Kaufnix-Tag: Noch ein Paternalismus

Als Deutscher hat man es nicht leicht.

Immer gibt es einen, dem nicht passt, was man tut, einen, der sagt, wie es eigentlich und richtig geht.

Dickens_ScroogeZeigt man ziviles Engagement und geht zu Demonstrationen, z.B. in Dresden, ist es nicht recht, dann sind es die falschen Demonstrationen.

Hört man auf zu rauchen, der eigenen Gesundheit zuliebe und geht auseinander, wie ein Hefeklops, dann, weil man das falsche Substitut für Nikotin eingesetzt hat und sich nicht genug bewegt.

Setzt man sich ins Auto, um ins nächstgelegene Jogging-Reservat zu fahren, dann gibt es bestimmt einen, der darauf hinweist, dass öffentlicher Nahverkehr oder das Fahrrad besser für die Umwelt sind.

Kauft man nur noch Fair Trade und grüne Produkte, der Umwelt zuliebe, dann gibt es bestimmt einen Schlaumeier, der den Konsum als solchen verurteilt.

Was man auch tut, immer macht man etwas falsch.

Das bringt uns zur neuesten paternalistischen Intervention, dem Kaufnix-Tag. Was klingt, wie ein Festtag zu Ehren des Gallischen Pendant von Ebenezer Scrooge, ist eine ernstgemeinte paternalistische Intervention, mit der uns u.a. der Umweltökonom Niko Paech von der Universität Oldenburg dazu bringen wollen, “eine neue Balance zu finden”.

Der Kaufnix-Tag, er dümpelt schon seit Jahren unbemerkt als Gegenentwurf zum Black Friday vor sich hin, dem Tag, an dem man im angelsächsischen Ausland einen Deal macht, 30% off oder 75% off vom Ladenpreis.

kaufnixtagUnd dieses Jahr haben sich die deutschen Mainstream-Medien entschieden, das zu ändern. Welt, Spiegel oder n-tv bringen einen weitgehend gleichlautenden Beitrag, der mit “Konsumkritiker werben für Kauf-nix-Tag“, “Schoppen oder verzichten? Der Kauf-nix-Tag ist umstritten” bzw. “Pause vom Einkaufsterror. Das Schnäppchenfest mal ignorieren“, überschrieben sind (So viel zur Frage, ob deutsche Medien gleichgeschaltet sind oder nicht.).

Und sie sind voller weiser Einsichten diese Beiträge.

Etwa:

“Wir sind so reizüberflutet, wir leiden unter Konsumverstopfung und Konsum-Burn-out” sagt Umweltökonom Niko Paech von der Universität Oldenburg” im online Spiegel.

Oder:

“Wir sind so reizüberflutet, wir leiden unter Konsumverstopfung und Konsum-Burn-Out”, sagt er [Paech]. Ladenöffnungszeiten zu verringern bedeute ja nicht die Abschaffung des Konsums. “Man fängt sogar an, den Konsum wieder zu genießen”, meint Paech in der Welt.

Und:

“‘Wir leben brutal über unseren Verhältnisse, vor allem ökologisch’, sagt der Umweltökonom Niko Paech von der Uni Oldenburg” bei n-tv und legt dann los:
“Die Konsum-Kritiker wissen, dass sie gegen Windmühlen kämpfen. Umweltökonom Paech ist realistisch. Es gehe ihm nicht darum, Konsum abzuschaffen. Gestresste Verbraucher lockt er vielmehr mit dem Versprechen, sie würden profitieren, wenn die Ladenöffnungszeiten reduziert, verkaufsoffene Adventssonntage zum Beispiel abgeschafft würden. Der Käufer fange dann wieder an, Konsum zu genießen, wirbt Paech. “Wir sind so reizüberflutet, wir leiden unter Konsumverstopfung und Konsum-Burn-Out.” Wovon er dringend abrät, ist Konsum einfach einen Tag zu verschieben, das sei keine Lösung. Dadurch könnte der Einkaufsstress tags drauf sogar noch größer werden.”

