1.7 Millionen Euro für diesen Ethikrat?

Der Deutsche Bundestag unterhält seit 2007 einen Ethikrat, damit der Ethikrat, dem Bundestag, Rat in Sachen Ethik gibt.

1,695 Millionen Euro kostet der Rat in Sachen Ethik die Steuerzahler.

26 Mitglieder des Ethikrates kann man mit 1,695 Millionen Euro finanzieren, eine Pressestelle, ein Büro und ein paar Angestellte. Und damit der Rat in Sachen Ethik auch relevanter Ethik-Rat ist, gibt es einen Auftrag:

deutscherethikrat“Der Deutsche Ethikrat verfolgt die ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und rechtlichen Fragen sowie die voraussichtlichen Folgen für Individuum und Gesellschaft, die sich im Zusammenhang mit der Forschung und den Entwicklungen insbesondere auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften und ihrer Anwendung auf den Menschen ergeben. Zu seinen Aufgaben gehören insbesondere:

  1. Information der Öffentlichkeit und Förderung der Diskussion in der Gesellschaft unter Einbeziehung der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen;
  2. Erarbeitung von Stellungnahmen sowie von Empfehlungen für politisches und gesetzgeberisches Handeln;
  3. Zusammenarbeit mit nationalen Ethikräten und vergleichbaren Einrichtungen anderer Staaten und internationaler Organisationen.”

Ob der Deutsche Ethikrat die ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen, und rechtlichen Fragen sowie die voraussichtlichen Folgen für Individuum und Gesellschaft, die sich im Zusammenhang mit der Forschung und den Entwicklungen … und so weiter ergeben, auch einholt, das ist eine Frage, die wir nicht beantworten können. Belassen wir es bei der Feststellung, dass die Mitglieder des Ethikrates hinter den entsprechenden Fragen her sind.

Bleiben wir bei den drei “insbesondere Aufgaben”.

  1. Wer schon einmal etwas vom Ethikrat gehört hat, vom Ethikrat informiert wurde, bitte melden, sofern er zur Öffentilchkeit oder einer der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen gehört, die vom Ethikrat einbezogen wurden.
  2. Der Ethikrat erweist sich hier als Zulieferer von Legitimation. Bürger: “Ich finde dieses Gesetz nicht ethisch”. Parlamentarier: “Kann gar nicht sein, der Ethikrat hat ausdrücklich zugestimmt”.
  3. Wie immer, wenn Steuerzahler etwas finanzieren, finanzieren sie damit eine Vernetzung dieses Etwas mit anderen Etwasen, die von sich behaupten, sie seien dem finanzierten Etwas ähnlich. Was aus der Netzwerkbildung der Etwase erwächst – wir wissen es nicht, aber vielleicht weiß es ja einer unserer Leser.

SchischkoffNun denkt man bei Ethik, jedenfalls wir tun das, an Fragen des Sollens, an normative Fragen, immerhin ist Ethik die “Sittenlehre [des Aristoteles]” und somit eine “praktische Philosophie, denn sie sucht nach einer Antwort auf die Frage. was sollen wir tun. Für die kantische Ethik ist die Antwort auf diese Frage durch den kategorischen Imperativ gegeben, Die Ethik lehrt, die jeweilige Situation zu beurteilen, und das ethisch (sittlich) richtige Handeln zu ermöglichen” (Schischkoff, 1991: 184).

So betrachtet, ist Ethik eine Aufgabe, die jeder von uns bewältigen könnte und sollte, indem er sich fragt, ob sein Handeln ethischen Maßstäben genügt, ob er, um mit Kant zu sprechen, damit leben könnte, dass sein Handeln zum allgemeinen Gesetz des Handelns wird, dem er dann selbst unterworfen wäre.

Offensichtlich sind Bundestagsabgeordnete nicht von sich aus, zu solchen Erwägungen in der Lage, brauchen sie doch einen Ethikrat, der ihnen sagt, was schicklich, anständig, ethisch ist und was nicht. Damit kommt dem Ethikrat die wichtige Aufgabe der sittlichen Erziehung der Bundestagsabgeordneten zu, und das macht dann neugierig darauf, wer im Ethikrat versammelt ist.

