Das Gehirn ohne Hochschulabschluss ist xenophob:

Die Sicht des Borwin Bandelow auf fremdenfeindliche Einstellungen

Einem Leser und Stammkommentator von Sciencefiles haben wir den Hinweis auf einen Text zu verdanken, der am 09. Oktober 2015 auf T Online der Öffentlichkeit zugemutet wurde und dieselbe über die “Sicht des[!] Psychologen” auf fremdenfeindliche Einstellungen unterrichtet.

TONLINEPsychologenNun ist allgemein bekannt, dass es auf der Erde nicht nur einen einzigen Psychologen gibt, sondern sehr viele, so dass sich erstens die Frage stellt, warum bei T Online dennoch so getan wird, als gäbe es nur einen einzigen, und zweitens wer der Psychologe ist, dessen Sicht als die einzig mitteilenswerte Sicht von Psychologen auf fremdenfeindliche Einstellungen zur Veröffentlichung ausgewählt wird.

Wer sich das, was die konventionellen Medien seit mehreren Jahren der Öffentlichkeit anbieten, zu Gemüte führt, ist vielleicht nicht überrascht zu erfahren, dass es sich bei dem Psychologen, dessen Sicht hier vorgestellt wird, um Borwin Bandelow handelt. Und wer die seit längerer Zeit in Deutschland übliche Form der Diskreditierung Andersdenkender durch akademisierte Beschimpfungen und Beleidigungen in Rechnung stellt, ist vermutlich nicht überrascht zu erfahren, dass die zur Veröffentlichung ausgewählte psychologische Sicht auf fremdenfeindliche Einstellungen nicht diejenige ist, fremdenfeindliche Einstellungen als solche, d.h. als Einstellungen gegenüber einem bestimmten Einstellungsobjekt, hier: Zuwanderern oder Flüchtlingen, betrachtet, sondern sie von vornherein als eine Form der Erkrankung einordnet, nämlich als Xenophobie, d.h. als der Realität unangemessene Angst vor Fremden bzw. Fremdem.

Zur Darstellung fremdenfeindlich oder auch nur fremdenskeptisch eingestellter Menschen als xenophob bedient sich Bandelow eines Sammelsuriums von Versatzstücken aus Argumentationsfiguren, die wiederum verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und Forschungsfeldern entstammen. Es mag daher hilfreich sein, sich zunächst klar zu werden, welche diesbezüglichen Qualifikationen Bandelow hat oder eben nicht hat.

Bandelow ist an der Universität Göttingen als Hochschullehrer angestellt, weshalb er ein Professor ist, er “arbeitet als stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Göttingen” und ist “Angstforscher”, so erfährt der Leser des Textes, der als Interview präsentiert wird, das eine Person namens Franziska Höhnl mit Herrn Bandelow geführt haben soll oder vielleicht tatsächlich geführt hat. (Eigene Erfahrungen von Redaktionsmitgliedern von Sciencefiles wie Heike Diefenbach mit den mainstream-Medien deuten eher in die Richtung, dass Herr Bandelow, der bereits seit Jahren und anscheinend bereitwilligst auf Anfragen von Personen reagiert, gebeten wurde, einen kurzen Text zu verfassen, der dann im Nachhinein strukturiert und mit fingierten, vermutlich als pädagogisch wertvoll erachteten Zwischenüberschriften versehen wurde.)

