Die Tyrannei des Gemeinsinns

Beim Schmökern sind wir wieder einmal auf Richard Herzingers Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft gestoßen – ein ebenso kruzweiliges wie gutes Buch, fast schon ein zeitgeschichtliches Dokument, mit dem man sich perfekt die langen Abende verweilen kann. Das Buch ist 1997 erschienen, was man sich bei der Lektüre in Erinnerung rufen muss, z.B. wenn von der FDP im Bundestag die Rede ist. Es ist also ein Buch, das mittlerweile 17 Jahre auf dem Deckel hat. Vielleicht ist es deshalb eine so anregende und erfrischende Lektüre, weil es deutlich macht, dass es Gutmenschen und all die anderen die 24/7 sich um das Beste ihrer Mitmenschen sorgen, also um deren Geld, schon immer gegeben hat. Das macht es irgendwie einfacher, sie zu ertragen und verhindert drastischere Maßnahmen, um ihnen den Mund zu stopfen.

Hier eine kleine Auswahl aus Herzingers Buch, ein – wenn man so will – par force Ritt durch 213 lesenswerte Seiten:

Wir wollen euer Bestes oder Das Regiment der Spaßverderber.
Dinner for oneZu Silvester 1996 wartete das Bundesamt für Naturschutz mit einer medienkritischen Ermahnung besonderer Art auf. Der Comedy-Klassiker ‘Dinner for One’, dessen Ausstrahlung zum Jahreswechsel für Generationen von Deutschen zum kultischen Ereignis avanciert ist, sei vom Standpunkt des Artenschutzes aus höchst bedenklich. Denn Freddy Frinton, der angetrunkene Butler, der – the same procedure as every year – seiner hochbetagten und längst vereinsamten Herrin alle trinkfesten Geburtstagsgäste und am Ende noch den Liebhaber ersetzen muss, stolpert in diesem Sketch regelmäßig über ein echtes Tigerfell.

Der Mißbrauch vom Aussterben bedrohter wilder Tierarten als Auslegeware könne im Kontext einer lustigen Fernsehsendung zur Nachahmung anregen. Ein Verbot der Sendung, so fügten die Moralwächter eher resigniert hinzu, sei freilich aufgrund ihrer Beliebtheit kaum durchsetzbar. Zudem sei der Sketch ja schon zu einer Zeit entstanden, als es die Artenschutzkonvention, die die Einfuhr von Tigerfellen nach Europa verbietet, noch nicht gegeben habe.

So sind wir vorerst noch mit der Aufforderung der Bundestugendkontrolleure davongekommen, die Späße unseres Lieblingsbutlers und seiner Miss Sophie nicht länger ohne die angemessene moralische Problematisierung hinzunehmen. Die Betrauchtung des zwerchfellerschütternden kleinen Meisterwerks hatten wir bisher für ein ganz und gar harmloses Vergnügen gehalten. Dabei hätten wir uns doch längst denken können, dass es solche unschuldigen medialen Freuden gar nicht geben kann.
[…]
Das Laster lauert überall und setzt sich auf den subtilsten Ebenen fest. Und überall wachen Gralshüter des Gemeinsinns, die uns auf die verborgenen Gefahren des Spasshabens aufmerksam machen. Der Verzehr von McDonald’s Hamburgern fördert das Abholzen des Regenwaldes, der angeblich der Weidefläche für die Rinderherden der Fast-Food-Kette Platz machen muss. Der Genuß französischen Rotweins ist als Unterstützung für französische Atomtests im Pazifik zu werten. Die dreisten Scherze des Late-Night-Entertainers Harald Schmidt sind ‘menschenverachtend’. Das gleiche gilt für eine Satire über prominente DDR-Oppositionelle, gegen die ehemalige DDR-Bürgerrechtler vergangenen Sommer allen Ernstes eine empörte Protestresolution veröffentlichten. Im Blödelwerk der Satiriker Droste und Henschel werden notorische Bartträger wie Markus Meckel und Lutz Rathenow rituell ermordet und von dem geheimnisvollen Serienkiller rasiert. Während die Autoren damit auf drastische Weise ihre Abneigung gegen die Rauschebartkultur der ewigen Dissidenten ausdrücken wollten, hielten die Betroffenen das Machwerk für eine Aufforderung zum Lynchmord. Eigentlich ein typischer Fall in Deutschland, wo so ungefähr jedes zweite Titelbild der Satirezeitschrift Titanic eine Beleidigungsklage zur Folge hat.