Wir haben die Mitglieder des Ethikrates im Hinblick auf ihre berufliche Qualifikation ausgezählt. Herausgekommen ist Folgendes:

Der Ethikrat hat 26 Mitglieder

  • 10 (38,5%) sind Mediziner;
  • 9 (34,6%) sind Juristen, darunter 4 Bundesbeamte außer Dienst;
  • 6 (23,1%) sind Theologen;
  • 1 (3,8%) ist Philosoph;

Es ist schon interessant, dass man in Deutschland der Ansicht ist, in ethischen Fragen seien Mediziner, Juristen und Theologen in erster Linie  Experten, eine Ansicht, die man nicht anders als amüsiert zur Kenntnis nehmen kann: Mediziner fragen sich eher selten was sie tun sollen, vielmehr kennt man Mediziner vornehmlich als diejenigen, die uns sagen, was wir tun sollen. Juristen sind kraft ihrer Ausbildung vollkommen ungeeignet ethische Fragen zu beantworten. Sie können vorgegebene Fälle lösen und rechtliche Folgen beurteilen (vorausgesetzt, es gibt ein Gesetz), aber sie scheinen nicht unbedingt diejenigen zu sein, denen man ethische Fragen von Ernährung oder die Frage, ob man Sterbehilfe legalisieren soll, übergeben wollte und Theologen, nun Theologen haben keine ethischen Fragen, die wissen schon, denn es steht alles in ihrem heiligen Buch. Entsprechend werden ethische Fragen im Beichstuhl geklärt.

Der arme Philosoph. Er wirkt wie ein Soldat, der die letzte Brücke, die die Zivilisation von der Wildnis trennt, gegen eine Horde von Barbaren verteidigen muss.

Angesichts der Besetzung des Ethikrats, dessen Mitglieder, sagen wir, nicht unbedingt ausgewiesene Experten in ethischen Fragen sind, stellt sich der Ethikrat eher wie eine Interessenvertretung von Medizinern, Juristen und Theologen dar, die sicherstellen wollen, dass die Interessen ihrer Berufsgruppen berücksichtigt werden. Insgesamt scheint der Ethikrat nichts anderes zu sein als eine Legitimationsveranstaltung, die dazu dient, Gesetzentwürfe dann, wenn sie kontrovers sein könnten, mit dem Segen der Ethik-Räte zu versorgen.

Es ist in Deutschland üblich, Gremien zu bilden und in diese Gremien Personen zu berufen, von denen niemand so richtig weiß, warum sie und keine anderen berufen wurden. Der Jungenbeirat des Bundesministeriums für FSFJ ist ein Beispiel, der Ethikrat ist ein anderes. Räte scheinen das zu sein, was man im englischen einen Quango nennt, eine Form des Tausches, politische Gefälligkeit gegen den Platz am kalten Buffet. Das erklärt, warum es Politikern so sehr gefällt, Räte einzusetzen. Und es lässt vermuten, dass der Nutzen, der den Kosten für z.B. den Ethikrat in Höhe von 1,695 Millionen Euro gegenübersteht, hinter diesen Kosten zurückbleibt, und zwar deutlich.

Eine andere Frage ist: Warum sind in Ethikräten keine Arbeiter vertreten? Warum finden sich keine Kraftfahrer oder Produktionsarbeiter oder Chemiefacharbeiter oder Köche oder Bedienungen oder Handwerker oder Postboten oder Malermeister oder Dachdecker? Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass ethische Fragen von diesen Personen nicht mindestens so kompetent diskutiert werden können, wie von Staatssekretären a.D., Medizinern, Weihbischöfen oder Juristen.

Aber natürlich geht das nicht. Arbeiter im Ethikrat, was für eine Idee. Die ganze Veranstaltung basiert auf der Symbolik der eingebildeten Überlegenheit, der zugeschriebenen Qualifikation kraft tertiärer Bildung. Wo kämen wir hin, wenn ethische Fragen von jedem dahergelaufenen Arbeiter mitdiskutiert würden?

In eine Demokratie, und das wäre nicht mit den angeblichen ethischen Kriterien der Politiker-Klasse und ihrer Vasallen in den Räten der Republik, der Räte-Republik vereinbar.