Borwin_Bandelow
Borwin Bandelow

Im Zusammenhang mit diesem in Interviewform abgefassten Text ist es wie gesagt wichtig festzuhalten, was Bandelow alles nicht ist bzw. wofür er formal nicht qualifiziert ist, und zwar weder formal noch tatsächlich (wie im Folgenden noch deutlich erkennbar werden wird): er ist kein Anthropologe, insbesondere kein Paläoanthropologe, kein Neurologe, kein Biologe, kein Ethnologe, kein Kognitionsforscher, kein Sozialwissenschaftler, kein Politikwissenschaftler. Dennoch setzt er seine Sicht auf fremdenfeindliche Einstellungen zusammen aus vage antizipierten Argumentationsfiguren aus all diesen Disziplinen; er kombiniert sie unbelastet von einem konzeptionellen Verständnis derselben auf geradezu expressionistische Weise. Wie für den expressionistischen Künstler gilt für Bandelow: “Er sieht nicht, er schaut. Er schildert nicht, er erlebt. Er gibt nicht wieder, er gestaltet … Die Tatsachen haben Bedeutung nur soweit, als durch sie hindurchgreifend die Hand des Künstlers nach dem greift, was hinter ihnen steht …” (Edschmid, zitiert nach Krause 2015: 45).

Aber der Reihe nach:

Für den “Angstforscher” Bandelow sind Menschen, die für den gemeinen Sozialwissenschaftler oder Sozialpsychologen (mehr oder weniger) fremdenfeindliche Einstellungen haben, xenophob. Wie Bandelow korrekt sagt oder schreibt, deutet der Wortteil “-phobie” in “Xenophobie” darauf hin, dass die Angst vor dem Fremden eine unangemessene Angst ist, denn nur dann, wenn eine Angst der realen Bedrohung unangemessen ist, wird sie als Phobie bezeichnet:

“a phobia or phobic anxiety is not an “[a]daptive anxiety [that] serves a protective function because it signals real dangers and motivates a person to take action to avoid stress or negative experiences” (Graczyk and Connolly 2008: 217).

“Instead, a phobic anxiety leads a person to “misconstrue…] an innocuous situation as posing a threat or exaggerate[…] the actual danger” (Beck and Emery 1985: 30),

so that he or she will “develop anticipatory anxiety even when thinking about possibly encountering the dreaded phobia object or situation” (Basavanthappa 2011: 339).

Bandelow versucht, die Unangemessenheit einer phobischen Angst am Beispiel einer Spinnenphobie zu erläutern, “die heute in Deutschland nicht mehr nötig ist, denn es gibt hier keine Spinne mehr, die beißt, sticht oder kratzt”. Insofern ist die Angst vor Spinnen unbegründet, und deshalb gilt sie als der Realität unangemessen.

Dem mag man zustimmen oder nicht, aber das Beispiel verstellt den Blick auf die Tatsache, dass es nur in Ausnahmefällen hinreichend klar zu entscheiden sein dürfte, ob eine Angst angemessen oder unangemessen ist, und zwar insbesondere dann, wenn es sich um eine Angst handelt, die sich auf soziale Phänomene oder Entwicklungen bezieht, deren Folgen in der Zukunft (notwendigerweise) unbekannt sind und nur als vermutete Erwartungen formuliert werden können. Welche Einschätzung angemessen waren oder nicht, weiß man letztlich erst in der Rückschau, aber in der Gegenwart lassen sich Einschätzungen über Zukünftiges danach beurteilen, wie gut sie begründet sind. Wer bestimmte Einschätzungen der sozialen Folgen sozialer Phänomene von vornherein, d.h. ohne Prüfung der Begründungen für diese Einschätzungen, als krankhaft oder netter ausgedrückt: unangemessen beurteilt, setzt seine persönliche Einschätzung absolut und erweist sich als unfähig, in einer pluralistischen Gesellschaft zu funktionieren.

So ist es möglich, wenn nicht wahrscheinlich, dass Menschen, denen Bandelow eine Xenophobie unterstellt, Ängste haben, die ihnen durchaus der Situation angemessen vorkommen, während sie Bandelow selbst unangemessen vorkommen. Genau darin besteht ja das Problem: über die Angemessenheit von Ängsten oder Erwartungen negativer Folgen starker Zuwanderung sind Menschen in Deutschland (und nicht nur dort) derzeit unterschiedlicher Auffassung. Die Kommunikation der Menschen mit unterschiedlichen Einschätzungen wird aber verunmöglicht, wenn jemand sein persönliches Angemessenheitsempfinden von Erwartungen absolut setzt und Menschen mit anderem Angemessenheitsempfinden kurzerhand für phobisch erklärt.