Fassen wir die Einsichten, die der Umweltökonomen Paech über uns hat, zusammen:

  1. Wir leben brutal über unsere Verhältnisse.
  2. Wir sind reizüberflutet.
  3. Wir würden profitieren, wenn verkaufsoffene Adventssonntage abgeschafft würden.
  4. Wir leiden unter Konsumverstopfung und Konsum-Burn-Out.

Prüfen wir, ob zutrifft, was Paech über uns sagt.

  1. black fridayStimmt. Wir leisten uns immer noch Umweltökonomen, wie Niko Paech. Eine Konsumausgabe, denn Konsum ist definiert als Verbrauch von Ressourcen ohne Mehrwert, die man überdenken sollte. Das mag brutal klingen, aber Zeiten wie diese, die Paech zeichnet, erfordern brutale Maßnahmen, z.B. die Entfernung von Umweltökonomen wie Paech von Universitäten.
  2. Stimmt. Wir bekommen viel zu viel Unsinn zugemutet, Unsinn, der z.B. darin besteht, dass irgendein Umweltökonom meint, er könne Aussagen über uns machen, darüber, was wir sind. Seinsaussagen über Dritte machen zu wollen, ist etwas verwegen, zumal das einzige, was derartige Seins-Aussagen hervorrufen andere Seins-Aussagen sind, wie z.B.: Ich bin ärgerlich über Leute, die denken, sie könnten mir sagen, was und wie ich bin.
  3. Wir würden mitnichten profitieren, wenn wir uns an noch weniger Tagen mit noch mehr anderen durch die Innenstädte drücken und dort um die letzten Schnäppchen schlagen müssten. Es mag sein, dass sich Umweltökonomen wie Herr Paech, einfach während der Arbeitszeit in die Innenstadt von Oldenburg absetzen, und dort in Ruhe einkaufen können, weil die meisten anderen bei der Arbeit sind. Schön für ihn, aber nicht schön für uns.
  4. Wenn wir an Konsum-Verstopfung leiden und uns ein Konsum-Burn-Out plagt, was ist dann Paechs Problem? Wenn dem so wäre, dann würden wir ja gerade nicht in Massen durch Innenstädte wandern, immer auf der Suche nach dem Deal, dem Schnäppchen oder Stunden gebannt vor dem Rechner sitzen und warten, dass der Amazon-Deal endlich aktiv wird.

Uns scheint, der Herr Paech hat nicht so richtig durchdacht, was er hier behauptet. Insofern sich Herr Paech diametral widerspricht, wenn er Konsumwut anprangert und Konsum-Burn-Out feststellt, scheint er zu der Garde von Paternalisten zu gehören, die Gefallen daran finden, anderen etwas vorzuschreiben, zu denen, deren Selbstwert nur dann intakt ist, wenn sie kopfschüttelnd über das Verhalten anderer sinnieren und Verbesserungsvorschläge machen können. Das hat mehr mit Psychopathologie als mit Umweltökonomie zu tun.

Deshalb schlagen wir Herrn Paech vor, dass er andere in Ruhe lässt und dafür sein eigenes Verhalten zum Gegenstand seiner Betrachtungen macht. Wie wäre es, er spendet sein Dezembergehalt an die Flüchtlingshilfe, gibt seine Arbeit auf und zieht sich in eine Hütte in den bayerischen Bergen zurück, um dort zu meditieren und zu versuchen, seinen Carbon Imprint auf Null zu reduzieren, z.B. dadurch, dass er nicht heizt und sich auch andere Formen des verzichtbaren Konsums verkneift, der Umwelt zuliebe und um seinen Konsum-Burn-Out zu kurieren.