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26 Responses to 1.7 Millionen Euro für diesen Ethikrat?

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  2. Philocodex says:

    Wir können froh sein, daß keine linken Politologen, Soziologen, Germanisten oder Gender-“Forscher” im Ethikrat sitzen!
    Vielleicht kommt das aber noch? Aber sicher.

    Hab mal gerechnet: Jeder Ethikrätler kriegt – rein mathematisch – etwa 5.640 € im Monat. Wenn man Sekretärinnen etc mal wegläßt. Kein schlechtes Gehalt, sofern die zwölf Monate nichts anderes machen.

    Glaub ich aber nicht. Die müssen ab und an Texte schreiben. Da wird das Gehalt geradezu fürstlich!

    • Sowohl Politikwissenschaftler als auch Soziologen wären alle Mal besser geeignet als Juristen oder Mediziner, wenn es darum geht, ethische Fragen zu beantworten. Ich finde es langsam nicht mehr schön, dass die Irren, die durch die Republik laufen und behaupten, sie seien Soziologen oder Politikwissenschaftler zum Maßstab für Fächer genommen werden, die eine ausgeprägte methodologische und methodischen, philosophische und theoretische Basis haben.
      Nicht zuletzt sind an ScienceFiles Politikwissenschaftler, Soziologen, Ethnologen, Politikwissenschaftler, Ökonomen und Wissenschaftstheoretiker beteiligt…

      • Philocodex says:

        Nicht-Sozialwissenschaftlern drängt sich in den letzten Jahren leider der Eindruck auf, daß Soziologen und Politologen (und Philosophen, Ethnologen, evangelische Theologen, Kulturanthropologen…) fast alle linksaußen und super politisch korrekt sind. Ihre Arbeiten und Artikel bei Science files sind da eine Wohltat.

        Nur habe ich den Eindruck (auch durch das Lesen von SF), daß die Autoren dieses Blogs absolute Ausnahmen sind. Persönlich oder durch Lektüre der Nachrichten habe ich noch nie von Nicht-Irren aus den linksdominierten Sozialwissenschaften gehört. Doch, halt: Prof. Patzelt natürlich. Aber auch der wurde ja von den Radikalogen in seiner Fakultät angegangen.
        Und man denke an die ganzen Kempers, Mainzer Fachschaftsräte, Hannoverander Sozialpsychologen etc.
        Gibt es außer Diefenbach, Klein und Patzelt noch andere in der Öffentlichkeit bekannte vernünftige (!) Sozialwissenschaftler?

        Bekannte haben mir neulich einen Link geschickt, wo die Uni-Soziologen gemeinsam (!) mit der Rosa-Lux-Stiftung Bodo Ramelow zum “wissenschaftlichen” PR-Termin baten: https://www.facebook.com/DieLinkeJena/photos/a.809462059147678.1073741829.259879837439239/809462159147668/?type=1&theater

        Prost Mahlzeit!

        • Es gibt eine Vielzahl von bekannten und einflussreichen Soziologen usw. Aus dem Stehgreif fallen mir ein: Dr. habil. Heike Diefenbach, der einzige deutsche Soziologe im Who is Who in the World, dann: Dr. habil. Karl-Dieter Opp, der vielleicht einflussreichste der noch lebenden Soziologen und weiter: Michael Baurmann, Anton Leist, Hartmut Esser, Bernhard Nauck, Hans Büschges, Werner Raub, Michael Sukale, Hans-Jürgen Wendel, Reiner Geißler und das sind nur einige der deutschen Vertreter…

          Dazu auch: http://sciencefiles.org/2014/12/04/genderisten-sind-keine-wissenschaftler-rettet-die-soziologie/

          • Philocodex says:

            Nein, bedaure, da klingelt nichts. Nun, der Name Esser kommt mir bekannt vor. Wüßte ihn aber nicht einzuordnen. Sind wohl alles Fachberühmtheiten wie Sauerbruch oder Nissen in der Medizin.
            Die meisten Soziologen und Verwandte kenne ich in der Tat von Sciencefiles oder anderen kritischen Publikationen. Von den lebenden Koryphäen fällt mir noch der Philosoph Norbert Bolz ein.