Genau das tut Bandelow aber, und vielleicht könnten wir unseren Text an dieser Stelle beenden. Aber wie gesagt sind wir der Meinung, dass es wichtig ist, Einschätzungen auf ihre Begründung hin prüfen, und deshalb betrachten wir im Folgenden, was Bandelow zur Begründung seiner Sicht vorzubringen hat.

Bandelow ist der Auffassung, dass Xenophobie evolutionspsychologisch bedingt ist, und um dies zu erläutern, unternimmt er einen spekulativen Ausflug in die Paläoanthropologie:

Flying elephants“Früher sind wir als Höhlenbewohner in Stämmen organisiert durch die Wälder gezogen. Die Nahrungsmittel waren zu knapp, um für alle zu reichen. Entwicklungsgeschichtlich war es wohl ein Überlebensvorteil, sich zusammenzurotten[!], den eigenen Stamm zu verteidigen und Mitglieder anderer Stämme zu erschlagen. Auch[,] wenn das heute keinen Vorteil mehr darstellt, werden wir eben mit der überflüssigen Xenophobie, dieser alten Abwehrhaltung, geboren”.

Bandelow erweist sich hier als Märchenonkel, der sich eine nette Gesichte zusammengesponnen hat, um die Kindlein vielleicht nicht von der Geschichte, aber doch von der Moral der Geschichte zu überzeugen – zu mehr taugt diese Geschichte auch nicht, denn sie besteht aus nichts außer unbelegten, teilweise überhaupt unprüfbaren und unplausiblen Behauptungen

Deshalb weiß man auch nicht, wo man damit anfangen soll, das obige Zitat einer Kritik zu unterziehen; vielleicht bei der starken Behauptung, dass “wir” nicht nur schon einmal gelebt hätten, sondern auch noch – vom mittleren Pleistozen bis zum Holozän und ohne Variationen – “als Höhlenbewohner”, die “in Stämmen organisiert” waren? Wir von ScienceFiles sind uns ziemlich sicher, dass wir vorher noch niemals gelebt haben, jedenfalls nicht als Höhlenbewohner und zusammen mit Herrn Bandelow.

Darüber hinaus dürften die diversen Hominiden in kleinen Gruppen, vermutlich Verwandtschaftsgruppen bzw. “simple bands”, und nicht in “Stämmen” (“tribes”) gelebt haben (der eilige Leser sei diesbezüglich verwiesen auf Peoples & Bailey 2009: 288).

Oder soll man bei der Annahme ansetzen, dass Nahrungsmittel für Hominide und vormoderne Menschen überall und permanent “zu knapp” gewesen seien, um “für alle zu reichen”? Sie ist nämlich durch nichts belegt. Vielmehr ist plausibel, davon auszugehen, dass Überbevölkerung schon angesichts im Vergleich zur Moderne zweifellos deutlich höherer Säuglings- und Müttersterblichkeit bestenfalls in Ausnahmefällen aufgetreten ist und dass es saisonale Unterschiede hinsichtlich der Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung gab und die kleinen Gruppen von Hominiden sozusagen ihre saisonalen Runden drehten (vgl. Sutton & Anderson 2014: 162-170).

Prof FacepalmWenn keine Dauerknappheit an Ressourcen herrschte, ist es auch wenig plausibel anzunehmen, dass unterschiedliche Gruppen einander “erschlagen” haben sollen, um einen “Überlebensvorteil” zu erhalten. Und nichts spricht dagegen, dass unterschiedliche Gruppen Kooperationsbeziehungen eingegangen sind, die für beide Seiten nützlich gewesen sind, also z.B. den Austausch von verschiedenen Lebensmitteln oder von Lebensmitteln gegen Arbeitskraft gepflegt haben (vgl. Sutton & Anderson 2014: 174), aber auch den Austausch von Heirats- bzw. Fortpflanzungspartnern, denn wären Fortpflanzungspartner nicht exogam, also außerhalb der eigenen Gruppe, gesucht und gefunden worden, so wäre das Überleben einer Gruppe aufgrund mangelnder Variation im Genpool mittel- bis langfristig nicht möglich gewesen.

