Macht Luftverschmutzung kriminell?

Crime is in the air“.

Malvina Bondy, Sefi Roth und Lutz Sager von der London School of Economics sind auf eine nicht ganz neue, natürlich politisch korrekte Idee gekommen. Im Bemühen, innerhalb des politischen Mainstreams zu bleiben und keine Forschung zu betreiben, die politisch kontrovers werden könnte, haben sie untersucht, wie sich die Luftverschmutzung auf Kriminalität auswirkt. Daten aus 624 Londoner Polizeirevieren haben sie mit Daten von 96 über London verteilten Messstationen kombiniert. 455.520 erfasste Straftaten auf Revierebene werden von den drei Autoren mit Messwerten der Luftqualität aus den drei Messstationen kombiniert, die dem Zentrum des Reviers am nächsten liegen (Aus den drei Werten wurde ein Durchschnitt berechnet).

Und dann wird analysiert und siehe da: Kriminalität variiert mit Luftverschmutzung. Wo die Luftverschmutzung intensiver ist, ist auch die Kriminalität höher. Das ist gewöhnlich die Stelle, an der wir darauf hinweisen, dass man als Wissenschaftler dann, wenn man eine Korrelation gemessen hat, eine Theorie benötigt, um eine Kausalität zu begründen.

Und siehe da. Die drei aus London haben eine Theorie. Die Rational-Choice Theorie.

Hohe Luftverschmutzung, so hypothetisieren sie, führe zu gesundheitlichen Problemen, verkürzten Lebenserwartungen und relativiere auf diese Weise die individuelle Nutzenfunktion: Wer wegen Luftverschmutzung früher stirbt, der ist für Abschreckung durch Strafe nicht so empfindlich wie derjenige, dem wegen geringer Luftverschmutzung ein längeres Leben winkt – sofern ihn nicht ein Herzinfarkt beim Lesen unsinniger Studien dahinrafft. Wer wegen Luftverschmutzung früher stirbt, sofern er früher stirbt als jemand, der saubere Luft genießt, für den habe der kurzfristig durch Kriminalität erzielbare Gewinn einen höheren Nutzen, was Kriminalität wahrscheinlicher macht.

Die Argumentation ist eine individuelle, eine, die sich noch dazu durch eine Engstirnigkeit auszeichnet, die Kevin McConway, Professor für angewandte Statistik, in einer ersten Stellungnahme sehr vornehm in die Worte packt, dass die Autoren nicht sicher sein könnten, dass sie alle relevanten Variablen in ihrem Modell erfasst haben.

Das ist ein typisches britisches Understatement, denn natürlich gibt es viele Variablen, die einen Effekt auf Kriminalität ausüben, die Einzelne in bestimmten Situationen Straftaten begehen sehen, während andere in identischen Situationen nie auf die Idee kämen, sich kriminell zu verhalten. Bei atmosphärischen Variablen wie der Luftverschmutzung, die alle in einem Gebiet in gleicher Weise beeinträchtigen, ist dieses Problem noch verschärft: Warum verhalten sich nicht alle kriminell, wenn die Luftverschmutzung einen Effekt auf Kriminalität haben soll?

Warum nur manche?

Not even Dickens thought about pollution as cause of crime, Dickens, the author of the Pickwick Papers!

Derartige Fragen stellen sich die drei Londoner Autoren nicht. Sie sind so von ihren Ergebnissen eingenommen, dass sie nicht einmal bemerken, dass die Rational-Choice Theorie eine individualistische Theorie ist, die Annahmen über die Bedingungen individuellen Verhaltens macht, Annahmen darüber, wann welche individuellen Präferenzen zu welchen Handlungen führen. Ergo müsste man erklären, wann, wie und unter welchen Umständen ein Mensch in Gebiet X bemerkt, dass er höherer Luftverschmutzung ausgesetzt ist als ein Mensch in Gebiet Y, wie er diese Wahrnehmung mit seiner Disposition Straftaten, zu begehen, verbindet bzw. wie diese Wahrnehmung seine entsprechende Disposition beeinflusst und – vor allem – wie diese Disposition sich dann in Straftaten transformiert, wo die Gelegenheiten, Motive und Kenntnisse herkommen, die eine Straftat erst ermöglichen, denn wir wollen ja nicht annehmen, dass Luftverschmutzung nicht nur einen Kurzschluss in Gehirnen von manchen Menschen auslöst, der sie – motivlos – kriminell werden lässt, weil nämlich die selbe Luftverschmutzung Gelegenheiten zur Kriminalität gleich mitliefert, die Bank für den Überfall, den Passanten für den Raub, den Bekannten für die Prügelei und natürlich auch gleich die Kenntnisse, die notwendig sind, um Raub, Diebstahl oder Betrug zu begehen.

