Kann man Tote misshandeln?

Auf den Seiten von scinexx, der Online-Wissenschaftsseite von Springer und MMCD New Media, findet sich heute ein Beitrag über Neandertaler.

scinexxEin reißerischer Beitrag, der die moralische Integrität der und die menschliche Empatie, die man mit den guten alten Neandertalern haben konnte, “systematisch zerstückelt”, um mit dem Beitrag zu sprechen, denn: Die Neandertaler sind Leichenschänder!

Oder im Original: “Nicht gerade pietätvoll: In Frankreich haben Archäologen Neandertaler-Überreste entdeckt, die nach dem Tod systematisch zerstückelt und geschlagen wurden. Auch von anderen Fundstellen in Europa sind solche posthumen Misshandlungen bekannt. Ob dies als Teil eines Rituals geschah oder es von Kannibalismus unter den Neandertalern zeugt, ist bisher allerdings rätselhaft.”

Deshalb titelt der Beitrag: “Neandertaler misshandelten ihre Toten”.

Der Titel, wie der ganze Text, ist bestens geeignet, um einerseits den Fehlschluss der hasty generalization darzulegen und andererseits die Frage zu diskutieren, ob man Tote misshandeln kann, wie auf scinexx behauptet wird.

Vorschnelle Verallgemeinerung

Die Ergebnisse, die auf scinexx als Beleg für die Misshandlung von Toten durch Neandertaler bewertet werden und die Gewissheit begründen, dass Neandertaler ihre Toten misshandelt haben, basieren auf drei, 3, Knochen, nämlich einer Speiche (also einen Unterarmknochen), einem Wadenbein und dem Fragment eines Oberschenkelknochens. An zweien davon finden sich Schnitte und Frakturen, die von den Forschern, die diese Funde analysiert und berichtet haben, auf posthume neandertalische Einwirkung zurückgeführt werden.

Geralda Neanderthal

© Geralda, Maureille & Vandermeersch (2014: 102)

Die Forscher, Maria Dolores Garralda, Bruno Maureille und Bernard Vandermeersch haben ihre Analysen im American Journal of Physical Anthropology (Heft 1, 2014) und unter dem Titel “Neanderthal Infant and Adult Infracranial Remains from Marillac (Charente, France) veröffentlicht.

Der größte Teil des Beitrags ist der Frage gewidmet, ob die drei Knochen Neandertalern überhaupt zugerechnet werden können. Eine Frage, die die drei Forscher auf der Grundlage von “mainly … the archaeological context and the chronology” beantworten, also durch den Fundort und die Bodenschicht, in der die Knochen entdeckt wurden, sowie durch einen Vergleich mit anderen Knochen, die Neandertalern zugerechnet werden.

Selbst wenn man die Schlussfolgerungen von Garralda, Maureille und Vandermeersch teilt, nach denen die drei Knochen von Neandertalern, zwei Erwachsenen und einem Kind stammen, so scheint der Schluss darauf, dass die Neandertaler ihre Toten misshandelt haben, den man bei scinexx unbedingt ziehen zu wollen scheint, etwas weit hergeholt. In der Logik spricht man von einer übereilten Generalisierung wenn auf Grundlage von z.B. drei Knochen, die vielleicht Neandertalern zugeordnet werden können, auf alle Neandertaler und ihre Begräbnisriten geschlossen wird.

Aber das sind vermutlich für scinexx nur leichte Dehnungen der Belege, die vorhanden sind, denn: “auch von anderen Fundstellen in Europa sind solche posthumen Misshandlungen bekannt”. Garralda, Maureille und Vandermeersch kennen Schnitte und Frakturen, die toten Neandertalern beigebracht wurden, nur von Fundstellen in Spanien, also aus genau einem Land Europas (Seite 111 ihres Beitrags). Wenn man schon dabei ist, heftig und auf keiner empirischen Basis zu generalisieren, so mag sich der Schreiber bei scinexx gedacht haben, dann kommt es auf die kleine Übertreibung auch nicht mehr an.

Misshandlung von Toten

Bleibt noch die Frage, ob man Tote misshandeln kann, eine Frage, die sich eigentlich selbst als unsinng beantworten müsste, setzt doch eine Misshandlung, die vom Strafgesetzbuch z.B. zum Tatbestand der Köperverletung gezählt wird, ein Opfer voraus, das die Misshandlung auch erfahren kann. Aber nicht nur deshalb ist es nicht möglich, Tote zu misshandeln, es ist aus demselben Grund nicht möglich, aus dem man Tote nicht mehr beleidigen kann: Die merken nichts mehr!

Ach ja: “Zerstückelt” haben die Neadertaler ihre Toten auch nicht, den die Knochen, die von Garralda, Maureille und Vandermeersch untersucht wurden, sind weitgehend vollständig, einzige Ausnahme, der Oberschenkelknochen, der nur als Fragment gefunden wurde.

