Hiding in plain sight: Denkunfähige und Denkunwillige

Eine neue Untersuchung bringt Leben in die Bude, jedenfalls dann, wenn die Untersuchung rezipiert wird und dann, wenn die Ergebnisse auch angewendet werden.

Damit die Untersuchung rezipiert wird, hier der Inhalt in Kürze:

secret bunkrAutoren der Untersuchung sind Iyad Rahwan, Dmytro Krasnoshtan, Azim Shariff und Jean-Francois Bonnefon. Die Untersuchung ist im Journal of the Royal Society Interface bislang nur Online erschienen und trägt den Titel: “Analytical Reasoning Tasks Reveal Limits of Social Learning in Networks”.

100 Freiwillige sind von den Autoren in 5 Netzwerke, also Gruppen zusammengefasst und über Computer miteinander verbunden worden. Die Verbindung zwischen den Mitgliedern der Gruppen wurden durch die Forscher so gesteuert, dass die Mitglieder zeitweise auf sich gestellt waren und zeitweise mit allen anderen Mitgliedern der Gruppe/des Netzwerkes verbunden waren.

Und dann mussten die Freiwilligen schwierige Aufgaben lösen (das hat man davon, wenn man sich freiwillig meldet…!); Aufgaben, zu deren Lösung analytisches Denken notwendig ist. Also Aufgaben wie z.B.: Ist die folgende Schlußfolgerung (K) richtig?

(P) Alle Raubtiere essen Fleisch.

(P) Alle Menschen sind Raubtiere.

(K) Alle Menschen essen Fleisch. [unser Beispiel].

Dabei haben die Forscher festgestellt, dass Freiwillige, die auf die Fragen falsche Antworten gegeben haben, bei Einbindung in ein Netzwerk in der Lage waren, die falschen Antworten zu erkennen und die richtigen Antworten bei anderen Mitgliedern aus dem Netzwerk zu stehlen. Der Ruhm des Wissens war jedoch nur kurz, denn trotz des vermeintlichen Lerneffektes durch die Übernahme der richtigen Antwort, das Kopieren  der richtigen Antwort, waren die entsprechenden Freiwilligen dann, wenn sie anschließend auf sich selbst gestellt waren, um weitere kniffelige Aufgaben zu lösen, so hilflos, ratlos oder dumm, wie sie es vor der Imitation/Übernahme richtiger Ergebnisse von Kollegen waren.

Dieses Ergebnis hat die Autoren überrascht. Hatten sie doch die  Erwartung, dass es möglich sein müsse, Personen zu logischem oder analytischem Denken anzuhalten, dass es – mit anderen Worten – möglich sein müsse, analytisches Denken über die Imitation richtiger Ergebnisse zu erlernen. Die Erwartung hat sich als falsch erwiesen, und die Konsequenzen daraus sind weitreichend, denn: analytisches Denken kann man nicht imitieren oder über Imitieren erlernen oder: das Imitieren intelligenter Menschen hat seine Grenzen.

Nun stellt sich die Frage, ob das Imitieren, also die Übernahme richtiger Ergebnisse von anderen, der eigenen Dummheit oder der eigenen Bequemlichkeit geschuldet ist – eine Frage mit erheblichen Auswirkungen, denn:

  • Erfolgt die Übernahme richtiger Ergebnisse auf Basis einer eigenen Unfähigkeit zu den richtigen Ergebnissen zu kommen und kann diese Fähigkeit, wie die Untersuchung nahezulegen scheint, nicht von den entsprechenden Personen erlernt werden, dann ergibt sich daraus die Konsequenz, dass bestimmte Personen nicht in der Lage sind, analytisch zu denken. Folglich  sind sie für bestimmte Tätigkeiten nicht geeignet und in Fragen, die einer analytischen Klärung bedürfen, auf die Hilfe bzw. Führung derjenigen angewiesen, die die entsprechende Klärung herbeiführen können.
  • Erfolgt die Übernahme richtiger Ergebnisse auf der Basis eigener Bequemlichkeit, so muss auf Basis der Ergebniss von Rahwan et al. doch gefolgert werden, dass die entsprechende Bequemlichkeit lernen zumindest be- wenn nicht gar verhindert, was abermals zu der Konsequenz führt, dass die entsprechenden Personen bei analytischen Fragen der Hilfe Dritter bedürfen, denn die eigene Bequemlichkeit verhindert die prinzipiell vorhandene Lernfähigkeit.

