Pauschale Herabwürdigung von Flüchtlingen: Ist der Werberat noch logisch vertretbar?

Kennen Sie eigentlich den Roman „Berge des Wahnsinns“ von HP Lovecraft? Nein? Dann sollten Sie ihn lesen. Er ist nicht nur spannend, er enthält auch eine der besten Beschreibungen kultureller Degeneration einer Gesellschaft, die wir kennen und somit eine der besten Darstellungen des Zyklus von Gesellschaften, wie ihn Ibn Khaldun beschrieben hat.

Berge des WahnsinnsDas Bild, das Lovecraft für die Degeneration einer Gesellschaft findet, kann man am besten damit zusammenfassen, dass im Zeitverlauf die Mitglieder einer Gesellschaft nicht mehr in der Lage sind, die Leistungen, die ihre Vorgängergenerationen ganz selbstverständlich erbracht haben, zu erbringen. War es z.B. noch in den 1970er und 1980er Jahren an deutschen Hochschulen undenkbar, dass ein Student der Sozialwissenschaften nicht weiß, was Methode, Erkenntnisinteresse und wissenschaftstheoretische Grundlage seines Faches sind, so hat sich das mit dem Einzug der Gender Studies geändert. Nunmehr wird an Hochschulen etwas gemacht, das deshalb Wissenschaft sein soll, weil es an Hochschulen gemacht wird, wenn auch niemand weiß, warum und wozu es gemacht wird.

Das selbe Phänomen findet sich im Hinblick auf die deutsche Sprache, die eine Form der Bedeutungs-Entkernung erlebt. Im Ergebnis kennen Deutschsprecher, obwohl sie das deutsche Schulsystem durchlaufen haben, die Bedeutung von Worten nicht mehr (zeichnen eine Kurve in ein Koordinatenkreuz, obwohl die Aufgabe darin bestand, den ungefähren Verlauf der RegressionsGERADEN anzugeben) und sind insgesamt mit der Verwendung ihrer eigenen Sprache in Sätzen, die aus mehr als drei Worten bestehen (Ich will …, Ich habe… ) überfordert.

So überfordert wie der deutsche Werberat, der gerade eine Werbung der Sicherheitsfirma EEG Wermann aus Leipzig beanstandet hat. EEG Wermann wirbt für die eigenen Alarmanlagen unter anderen mit dem folgenden Hinweis:

EEG Wermann“Schützen Sie Ihr Heim! Ihre Sicherheit ist unser Anspruch! Viele neue Mitbürger reisen in unser Land und leider werden uns nicht alle wohlgesonnen sein, darum sollten auch Sie nicht zögern, ihr Eigentum, Gesundheit oder gar ihr Leben zu schützen. Wir bieten Ihnen eine preiswerte, komfortable und effiziente Alarmanlage“.

Deutsche Verbraucher sind ja, wie Sie vielleicht wissen, aus Sicht derer, die sich als Edel-Verbraucher oder Ober-Verbraucher oder besondere Verbraucher ansehen, ziemlich dumm, weshalb man sie schützen muss, vor „diskriminierender und angsterregender Werbung“ zum Beispiel. Und das haben die 15 Hanseln vom Werberat, der auf Denunziationsbasis tätigt wird, dann im Hinblick auf die soeben dargestellte Werbung aus Leipzig auch getan. Damit Leipziger nicht hinter den Flötentönen der Alarmanlagenkäufer-Fänger von EEG Wermann herlaufen, wurde die Werbung gerügt, und zwar mit folgendem Wortlaut:

“‘Die Werbung suggeriert absichtlich, dass Flüchtlinge kriminell und gefährlich sind. Solche Firmenpropaganda würdigt Flüchtlinge pauschal herab und stellt einen eklatanten Verstoß gegen die Standesregeln der Werbewirtschaft dar‘“, sagte eine Sprecherin des 15-köpfigen Expertengremiums, das als Beschwerdeinstanz für Bürger gegen unangemessene Werbung vorgeht.“

Offensichtlich sind weder die Sprecherin noch die 15-köpfige-Expertenhydra der deutschen Sprache mächtig. Denn im Werbetext heißt es ausdrücklich: „leider werden uns nicht alle wohlgesonnen sein“. Nicht alle sind nicht alle. Und weil nicht alle nicht alle sind, deshalb gibt es auch weder die Aussage, „dass Flüchtlinge kriminell und gefährlich sind“ noch werden „Flüchtlinge pauschal herab“gewürdigt, wie die Experten für logische Fehlschlüsse mit ihren 15 Köpfen behaupten.

