Fremdschämen: Einbildung ist auch eine (moralische) Bildung

Wir schämen fremd (Präsens, Plural, Indikativ); Ich schäme fremd (Präsens, Singluar, Indikativ); Du schämest fremd (Präsens, Singular, Konjunktiv I); Wir schämten fremd (Präteritum, Plural, Indikativ); Fremdschämend (Partizip I); Fremdzuschämen (Infinitiv); Schäme Dich fremd (Indikativ).

Haben Sie sich schon einmal fremd geschämt?

Seit 2009 ist das in korrektem Deutsch möglich und seit 2010 sogar mit einer entsprechenden Belobigung, war das Wort “Fremdschämen” doch Wort des Jahres 2010 in Österreich.

Fremdschämen besteht darin, dass man sich z.B. für etwas schämt, was ein anderer getan hat, der sich nicht notwendiger Weise selbst dafür schämt. Fremdschämen kann auch dann gegeben sein, wenn man sich schlicht für jemand anderen schämt. Der (sprachliche) Zweck des Fremdschämens besteht also offensichtlich darin, sich schämen zu können ohne sich eigentlich zu schämen, ohne die Verwantwortung für den Anlass des Schämes übernehmen zu müssen.

Fremdschaemen
Undeutsches Verhalten?

Schämen (de)light, wie man auch sagen könnte, denn das, was die Scham eigentlich ausmacht, nämlich die persönliche Involviertheit, die persönliche Betroffenheit vom dem, was die Scham verursacht, die eigene Verantwortung für das Beschämende, diese Verantwortung kann beim Fremdschämen abgegeben werden. Entsprechend wird das Fremdschämen zu einer Form der Surrogatexistenz, in der man seine Identität nicht mehr durch Grenzen für die eigene Handlung zieht, sondern dadurch, dass man Grenzen für die Handlungen anderer zieht, sich angeblich für das schämt, was andere getan haben, auch wenn man diese Anderen nur vom Hörensagen kennt und in den wenigsten Fällen auch nur ansatzweise negative Externalitäten durch den vermeintilch beschämenden Akt hat.

Im Gegenteil: Fremdschämen hat den Vorteil, dass man sich nicht peinlich berührt in ein Loch verkriechen will, ob einer beschämenden eigenen Aktion, nein, man kann sich durch fremdschämen moralisch erhöhen und gleichzeitig Handlungen Dritter als beschämend deklarieren, ob sie das nun sind, oder nicht.

Fremdschämen scheint entsprechend der neueste Versuch einer sich zur moralischen Elite zählen wollenden Bevökerungsschicht, ihre moralische Überlegenheit dadurch zu demonstrieren, dass sie andere erniedrigt, sich stellvertretend für diese anderen und angeblich schämt.

Angeblich deshalb, weil die Fremdschämer natürlich eines nicht tun: sich schämen. Wer sich schon einmal geschämt hat, der weiß, dass man froh ist, wenn die Umwelt die Ursache der eigenen Scham wieder vergessen hat oder doch zumindest keinen Anlass gibt, zu denken, sie wäre sich des Beschämenden noch bewusst. Wie ist also eine Scham zu werten, die in die Welt posaunt wird, die anderen aufgenötigt wird, ohne dass sie das wissen wollten, darum gebeten hätten?

Die Antwort ist offensichtlich: Fremdschämen hat nichts mit Scham, aber viel mit dem Versuch, sich selbst eine moralische Oberhoheit gegenüber allem, was einem gerade nicht passt, einzuräumen. Es ist abermals einer dieser jämmerlichen Versuche, sich ohne eigene Leistung und auf Kosten Dritter zu profilieren und sich eine moralisch überlegene Position zuzuweisen. Dies wird schnell deutlich, wenn man z.B. die Einträge durchstöbert, die sich bei #fremdschämen auf Twitter angesammelt haben:

Ein weiteres wird deutlich, wenn man diese beiden Beispiele betrachtet. Fremdschämen hat ein kollektives Fundament, denn wie sollte man sich für andere schämen, wenn man keine seltsame, transzendente und über eingebildete Variablen bestehende Verbindung herstellen würde? Man schämt sich fremd, weil man sich einer Gruppe zuordnet (z.B. der Gruppe der Schweizer) und nun denkt, das Verhalten aller, die zu dieser Gruppe gezählt werden (von wem auch immer), falle auf einen zurück.