Es gibt demnach Menschen, die zum analytischen Denken unfähig und solche, die zum analytischen Denken unwillig sind. Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe. Soziale Netzwerke erlauben es diesen Unfähigen und Unwilligen durch Imitation oder Diebstahl, wie die Autoren der Untersuchung sagen, nach außen einen Anschein aufrecht zu erhalten, der sie im Stillen vermutlich schwitzen lässt, wie diejenigen schwitzen, die mit Plagiaten Doktortitel erzielt haben – denn: Jede neue Aufgabe bringt die Gefahr mit sich, als der Gaukler entlarvt zu werden, der man nun einmal ist.

hiding in plain sightSchließlich wird ersichtlich, warum das Soziale, die Gemeinschaft, der Zusammenhalt unter den Menschen der Fetisch ist, den moderne Gesellschaften und diejenigen, die sich als ihre geistige Elite ansehen, so gerne beschwören: In der Gemeinschaft der vielen ist für die vermeintliche Elite die Entdeckungswahrscheinlichkeit geringer und die Wahrscheinlichkeit höher, dass man trotz eigener Unfähigkeit (Unwilligkeit) analytisch zu denken, der Entdeckung entgeht, da es in der Gruppe leichter möglich ist, die richtigen Antworten auf schwierige Fragen bei Dritten zu stehlen und so zu tun, als sei die Antwort die eigene.

Man muss natürlich anfügen, dass es Pechvögel gibt, die in die falschen Netzwerke geraten, Netzwerke, die man quasi als Monokultur des analytischen Denkes Unfähiger (Unwilliger) ansehen muss (Parteien oder Genderprojekte wären hier vielleicht zu nennen). In diesen Fällen nützt alles Imitieren nichts, denn was dabei herauskommt, wenn Unfähige Unfähige imitieren, ist nun wirklich keine Frage, auf die es schwierig ist, die richtige Antwort zu finden.

Rahwan, Iyad, Krasnoshtan, Dmytro, Shariff, Azim & Bonnefon, Jean-Francois (2014). Analytical Reasoning Task Reveals Limits of Social Learning in Networks. Journal of the Royal Society Interface 11(39); doi:10.1098/rsif.2013.1211

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7 Responses to Hiding in plain sight: Denkunfähige und Denkunwillige

  1. rugay says:

    Ohje ! Liest man das mit wachem (und analytischem) Verstand ist die Tragweite des Ergebnis dieser Untersuchung geradezu niederschmetternd! Hat allerdings zum Teil auch meine Frage(n) beantwortet, die ich gerade an anderer Stelle aufwarf >>> denn wie sie so schön abschliessen :

    “In diesen Fällen nützt alles Imitieren nichts, denn was dabei herauskommt, wenn Unfähige Unfähige imitieren, ist nun wirklich keine Frage, auf die es schwierig ist, die richtige Antwort zu finden.”

  2. A. Behrens says:

    Geben die Autoren an, warum analytisches Denken nicht erlernt werden kann? Im Studium hatten wir Studenten sehr mit verschiedenen Themen zu kämpfen (Die Logik logisch ist, ist am Anfang nicht immer logisch). Aber letztlich haben es alle geschafft. Von daher würde ich gern (so wie die Forscher allerdings auch) einen zweifelnden Finger heben. Natürlich gibt es für Menschen die sich für Informatik einschreiben eine gewisse Grundtendenz zum Analytischem.

    Aber Quelle ist ja angegeben.. 🙂

  3. Stuff says:

    Nachdenken gilt im Deutschen zumindest ja eher in die Richtung: Denken Sie (mir) nach! Daher sind Vordenker so unbeliebt und wandern zumeist aus, da Vordenker den gesamten Betrieb stören.

    Denken – darf man das? Einfach selber denken…?

    Dat dat dat daarf!

