Her Majesty the Baby: Infantilismus im 21. Jahrhundert

Von erwachsenen Menschen erwartet man unter anderem, dass sie über Urteilsvermögen verfügen, dass sie Dinge beurteilen können, z.B. aufgrund ihrer Erfahrung und dass sie über eine moralische und sittliche Reife verfügen, die dieses Urteilsvermögen erst möglich macht.

angrzBlickt man in die Runde und nimmt diejenigen ins Visier, die Repräsentanten von Wählern sein wollen, dann kommen die ersten Zweifel an der moralischen und sittlichen Entwicklung, die Menschen, die alle körperlichen Anzeichen eines Erwachsenen aufweisen, auszeichnen soll, und wenn die entsprechenden Repräsentanten dann den Mund aufmachen, dann kommen auch erhebliche Zweifel am Urteilsvermögen auf [Wie kann z.B. jemand auch nur rudimentäre Spuren von Urteilsvermögen haben, der versucht, sinnlose Gewalttaten zu rechtfertigen?]

Die Retardierung, die man bei den angesprochenen Repräsentanten feststellen kann, ihr Verbleiben oder ihre Rückkehr in eine infantile Haltung, findet sich auch in anderen Bereichen der Gesellschaft, wo die vernünftige Argumentation dem primitiven Palaver gewichen ist, das regelmäßig der derogativen Wortonanie weicht, die dann nicht nur sprichwörtlich an das Baby erinnert, das mit hochrotem Kopf schreit, weil es nicht bekommt, was es will.

Die in Deutschland verbreitete Vorstellung, man könne Reziprozität verweigern und sich in die Arme des alimentierenden Staates flüchten, die Idee, man könne andere, deren Meinung gerade nicht passt, ausgrenzen und beleidigen und sicher sein, dass man nicht eines Tages mit eben diesen Menschen konfrontiert ist, in einer Interaktion konfrontiert ist, in der man auf deren Kooperation angewiesen wäre, diese Idee ist zu komplex, als dass sie für viele denkbar scheint. Das Verharren in einem Stadium kindlicher Verantwortungslosigkeit gepaart mit der infantilen Gier, alles in den Mund zu stecken, was mit den Händen erreicht werden kann, ist weit verbreitet.

Mit dieser Diagnose stehen wir mitnichten allein.

Einer, der sie bereits 1995 in einem Buch niedergeschrieben hat, ist Pascal Bruckner, den wir gerade wieder lesen. Wir wollen unseren Lesern die Passage, in der Bruckner die verbreitete Lust, im Stadium der Infantilität zu verharren, bespricht, nicht vorenthalten.

Bruckner“In unserer Gesellschaft gibt es zahlreiche Anzeichen für einen allgemeinen Vergnügungswillen, ein allgemeines Zurückgleiten zu Wiege und Rassel: viele erfolgreiche Filme haben Säuglinge zu Hauptpersonen, die schon Helden sind, bevor sie Milchzähne haben, Babys als Mannequins, junge Idole, die mit sieben bereits Multimillionäre sind, launisch und affektiert wie alte Stars […], Miniatursänger von vier Jahren, der Homunkulus, der zum Publikumsliebling wird und stotternd seinen Lebensüberdruß zum Ausdruck bringt. […] Dieser Einbruch der Kinder in die Rock- und Varietészene, das Kino, die früher Jugendlichen vorbehalten waren, diese Blüte von Akteuren und Schnulzensängern erreicht massenhaft jedes Publikum. Allenthalben überbieten sich Knirpse an Affektiertheit, um unsere Herzen zu rühren. Die Babys sind im Kleinformat die Götter unseres Universums, und sie haben die Teenager entthront, die noch gerade gut genug für die Rente sind. Der Imperialismus des Kleinkinds kennt keine Grenzen mehr, die kleinen Herren und Damen beherrschen uns in Sabberlätzchen und Windeln.