Festhalten kann man an dieser Stelle also, dass das, was Bandelow als die evolutionären Grundlagen der “Angst vor dem Fremden” postuliert, allein seiner Phantasie entspringt und darüber hinaus unplausibel ist.

Als wäre das noch nicht genug, behauptet Bandelow auch noch, dass die von ihm herbeiphantasierten “Urängste” “überliefert” seien, und seine Version der “Überlieferung” ist anscheinend eine evolutionsbiologische bzw. genetische “Überlieferung”, denn

“[e]in großes Problem der überlieferten Urängste ist, dass sie in einem primitiven Teil des Gehirns entstehen, dass keinen Hochschulabschluss hat”.

Davon abgesehen, dass es die Urängste, sofern es sie geben sollte, kalt lassen dürfte, wo genau sie im menschlichen Gehirn entstehen, es also sicherlich nicht ihr Problem ist, ob sie in einem primitiven Teil des Gehirns entstanden sind oder an der Hochschule oder sonst wo, würde diese Art der “Überlieferung” alle derzeit lebenden Menschen betreffen, denn sie alle haben Gehirne, die entwicklungsgeschichtlich ältere und jüngere Regionen umfassen. Wenn die “Urängste” in den “primitiven” Gehirnregionen entstehen, müssen sie notwendigerweise in den Gehirnen aller zur Zeit lebenden Menschen samt ihrer hominiden Vorfahren entstanden sein bzw. entstehen, auch in den Gehirnen, die “Hochschulabschluss ha[ben]”, was immer das auch bedeuten mag.

Genauso kann man also nicht erklären, warum manche Menschen mehr Angst vor dem Fremden haben als andere oder aus Bandelows Sicht: unangemessene Angst vor dem Fremden haben, während andere keine Angst vor Fremden haben. Das ist nämlich anscheinend das Oppositionspaar, das Bandelow herstellt, denn Bandelow argumentiert ja gerade, dass es vor sehr langer Zeit in der Menschheitsgeschichte vielleicht angemessen gewesen sein mag, das Fremde oder den Fremden zu fürchten, dies aber heute eben nicht mehr so sei. Und deshalb können heute den Xenophoben nur Angstfreie gegenüberstehen; eine angemessene Angst vor dem Fremden kann für Bandelow in der Gegenwart nicht existieren.

Das mag für Bandelow so sein, für viele andere Menschen aber nicht, und gerade hierin besteht ja das Problem. Bandelow scheint das aber überhaupt nicht zu verstehen, oder er räumt es per Dekret des Psychologen Bandelow einfach aus dem Weg.

Tatsächlich muss Bandelow sich als Vertreter einer mentalen Avantgarde unter den Menschen fühlen, der zu einem solchen Dekret eben kraft mentaler Überlegenheit qualifiziert ist, denn er behauptet, dass:

“Xenophobie dazu führt, dass ein Großteil der Bevölkerung übergroße Ängste vor dem hat, was auf uns zukommt”,

er ist hiergegen aber selbstverständlich immun.

Dabei lässt diese Aussage große Zweifel an seinem Status als dem “Großteil der Bevölkerung” mental überlegen aufkommen, denn erstens ist “Xenophobie” nicht als “übergroße Ängste vor dem, was auf uns zukommt”, definiert, sondern als unangemessene Angst vor dem Fremden, was Bandelow immerhin am Anfang des Textes/Interviews noch wusste. Vielleicht ist der Psychologe etwas zerstreut!? Und zweitens ist es Unsinn, weil unlogisch, zu behaupten, dass Xenophobie zu sich selbst in einer übersteigerten Form führen könnte. “Xenophobie” ist nur das griechisch-stämmige Fremdwort für “Angst vor dem Fremden”, und deshalb behauptet Bandelows oben zitierte Aussage, dass er meint, dass die Angst vor dem Fremden dazu führe, dass übergroße Angst vor dem, “was auf uns zukommt” entstünde, womit er vermutlich fortgesetzte Zuwanderung und deren soziale Folgen meint.