Doch weiter im Text der ewigen Spaßverderber: Der Disney-Zeichentrickfilm ‘Der Glöckner von Notre-Dame’ zieht ehrwürdiges literarisches Kulturgut in den Schmutz der Trivialität und verdirbt die Wahrnehmungsfähigkeit der Kinder für das Originalwerk von Victor Hugo. Und natürlich ‘verherrlicht’ jeder zweite Hollywood-Film die Gewalt, den Kapitalismus oder das amerikanische Vorherrschaftsstreben. Wer für ‘Rambo’ oder ‘Rocky’ eine Kinokarte löst, fördert nicht nur Kriegstreiberei und Machismus, sondern bezahlt dazu noch einen weiteren Nagel im Sarg der europäischen Kinoindustrie, die unter der gnadenlosen Dominanz des amerikanischen Kulturimperialismus ächzt.
[…]
Das Strickmuster dieser permanenten Appelle an die moralische Korrektheit ist immer das gleiche. Das Feierabendvergnügen des Konsumbürgers wird mit irgendeinem weltbedrohenden apokalyptischen Problem in Verbindung gebracht. Sodann wird insinuiert, dass sich jeder mitschuldig macht, der sich der Verantwortung für dieses Problem auch nur für eine schwache Minute entzieht.
[…]
Das Resentiment gegen Luxus und Verschwendung ist so alt wie die Zivilisation selbst. Über die Spassverderber im Gewande von Hütern einer höheren gemeinschaftlichen Moral hat schon Voltaire Hohn und Spott ausgegossen. Die Verschwendung, hielt er ihnen entgegen, sei die Mutter der Künste, die Quelle aller Zivilisation. Luxus, erklärte Voltaire, schade dem Gemeinwohl nicht, sondern trage zur Stimulierung der Wirtschaft und damit zur Hebung des Lebensstandards aller bei. Je mehr die Reichen für Luxusgüter ausgeben, desto besser für die Hebung der Kaufkraft der Massen.
[…]
Die moderne Konsumgesellschaft ist eine eindrucksvolle Bestätigung für die Auffassung Voltaires. Doch die Tatsache, dass heute alle in Verschwendung und Laster schwelgen und nicht nur eine privilegierte Elite, versetzt die Luxuskritiker in nur noch größere Empörung. Nun mäkeln sie am billigen Geschmack der Massen herum und schütteln den Kopf darüver, für welch erbärmliches Plastikzeug sie sich in Schulden stürzen und wie willig sie dem überbordenden Kommerz auf den Leim gehen.
[…]

Ableitung: Lasst uns endlich in Ruhe!

Tyrannei des GemeinsinnsJetzt ist es aber genug. Mehr und bessere Argumente gegen die Sirenengesänge von der wärmenden Gemeinschaft wollen wir mir nicht einfallen. Aber selbst wenn: Was würde es helfen?
Der Rud nach Gemeinschaft wird trotz der klügsten und abgesichertsten Einwände nicht leiser werden. Denn er ist so etwas wie ein archaisches Beschwörungsritual gegen die Risiken und Verführungen der Freiheit. Wo immer die Menschen in den Besitzt von ein wenig Freiheit kommen, treten zu allen Zeiten und so sicher wie das Armen in der Kirche selbsternannte Aupasser und Aufseher, Mahner und Warner auf den Plan, die ihnen ihren richtigen Gebrauch erklären und sie daran hindern wollen, sie zu ‘missbrauchen’.

Die Apokalyptiker träumen von einer furchtbaren Reinigung, die die Menschheit zu einer Umkehr in irgendeiner wahren Bestimmung zwingen werde. Die bescheideneren Apostel einer ethischen Lebensreform träumen von überschaubaren Nachbarschaften und Gemeinschaften, in denen die Menschen in trauter gegenseitiger Hilfe nach und nach wieder von den Seelenschäden genesen können, die sie bei ihrem Ausflug in die böse Welt der globalisierten Entfremdung erlitten haben.