Aber genau das tun die drei aus London. Sie nehmen an, dass Luftverschmutzung auf all die genannten Variablen, Täter, Motiv, Gelegenheit und Fähigkeiten in gleicher Weise wirkt. Und mehr noch, sie rechnen mit Aggregatdaten. Sie haben nicht einmal Daten über individuelles Verhalten. Sie haben Kriminalitätsraten für ein Gebiet und Daten zur Luftverschmutzung für ein größeres Gebiet und auf dieser Grundlage wird nun wild spekuliert oder interpretiert:

“This paper investigates the potential link between ambient air pollution and crime.
Using two separate identification strategies, we find that daily variation in air pollution is positively linked to higher crime rates in London. We also find that pollution affects most crime types but appears to have larger effects on crimes which are less severe. Based on the rational choice model and our empirical results, we conclude that the underlying channel for our findings is likely to be higher discounting of future punishment on high pollution days. … Our results suggest that improving air quality in urban areas by tighter environmental policy may provide a cost effective way to reduce crime. … Finally, given the link between air pollution and crime, our results therefore suggest that examining the effects of air pollution on health impacts alone, may lead to a substantial underestimation of its societal costs.”

Was hier behauptet wird, ist ein direkter Effekt von Luftverschmutzung auf Kriminalität, der daraus geschlossen wird, dass Daten auf Ebene von regionalen Einheiten mit theoretischen Erwägungen über individuelle Präferenzen zusammen geworfen werden. Das ist methodischer Unsinn, der aus der Korrelation zwischen Luftverschmutzung und Kriminalität nichts anderes macht als eben diese Korrelation, von der nach wie vor zu zeigen wäre, dass sie sinnvoll ist. Natürlich wird man gesellschaftliche Kosten durch derart haltlose und blödsinnige Spekulationen nicht reduzieren, wie die Autoren meinen, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit erhöhen.

Es ist leicht, diesen Junk zum Einsturz zu bringen. Luftverschmutzung in Städten, zumal in Städten wie London, hat im Wesentlichen zwei Ursachen: Verkehr und Heizung. Je mehr Verkehr in einem Gebiet vorhanden ist und je mehr geheizt wird, desto höher die Luftverschmutzung und desto mehr Menschen halten sich in einem Gebiet auf. Je mehr Menschen sich aber in einem Gebiet aufhalten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit kriminellen Verhaltens, denn wo viele Menschen sind, sind auch viele Diebe, Räuber, Schläger… und viele Gelegenheiten. Höhere Luftverschmutzung und höhere Kriminalität in einem Gebiet und im Vergleich zu einem anderen, haben somit dieselbe Erklärung: Mehr Menschen. Weg ist er, der Zusammenhang zwischen Kriminalität und Luftverschmutzung.

Aber wir haben keinen Zweifel, dass die Londoner Studie, die den Zeitgeistnerv in den meisten Redaktionen der sogenannten deutschen Qualitätsmedien treffen wird, dort eifrig aufgenommen wird.

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10% weniger Straftaten im Jahr 2017? Was sagt die Polizeiliche Kriminalstatistik, was nicht?

Die WELT meldet auf Grundlage der Polizeilichen Kriminalstatistik des BKA, die noch nicht veröffentlicht, aber der WELT dennoch bereits in Auszügen bekannt sein soll, dass die „Kriminalität in Deutschland“ zurückgegangen ist. Die Tagesschau meldet „deutlich weniger Straftaten“ und die Hobby-Journalisten bei BENTO schreiben:

“2017 gab es zehn Prozent weniger Verbrechen in Deutschland

Was ist passiert?
Die Zahl der registrierten Straftaten sank auf5,76 Millionen, insgesamt gab es knapp 611 000 weniger Verbrechen. Das berichtet die “Welt am Sonntag” vorab aus der Polizeilichen Kriminalstatistik, die Innenminister Horst Seehofer am 8. Mai vorstellt. Einen so hohen Rückgang gab es seit 25 Jahren nicht.”

