“Kunstwerke verkaufen und Steuern senken!” oder: Braucht eine zivile Gesellschaft Kunstwerke?

Durch Zufall sind wir auf die Tatsache aufmerksam geworden, dass Bund und Länder viel Steuergeld dafür ausgeben, vermeintliche Kunstwerke anzukaufen.

Warhol
Wir bevorzugen Baxters.

So befinden sich, wie aus einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung von Sachsen-Anhalt hervorgeht, rund 8.300 vermeintliche Kunstgegenstände im Besitz der Landesregierung. Um was es sich dabei handelt, kann die Landesregierung eines Landes, das im Länderfinanzausgleich zu den Bettlern gehört, leider nicht angeben, da das Einverständnis der Künstler für eine Veröffentlichung notwendig sei und in vielen Fällen nicht vorliege. Ob die Landesregierung Sachsen-Anhalt bei jedem Kauf unbekannter Kunstwerke von unbenannten Künstlern das Einverständnis der Steuerzahler eingeholt hat, wird aus der Antwort auf die Kleine Anfrage leder nicht deutlich.

Dass sich im Besitz der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen zwei Warhols befunden haben, ist dadurch ans Tageslicht gelangt, dass die Landesregierung die beiden Werke in New York für die Kleinigkeit von 151,5 Millionen US-Dollar hat versteigern lassen.

Und dass manche es geradezu als Aufgabe von Landes- und Bundesregierung ansehen, das, was sie als Kunstwerke ansehen, aufzukaufen, hat die Stammlesern von ScienceFiles bereits bekannte Monika Grütters gerade ausgeplaudert. Bei der Gelegenheit hat sich sich an einer Neubestimmung von ökonomischem Wert versucht, die Mill, Marx und Ricardo im Trio rotieren und Adam Smith die Hände über dem Kopf zusammenschlagen ließe.

Wir zitieren:

“In der Politik droht neuerdings leider eine eindimensionale Sicht auf den Marktwert der Kunst hoffähig zu werden. Der bisherige Konsens, wonach der Staat dem Wert der Kunst, dem Schutz kultureller Werte verpflichtet ist, hat die Landesregierung Nordrhein-Westfalen nicht davon abgehalten, zwei Warhols unter den Auktionshammer zu bringen. Für die Zukunft gilt es, einen Dammbruch für Verkäufe national wertvoller Kunstwerke aus öffentlichem Besitz zu verhindern. Denn wo die Preise, die sich mit Kunst erzielen lassen, politisch höher bewertet werden als ihr Wert, wird sie zum dekorativen Luxus, den wir uns nur in guten Zeiten leisten und den wir in schlechten Zeiten zur Disposition stellen, um Haushaltslöcher zu stopfen.”

Wert und Preis von Kunstgegenständen ist also eine Frage der politischen Bewertung. Ist Kunst oder das, was man als Kunst betrachtet, ein dekorativer Luxus, dann wird das bei Grütters ihrem Wert ebenso wenig gerecht als es der Verkauf der Kunstswerke, um Haushaltslöcher zu stopfen, wird. Indes, auch wenn Grütters in aller ökonomischen Ahnungslosigkeit, zu der sie fähig ist, Preise zu etwas Empirischem und Werte zu etwas Eingebildeten stilisiert, so scheint dies doch nicht wirklich als Grundlage einer neuen Werttheorie zu taugen.