Wir müssen zugeben, dass für uns nicht zufriedenstellend rekonstruierbar ist, was Herr Bandelow uns sagen möchte. Das, was er hier geschrieben oder gesagt hat, macht so jedenfalls keinen erkennbaren Sinn.

Das ist aber noch längst nicht das Ende der Wirrnis in dem, was Bandelow als seine Sicht beschreiben will. Er behauptet nämlich weiter, dass “eher vernunftgesteuerte Menschen” “eher” “die ökonomischen und demographischen Vorteile, wenn junge und arbeitsfähige Menschen in das alternde Deutschland einwandern”, “betonen”, während “das … bei den ängstlicheren Menschen” “verhallt”, “weil das primitive Angstsystem auf solche Überlegungen überhaupt nicht reagiert”.

Bandelow behauptet also, dass “vernunftbegabtere Menschen”, die anscheinend durch den Angstforscher mit weniger ängstlichen Menschen gleichgesetzt werden, der Gehirnregionen verlustig gegangen sind, die entwicklungsgeschichtlich die ältesten bzw. älteren sind, aus denen die “Urängste” entstehen, denn sonst würde ja auch bei ihnen das “primitive Angstsystem” wirken, das auf “Überlegungen überhaupt nicht reagiert”.

Oder bei ihnen werden diese älteren Gehirnregionen irgendwie durch die entwicklungsgeschichtlich jüngeren Gehirnregionen kurzgeschlossen, während das bei den xenophoben Menschen nicht der Fall ist. Herr Bandelow hätte zweifellos davon profitiert, Rücksprache mit Neurologen zu halten, bevor er seine These aufstellt, nach der entwicklungsgeschichtlich jüngere Teile des Gehirnes entwicklungsgeschichtlich ältere einfach kurschließen (“overriding a circuit” wäre wohl der angemessene englischsprachige Ausdruck), und das auch nur bei manchen Menschen, aber nicht bei anderen.

A propos “Kurzschluss”:

Double facepalmDass nach Bandelow bei “eher vernunftgesteuerten Menschen” die älteren Gehirnregionen kurzgeschlossen werden, liegt daran, dass ihr Gehirn “[..]einen Hochschulabschluss hat”, so Bandelow im Originalton. Oder anders ausgedrückt: für Bandelow erwerben nicht Menschen einen formalen Bildungsabschluss, was immer dieser auch abbilden mag, sondern Gehirne haben formale Bildungsabschlüsse! Selbst dann, wenn man Bandelow zugute halten will, dass er hier mit einer vollständig verfehlten Metapher hantieren möchte, so muss man ihm doch zumindest eine grandiose Naivität hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen kognitiven Leistungen und formalen Bildungsabschlüssen bescheinigen.

Wir fürchten, dass die Sache noch ernster liegt und Bandelow eine Art Zwei-Gehirne-Menschlichkeit postulieren will, die sich erschreckend leicht in eine Unterscheidung zwischen (Ober-/)Menschen und Untermenschen übersetzen lässt: Das mit Hochschulabschluss versehene Gehirn kennzeichnet den homo sapiens sapiens, während das nicht so geadelte Gehirn im besten Fall das eines homo sapiens ist, im schlechten Fall z.B. das eines Australopithecus. Und deshalb hat Unrecht, wer in den Augen Bandelows dumm ist – oder so ähnlich muss sich Bandelow das wohl vorstellen.