Die Rüge des Werberates ist somit ein Beispiel für die Degeneration einer Gesellschaft in der es offensichtlich passieren kann, dass ein Stadion bis zum letzten Platz gefüllt ist und dennoch als halb leer bezeichnet wird, und es ist ein Beispiel für die Infantilität der 15-Köpfigen-Werbewächterhydra, die sich trotz ihrer 15 Köpfe nicht vorstellen kann, dass Flüchtlinge nicht die edlen Wilden sind, die schon Karl May verherrlicht hat, sondern ganz normale Menschen. Sie sind nicht besser und nicht schlechter als der Durchschnitt der Deutschen, und da es unter den Deutschen doch tatsächlich Kriminelle gibt, gibt es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch unter Flüchtlingen Kriminelle oder wie EEG Wermann werbend schreibt: „leider werden uns nicht alle wohlgesonnen sein“. Nicht alle!

Das einzige rügenswerte Pauschalurteil, das Flüchtlinge dadurch herabwürdigt, dass es ihnen menschliche Normalität verweigert, in dem sie zu edlen Wilden, die gar nicht wissen, was Kriminalität ist, gemacht werden, stammt aus den 15-Köpfen der Werbewächter-Hydra, so dass man sagen kann: Nicht alle dieser 15 Köpfe haben nicht alle Tassen im Schrank. Ob das ein Kopf der Hydra versteht?

Ansonsten wird EEG Wermann vorgeworden, dass durch die Aussagen der Werbung „bei den Umworbenen Angst erzeugt“ werde. Die 15-köpfige Hydra des Werberats ist also der Meinung, wer das liest bekommt Angst. Einmal davon abgesehen, dass die Werbewirkungsforschung wenn es darum geht, die Wirkung von Werbung zu bestimmen, eher bescheidene Ergebnisse zu Tage fördert und gar keine Ergebnisse, die eine derartige Stimulus-Response-Wirkung zeigen würden, wie man sie beim Werberat phantasiert, ist die Aussage schlicht falsch, denn die Angst muss nicht erzeugt werden, sie ist bereits vorhanden. Das zeigt eine eine Umfrage von Infratest Dimap, bei der 59% der Befragten angeben, sie würden eine Zunahme der Kriminalität durch den Zuzug von Flüchtlingen befürchten und je 53% angeben, vor einem Taschendiebstahl oder einem Einbruch in ihre Wohnung Angst haben. Vielleicht sollte die 15-köpfige Werbewächter-Hydra sich etwas mit der Realität befassen und Nachhilfe in Deutsch und in Logik nehmen. Vielleicht führt dies ja in einem der 15 Köpfe zu einer nachhaltigen Einsicht.

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9 Responses to Pauschale Herabwürdigung von Flüchtlingen: Ist der Werberat noch logisch vertretbar?

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  2. Lügenpresse says:

    Sie sind nicht besser und nicht schlechter als der Durchschnitt der Deutschen

    Dem würde ich widersprechen. Nach all dem, was man so aus den Flüchtlingslagern hört, von den Manieren, von den sexuellen Belästigungen, dem Mißbrauch von „Tafeln“, dem chauvinistischen Auftreten (sh. z.B. Drangsalierung christlicher Flüchtlinge) u.v.a.m. bin ich zur Auffassung gelangt, daß die Flüchtlinge deutlich schlechter sind als der Durchschnittsdeutsche. Das ist auch nicht weiter verwunderlich angesichts des Wertekorsetts und der Mentalitäten in der islamischen Welt.

    Zusätzlich wird durch unser absurdes Asylsystem die Tendenz zur Kriminalität noch verstärkt. Denn die Flüchtlinge sind ja nicht hierher gekommen, um in Turnhallen zu vegetieren und glücklich darüber zu sein, daß Angela Merkel sie vor Verfolgung gerettet hat, sondern sie sind hier, weil sie ordentlich Geld verdienen wollen – im besten Fall.

    Dieser psychologische Irrsinn, diese narzißtische Selbstüberschätzung sind eigentlich das größte Armutszeugnis unserer Regierung.

    Ansonsten stimme ich natürlich der Einschätzung der Gutmenschen-Werbehydra durch Sciencefiles zu.