            Soziologie-Studenten, die ich kennenlernen durfte, waren durchweg links, und zwar sehr. Bis auf einen Christen, aber der hat das nur nebenbei gemacht, um mit wenig Arbeit und Zeitaufwand (!) möglichst viele Punkte für den Bachelor zu bekommen. Ich befürchte daher, daß Disziplinen wie Soziologie und Politologie, vor allem, wenn die Professuren mit Neben-Denominationen wie “Diversity” oder “Gender” ausgestattet sind, überwiegend ideologische und faule Studenten(innen) anlocken. Die natürlich lieber Politik und “Aktionen” machen statt zu studieren (man denke an die Mainzer Neger-Gegner).

            Ich würde mich daher über einen Artikel freuen, der über die verbliebenen wissenschaftlichen Soziologen im deutschen Raum informiert.

  3. dentix07 says:

    Hier muß ich die Ärzte im Ethikrat eindeutig in Schutz nehmen!
    Die überwiegende Zahle der „Fälle“ bei denen sich die Frage stellt ob etwas ethisch vertretbar ist oder nicht, dürfte sich heute im Bereich der Medizin abspielen, da hier heute Dinge machbar sind, die früher unmöglich waren.
    Da ist die hohe Zahl von – hier tatsächlich – Fachleuten kaum negativ! (Seien wir hier froh darüber, in anderen Bereichen der Politik haben wir mehr als genug Idioten!)
    Auch wenn die Medizin (und die Mediziner) sehr technokratisch erscheinen spielen ethische Fragen auch beim „ordinären“ Hausarzt, selbst beim Zahnarzt, durchaus eine Rolle.

    Dazu eine selbst erlebte Geschichte:
    Mein Vater bekam die gebrochene Oberkieferprothese einer seit Jahren bettlägrigen, weit über 80jährigen Patientin. Ich – damals in der Ausbildung als Zahntechniker – sollte die Reparatur durchführen. Prompt kam von mir die Frage: „Was mache ich mit dem Sauger?“
    Die Patientin trug seit ca. 20 Jahren eine Prothese mit eingebautem Gummisauger, der dazu dient die Saugkraft zu verstärken, aber inzwischen nicht mehr als lege artis galt, da dadurch Kieferverformungen entstehen und die Wahrscheinlichkeit bösartiger Gewächse steigt.
    Antwort meines Vaters: „Bau wieder einen ein!“
    Auf meinen Widerspruch – ich hatte obige Nachteile gerade in der Berufsschule gelernt – bekam ich zu hören: „Mach ruhig! Ich weiß was ich tue!“
    Also habe ich bei der Reparatur wieder einen Sauger eingebaut.

    Nach einiger Zeit bekam mein Vater die Mitteilung, daß die Krankenkasse die Reparatur nicht bezahlen wolle. Anruf bei der Kasse! Der Sachbearbeiter bemängelte den Sauger, der doch nicht lege artis wäre, er solle dann eben eine neue Prothese anfertigen, und ließ sich nicht davon abbringen. Womit der Sachbearbeiter rein nach GKV- und zahnmedizinischen Richtlinien sogar recht hatte! Also ließ mein Vater sich dessen Chef geben und sagte dem: „Schauen Sie bitte mal in ihre Unterlagen! Diese Frau ist seit etlichen Jahren bettlägrig, hat wahrscheinlich nur noch ein paar Jahre zu leben und da wollen Sie, daß ich dieser Patientin eine neue Prothese anfertige, an die Sie sich in ihrem Alter garantiert nicht mehr gewöhnt und ihr die letzten Jahre zur Hölle mache!? Die Frau trägt die Saugerprothese seit ca. 20 Jahren! Die Kieferverformungen sind längst da und wenn sich jetzt auch ein bösartiges Gewächs bilden sollte, hat das auf ihre Lebenqualität und insbesondere ihre Lebenerwartung kaum einen Einfluß. Bestehen Sie darauf, daß ich unter diesen Umständen, der Patientin eine neue Prothese für rd. 800 DM (Ober- und Unterkiefer) mache, Sie damit quäle weil Sie nicht mehr essen kann, statt einer Reparatur, wenn auch mit nicht mehr indiziertem Sauger, für unter 100 DM?“

    Kurzes Schweigen des Chefs, dann: „Daran haben wir nicht gedacht! Sie haben recht. Wir bezahlen die Reparatur!“

    (Und statt der vermuteten 3 Jahre lebte die Patientin nur noch ein halbes Jahr!)

