Der Horror sozialer Gleichheit

Soziale Gleichheit durch z.B. Umverteilung ist das Kredo so genannter Wohlfahrtsstaaten, also von Staaten, deren politische Eliten sich der Herstellung sozial gleicher Lebensverhältnisse widmen, was sie in der Regel zunächst dadurch tun, dass sie sich üppige Diäten zusprechen, die geeignet sind, die soziale Ungleichheit zwischen denen, die Parlamente bevölkern, und denen, die die Annehmlichkeiten liefern, die das Leben als Parlamentarier erstrebenswert machen, festzuschreiben und zu vertiefen.

Nun haftet der Herstellung von sozialer Gleichheit eine Konsequenz an, die das Streben nach sozialer Gleichheit mit mindestens einem bitteren Beigeschmack versorgt, führt Umverteilung doch zwangsläufig dazu, dass sich die Gesellschaft als Ganzes schlechter stellt, einerseits, weil diejenigen, denen genommen wird, demotiviert werden, andererseits weil diejenigen, denen gegeben wird, demotiviert werden.

Peoples_Dice_of_EqualityStellen wir uns der Einfachheit halber eine Gesellschaft mit 20 Individuen und einem Führer vor. Die Gesellschaft lebt davon, dass die zum Überleben notwendigen Ressourcen gemeinschaftlich, also von den 20 Individuen und unter Supervision durch den Führer erwirtschaftet werden. Wenn sich die 20 Individuen nach einem Arbeitstag abends bei ihrem Führer einfinden und den Erfolg ihrer Arbeit vorzeigen, stellt sich so lange die Beobachtungsreihe des Führers zurückreicht eine Zweiteilung ein: 10 Individuen bringen 75% der Ressourcen bei, 10 Individuen die restlichen 25% der Ressourcen. Diese Verteilung ist auch gegeben, nachdem der Führer sich seinen Anteil von 10% der jeweiligen Arbeitsergebnisse genommen hat.

Entsprechend sieht der Führer nach einiger Zeit, dass 10 seiner Individuen mit deutlich mehr Ressourcen ausgestattet sind als die restlichen 10 Individuen, so viel besser, dass sie selbst seine Ressourcenvorherrschaft gefährdet. Deshalb entschließt er sich dazu, umzuverteilen und soziale Gleichheit herzustellen. Per Dekret verordnet er den 10 Individuen, die immer 75% der Ressourcen beigebracht haben, 33% ihrer Ressourcen (25% der Gesamtressourcen) an die 10 Individuen, die 25% der Ressourcen erwirtschaftet haben, abzugeben, um auf diese Weise eine Gleichverteilung herzustellen. Er nennt das Umverteilung zur sozialen Gleichheit.

Soweit, so gut.

In der Folge seiner Aktion macht der Führer die folgende Beobachtung: Die leistungsstarken Individuen seiner kleinen Gesellschaft bringen plötzlich viel weniger Ressourcen bei als sie es noch vor der Herstellung sozialer Gleichheit getan haben und diejenigen, die vor der Herstellung sozialer Gleichheit 25% der Ressourcen beigetragen haben, haben ihre Anstrengungen noch weiter reduziert. Als Ergebnis ist die kleine Gesellschaft deutlich schlechter gestellt. Das Einkommen des Führers ist reduziert und der kommende Winter droht, mit einer Hungersnot einher zu gehen.

In wissenschaftlicher Sprache hat unser Führer die Probleme, die sich mit Verteilungsgerechtigkeit in seiner kleinen Gesellschaft verbinden, heraufbeschworen. Verteilungsgerechtigkeit, equity im Englischen, ist ein Prinzip, das der Conditio Humana eigen ist, man kann es auch als Fairness bezeichnen. Wer viel leistet, erwartet, von seiner Leistung mehr zu profitieren als derjenige, der wenig leistet. Die Leistungsbereitschaft dessen, der viel leistet, hängt von der extrinsischen Belohnung ab, die mit seiner Leistung verbunden ist, also seiner Entlohnung oder seinem Gewinn, und mit seiner intrinsischen Belohnung, die sich z.B. aus seiner Selbstbeschreibung als leistungsfähiger als andere, ergibt.