Immerhin wirft Bandelows Sicht ein ganz neues Licht auf die menschliche Evolution: Hätten Hominide statt des aufrechten Gangs Institutionen erfunden, die den formalen Bildungsabschluss “Hochschulabschluss” vergeben, dann wären die älteren Gehirnregionen gar nicht erst entstanden, sondern die Gehirnentwicklung der Hominiden wäre gleich zu den jüngeren, “intelligenteren Teile[n] des Gehirns” übergegangen. (Entspricht das ungefähr der Vorstellung der EU-Bildungspolitiker, durch einen Anteil von 40 Prozent Abiturienten in jeder Geburtskohorte 40 Prozent Gebildete oder gar kluge Menschen zu erschaffen?) Damit wären die “Urängste” entfallen, und die Hominiden bis hin zu uns jetzt existierenden Menschen hätten nicht jeden Morgen beim Aufstehen mit der Schwerkraft kämpfen müssen, und die Mitglieder der Sciencefiles-Redaktion wären bei der gemeinsamen Besteigung des Pen y fan nicht immer außer Puste und rot im Gesicht, bis sie oben ankommen, sondern würden wie die Schäfchen auf ihren vier Beinen einfach hinaufhoppeln – welch’ wunderbare Vorstellung!

Dummerweise könnten die jüngeren Gehirnregionen dann nicht die jüngeren sein, sondern wären notwendigerweise die alten, weil es ja keine älteren gäbe, aber was soll’s?! Wer lässt sich eine in die Vergangenheit verlagerte SF-Geschichte schon durch Fakten oder gar die Gesetze der Logik verderben? Nicht Herr Bandelow jedenfalls!

Und wo er schon dabei ist, u.a. in Paläoanthropologie herumzudilettieren und die Gesetze der Logik außer Kraft zu setzen, gibt er auch gleich noch seine Unfähigkeit, ein vernünftiges Argument aufzubauen, und seine Unkenntnis des Forschungsstandes zur sogenannten Kontakthypothese zum Besten:

“Wenn ich eine Angsttherapie mache, wird immer empfohlen, sich mit der Angst auseinanderzusetzten …. Wer Angst vor Fahrstühlen hat, muss Fahrstuhl fahren. Nach 100 Versuchen ist klar: Es passiert nichts [vorausgesetzt, es passiert tatsächlich nichts, und der Fahrstuhl bleibt nicht stecken!]. Genauso ist das, wenn man mehr Kontakt mit Fremden hat. Das erklärt, warum in Gebieten mit besonders wenigen Ausländern die Angst vor ihnen größer ist. Die Antwort ist also Begegnung, um Vorbehalte abzubauen”.

Erstaunt hat uns an dieser Stelle zunächst, dass Bandelow hier unumwunden zugibt, mehrere Angsttherapien gemacht zu haben, und wir fragen uns, worauf sich seine in ihnen behandelte Phobie bezieht. Ratlos zurückgelassen hat uns die Frage, welchen Vergleich Bandelow hier anstellen will, denn mit dem Wort “größer” impliziert er ja einen Vergleich, aber es erfolgt keiner (“größer” ist ein zweistelliger Funktor!). Das, was wohl als Argumentkette gedacht war, ist für uns nicht rekonstruierbar, weil wir keinen Mittelterm identifizieren können, der irgendetwas mit irgendetwas anderem in eine logische Verknüpfung bringen würde.

Aber wir entnehmen dem Wort-Wirrwarr immerhin, dass Bandelow meint, Xenophobe würden ihre unangemessene Angst vor dem Fremden verlieren, wenn sie mehr mit Fremden zu tun hätten, mehr “Begegnung” stattfände. Diese Vorstellung ist in der sozialpsychologischen und sozialwissenschaftlichen Literatur als Kontakthypothese bekannt. Sie stammt keineswegs von Bandelow, sondern wurde bereits in den 1950er-Jahren von Gordon Allport entwickelt und im Jahr 1954 von Allport publiziert.