Neanderthal manFast scheint es, als sei die morbide Phantasie hier mit dem scinexx-Autor durchgegangen, vermutlich aus Enttäuschung, weil die Indizien, die Garralda, Maureille und Vandermeersch zusammengetragen haben, dagegen sprechen, dass die Neandertaler ihre Toten nicht nur “misshandelt”, sondern auch gegessen haben. Folglich kann man die Neandertaler nicht als Kannibalen beschimpfen. Zu dumm.

Bleibt nur die Misshandlung in den Worten des scinexx-Autoren, die Misshandlung von Toten, die man heute z.B. noch in Tibet findet, wo Tote zerstückelt und den Geiern zum Fraß vorgeworfen werden. Man nennt das auch ein religiöses Ritual, d.h. diejenigen, die außerhalb kultureller Engstirnigkeit und kleinbürgerlicher Bornierung zu denken im Stande sind, nennen es so. Leute, die zu diesen Gedanken fähig sind, sind auch diejenigen, die sich vorstellen können, dass Archäologen, wenn sie in 2000 Jahren auf die Überreste christlicher Kulturen stoßen, denken werden, Christen seien eine männerfeindliche Horde gewesen, hätten Männeropfer an Kreuzen gebracht, in rituellen Zusammenkünften das Blut ihrer Opfer getrunken und seien auch ansonsten sehr gewalttätige und blutrünstige Monster gewesen.

Aber lassen wir das.

Garrralda, Maria Dolores, Maureille, Bruno & Vandermeersch, Bernard (2014) Neanderthal Infant and Adult Infracranial Remains from Marillac (Charente, France). American Journal of Physical Anthropology 155(1): 99-113.

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8 Responses to Kann man Tote misshandeln?

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Kann man Tote misshandeln? | netzlesen.de

  2. Dirk Wunderlich says:

    Wie entsteht Wind? Aus der Beobachtung läßt sich auf jeden Fall feststellen, daß die Blätter der Bäume sich immer dann bewegen, wenn Wind aufkommt. Ein Wissenschaftler vermutet, daß Wind womöglich durch die Bewegung der Blätter entstünde und veröffentlicht seine These in Science. Kurz danach findet eine Konferenz aller windigen Wissenschaftler statt, auf der diese These diskutiert wird. Da niemand eine Gegenthese aufstellt, gilt die These mit den Blättern zunächst als »angenommen«. Zwei Jahre später fliegt der Mensch auf den Mond. Dort stellt er unter anderem fest, daß es dort keinen Wind gibt. Auch stellt er fest, daß es dort keine Vegetation gibt. Die windigen Wissenschaftler sehen nun auf ihrer nächsten Konferenz die These ihres Kollegen als »bestätigt« an: Da es nämlich keine Bäume auf dem Mond gäbe, könnte ja auch kein Wind entstehen. Ab diesem Zeitpunkt gilt diese These nicht mehr als These, sondern als »gesicherte Erkenntnis« und wird nach ein paar Jahren vieler Anführungen in der Fachliteratur automatisch zur »wissenschaftlich bewiesenen Tatsache«.

  3. In Tibet ist es nach wie vor religiöser Brauch, Leichen zu zerstückeln und die Teile für Fuchs und Geier zu zerstreuen. Außerdem sind Menschenknochen und Menschenhäute sakrale Rohmaterialien für Devotionalien.

  4. St. Elmo says:

    Ich finde es ja immer wieder faszinierend was Archäologen alles aus ein paar tausende Jahre alten Knochen herauslesen können.

    Die akademische Version von Astro TV

  5. hgb says:

    Ist doch schön, was so alles aus 3 Knochen phantasievoll herausgekocht werden kann. 🙂

  6. rjb says:

    Das Herumschnippeln an Toten (sei es zugunsten der hl. Wissenschaft oder um festzustellen, ob beim Tod jemand nachgeholfen hat) oder auch das Abfackeln der Toten in eigens dafür gebauten Verbrennungsöfen stellt offenbar ebensowenig eine “Mißhandlung” dar wie das Ausschlachten noch transplantierbarer Organe. Man hat zwar keine Ahnung, was es mit diesen neandertalischen Leichenfunden auf sich hat, aber man kann sich mal im Stile des modischen moralinverkitschten Geblödels besser fühlen.

  7. Philocodex says:

    Habe schon in mehrerern Veröffentlichungen zum Thema “Neanderthaler” einen merkwürdig politisch-korrekten Unterton vernommen.
    Den N. nicht – wie früher oft geschehen – als Halbaffen darzustellen, ist wissenschaftlich vonnöten, weil die N. unsere ähnlich hochentwickelten Vettern waren.

    Allerdings halte ich es für höchst bedenklich, wenn in Publikationen ein Antidiskriminierungssprech benutzt wird. Es zeigt, wie sehr selbst Wissenschaftler sich genötigt fühlen, im Umgang mit anderen Menschrassen/-Unterarten/-Arten auf gar keinen Fall sich irgendwie durch “Rassismus” oder Arroganz angreifbar zu machen.

    Die Neanderthaler indes würden den PClern wahrscheinlich einfach nur eine Keule über den Scheitel ziehen, wenn man ihnen auf den Senkel ginge.
    So ganz politisch unkorrekt.
    🙂

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