, dann stehen dahinter erhebliche Verluste, die der Vatikan, das “wir”, im Zuge der Finanzkrise eingefahren hat.

Vatican billionsNun könnte man meinen, die Liegenschaften des Vatikan, die AP im Jahre 2004 unter Auslassung des St. Peter Doms und der Sixtinischen Kapelle auf rund 1 Milliarde Euro geschätzt hat, reichten, um über Zeiten, in denen die Einnahmemaschine des Vatikans schleppender läuft, hinweg zu helfen, nicht zu vergessen die vielen Kunstgegenstände, die sich im Museum des Vatikans befinden, die Michelangelos und Raphaels, deren Wert mehrere Milliarden Euro übersteigt, und denen in den “Bilanzen” des Vatikan ein Wert von einem Euro zugewiesen wird. sollten ausreichen, um schlechte Zeite zu überwinden und trotz globaler Finanzkrise gute Werke und miltätige Taten an weitgehend allen Orten der Erde zu vollbringen.

Aber: weit gefehlt. Die Milliarden, auf denen der Papst sitzt, gelten ihm als Menschheitserbe. Entsprechend wird der Reichtum gehortet und verwaltet, jedenfalls nicht eingesetzt, um realen Menschen zu helfen, und z.B. die Folgen von Arbeitslosigkeit und Armut zu lindern. Und so erklärt sich der päpstliche Ärger über die Folgen des globalen Kapitalismus wohl weitgehend daraus, dass sich der cash flow des Vatikan in Zeiten der Krise verringert hat, und am Ende hatte dies Auswirkungen auf den gewohnten Lebensstil im Vatikan …

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