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14 Responses to Kaufnix-Tag: Noch ein Paternalismus

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Kaufnix-Tag: Noch ein Paternalismus

  2. Ich weiß ja nicht, in welcher Welt dieser Ökonom lebt. Aber seine Realität scheint nur sehr wenige Berührungspunkte mit meiner zu haben. Ich habe am Black Friday ganz gezielt ein paar Schnäppchen machen können, die ich mir in den vergangenen Monaten bewusst verkniffen habe. Das ist, meiner unbescheidenen Meinung nach, ökonomisch und rational.

    Den “Kaufnix-Tag” habe ich übrigens überhaupt nicht mitbekommen, da ich Mainstream-Medien nur extrem selten konsumiere. Auch das halte ich für ökonomisch und rational.

  3. rote_pille says:

    Er könnte auch seine Eigenproduktion von CO2 herunterregulieren, indem er weniger atmet, um die Erderwärmung – Moment, diese Lüge ist zu offensichtlich geworden – ich meinte: den “menschengemachten Klimawandel” aufzuhalten. Der optimale Wert wäre natürlich 0.

  4. A.S. says:

    Also ich war bisher immer der Meinung, dass ich meine Konsumentscheidungen immer selber getroffen hab. Und als Terroropfer hab ich mich im Supermarkt meines Vertrauens auch nicht gefühlt. In Burn-Out-Nähe hat mich bisher auch eher die Uni gebracht, Schnäppchenangebote dagegen weniger.
    Was raucht dieser Mensch? Kann ich davon auch etwas haben?

  5. Hungerleider says:

    Ich habe seit vier Wochen keinen Laden betreten. Besitze nur noch zwei paar Schuhe und habe mich seit drei Wochen nicht rasiert . Trinke seit Jahren nur noch Leitungswasser und gehe jeden Tag zehn Kilometer obwohl ich kein Fleisch esse . Bin Nichtraucher , Nichttrinker , fresse keine Tabletten und weiß nicht mehr , was ich sonst noch unterlassen soll . Soll ich aufhören zu atmen ?

  6. Habnix says:

    Ist es das bessere Argument um nichts oder so wenig wie möglich zu kaufen?

    Die beste Demo gegen Kernkraft ist,wenn man sich den Strom mit Solar oder/und Wind oder Bachlauf,wenn möglich selbst macht.Der beste Widerstand gegen eine Diktatur ist es, wenn man sich so viel wie möglich das nötige zum Leben selbst macht.

    • rote_pille says:

      Was hat Autarkie mit Konsumzurückhaltung zu tun? Außerdem ist der einzige Weg, der gegen eine Diktatur je gewirkt hat, ihre Gesetze zu brechen und nicht auch noch seine letzten Freiräume freiwillig aufzugeben.

    • Mariele says:

      stimmt und wenn ALLE Menschen an Freitagen nix mehr einkaufen würden, dann müsste auch Frau Merkel einsehen, dass
      ALLE MACHT vom Volke ausgeht.

  7. Amancian Syndjenshmaith says:

    Bis zu diesem Absatz, hätten wir den Kommentar freigeschaltet. Aber wer uns dermaßen kindisch kommt, der muss sich nicht wundern, wenn die wichtige Nachricht, die er unbedingt loswerden wollte, nicht freigeschaltet wird; MK.

    P.S. Wetten ihr seid zu feige und zu borniert, diesen Kommentar hier stehen zu lassen und reaGIERt mit feiger ZENSUR!
    Everything is fine, keep Shopping!

    Und wetten Sie sind zu feige, den Kommentar noch einmal und unter ihrem Namen abzusetzen?; MK

    • rote_pille says:

      Bei jedem Artikel, in dem Konsumzurückhaltung erwähnt wird, kommen die Kommunisten aus ihren Löchern gekrochen, in denen sie sonst ungestört in Neid schwelgen. Dieselben übrigens, die dagegen sind, dass Einzelne große Vermögen ansammeln – obwohl diese ihnen eigentlich völlig wurscht sein könnten, da sie ja sowieso nicht am “Konsumwahn” mitmachen wollen. Diese Heuchelei ist die reinste Plage.

