Kauder: Gemeinsamer Opfertod als Zukunft Europas (in the spirit of the season …)

Politische Floskeln und Schlagworte, obwohl sie regelmäßig nicht wegen ihrer Bedeutung benutzt werden, sondern wegen ihrer emotionalen Beladung, haben dennoch und in manchen Fällen dummerweise eine solche Bedeutung.

Da ist zum Beispiel der Begriff der Solidarität, den Volker Kauder gerade als Gegensatz zum Eigeninteresse aufbauen will, weil es Mode geworden ist, so zu tun, als sei man ein Heiliger und kein normaler Mensch, der mit entsprechenden Interessen bestückt ist:

 

Wie gesagt, Begriffe haben dummerweise eine Bedeutung, zuweilen haben sie auch mehrere Bedeutungen, die sich aus ihrer Begriffsgeschichte ableiten lassen, wie z.B. Solidarität:

“Der Diskurs über Solidarität lässt sich auf zwei Traditionen zurückführen (…): Eine Quelle liegt in der theologischen Betrachtung, in der der Opfertod von Jesus als Ausdruck der Solidarität Gottes mit den Menschen interpretiert wird. Diese Sichtweise wird von der katholischen und der evangelischen Kirche gleichermaßen als Norm des Handelns vertreten. Diese Denkrichtung verankert Solidarität somit in christlichen Werten und betrachtet sie als Richtschnur der Sozialethik. Im Gegensatz zu dem wertorientierten Ansatz in der Theologie steht die zweite Quelle des Begriffs der Solidarität, die auf eigenen Interessen beruht. Dabei handelt es sich um die gewerkschaftlich-politische Bereitschaft von Arbeitnehmern, ihre Interessen gemeinsam zu vertreten …” (Bierhoff & Fletchenhauer, 2001: 9)

Solidarität ist also einmal die Selbstaufgabe, die Verleugnung eigener Interessen, die letztlich im Opfertod kulminiert und einmal die Solidarität von Interessengleichen, von Akteuren, die ihre gemeinsamen und gleichen Interessen bündeln, um sie besser durchsetzen, um ihre eigenen Interessen besser durchsetzen zu können.

Volker Kauder sagt: “Nicht Eigeninteresse, sondern Solidarität bestimmt die Zukunft Europas”.

Damit schließt er die Bündelung von Interessen, die Solidarisierung ob gemeinsamer Interessen aus, denn die basiert auf Eigeninteresse. Übrig bleibt nur der Opfertod und entsprechend muss man seine Aussage wohl als bis-zur-bitteren-Neige-Aussage oder katholisches Heiratsversprechen interpretieren, als Anfang vom Ende: Gemeinsamer Opfertod als Zukunft Europas!

Bierhoff, Hans-Werner & Fletchenhauer, Detlef (2001). Solidarität: Themen und Probleme. In: Bierhoff, Hans-Werner & Fletchenhauer, Detlef (Hrsg.). Solidarität. Konflikt, Umwelt und Dritte Welt. Opladen: Leske & Budrich, S.9-22.

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