    Einer der ersten Lehrsätze ärztlicher Ethik „Keinen Schaden anrichten!“

    Und wer, außer einem Arzt/ Zahnarzt (der den Patienten kennt und die Folgen abschätzen kann) hätte daran gedacht?

    Ein anderes prägnantes Beispiel sprachen Sie, Herr Klein, vor Kurzem gerade an, die Transplantationsmedizin.

    Wobei die „Warteliste“ eigentlich nur ein Teil von mehreren ist, die einer möglichst ethischen und gerechten Entscheidung dienen.
    Der erste Punkt ist die Verträglichkeit des zu Verfügung stehenden Organs.
    Weitere natürlich, der Zustand des Patienten, die Prognose (also wie weit eine Gesundung voraussichtlich erreicht wird. Es macht wenig Sinn einem Patienten der voraussichtlich, auch mit neuem Organ, nach kurzer Zeit verstirbt, ein Spenderorgan zu geben! Das könnte dann nämlich auch den Tod eines anderen Patienten mit besserer Prognose bedeuten, denn wer weiß wann wieder ein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung steht?), das Alter, das Alter des Spenderorgans usw.
    Im Gunde ist die Wartezeit eines Patienten das letzte der Kriterien wenn nach Berücksichtigung aller anderen, noch immer mehrere mögliche Empfänger vorhanden sind!
    Das alles soll willkürliche Entscheidungen und Bevorzugungen, bei einer Frage bei der es um Leben und Tod geht, verhindern, möglichst „gerechte“, ethisch richtige Entscheidungen zu fällen helfen und dem einzelnen Arzt die Rolle des Richters über Leben und Tod ersparen.
    Und, wie alles von Menschen erdachte und gemachte, ist auch dieses System nicht vollkommen, aber ein besseres haben wir derzeit nicht!

    Und wenn jemand geeignet ist Politikern dieses klar zu machen, der die Folgen – insbesondere für die Patienten – abschätzen kann, der weiß was wie machbar ist und was nicht, in dessen Denken (hoffentlich; Bürokratien korrumpieren bekanntlich auch) das Wohl des Patienten an erster Stelle steht, dann sind das die Fachleute, die Ärzte!
    Seien wir also lieber froh, daß im Ethikrat die Fachleute überwiegen! Räte und Kommissionen in denen in Überzahl Leute sitzen die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, haben wir wahrlich genug!

    • Philocodex says:

      @ dentix: Eine hochinteressante Geschichte. Aus Berichten von Bekannten und Freunden weiß ich, daß sich die Ärzte tatsächlich einige Gedanken machen.

      Ein Beispiel: Ein extrem dickleibiger Patient hatte Nierenkrebs. Eine exakte Verortung war nicht möglich, da der Patient nicht in das MRT paßte. Eine Suchoperation durch die Massen von Fettgewebe hätte massiven Schaden angerichtet. Daher haben die Onkologen sich auf das Machbare beschränkt, also internistisch behandelt.
      Als grüner Jungarzt hätte ich mit Hilfe der kräftigen Haustechniker den Patienten in das MRT gestopft und anschließend geschnitten, was zu schneiden gewesen wäre. Und damit den Patienten wahrscheinlich sinnlos gequält.

      Altgediente Ärzte können also sehr wohl ethisch reflektiert entscheiden, weil sie Ahnung von der Technologie und Erfahrung haben.

      Bei den von Herrn Klein vorgeschlagenen Sozialwissenschaftlern würde das technische Wissen zum Beisp. in medizinischen Fragen fehlen. Was natürlich noch schlimmer wiegt, ist gerade die in diesem Blog gründlich untersuchte ideologische Verblendung vieler Soziologen und Politologen.
      Was linke Technik- und Fortschrittsfeinde zu Gentechnik oder Kernkraftwerken sagen, kann man sich vorstellen.