Aber das Ergebnis aller dieser therapeutischen Bemühungen lässt sich schon voraussagen: Immanuel Kant hat gesagt: ‘Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nicht ganz Gerades gezimmert werden.’ So ist denn auch die Freiheit nicht nur erhaben und herrlich. Freie Menschen sehen nicht nur aus wie George Washington oder Vaclav Havel, die unser Herz und unseren Verstand mit großen Worten und Taten beflügeln. Freie Menschen sind auch dekadent wie Michael Jackson, ausgekocht wie Madonna oder abgewrackt wie Harald Junke, sie sind Fast-Food-Esser, Schwarzenegger-Fans und Mantafahrer, sie ruinieren die Umwelt und unsere Nerven und beleidigen nicht selten unseren guten Geschmack. Der Alltag der Freiheit ist oft häßlich, öde und empörend. Aber eine bessere Alternative zu dieser konkreten, negativ definierten Freiheit gibt es nicht. Deshalb ist sie das Kostbarste, das wir haben.

Die liberale Gesellschaft ist nicht etwa deshalb eine so große Errungenschaft, weil sie die sozialen und ökonomischen Probleme der Menschheit gelöst hätte oder irgendwann lösen könnte, sondern weil sie ein ziviles Regelwerkt installiert hat, das individuelle Freiräume absichert. Vom Funktionieren dieses Regelwerkes hängt unser ganzes bißchen Freiheit ab, nicht von den guten Absichten und Ideen über das richtige Zusammenleben der Menschen. Absichten und Ideen sind trügerisch und wenden sich, wenn sie realisiert werden, allzu leicht gegen die Intention ihrer Urheber zurück.

fuck offDoch die alltägliche, oftmals unansehnliche Freiheit ist den ewigen Kultur- und Zeitkritikern nicht gut genug. Sie möchten die Menschheit veredeln und doch noch irgend etwas Ordentiliches aus ihr machen. Also gut: Nur zu, ihr Gemeinschaftsprediger. Ihr habt die Welt schon so oft gerettet, da wird es auf dieses eine Mal auch nicht mehr ankommen. Prophezeit dem übertriebenen Individualismus nur recht unverdrossen weiterhin ein böses Ende. Ich ziehe noch den verantwortungslosesten Egoismus eurem verlogenen, stickigen Gemeinsinn vor.
[…]
Lasst eure immergleichen Predigten ruhig auf haltlose moderne Plastikmenschen herunterprasseln. Gebt unsere Seelen endgültig verloren, schließt uns auf immer aus der Gemeinde der Seligen aus, aber fallt uns nicht mehr mit Erziehungsprogrammen auf den Wecker. Rettet vor dem Ungeist des Materialismus, der Atomisierung und der medialen Verflachung, wen ihr wollt, aber versucht uns bitte nicht mehr darüber zu belehren, was gut für uns ist.

Lasst uns endlich in Ruhe!

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About Michael Klein

… concerned with and about science

2 Responses to Die Tyrannei des Gemeinsinns

  1. heureka47 says:

    “Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nicht ganz Gerades gezimmert werden.”:

    Das ist eine schreckliche – dumme – Fehleinschätzung!

    “der Mensch” ist in diesem Zitat eine unzulässige Verallgemeinerung.

    Zugegeben: Es gibt ein Problem – aber betroffen / beeinträchtigt davon ist nur der typische zivilisierte – weil ENTFREMDETE – Mensch.
    Entfremdet von seinem wahren Sein, seinem wahren Leben,
    von seinem “Höheren / wahren Selbst”, dem wahren ERWACHSENEN-Bewußtsein.
    Daher: “Selbst-Entfremdung”.

    Der typische zivilisierte Mensch ist nicht nur vom Leben in / nah der äußeren Natur entfremdet, sondern vor allem auch von seiner INNEREN Natur, seiner göttlichen, feinstofflichen, Seele.

    Diese Entfremdung ist seit Jahrtausenden bekannt.
    Entstanden / ausgebrochen ist sie vermutlich vor der Entstehung der ältesten Städtekulturen, also vor mehr als 12.000 Jahren, evtl. schon vor ca. 60.000 Jahren – damals gab es weltweit heftige Meerwasser-Überflutungen (“Sintflut”?) aufgrund von Erdrotations-Störungen. Das könnte eine große Zahl von traumatisierten Menschen hinterlassen haben, woraus sich dann eine / die “Kollektive Neurose” zum heutigen, fast globalen, Ausmaß entwickelt hat.