DobbZur Erinnerung: Ökonomen und Philosophen haben sich über Jahrhunderte den Kopf darüber zerbrochen, wie man den Wert, der in die Erstellung eines Gutes eingeflossen ist, im Preis abbilden kann. John Stuart Mill hat dieses Problem einfach gelöst, in dem er angenommen hat, “dass die Dinge die Tendenz haben, eines gegen das andere sich zu solchem Werte austauschen zu lassen, dass jeder Produzent in den Stand versetzt wird, die Produktionskosten samt dem gewöhlichen Kapitalgewinn zurückerstattet zu erhalten”. Marx hat versucht, den Wert der Arbeit, die in die Produktion eines Gutes eingeflossen ist, in seiner Werttheorie besonders zu berücksichtigen und durch seine Mehrwerttheorie zu ergänzen. Beide Philosophen und eigentlich so ziemlich alle Ökonomen, die sich mit dem Wert von Gütern befassen, sind also der Meinung, der Wert eines Gutes werde über die Arbeit, das Material, die Zeit, schlicht: die Ressourcen bestimmt, die in seine Produktion eingeflossen sind. Und ob sich die Investition in den Wert eines Gutes gelohnt hat, das zeigt sich dann, wenn man es am Markt tauschen will. Tauscht man es gegen Geld, dann zeigt sich, ob das Gut die Produktion wert war, am Preis.

Nicht so bei Monika Grütters. Bei ihr ist der Wert von Kunst essentiell und nicht im Preis abzubilden. Ein Kunstwerk ist kein dekorativer Luxus, der sich am hohen Preis bemessen lässt. Ein Kunstwerk ist auch kein Mittel, um Haushaltslöcher zu schließen. Der Wert eines Kunstwerkes bestimmt sich für Grütters offensichtlich auch nicht entlang der Kosten für Leinwand, Rahmen, Ölfarben und Arbeitsaufwand des vermeintlichen Künstlers, denn wäre dem so, sie wäre nicht bereit, mehr als 1000 Euro pro Kunstwerk auszugeben. Nein, der Wert ist ideel, eine frei flottierende Entität, die sich demjenigen mitteilt, dem sie sich mitteilt. Grütters zum Beispiel, die den Wert von Kunst auch unabhängig vom Preis, den das Kunstwerk am Markt erzielen könnte, offensichtlich sofort erkennt, vermutlich weil der große Kunstgeist ihn mitteilt.

Man hat es ja schon immer geahnt, aber die Offenheit, mit der Grütters, immerhin Staatssekretär im Bundeskanzleramt und vermeintlich für Kultur zuständig, ausplaudert, dass Bund und Länder Kunstgegenstände al Gusto bepreisen und offensichtlich zu Phantasiesummen aufkaufen, die am Markt für Kunstgegenstände nie zu erzielen wären, lässt die Farbe aus dem Gesicht verschwinden. Kein Wunder, dass das Land Sachsen-Anhalt die Namen der Künstler, die von ihnen erstellen Kunstwerke und vor allem die Summen, die dafür ausgegeben wurden, diese Kunstwerke anzukaufen, nicht öffentlich machen will, denn offensichtlich ist auch das Aufkaufen von Kunstwerken ein Patronagesystem, das auf Kosten der Steuerzahler und auf Kosten der Armen, für die sich Politiker so gerne engagieren, betrieben wird.

Mit ihrer Meinung, dass der Wert eines Kunstgegenstandes nicht über den Preis bestimmt wird, den der entsprechende Gegenstand am Markt erzielt, sondern darüber, was ein Staatssekretär gerade als dessen Wert ansieht, steht Grütters übrigens nicht allein. Die absurde Idee, dass der Wert von Gegenständen eine Größe ist, die sich eigentlich gar nicht bestimmen lässt, sondern unbezifferbar ist, anders formuliert, dass neben dem Preis noch ein unglaublich hoher, in keiner Einheit messbarer, aber dennoch vorhandener ideeler Wert vorhanden ist, diese absurde Idee haben wir in einem Buch zur ausgerechnet “Politischen Ökonomie” gefunden, und zwar in der folgenden Variante:

Priddat politischeoekonomie“Das Buch erzeugt einen Zustand des Menschen, der nicht mehr identisch ist mit dem, in dem er das Buch zu lesen begann. Dies nennen wir Transformation. … Bücher dieser Couleur haben einen Mehrwert, der durch ihre Dinghaftigkeit nicht bezeugt ist. … beim Kauf … hat das Buch einen Wert, der sich im Preis nicht erschöpft. … Es kann Bücher geben, die in das Leben von Menschen so stark eingreifen, dass man ex post ein paar hunderttausend Euro nachzahlen müsste, um dem Wert einigermaßen zu entsprechen. … Wir verkaufen/kaufen Güter, deren Preis nichts über den Wert aussagt, den diese Bücher entfalten. Als Transformationsgüter sind Bücher Konsumtiva, die im Konsum ihren Wert bilden bzw. über den Preis hinaus steigen” (Priddat, 2009: 117-118).