Wenn man die Frage beantworten soll, warum Journalismus in Deutschland in weiten Teilen ein so unterirdisches Niveau erreicht hat, dann kann man dies am Beispiel der Meldungen zur „Kriminalität in Deutschland“ den „Straftaten“ oder „den Verbrechen“, die alle drei weniger geworden sind, tun.

Fangen wir mit den Daten an.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts stellt die Straftaten zusammen, die der Polizei deutschlandweit in einem Jahr bekannt geworden sind und im Jahr 2017 erfasst wurden. Die Begehung muss dabei nicht unbedingt im Jahr 2017 erfolgt sein. Wirtschaftsstraftaten liegen häufig weit zurück, drei, vier, zehn Jahre sind keine Seltenheit. Gleichzeitig sind in der Polizeilichen Kriminalstatistik das Jahres 2017 nicht alle Straftaten erfasst, die 2017 bekannt geworden sind. Zuweilen gibt es einen Erfassungsstau, der ins nächste Jahr übertragen wird oder über mehrere Jahre gestreckt wird. Die Methoden, Straftaten zu verteilen, sind unterschiedlich und vielfältig und immer politisch nutzbar, schließlich unterstehen die Polizeibehörden den Innenministerien der Länder und dem des Bundes.

In Polizeilichen Kriminalstatistiken sind somit nicht die Straftaten erfasst, die in einem Jahr begangen wurden, sondern nur die, die der Polizei bekannt wurden und die im Jahr 2017 erfasst wurden. Einerseits können Straftaten 2017 erfasst worden sein, die z.B. 2015 begangen wurden, andererseits 2017 Straftaten begangen, aber nicht erfasst worden sein.

Zudem gibt es das, was die Kriminologen ein Dunkelfeld nennen: Straftaten, die der Polizei gar nicht bekannt werden und daher nicht erfasst werden können. Dunkelziffern werden als zum Teil erheblich angesehen, vor allem bei Delikten innerhalb von Familien oder im Freundeskreis wird häufig von einer Anzeige abgesehen. Wer sich für das geschätzte Ausmaß des Dunkelfelds interessiert, der findet entsprechende Informationen im Beitrag von Klaus Sessar „Kriminalitätsentwicklung im Licht des Dunkelfelds“, den Sessar zur Festschrift für Wolfgang Heinz (erschienen bei Nomos) beigetragen hat.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik gibt somit keinen Aufschluss über „die Kriminalität in Deutschland“, wie die WELT behauptet. Sie gibt Aufschluss über eine Teilmenge der Kriminalität in Deutschland, die Teilmenge, die die Polizei kennt. Die Polizeiliche Kriminalstatistik gibt damit auch keinen Aufschluss über die Summe der Straftaten, wie die Tagesschau in ihrem Beitrag nahelegt, denn die Summe der Straftaten, die in einem Jahr in Deutschland begangen werden, ist unbekannt. Und damit sind wir bei dem angekommen, was die BENTOs, die Lehrlinge, aus denen nie Journalisten werden, aus der Meldung der WELT gemacht haben:

„In Deutschland sind im vergangenen Jahr zehn Prozent weniger Verbrechen verübt worden. Das berichtet die “Welt am Sonntag” vorab aus der Polizeilichen Kriminalstatistik.“

Zwei Sätze, drei Fehler.

1) Die Gesamtzahl der Verbrechen für Deutschland ist nicht bekannt, entsprechend kann man keine Aussage darüber machen, wie sich die in Deutschland begangenen Verbrechen entwickelt haben.
2) Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst Verbrechen wie Mord und Totschlag und Vergehen wie Diebstahl, Leistungserschleichung oder Sachbeschädigung. Die erfassten Vergehen sind deutlich häufiger als die erfassten Verbrechen.
3) Die Aussagen in der Welt beziehen sich auf das Gesamt aller erfassten Straftaten, also auf Vergehen und Verbrechen.