    Herzlichen Gruß!

  2. lernender says:

    http://www.roland-baader.de/

    „Ich träume von einem vollbesetzten Bundestag (wohl nur bei Abstimmung über Diäten-Erhöhung möglich).
    Plötzlich erhebt sich einer der Abgeordneten, allen anderen als aufrechtes Mannsbild bekannt, und tritt ans Mikrofon. Lange schaut er schweigend ins Hohe Haus, bis gespannte Stille eingetreten ist. Dann sagt er:

    Meine Damen und Herren: Ich bin ein glühender Anhänger des demokratischen Rechtsstaats; ich bekenne mich zur freiheitlichen, individualistischen und christlichen Kultur, Tradition und Zivilisation des Abendlandes und der freien westlichen Welt. Und genau aus diesem ernsten Grund sage ich allen hier versammelten Volksvertretern, allen Parteien, Politikern und Regierungsmitgliedern: Ich brauche Euere Subventionen und Transferzahlungen nicht; ich will nicht Euer Kinder-, Mutterschafts- und Sterbegeld, nicht Eure tausend Almosen und milden Gaben, die Ihr mir vorher aus der Tasche gezogen habt – und mir und meinen Kindern noch in fünfzig Jahren aus der Tasche ziehen werdet. Ich brauche keine subventionierte Butter, kein Quoten-Rindfleisch und keine preisgarantierte Milch, keine EG-genormten Planwirtschafts-Erbsen und keine ministergelisteten Medikamente; ich brauche keinen Schwerbeschädigten-Ausweis für meine Plattfüße und keinen Almosen-Freibetrag für meine pflegebedürftige Großmutter, auch keine Kilometerpauschale und keinen Kantinen-Essensbon über eine Mark-dreißig. All’ Euere Wahlfang-Pfennige und -Scheine könnt Ihr Euch an den Hut stecken.

    Aber: Laßt mich dafür auch in Frieden. Ich bin nicht Euer Buchhalter, Statistiker und Belegsammler, der die Hälfte seiner Lebenszeit damit zubringt, Euere Schnüffel-Bürokratie zu befriedigen, der von einem Paragraphen-Knäuel zum anderen taumelt und sich wie eine gehetzte Ratte durch alle Kanalwindungen Euerer kranken Steuergehirne windet. Schickt Euer Millionenheer von Faulärschen und parasitären Umverteilern nach Hause, Euere Vor- und Nachdenker moderner Wegelagerei und Strauchdiebeskunst, Euere Bataillone von Steuerfilz-Produzenten, Labyrinth-Pfadfindern und Paragraphen-Desperados, Euere Funktionärs-Brigaden von Verordnungs-Guerilleros und Stempelfuchsern, all’ die nutzlosen Formularzähler und Arbeitsverhinderungs-Fürsten. Laßt mich einen festen, eindeutigen und ein-für-alle-mal fixierten Steuersatz zahlen, und bezahlt damit eine angemessene Verteidigungs-Armee und ein verläßliches Rechtswesen, aber haltet Euch ansonsten heraus aus meinem Leben. Dies ist mein Leben; ich habe nur eines, und dieses eine soll mir gehören.

    Ich bin niemandes Sklave, niemandes Kriecher und niemandes Liebediener. Ich bin ein freier Mann, der für sein Schicksal selbst und allein verantwortlich ist, der sich in die Gemeinschaft einfügt und die Rechte anderer genauso respektiert wie er seinen eigenen Pflichten nachkommt, der aber keine selbsternannten Ammen und scheinheilige Gute Onkels, keine ausbeuterischen Wohltäter und von mir bezahlte Paradiesverkünder braucht. Was ich brauche, das sind: Freunde, Familie und rechtschaffene Christenmenschen, in guten und in schlechten Zeiten; und ich bin Freund, Familienglied und Christ, auch dann, wenn es anderen schlecht geht; aber dazu brauche ich keine Funktionäre und Schmarotzer, keine bezahlten Schergen und staatsversorgte Wohltäter. Dazu brauch ich nur die mir Nahestehenden und den Herrgott.
    Hier stehe ich. Gott helfe mir! Ich kann nicht anders!“

    Roland Baader starb am 8. Januar 2012 im Alter von 71 Jahren.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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