      Natürlich muß man aber auch einräumen, daß technikbegeisterte Naturwissenschaftler und Ärzte ihre Steckenpferde viel zu unkritisch einschätzen. Ein Gentechniker wäre voreingenommen, wenn es darum ginge, transgene Pflanzen auszubringen.

      • Bleibt die Frage, was ethische Fragen mit technischem Wissen oder umgekehrt zu tun haben. Die ethische Frage im vorliegenden Fall wäre: Muss/kann/soll man einen extem-Adipösen auf Kosten der Allgemeinheit behandeln. Sie bestätigen, was wir im Text angesprochen haben, viele Mediziner sind so betriebsblind, dass sie Fragen des technisch Machbaren mit ethischen Fragen verwechseln. Beides hat aber nichts mit einander zu tun.
        Im übrigen habe ich keine Sozialwissenschaftler vorgeschlagen, sondern Kraftfahrer, Schichtarbeiter …

        • Philocodex says:

          Gerade der Fall des Nierenkrebs-Patienten zeigt doch, wie sehr die Ethik im Einzelfall von der Technikkenntnis abhängt. Ein Laie würde, wie der grüne Jungarzt oben, eine theoretisch basierte Entscheidung treffen, die oberflächlich betrachtet viel ethischer wäre. Ist sie aber nicht, wie die Praxis zeigt.
          Das schließt allgemein die Betriebsblindheit natürlich nicht aus. Da wäre die Diskussion mit redlichen Fachfremden durchaus sinnvoll.

          Was die alternativen Ratsmitglieder wie Arbeiter angeht, würde sich auch das Problem der medizinisch-wissenschaftlichen Kenntnis stellen. Obwohl die Arbeiter hier linken Pseudoforschern garantiert nicht unterlegen wären. Im Gegenteil.

          Interessant wäre die Frage der Auswahl der Ratsmitglieder aus der Industrie/dem Handwerk. Über Gewerkschaften? Da sähe ich den Nachteil, daß sich wieder Polit-Klüngler durchsetzten.

          • Wozu sind technische Kenntnisse notwendig, wenn es darum geht, ethische Fragen zu diskutieren? Es geht bei Ethik nicht darum, wo man das Skalpel ansetzt, sondern OB man es ansetzt. Um diese Frage zu diskutieren, braucht man keine Mediziner, sie sind eher hinderlich. So versucht der medizinerdominierte Ethikrat wohl derzeit Lobbyarbeit für Organspende zu leisten (am Organhandel verdienen Mediziner) und das Gesetz über die Beihilfe zur Selbsttötung, das demnächst im BT diskutiert werden soll, zu torpedieren und mit einer “gesetzlichen Stärkung der Suizidprävention” zu ersetzen. Und wer würde an der Suizidprävention verdienen? Ich sehe weder einen Bedarf noch eine Notwendigkeit, Mediziner in Ethikräten zu haben (ich sehe auch keinen Bedarf für einen Ethikrat!). Und die Vorstellung, dass die Beantwortung ethischer Fragen in irgend einer Form vom technischen Wissen von Mediziner profitieren könnte, die ist, gelinde gesagt, abstrus.

            • Roland says:

              technische Kenntnisse sind sehr wohl notwendig. Praktisches Handeln ist vor allem in solch hochspezialisierten Themenfeldern wie Lebenswissenschaften eine Technik, die in expliziter Form über Ausbildung und Lehre vermittelt werden kann. Die Frage ist nicht nur ob gehandelt werden muss, sondern in erster Linie WIE überhaupt gehandelt werden kann. Was sind die Möglichkeiten in der sich ein Handlungsrahmen abspielen kann? Eigentlich ist das sogar die entscheidende Frage. Ärtze sind insofern hinderlich, wenn sie ihren unerschütterlichen Technokratismus ausleben und ihre ethischen Vorstellung mit ihren Vorstellung einer menschlichen Maschine kombinieren. Was ich jetzt nicht allen Ärzten unterstellen will. Jedoch sind sie die Einzigen in einem Ethikrat für Lebenswissenschaften die überhaupt Erfahrung im Umgang mit anderen Menschen haben. Die Erfahrung ist das wichtige. Hingegen ist eine Ethik die sich wie eine Gebotstafel von Do’s and Dont’s aufspielt hoffnungslos weltfremd und anwendungslos.