Die Vorstellungs- oder Einbildungskraft des Herrn Priddat reicht leider nur dazu, eine Wertsteigerung zu sehen. Was aber, wenn das Lesen eines Buches, z.B. des Buches von Herrn Priddat den Wert nicht steigert, den man mit dem Preis diesem Buch zugeschrieben hat, sondern reduziert, wenn man durch das Lesen und den schockierenden Unsinn, den man lesen muss, misanthropisch und pessimistisch wird, wenn einen die Lebensfreunde verlässt, angesichts des Unsinns, der in Buchform gebracht werden kann? Soll man dann Priddat mehrere hunderttausend Euro in Rechnung stellen, für entgangene Lebensfreude und den Verlust des Glaubens an die Vernunft in Menschen?

Jemand wie Birger Priddat müsste dieser Möglichkeit eigentlich zustimmen, so dass wir jedem Leser seines Buches, der dabei intellektuellen Schaden nimmt, nur raten können: Nehmt den Priddat beim Wort und klagt die Transformation Eurer Persönlichkeit, die durch die Lektüre des Priddats eine Wende ins Schlechtere genommen hat, ein!

Ansonsten müssen wir abschließend zwei Dinge feststellen und eine Forderung formulieren:

  • Die Irrationalistät feiert in Deutschland munter Feste, nun auch in Büchern über “Politische Ökonomie” (bei Staatssekretär Grütters ist man nichts anderes gewohnt).
  • Die Behauptung, etwas habe einen Wert, den man nicht z.B. über seinen Preis bestimmen kann, ist für diejenigen bequem, die sich einer Kontrolle durch Dritte entziehen wollen. Käme z.B. der Bund der Steuerzahler, was höchst unwahrscheinlich ist, aber dennoch hier einmal angenommen werden soll, käme also der Bund der Steuerzahler auf die Idee, also einer beim Bund der Steuerzahler auf die Idee, bei bestimmten Kunstwerken die Ansicht zu vertreten, dass sie z.B. beim Land Sachsen-Anhalt zu überhöhten Preisen angekauft wurden (vorausgesetzt, man wüsste beim Steuerzahlerbund, welche Kunstwerke das Land Sachsen-Anhalt ankauft, was ja bekanntilch geheim ist), dann könnte man dieser Ansicht leicht dadurch entgegentreten, dass man den Vertreter des Bundes der Steuerzahler darauf hinweist, dass er den wahren Wert des entsprechenden Kunstwerkes nicht zu erkennen im Stande ist. Eh voilá.

Schließlich die Forderung, die mit zwei Fragen eingeleitet werden soll:

1. Müssen in öffentilchen Gebäuden Kunstwerke ausgestellt werden, die sich im Eigentum von Bund, Ländern und Gemeinden befinden?
2. Brauchen Bund, Länder und Gemeinden Eigentum an Kunstgegenständen?

Die Antwort auf Frage 1 lautet: Sie müssen es nicht. Die Antwort zu Frage 2 lautet: Sie brauchen es nicht.

Daraus resultiert die Forderung: Alle Kunstgegenstände im Besitz von Bund, Ländern und Gemeinden, die sich nicht in Museen befinden, sind zu verkaufen, und der Erlös ist zur Tilgung von Schulden zu verwenden. Wenn Künstler ihre Kunstwerke in öffentlichen Gebäuden ausstellen wollen, um sie einem breiten Publikum bekannt zu machen, dann können sie dies gegen eine geringe Gebühr tun.

Priddat, Birger, P. (2009). Politische Ökonomie. Neue Schnittstellendynamik zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

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