Von einem Journalisten sollte man erwarten, dass ihm entsprechende Zusammenhänge bekannt sind. Von einem Journalisten …

Dass der Rückgang bei der Zahl der erfassten Straftaten, wie ihn die Welt für die Polizeiliche Kriminalstatistik des BKA meldet, die am 8. Mai vorgestellt wird, wohl korrekt ist, kann man daraus ableiten, dass die Polizeilichen Kriminalstatistiken der Länder Berlin, Hessen und Nordrhein-Westfalen einen entsprechenden Rückgang verzeichnen. Auf dieser Grundlage kann man feststellen, dass im Jahr 2017 durch die Polizei weniger Straftaten erfasst wurden als im Jahr oder den Jahren zuvor. Ob dieser Rückgang auch einem Rückgang der Straftaten oder der Kriminalität entspricht, das kann man auf Grundlage der Polizeilichen Kriminalstatistik gerade nicht feststellen, und da die Polizeibehörden – wie gesagt – der Weisung durch Ministerien unterstehen, spricht mehr dafür, dass erfasste Straftaten in Polizeilichen Kriminalstatistiken politische Aussagen sind, die den tatsächlichen Zustand nur selten akkurat wiedergeben.

Wir haben im Folgenden ein paar Ergebnisse aus der Polizeilichen Kriminalstatistik des Landes NRW zusammengestellt, die zeigen, in welchen Bereichen sich welche Veränderungen mit Blick auf erfasste Straftaten und Tatverdächtige ergeben haben. Die Polizeiliche Kriminalstatistik, die am 8. Mai vorgestellt wird, wird keine anderen Ergebnisse ausweisen.

Noch einmal in Kurz:

  • Polizeiliche Kriminalstatistik = In einem Jahr erfasste und registrierte Straftaten.
  • In einem Jahr erfasste Straftaten = Teilmenge der in diesem Jahr begangenen Straftaten.
  • In einem Jahr registrierte Straftaten = Teilmenge der in diesem Jahr erfassten Straftaten.

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Messerattacke, Tatmittel „Messer“, ARD oder AfD – Wer lügt schlechter mit Statistik

Der dumme Spruch, nachdem man keiner Statistik glauben soll, die man nicht selbst gefälscht habe, und den Winston Churchill nie gesagt hat (Er war zu intelligent, um einen solchen Unsinn zu verbreiten), er fällt unwillkürlich ein, wenn man den neuesten Kreuzzug gegen die AfD der ARD-Faktenverleger liest, und zwar deshalb, weil man Statistiken nicht einfach fälschen kann, weil Fälschungen sehr leicht identifizierbar sind …

Damit sind wir bei ARD-Chef-Faktenverleger Patrick Gensing und seinem Versuch Nummer x+274 angekommen, die AfD zu diskreditieren (von Beitragszahlern auch der AfD finanziert, versteht sich).

Ausgangspunkt ist die Behauptung „permanenter Messerattacken“, die die AfD-Fraktion, so Patrick Gensing, im Bundestag aufgestellt habe. Allein in Berlin, so zitiert Gensing, seien es 7 Messerattacken pro Tag.

Die Zahl, so erklärt er unter Verlinkung (was selten für die Faktenverleger ist), stamme aus einer Antwort der Senatsverwaltung auf eine schriftliche Anfrage der CDU. Das entspricht nicht den Fakten, denn die schriftliche Anfrage wurde von Peter Trapp (CDU) gestellt. In dieser Antwort heißt es:

„Für das Jahr 2017 wurden insgesamt in 2.737 Fällen von Straftaten gegen das Leben sowie aus den Bereichen der Sexual- und Rohheitsdelikte ein Messer als Tatmittel erfasst.“

Diese Zahl wurde von der AfD durch 365 geteilt, so teilt Gensing das Ergebnis seiner mathematischen Bemühungen mit, denn 2.737 geteilt durch 7 ergibt 7,4986, also mehr als sieben Straftaten in Berlin, bei denen ein Messer als Tatmittel erfasst wurde.

Und jetzt geht es los.