  4. Lernender says:

    Ich liebe praktische Beispiele und damit meine Inspiration in Gestalt von,,

    http://d-64.org/gesche-joost-wird-beiratsvorsitzende-von-d64/

    “Der Verein D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt e.V. hat Prof. Dr. Gesche Joost gebeten, den Vorsitz des Beirats zu übernehmen und den Vorstand bei der weiteren Zusammenstellung des Beirats zu unterstützen und den Vorstand bei seiner Arbeit kritisch zu begleiten. Gesche Joost hat netterweise zugesagt.

    Prof. Dr. Gesche Joost forscht und lehrt seit 2011 an der Universität der Künste Berlin und war im Kompetenzteam des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück für den Bereich Digitale Agenda zuständig. Gesche Joost soll als Beraterin im EU-Gremium Digital Champions den digitalen Wandel auf europäischer Ebene vorantreiben”

    somit folgt unweigerlich..

    Zeitgemäßer Informatikunterricht ist gendersensibler Unterricht.

    “Gendersensibler Informatikunterricht ist durch die Generierung eines für Schülerinnen und Schüler gleichermaßen geeigneten Lernklimas gekennzeichnet, das sie ermutigt, die eigenen Begabungen zu entdecken und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Der Informatikunterricht beachtet dabei, dass Schülerinnen durchschnittlich weniger Erfahrungen im Umgang mit Computern haben als Schüler und sorgt dafür, dass diese Unterschiede nicht verstärkt, sondern abgebaut werden. Hilfreich sind Kontexte (vgl. These 5), die insbesondere Mädchen ansprechen und ihre Kompetenzen zum Tragen kommen lassen.

    !!„Ein Schlüssel liegt unseres Erachtens auf dem Fokus, mit dem die Beschäftigung mit Inhalten der Informatik vermittelt wird. Erfahrungswerte zeigen, dass ein Großteil der Schülerinnen und Studentinnen nicht an Technik ‚an sich‘ interessiert sind, sondern an Technik ‚wofür‘.!

    Die Anwendungskontexte und die Gestaltung von Technik auf diese hin motivieren sie, sich mit Technik und den Kontexten gleichermaßen zu befassen“ (Schirmer, 2013). Gerade die Gestaltung von Technik und die damit verbundene Kreativität bekommt in einem gendersensiblen Informatikunterricht eine besondere Bedeutung, denn verschiedene Studien deuten darauf hin, dass mithilfe von Kreativität das Interesse von Frauen und Mädchen für die Informatik gewonnen werden kann (vgl. Romeike 2008).

    Des Weiteren steht in einem gendersensiblen Informatikunterricht die Geschlechtergerechtigkeit im Mittelpunkt. Geschlechtergerechtigkeit bedeutet für den Informatikunterricht, stets Auswirkungen auf die Schülerinnen und Schüler bezüglich ihrer überholten und „tradierten“ Rollenzuschreibung aufzuspüren und aufzubrechen.

    !!! Hierfür müssen Lehrerinnen und Lehrer Aufgabenstellungen, bzw. größere Informatikprojekte von beiden Geschlechterperspektiven aus analysieren. Dabei sollten die Projekte immer attraktive und kreative Elemente jeweils zu gleichen Anteilen für beide Geschlechter beinhalten, so dass beide Geschlechter die für die Informatik notwendigen Kompetenzen (Modellieren, Implementieren, usw.) innerhalb der jeweiligen Teilaufgabe, die eine Schülerin oder ein Schüler bearbeitet, erlernen können.”!!!

    http://d-64.org/gastbeitrag-zehn-thesen-zu-einem-zeitgemäsen-informatikunterricht/

    Ja, was? Geschlechtergerechtigkeit bedeutet (PrüfungsAufgaben)Ergebisse des weiblichen Geschlechts mit gebührender Nachsicht zu beurteilen??

    🙂

    • A. Behrens says:

      Oder aber: Jungs werden gar nicht mehr unterrichtet, nur noch Mädchen. Dadurch verringert sich der Abstand des (Vor-)Wissens und dreht sich möglicherweise gar um –> Gendergerechtigkeit hergestellt.

  5. ups2009 says:

    Nicht schlecht. Ist das nun schon eine Art Gruppenbewusstsein?

    PS: Auf sciencefiles nix zum Hans-Wurst des ESC Tages?

    mfg
    Gerd

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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