    • @Amancian Syndjenshmaith

      Aus den beiden Tatsachen, dass du

      1. der Heilbotsschaft von Herrn Paech offensichtlich so stark verbunden bist, dass du nicht anders kannst, als deinem inneren Druck das Ventil der sinnlosen Beleidigung und Unterstellung zu öffnen, und

      2. zu feige bist, dich zu dieser, von dir doch so hoch gehaltenen Heilsbotschaft mit deinem richtigen Namen zu bekennen, muss ich schließen,

      3. dass du eine unterentwickelte personale Identität hast

      (oder schlicht schizophren) bist und etwas gaaaaaaanz toll findest, dich aber dennoch nicht öffentlich dazu bekennen willst, ebenso wenig wie zu deinen Unterstellungen und Beleidigungen.

      Ich würde mir nicht erlauben, jemandem Ratschläge darüber zu geben, wie er sich zu einer halbwegs ernstzunehmenden Persönlichkeit entwickeln kann, aber bei dir, der du aufgeschlossen bist dafür, dass jemand anderen Leuten sagt, was sie tun oder lassen solltest, ist das ja ‘was anderes.

      Deshalb erlaube ich mir, dir den Ratschlag zu geben, erst einmal zu versuchen, eine personale Identität aufzubauen, bevor du dich damit beschäftigst, wie du der übrigen Menschheit das Gute und Richtige verordnen kannst.

      Da man dich wie es scheint nicht direkt über den Verstand erreichen kann, schlage ich vor, dass du es mit Yoga und Meditation versuchst, um alle deine Chakren oberhalb des ersten zu entwickeln. Ich wollte erst vorgeschlagen, dass du deine Chakren vom vierten an aufwärts entwickelst, aber da du noch mit dem zweiten (in dessen Bereich das Ärger-Management fällt) erhebliche Schwierigkeiten zu haben scheinst, fängst du am besten ziemlich weit unten an.

      Also: Leg’ schöne Musik ein, vielleicht Shajans “Cosmic Balance”, damit du deine Bedeutung im All richtig einzuordnen lernst, entspann’ dich, und mach’ etwas Konstruktives!

      Schon, wenn du weiter gar nichts machst als da sitzen und Musik hören, machst du mehr sinnvolles als du tust, wenn du dumme, inhaltsleere, beleidigende Kommentare absetzt. Das ist ein echter Fortschritt!

      Und sei nicht traurig: wir verzeihen Dir!

  8. Kevin Müller says:

    Konsum-Burn-Out….. aha Neusprech .
    Kann mir das mal jemand übersetzen ?

  9. Ochmonek says:

    “Wir” leben brutal über unsere Verhältnisse. Soso.

    Solche Aussagen werden immer wieder geäußert. Wer ist denn mit “wir” gemeint? Das müssen Menschen sein, die mehr konsumieren, als sie selbst leisten. Die gibt es, keine Frage.

    Für die Mehrheit der Deutschen kann diese Aussage aber nicht gelten. Deutschland wird immer mal wieder als Exportweltmeister mal gelobt, mal kritisiert, je nach Standpunkt. Einig ist man sich aber, dass aus Deutschland mehr Waren und Dienstleistungen exportiert als importiert werden.

    “Wir” Deutschen sind so produktiv, dass wir für andere mit arbeiten. Würden wir nur für uns arbeiten, könnten wir noch mehr konsumieren. Mit anderen Worten, wir leben unter unseren Verhältnissen.

  10. FDominicus says:

    Sinn des Paternalismus ist es ANDEREN vorzuschreiben wie man zu leben und womöglich auch zu sterben hat. Somit tritt hier nur ein Prachtexemplar auf….

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