Werde ein Messer als Tatmittel erfasst, dann sei dies nicht – wie von der AfD behauptet – gleichbedeutend mit einer Messerattacke, so Gensing, bevor er das Wort an einen namentlich nicht genannten Sprecher der Berliner Polizei übergibt:

„Die Gesamtzahl, bei der ein Messer erfasst wurde, sei korrekt, teilte die Polizei in Berlin mit. Allerdings bedeute das nicht, dass in all diesen Fällen “Messerattacken” erfolgt seien.

Ein Sprecher der Senatsverwaltung für Inneres sagte dem ARD-faktenfinder, es sei nicht seriös, von den erfassten Fällen auf sieben Messerattacken pro Tag zu schließen. Dies sei faktisch, rechtlich und statistisch nicht haltbar. “Messer als Tatmittel” wird bei Tötungsdelikten, Raub, Körperverletzungen auch dann erfasst, wenn ein Täter ein Messer am Hosenbund sichtbar mitführe, es aber nicht als Tatwaffe im Sinne von “Verletzungen zufügen” einsetze.“

Dass derjenigen/diejenigen, der das gegenüber dem „ARD-faktenfinder“ gesagt haben soll, nicht namentlich genannt werden will/wollen, das ist uns nachvollziehbar.

Die Preisfrage lautet: Wer lügt mehr, die Messerattacken-AfD oder die faktenverleger-ARD? Spielt ein Messer in sieben Straftaten ´pro Tag in Berlin eine entscheidende Rolle oder steckt es im Wesentlichen in Hosenbünden und wird als eine Art Täterschmuck miterfasst, wie ein Unbekannter der Senatsverwaltung gegenüber „ARD-faktenfinder“ behauptet haben soll?

Bereits der Begriff „Tatmittel“ sollte eigentlich denjenigen, die der deutschen Sprache noch mächtig sind, einen Hinweis darauf geben, wann ein Messer erfasst wird, denn Tatmittel meint „Mittel der Tat“ oder „Mittel zur Tat“, in jedem Fall, ein Mittel, mit dem das Tatziel erreicht werden soll. Welche kognitiven Fehlfunktionen ermöglichen es zu behaupten, im Kontext einer gefährlichen Körperverletzung, die als solche erst „erfasst“ wird, wenn erschwerende Umstände wie die Verwendung eines Messers oder eines Schlagstock hinzukommen, habe das „erfasste Messer“ eigentlich keine Rolle gespielt? [In ähnlicher Weise sprechen das BKA und die Berliner dann vom „Tatmittel Internet“, wenn die Tat mit Hilfe des Internets begangen wurde und nicht schon dann, wenn ein Betrüger ein Smartphone in der Hosentasche hatte.]

Man muss ARD-faktenfinder mit der Mission zum Lügen sein, um auf die Idee zu kommen, ein Messer werde auch dann als „Tatmittel“ erfasst, wenn man es zur Zierde mitgeführt hat. Und wo wir beim Lügen sind, stellt sich die Frage, ob es den Gesprächspartner bei der Berliner Senatsverwaltung, der behauptet haben soll, was Gensing zitiert, überhaupt gegeben hat.

Wir fragen das, weil es in so krassem Gegensatz zu dem steht, was die Berliner Polizei selbst in ihrer Polizeilichen Kriminalstatistik zum „Tatmittel Messer“ schreibt. Wir zitieren, weil es so schön ist, die gesamte Passage aus der Statistik des Jahres 2016, in der dem „Tatmittel Messer“ ein eigener Abschnitt gewidmet ist:

Wie man sieht, ist man bei der Berliner Polizei durchaus der Ansicht, ein Messer als Tatmittel mache eine „Messertat“ aus, sei also in den erfassten Fällen keine Täterdekoration, sondern ein Hilfsmittel zur Zielerlangung. Insofern ein Messer, das eingesetzt wird, um z.B. dem Wunsch eines Täters, sich per Raub in den Besitz fremden Eigentums zu bringen, Nachdruck zu verleihen, auch dann, wenn es nicht in der Weise zum Einsatz kommt, dass Opferblut fließt, eher einer Attacke als einer Form des Hosenbund-Schmucks zuzurechnen ist, muss man feststellen, dass die Frage, wer mehr lügt, hier eindeutig zu Gunsten der „ARD-faktenfinder“, bei denen schon der Name Lüge ist, entschieden werden muss.