Wird dem so motivierten Leistungsfähigen sowohl die extrinsische als auch die intrinsische Belohnung dadurch genommen, dass man ihm einerseits die höhere Auszahlung und andererseits das Symbol seiner höheren Leistungsfähigkeit nimmt, ihn mit Leistungsschwachen gleichstellt, dann wird ihm die Motivation komplett genommen. Er wird seine Leistung reduzieren, und zwar auf das Niveau, das dem eines Leistungsschwachen entspricht.

Progressive Besteuerung funktioniert auf diese demotivierende Art.

Auch der Leistungsschwache wird demotiviert. Einerseits wird ihm durch die Herstellung sozialer Gleichheit die Motivation genommen, sich anzustrengen, um ins Lager der Leistungsstarken zu wechseln, andererseits wird das vorhandene sowieso schon geringe Leistungsniveau durch die Belohnung durch Umverteilung weiter reduziert, denn nach der Umverteilung muss der Leistungsschwache noch weniger tun, um auf den Stand seiner Einkünfte zu gelangen, den er vor der Umverteilung aus eigener Kraft erreicht hat.

Und so stellt soziale Gleichheit alle schlechter.

Die Frage, warum soziale Gleichheit dennoch der Gott ist, den Sozialisten und Gutmenschen derzeit fast aller institutionalisierten Konfessionen anbeten, kann man nur mit Verweis auf den Macht stabilisierenden Effekt, den Umverteilung auf die gesellschaftliche Sozialstruktur hat, erklären: Die, die sich als Führer sehen, schaffen sich Konkurrenz, die ihnen aus erfolgreichen Individuen, die Leistung erbringen, entstehen kann, vom Hals.

Die im Text beschriebenen Zusammenhänge zwischen Motivation, Anreizen und Verteilungsgerechtigkeit sind von Legionen von Wissenschaftlern wieder und wieder mit denselben Ergebnissen erforscht worden.

Genannt seien nur die folgenden:

Adams, J. Stacy (1965). Inequity in Social Exchange. In: Berkowitz, Leonard (ed.). Advances in Experimental Social Psychology – Volume 2. New York: Academic Press.

Blinder, Alan S. (1990). Paying for Productivity. A Look at the Evidence. Washington D.C.: The Brookings Institution.

Deci, Edward L. (1975). Intrinsic Motivation. New York: Plenum.

Deci, Edward L., Koestner, R. & Ryan, Robert M. (1999). A Meta-Analytic Review of Experiments Examining the Effects of Extrinsic Rewards on Intrinsic Motivation. Psychological Bulletin 125 (3): 627-668.

Deci, Edward L. & Ryan, Richard M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior. New York: Plenum.

Frey, Bruno S. (1997). On the Relationship Between Intrinsic and Extrinsic Work Motivation. International Journal of Industrial Organization 15(4): 427-439.

Gnezzy, Uri & Rustichini, Aldo (2000). Pay Enough or Don’t Pay At All. Quarterly Journal of Economics CVX (3): 791-810.

Hackman, J. Richard (1969). The Motivated Working Adult. New York: American Management Association.

Lawler, Edward E. (1981). Pay and Organization Development. Reading: Addison-Wesley.

Lazear, Edward P. (2000). Performance Pay and Productivity. American Economic Review 90(6): 1346-1361.

Sehr guter Überblick: Miner, John B. (2005). Organizational Behavior 1: Essential Theories of Motivation and Leadership. New York: M.E. Sharpe.

Prendergast, Candice (1999). The Provision of Incentives in Firms. Journal of Economic Literature 37(1): 7-63.

Rotter, Julian B. (1966). Generalized Expectancies for Internal Versus External Control of Reinforcement. Psychological Monographs 80 (1): komplette Ausgabe.

Ryan, Robert, Sheldon, Kennon M., Kasser, Tim. & Deci, Edward, L. (1996). All Goals Are Not Created Equal: An Organismic Perpective on the Nature of Goals and Their Regulation. Pp. 7-26 in: Gollwitzer, P. Mark & Bargh, John A. (eds.): The Psychology of Action: Linking Cognition and Motivation to Behavior. New York Guildford Press.

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