              Das gilt natürlich nur insofern man solche Ethikräte überhaupt irgendeinen Sinn abringen kann, der sich mir allerdings nicht so recht erschließt. Somit ist das obige wohl nur eine was-wäre-wenn Kommentar, das für ein was-wäre-wenn Ethikrat spräche. haha

  4. Dietmar Fürste says:

    Auch mit noch so viel Bildung läßt sich der gesunde Menschenverstand nicht ersetzen.
    Aber gesunder Menschenverstand kann sehr wohl einen beträchtlichen Teil von Bildung ersetzen.

    Gegenstand der Ethik als Wissenschaft sind die Moral, also das sittliche Verhalten und die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse, die moralisches (oder eben amoralisches) Verhalten von Menschen und Körperschaften hervorbringen. Ethik wird daher auch als die “praktische” Philosophie bezeichnet, im Gegensatz zur “theoretischen”, der vor allem die Logik zu Grunde liegt.

    Die Chance, dass sich ein Philosoph gegenüber fünfundzwanzig Fachfremden auch nur ansatzweise durchsetzen könnte, halte ich für – gewollt – verschwindend gering. Zumal, wenn man unterstellen muss, dass er Ethikrat – ähnlich wie die Richter des BVerfG – durch parteipolitische Gremien ‘auserwählt’ und damit seine legitimierende Funktion gegenüber dem staatlichen Handeln vorbestimmt wurde.

    Ein schönes Beispiel dafür, wie der Ethikrat ggf. vollständig ‘ausgeblendet’ wird, war das Zustandekommen einer Gesetzgebung, die – vom BVerfG abgesegnet – mehr als acht Millionen Betroffene mit einer Direktversicherung zwingt, entgegen staatlicher Versprechen und unter Verletzung mehrerer Grundrechte (Vertragstreue, Vertrauensschutz, Gleichbehandlungs-Gebot, Rückwirkungsverbot u.v.a.) von der ihnen ausgezahlten Kapitalleistung ca. 18% als ‘Versicherungsbeiträge’ an den Staat abzuliefern.

    Betroffen sind dabei (nur) gesetzlich Versicherte, die unter Lohnverzicht aus versteuertem Arbeitslohn eine private Altersvorsorge in Form einer Lebensversicherung angespart hatten, deren gesamte Rendite aber nun vom Staat mit der völlig willkürlichen Definition einkassiert wird, dies sei eine betriebliche (!) Altersversorgung, weil der Arbeitgeber gem. staatlicher Vorgabe die Gehaltsumwandlung besorgen und zu diesem Zweck als Versicherungsnehmer im Vertrag stehen musste.

    Wenn ein solches Vorgehen mehr als 200 Klagen, weit über Hundert Petitionen und zahllose Widersprüche, Proteste und sogar TV-Berichte nach sich zieht und Millionen Menschen von diesem Zugriff auf ihr Privateigentum betroffen sind, dann sollte sich nach menschlichem Ermessen ja wohl der Ethikrat dieser Sache annehmen.

    Aber der schaut, vermutlich weisungsgebunden, angestrengt in eine andere Richtung.
    Kassiert aber gerne seine Tantiemen.

    Auch eine besondere Art von Moral…

    • Gegenstand der Ethik als Wissenschaft sind die Moral

      So ein Unsinn! Ethik hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Was daran ist wissenschaftlich? In die Tonne den ganzen Dreck!

      Carsten

      “Nursery school staff and registered childminders must report toddlers at risk of becoming terrorists, under counter-terrorism measures proposed by the Government.”
      telegraph.co.uk

      • Roland says:

        Was für ein Wissenschaftsbegriff haben sie denn? Und sagen sie nicht es muss was mit Empirie zu tun haben…

        • Erstens habe ich zuerst gefragt und zweitens muß das, was man als Wissenschaft bezeichnet, beweisbar und nachvollziehbar sein. Empirische Wissenschaft geht auch, ist nachvollziehbar, ist beweisbar. Ethik ist nichts von alledem, ist nicht beweisbar, ist relativ und hat keine nachvollziehbaren Grundlagen.