Wie kommt man auf die Idee, man müsse sich für das Verhalten von anderen, unbekannten anderen, räumlich getrennten anderen, für die man nicht verantworlich ist, schämen? Man kann deren Verhalten kritisieren, man kann es bedauern, aber man kann sich nicht dafür schämen. Man muss schon eine stark übersteigerte soziale Identität ausgebildet haben, wenn man denkt, das Verhalten von Gruppenmitgliedern, die ein Merkmal aufweisen, das man selbst auch trägt, wirke auf einen selbst zurück. Das erinnert fast schon an den Hexenglauben des Mittelalters oder Erzählungen über den bösen Blick.

Fremdschämen, das ist der Schluss, zu dem wir kommen, spricht zwei soziale Störungen an, die durch das Fremdschämen behoben werden sollen:

  • Fremdschämen-ist-wie-körperliche-Schmerzen
    Wanna feel the difference?

    Einerseits soll die eigene Identität darüber geschaffen werden, dass man sich durch das Fremdschämen zu einer moralisch höheren Existenzform erklärt. Fremdschämen als Mittel sozialer Differenzierung, das die Unmöglichkeit, die eigene Identität positiv, durch eigene Leistung und vor allem mit eigener Verantwortung zu definieren, vertuschen soll.

  • Andererseits ist das Fremdschämen Ausdruck eines übersteigerten Zugehörigkeitsbewusstseins zu einem Kollektiv, das fast schon als Paranoia zu bezeichnen ist, was letztlich dazu führt, dass man aus Gründen der Differenzierung vorgibt, zwar unausweichlich zum entsprechenden Kollektiv zu gehören, aber sich dafür zu schämen, dass manche aus diesem Kollektiv sich verhalten, wie sie das tun.

Kurz: Wer sich fremdschämt, der hat ein Problem.

Und wie immer, wenn in der deutschen Sprache affektbeladene Worte auftauchen, werden sie genutzt, um alles, was einem nicht passt, zu diskreditieren.

Ein paar Beispiele:

Ein Journalist der Jungen Welt fremd schämt sich für ein Video der Thüringer Linksjugend.

Ein Journalist des Kölner Stadtanzeigers findet ein Video, in dem Christiano Ronaldo Werbung für eine japanische Kosmetikfirma macht, zum Fremdschämen.

Ein Journalist des Westens findet den Iserlohner Stadtwald zum Fremdschämen.

Sabine Hockling findet auf ZEIT Online Tipps, die den Erfolg von Präsentationen sichern sollen und dabei z.B. auf eine Fahrradklingel setzen, vermutlich um die Zuhörer zu wecken, zum Fremdschämen.

Schließlich lädt die Berliner Zeitung ihre Leser unter der Überschrift, “Für Geld zum Affen gemacht” zum Fremdschämen ein, und treibt damit die Unlogik auf die Spitze, denn wenn Fremdschämen darin besteht, sich vermeintlich peinliche Situationen anderer anzusehen und sich darüber zu ereifern, dann ist Fremdschämen von Schadenfreude oder schlichter Missgunst kaum mehr zu unterscheiden. Einzig der Versuch, sich selbst und dadurch, dass man sich für andere angeblich schämt, als moralisch überlegen zu klassifizieren, bleibt als Unterschied, quasi der Versuch des kleinen Wichts, seine Fiesheit als etwas Besseres auszugeben. Das nennt man auch Heuchelei.

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