    • Wenn wir nach allem gehen wollen, was wir vom Hörensagen kennen, dann wir es ziemlich lustig werden. Hörensagen wird gemeinhin dann angeführt, wenn einem etwas besonders wichtig ist, man aber keinerlei Daten hat, um seine Vorliebe anderen aufzwingen zu können. Deshalb schlage ich vor: Wir bleiben bei den Daten und dabei, dass es eine conditio humana gibt, die zeigt, dass die Präposition zur Kriminalität gleichverteilt und das Ausmaß von Kriminalität eine Frage der Gelegenheiten, Kosten und der Wahrscheinlichkeit, dass die Kosten auch eintreten, ist.

  3. Roland says:

    Ich für meinen Teil heiße unsere neuen shoggothischen Herrscher willkommen!

  4. Ihr sieht kulturelle Dekadenz? Jetzt bin ich positiv überrascht. Hatte schon befürchtet, ihr würdet die Fortschrittsidee der Aufklärung vertreten und glauben, wir würden uns auf dem direkten Weg in Kants „ewigen Frieden“ und dem „Ende der Geschichte“ befinden.

  5. Gernot Meyer says:

    Alternative Erklärungsmöglichkeit: dem Werberat ist die linkische und dümmliche Art seines statements wohl bewußt. Dies wurde bewußt in Kauf genommen zugunsten des nach 80 Jahren wieder weit verbreiteten opportunistischen Mitläufertums.

  6. jan wildegans says:

    Es ist nichteinmal von Flüchtlingen die Rede, nur von neuen Mitbürgern.

  7. Ich stimme tendenziell dem Lügenpressekommentator zu. Das liegt vor allem an den offensichtlich manipulierten offiziellen Daten, denen nicht mehr vertraut werden kann.

    Insbesondere die Geschehnisse in Köln an Silvester (oder auch das Stockholmer Festival vor zwei? Jahren) zeigen, dass die staatlichen Behörden in West&Nordeuropa intern auf allen Ebenen ein vielschichtiges, wenn auch nur implizites, Zensursieb entwickelt haben. Am Ende fallen nur die feinsten Kiesel durch und sonst bleibt nur selten mal ein großer Brocken sichtbar hängen, der dann von den vergleichbar strukturierten Medien kleingemeiselt wird.

    Einschränkend muss natürlich gesagt werden, dass es im Alltag idR kleine Nickeligkeiten im Zusammenhang mit „Zugewanderten“ sind, die unter dem Kriminalitätsradar durchfallen, aber im echten Leben eben sehr verstörend sind und damit v.a. das Gefühl gelogener Statistik erzeugen.

    Auch die erhöhte Präsenz von Streifenwagen in den besseren Vierteln der Städte als Sicherheitsbeweis gegenüber den örtlichen Leistungsträgern und damit gegenüber potentiell potenten Multiplikatoren (=Systemfeinden) löst nicht nur bei mir Stirnrunzeln aus, aber definitiv kein Sicherheitsgefühl.

    Mein Vorschlag wäre zu versuchen, Statistiken mit hohem Wahrheitsgehalt zu erzeugen. Also Sachen zu zählen, bei denen Korrelation und Kausalität synchron gehen, die aber nicht von außen gestört werden können.

    Beispielsweise haben seit ein paar Monaten bei mir fast alle Supermärkte demonstrativ (nicht dezent im Hintergrund) private Sicherheitsleute am Eingang stehen, manche gar mehrere. Das war vor einem halben Jahr noch nicht so. Es erzeugt bei mir alles andere als ein Gefühl der Sicherheit, denn so ein Türsteher kostet viel Geld und er wäre sehr wahrscheinlich nicht da, wenn es keinen triftigen Grund gäbe. Vorher gings ja auch ohne..

    Daher könnte es sehr viel Sinn machen, die Sicherheitsmaßnahmen (1 Mann oder mehrere, ganztags oder nur abends/am Wochenende) und die Supermärkte (billig/gehoben) zu zählen, alles in Relation setzen, z.b. nach Postleitzahl zu sortieren, um das Resultat dann mit den offiziellen Kriminalitätsstatistiken zu vergleichen.

    Daraus liesse sich vielleicht die Lücke rekonstruieren, welche die offiziellen Daten hinterlassen – oder eben nicht. Vor allem aber könnte so eine Zählung über einen längeren Zeitraum sehr aufschlussreich sein über die tatsächliche Entwicklung der Zustände.

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