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Statistik: Weniger Tote dank Sommerzeit

Die Zeitungen sind wieder voller Hilfestellungen dazu, wie man die Katastrophe, die sich als „Mini-Jetlag“ als Müdigkeit als Durcheinander der inneren Uhr einstellt, weil von Samstag auf Sonntag eine Stunde gestrichen wird, bewältigen kann.

Auch dieses Jahr, so steht zu erwarten, wird die Mehrheit der Bevölkerung ohne Krankenhausaufenthalt die Schwelle zur Sommerzeit nehmen. Auch dieses Jahr wird die Zahl derer, die von der Sommerzeit in den Suizid getrieben werden gering sein, ja selbst die Zahl derjenigen, die ihren Rausch nicht rechtzeitig ausschlafen kann, wird sich in Grenzen halten.

Tatsächlich ist die Sommerzeit ein statistischer Segen für eine Gesellschaft, in der alles an Quoten und Raten und Anteilen und vor allem ungleichen Anteilen gemessen wird. Statistisch schafft die Sommerzeit leben. Die eine Stunde, die fehlt, sie wirkt sich unglaublich positiv auf die Gesellschaft aus, in der sich pro Stunde 104 Tode ereignen. Eine Stunde weniger heißt entsprechend: 104 Überlebende. Die Sommerzeit verlängert Leben. Nicht nur das, die Sommerzeit, die eine fehlende Stunde, sie verringert die Kriminalität, 5 Raube weniger, 16 gefährliche Körperverletzungen, die statistisch nicht begangen werden, 46 einfache Körperverletzungen weniger, 103 weniger Betrogene, 271 Mal Eigentum, das nicht gestohlen wird …

Die Sommerzeit, sie wirkt sich lebensfördernd und kriminalitätsreduzierend aus. Wer es nicht glaubt, der soll nur schauen was passiert, wenn die Sommerzeit endet, dann gibt es plötzlich an einem Tag 104 Tote mehr, 5 zusätzliche Raubtaten, 16 zusätzliche gefährliche Körperverletzungen, 46 einfache Körperverletzungen, 271 zusätzliche Diebstähle und 103 zusätzliche Betrüge.

Wer angesichts dieser Zahlen, die die positive gesellschaftliche Wirkung der Sommerzeit eindrücklich belegen, an seinem „Mini-Jetlag“ festhalten will, dem ist nicht mehr zu helfen.

Nicht eingerechnet wurden all die positiven Wirkungen, die sich auf Sterbeziffer und Kriminalität daraus ergeben, dass es eine Stunde später hell und eine Stunde später dunkel wird.


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Gutmenschenproblem: Mehr Gewalt durch Flüchtlinge in Niedersachsen. Wie kann man das Faktum weg reden?

Das Kriminologische Forschungsinstitut in Niedersachsen (KFN) hat im Auftrag des BMFSFJ etwas herausgefunden.

Ja – wirklich!

Das BMFSFJ hat das KFN beauftragt, herauszufinden, wie sich die Gewalt in Deutschland entwickelt. Herausgefunden haben die KFNler Christian Pfeifer (schon immer PR-Abteilung), Dirk Baier (früherer der, der die Arbeit gemacht hat) und Sören Kliem (heute der, der die Arbeit macht), dass die Gewalt durch Flüchtlinge in Niedersachsen steigt. Um 11,4% sind die von der Polizei erfassten Gewaltstraftaten im Vergleich der Jahre 2014 und 2016 in Niedersachsen gestiegen. 92,1% dieses Anstiegs können auf Flüchtlinge zurückgeführt werden.