Bandelows Empfehlung von mehr “Begegnung” ist ein neuerliches Zeugnis von Naivität und schlichter Unkenntnis, naiv, weil es theoretisch möglich ist, dass der Kontakt mit Fremden dazu führen kann, dass Xenophobe ihre Ängste als eben nicht unangemessenen zu betrachten lernen, sondern der Kontakt sie in ihrer Überzeugung, ihre Ängste seien der realen Situation angemessen, bestärken können. Unkenntnis zeigt seine Empfehlung insofern als die Kontakthypothese inzwischen empirisch weitgehend und sicher in ihrer einfachen Form als uneingeschränkte Zusammenhangsthese falsifiziert ist (wie u.a. die Arbeiten von Pettigrew und Kollegen zeigen, so z.B. Pettigrew & Tropp 2006; Pettigrew et al. 2011). Dass Bandelow dies nicht weiß oder sein diesbezügliches Wissen unterschlägt, stellt für einen Psychologen gleichermaßen eine bemerkenswerte Peinlichkeit dar.

Bandelow meint aber – trotz Ignoranz gegenüber der politikwissenschaftlichen Forschung vor allem von Werner Patzelt – genau zu wissen, dass “der Vorwurf, dass Pegida und AfD Fremdenangst bewusst für ihre Zwecke nutzen”, stimmt. Der Psychologe ist seines eigenen Erachtens anscheinend auch Politikwissenschaftler, Gesellschaftsbeobachter, empirischer Sozialforscher und überhaupt alles, was einen vielleicht dazu qualifizieren könnte, eine entsprechende Frage mit der Inbrunst der Überzeugung zu beantworten. So weiß er auch zu berichten, dass

“[d]ie Rechtsnationalen […] sich diebisch [freuen], dass das Flüchtlingsthema jetzt wieder akut ist, …”

– dies alles bar jeder rationalen Begründung für die eigene Einschätzung. Oder vielleicht irren wir uns, und Bandelow ist als ein sogenannter Maulwurf in den entsprechenden Kreisen unterwegs und verfügt über eigene Erfahrungen in dieser Richtung!? Wir wissen es nicht.

Wir wissen aber, dass Bandelow sich schon seit Langem und gerne in der Öffentlichkeit moralisierend und – aus dem Schutz seiner Anstellung als Lehrkraft an einer deutschen Universität heraus, die für Menschen, die den Fehlschluss ad auctoritatem nicht verstehen, den Nachweis seiner Fähigkeit zum analytischen Denken und (damit) wissenschaftlichen Arbeit ersetzt, – teilweise beleidigend über Personen äußert, die ihm persönlich nicht sympathisch sind.

So hat er im Rahmen seiner Ferndiagnose der Persönlichkeit von Uli Hoeneß als Narzisst, die er am 09.05.2013 in der Frankfurter Allgemeinen zum Besten gab, das Folgende gesagt:

Borwin_Bandelow“Ein Narzisst ist jemand, der Ehrgeiz und Geltungsdrang hat. Das ist kein psychiatrisches Problem, denn das muss nichts Schädliches sein. Narzisstische Menschen haben ungemein viel Energie, können häufig andere Menschen begeistern – und zugleich sehr hart sein. Die eignen sich daher oft als Manager. Und die definieren sich darüber, wie sie bei anderen ankommen: ob sie häufig im Fernsehen sind und in der Presse zitiert werden. Die Hauptantriebskraft dahinter ist die Angst, nicht von allen geliebt zu werden, wenn sie nicht dauernd demonstrieren, dass sie die Besten sind. Da kehren viele den Moralisten raus, predigen Wasser, aber trinken Wein” (Hervorhebung d.d.A.).

Bei so viel Erkenntnis über die Möglichkeit der unangemessenen Selbstbezogenheit mancher Menschen würde man vermuten, dass diesbezüglich auch für Selbsterkenntnis Platz bleibt, aber eine Analyse von Herrn Bandelow der eigenen Person z.B. als Narzisst, der vom Beifall einer (politisch korrekten) Masse lebt, oder als pluralismusphobe Persönlichkeit, die Menschen mit von seinen eigenen abweichenden Angemessenheitsauffassungen nicht akzeptieren kann, sondern sie – vielleicht zwecks Erhalt der eigenen fragilen Identität – für psychisch krank erklären muss, haben wir bislang noch nicht gehört.