          Carsten

          “Kein Volk auf Erden kann unterjocht werden, wenn es nicht irgendwie an seiner Unterjochung teilnimmt.”
          Gandhi

  5. A.S. says:

    Also Mediziner machen schon Sinn im Ethikrat. Wenn es z.B. um Fragen der Sterbehilfe sind Leute mit medizinischer Sachkenntnis durchaus richtig am Platz.
    Juristen und Theologen, da stimme ich zu, gehören nicht rein. Wenn es um wissenschaftliche Sachfragen geht können die schlicht nicht mehr mitreden. Jede Talkshow mit Theologen und Juristen liefert den Beweis dafür.
    Ich vermisse auch Naturwissenschaftler, die ja bei der sehr prominenten Frage der Energieversorgung zwingend notwendig gewesen wären. Und eben Menschen aus dem nicht akademischen Bereich.

    • Philocodex says:

      Nicht-akademisch ist gut. An wen denken Sie?
      Ich wäre für Theologen, die nicht im Elfenbeinturm sitzen, sondern in Gemeinden aktiv arbeiten. Zum Beispiel Pfarrer. Oder Krankenhausgeistliche.
      Erzieherinnen wären auch gut.

  6. Sven H. Schillings says:

    Da ich einen der im Ethikrat vertretenen Juristen persönlich kenne, hatte ich mir die Mitgliederliste vor längerer Zeit selbst angeschaut und war sehr verwundert über die Zusammensetzung. Ethische Fragen haben m.E. nichts mit Fachkompetenz zu tun. Daher wäre eine breite Streuung der Mitglieder angezeigt. Gerade Juristen zeichnen sich nach meiner, sicher nicht repräsentativen Erfahrung, nicht gerade durch Flexibilität aus.

    • Man sollte Juristen, Journalisten und Lehrer nur im Zweitstudium nach erfolgreichem Erststudium in einem technischen oder naturwissenschaftlichen Fach ausbilden. Die Einbildungen und Vorurteile sind kaum noch auszuhalten.

      Carsten

      “Hinweis der Redaktion: An dieser Stelle stand zuvor ein Artikel, der den Eindruck erweckte, eine neue Studie korrigiere die bisherigen Berechnungen zur Erderwärmung generell nach unten. Dies ist jedoch nicht der Fall. Eine korrigierten Bericht finden Sie hier. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.”
      DER SPIEGEL

  7. Winnie says:

    Der “Ethikrat” hat mit Ethik schon mal rein gar nichts am Hut. Ich erinnere an die Entscheidung über die Genitalverstümmelung männlicher Kinder. Mehr gibt es zu dem Verein eigentlich gar nicht zu sagen.

    http://www.winniewacker.de/ethikrat.htm

    • Wolfgang R. says:

      Ein sehr beeindruckender Brief! Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
      Vielen Dank für´s Teilen.

    • Sven H. Schillings says:

      Auch ich möchte diesem Brief meine ausdrückliche Anerkennung zollen. Die damalige Entscheidung des Ethikrates zur Beschneidung von kleinen Jungen war UNETHISCH

  8. hgb says:

    “….in Deutschland der Ansicht ist, in ethischen Fragen seien Mediziner, Juristen und Theologen in erster Linie Experten, eine Ansicht, die man nicht anders als amüsiert zur Kenntnis nehmen kann”
    Ich bin nicht besonders amüsiert, wenn ich daran denke, daß insbesondere die hier vertretenen Berufsgruppen sich im 3. Reich ethisch nicht als besonders fachkompetent gezeigt haben (mit Ausnahmen).
    Von da her ist dieser Rat in der Zusammensetzung eher ein Ethik(un)rat und bezahlter Legitimierungsapparat. Im Vergleich zu sonstigen Beratungskosten jedoch fast preiswert mit ca. 50 T€/Kopf. Allerdings, was nichts kostet ……..

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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