Die Erwachsenen säumen nicht, in die Kindheit zurückzufallen, die Uhren rückwärts zu stellen, das Geschehen umzukehren wie die Finger eines Handschuhs. […] ‘Bald ist Schluss mit dem Altern’, titelt eine Illustrierte. Eine unglaubliche Nachricht. Wenn das Altwerden schon nicht mehr eine Zeitfrage ist, wenn es möglich ist, nicht nur die Falten verschwinden zu lassen, die Figur zu verbessern, Haare zu implantieren, die Vergreisung aufzuhalten, vor allem aber, die biologische Uhr zurückzudrehen, dann müsste demnächst auch der letzte Feind, der Tod, besiegt sein. Alle Definitionen von normal und pathologisch werden umgekehrt: Nicht krank sein ist noch das geringste. Man muss uns zuerst von jener tödlichen Krankheit heilen, die Leben heißt, da dies eines Tages zu Ende ist. Man unterschiedet nicht mehr zwischen den Dingen, die gemildert werden können – Aufhalten des körperlichen Verfalls, Verlängerung des Lebens – und dem Unvermeidlichen, der Endlichkeit und dem Tod. Dieser ist nicht mehr das normale Ende des Lebens, sozusagen die Bedingung dafür, dass es das Leben gibt, sondern ein Scheitern der Therapien, die vor allem anderen verbessert werden müssen. Die Maschinen und die Wissenschaft behaupten, sie befreien uns von Zwängen und Mühsal; nun wollen wir uns vom Werden freimachen. Die Moderne gaukelt uns die baldige Beherrschung des Lebens vor, das Vordringen zu einer ‘zweiten Schöpfung’, die nicht mehr von den Zufällen der Natur abhängig ist. Nicht, dass wir sie anstreben, erscheint und irrig, wohl aber die Tatsache, dass sie durch diverse Hindernisse erst so spät realisiert werden kann.

Das aberwitzige Streben nach Vernatwortungslosigkeit zeigt sich auf prosaischere Weise im Fernsehen oder im Radio am Überhandnehmen von schlechtem Niveau (Witzen über Körperteile, schlüpfrigem Humor, dummen Sprüchen und Pennälerwitzen […]). Es ist, als sollten die Zuschauer, von überkandidelten Spaßmachern angeheizt, gemeinsam alle Hemmungen ablegen, ein paar Stunden lang Gewohnheiten und Konventionen vergessen und sich ausgiebig einem glückseligen Schwachsinn hingeben. Wie das zweijährige Kind […], das eine elektromagnetische Ladung abbekommen hat, ein mehrere Meter hoher Riese wird, über Häuser und Gebäude steigt, Wagen und Busse mit seinen kleinen Füßen zertritt und die ganze Stadt tyrannisiert, sind auch wir aus Versehen groß geworden, ohne dass unser Geist mitgewachsen ist, und wir weichen vor keinem Mittel zurück, unsere Kindheit zu verlängern, die durch zu starke Belichtung weiter in uns existiert. Da sich das eigentliche Leben vorher abspielt, verüben wir an uns selbst eine wahre Verführung Minderjähriger und wenden den Lauf der Zeit nach rückwärts, zum Land der ewigen Jugend.

Man wird einwenden, dass es sich hierbei um Verrücktheiten handelt, die viel zu grell und auffällig sind, als dass man ihnen Bedeutung zumessen könnte. Damit jedoch solche seltsamen Dinge möglich sind, müssen wir schon so sehr von Infantilismus durchdrungen sein, dass unsere ganze Umgebung von ihm beeinflusst wird und er sich uns mit einer Selbstverständlichkeit präsentiert, die wir gar nicht mehr bemerken. Es ist, als müsse die Kindheit, in der ersten Person zu sprechen, mit einer furchtbaren Strafe bezahlt werden. Der neue abendländische, nach rückwärts gewandte Adam zerstört sich genüßlich in kindlicher Dummheit, Verwöhnung und Albernheit, Hauptsache, er genießt die Wohltaten dieser Zeit ohne die Fesseln, die eigentlich von ihr zu erwarten sind. Die ‘Kindlichkeit’ unserer Gesellschaft hat nichts mit der zu tun, die es in der traditionellen Welt gab, sie ist nachgeahmt und parodistisch, eine Abweichung von der durch Weißheit und Erfahrung gesetzten Norm. […]
Der Infantilismus des Abendlandes hat nichts mit der Liebe zur Kindheit zu tun, sondern mit der Suche nach einem Zustand außerhalb von Raum und Zeit, in dem alle Symbole dieses Alters hochgehalten werden, um sich daran zu berauschen. Er ist eine Fälschung, eine fratzenhafte Usurpierung, er verunglimpft die Kindheit ebenso, wie er auf dem Reifsein herumtrampelt und bewirkt eine schädliche Verwirrung zwischen dem Kindlichen und dem Kind. Das Baby wird zur Zukunft des Menschen, wenn der Mensch keine Verantwortung mehr für die Welt und für sich übernehmen will.” (Brucker, 1999: 109-113)

Brucker, Pascal (1999). Ich leide also bin ich. Die Krankheit der Moderne. Berlin: Aufbau Taschenbuch-Verlag.

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