Die vollständige Abwesenheit jeglicher Selbstreflexion mit Bezug auf psychologische Befindlichkeiten zeugt entweder von einem bemerkenswerten Mangel an Fähigkeit zur Reflexion der eigenen Person oder eigener Standpunkte, oder es handelt sich um eine Art Abwehrzauber, der vielleicht eine primitive Reaktion auf primitive Ängste darstellt und etwa so zusammengefasst werden könnte: wenn ich andere Menschen probeweise negativ beurteile oder beschimpfe, dann kann ich dadurch vielleicht die Gefahr bannen, selbst von anderen Menschen negativ beurteilt zu werden.

Wir befürchten allerdings, dass die intelligenteren Teile des Gehirns jedem eher vernunftgesteuerten Menschen sagen sollten, dass solch primitive Reaktionen nicht (mehr?) den realen Verhältnissen in der heutigen realen Welt angemessen sind.

Aber wir haben kein Interesse daran, die Persönlichkeit von Herrn Bandelow durch ein mehr oder weniger inhaltsleeres und beliebiges Schlagwort zu charakterisieren. Uns geht es darum festzuhalten, dass man Bandelow angesichts des Sammelsuriums von vorgefassten Meinungen, Stereotypen, Assoziationen und unbelegten Behauptungen, das er nun schon seit Jahren zum Besten gibt, als Wissenschaftler negativ beurteilen muss – da hilft weder Wortmagie noch das Motto “Frechheit siegt” noch der Job an der Universität oder der Klinik.

Wenn er aber als Wissenschaftler versagt, von welchem Interesse ist dann die private Meinung von Herrn Bandelow? Richtig: von ebenso viel oder wenig Interesse wie die Meinung irgendeiner zufällig ausgewählten Person aus der Bevölkerung.

Wenn er dennoch mit dem Anspruch auftritt oder präsentiert wird, nicht nur Psychologe, sondern sogar der Psychologe zu sein, der als Autorität oder zumindest als überdurchschnittlich kompetent gelten soll, dann kann man hieraus nur den Schluss ziehen, dass es sich bei dem Interview von Franziska Höhn mit Borin Bandelow um einen Versuch der Meinungsmanipulation – mittels akademisierter Beschimpfung zwecks Diskreditierung der Sicht von Teilen der Bevölkerung – handelt, und zwar um einen sehr primitiven, der wohl aus entsprechend primitiven Gehirnen stammen muss, oder?! Und das, obwohl zumindest das Gehirn von Bandelow einen Hochschulabschluss haben sollte …

Literatur:

Allport, Gordon W., 1954: The Nature of Prejudice. Cambridge: Addison-Wesley.

Basavanthappa, B. T., 2011: Essentials of Mental Health Nursing. New Delhi: Jaypee. Print.

Beck, Aaron T. & Emery, Gary, with Ruth L. Greenberg, 1985: Anxiety Disorders and Phobias. A Cognitive Perspective. New York: Basic Books. Print.

Graczyk, Patricia & Connolly, Sucheta D., 2008: Anxiety Disorders in Childhood, pp. 215-238 in: Gullotta, Thomas & Blau, Gary M. (eds): Handbook of Child Behavioural Issues. Evidence-Based Approaches to Prevention and Treatment. New York: Routledge, Taylor & Francis.

Krause, Frank, 2015: Literarischer Expressionismus. Göttingen: V & R unipress

Peoples, James & Bailey, Garrick, 2009: Humanity: An Introduction to Cultural Anthropology. Belmont: Wadsworth, Cengage Learning.

Pettigrew, Thomas F. & Tropp, Linda R., 2006: A Meta-Analytic Test of Intergroup Contact Theory. Journal of Personality and Social Psychology 90, 5: 751-783.

Pettigrew, Thomas F., Tropp, Linda R., Wagner, Ulrich & Christ, Oliver, 2011: Recent Advances in Intergroup Contact Theory. International Journal of Intercultural Relations 35, 2: 271-280.

Sutton, Mark Q. & Anderson, E. N., 2014: Introduction to Cultural Ecology. Lanham: AltaMira.

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