Die folgende Tabelle, die aus der Veröffentlichung von Pfeiffer, Baier und Kliem entnommen ist, lässt daran wenig Zweifel. Die 92,1% Anstieg kommen zustande, wenn man die Zunahme von 1.479 aufgeklärten Fällen von Gewalt durch Flüchtlinge, die sich für die den Vergleich der Jahre 2014 und 2016 ergibt, auf 1.606 Fälle Gesamtzunahme prozentuiert. An diesem Ergebnis kann man nichts deuteln. Man kann es natürlich in Relation stellen. Gemessen an der Anzahl von Flüchtlingen, die in Niedersachsen leben, ist der Anteil der Gewalttäter, die polizeilich erfasst wurden unter den Flüchtlingen, von 0,8% auf 1,3% im Vergleich der Jahre 2014 und 2016 gestiegen. Von mehr Flüchtlingen, die in Niedersachsen leben, wird also ein größerer Anteil als Tatverdächtiger, dem ein Gewaltdelikt zur Last gelegt wird, ermittelt.

Flüchtlinge aus dem Maghreb, also vornehmlich aus Algerien und Marokko sind unter den Tatverdächtigen überproportional häufig, während Kriegsflüchtlinge unterproportional häufig als Tatverdächtige erfasst werden, wie die Abbildung oben zeigt.

Dieses Ergebnis ist insofern eines, das man nicht wegdiskutieren kann. Für die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik für Niedersachsen, die in Tabelle und Abbildung eingegangen sind, muss man annehmen, dass sie im Rahmen des Üblichen akkurat sind. Die Daten beschreiben das, was Kriminologen als Hellfeld bezeichnen: Die Straftaten, die der Polizei bekannt geworden sind, dadurch, dass sie angezeigt wurden. Bezogen auf die Tatverdächtigen setzt sich das Hellfeld aus den ermittelten Tatverdächtigen zusammen.

Dem Hellfeld steht das Dunkelfeld gegenüber, jener Bereich der Straftaten, die begangen werden, ohne der Polizei bekannt zu werden und der Täter, die die Polizei für Straftaten, die ihr bekannt werden, nicht ermittelt oder von denen sie, weil ihr die Straftaten nicht bekannt wurden, schlicht nichts weiß.

Das Dunkelfeld zeichnet sich dadurch aus, dass man NICHTS über es weiß (deshalb der Name). Man weiß nicht, wie viele Straftaten es umfasst, weil sie der Polizei nicht bekannt werden, und man weiß nicht, wie viele Täter nicht ermittelt werden, weil man nicht weiß, wie viele Straftaten begangen werden, ohne dass die Polizei davon erfährt und weil man bei denen, die der Polizei zwar bekannt wurden, dann nichts über den oder die Täter weiß, wenn die Polizei den oder die Täter nicht ermitteln konnte.

Kriminologen haben seit Jahrzehnten versucht, dieses Dunkelfeld aufzuhellen. Außer mehr oder weniger wilden Schätzungen, ist dabei nichts herausgekommen.

Und deshalb haben Gutmenschen ein Problem: Wie kann man den Anstieg der Gewaltkriminalität in Niedersachsen, der zu 92,1% von Flüchtlingen verursacht wurde, weg reden, denn Flüchtlinge, das sagt der neue Orientalismus, sind die edlen Wilden, die keine Gewalttaten begehen.

AutorIN Jörg Wimalasena von der Taz macht einen Versuch, die garstige Realität, wie sie da aus den ungewollten Ergebnissen, die man im BMFSFJ nicht für möglich gehalten hat, sonst hätte man keinen Auftrag erteilt, zu entfernen.

Zwei Rosinen hat sich Wimalasena aus der 102 Seiten umfassenden Veröffentlichung von Pfeiffer, Baier und Kliem gepickt, von denen er denkt, sie könnten das Wegreden der Realität, wie sie sich in den Daten der Polizei darstellt, ermöglichen:

Flüchtlinge werden dann, wenn sie Täter sind, häufiger angezeigt als deutsche Täter. Doppelt so häufig, wie die drei vom BMFSFJ-Beauftragten herausgefunden haben wollen.

Und Gewalttaten würden dann, wenn sie im persönlichen Umfeld erfolgten, seltener angezeigt.

Die Richtung beider Versuche einer Argumentation ist klar: Die Anzahl der deutschen Gewalttäter ist unterschätzt, die Anzahl der Flüchtlinge, die Opfer einer Gewalttat werden ebenfalls. Beides soll sich darauf auswirken, dass die Zunahme der Gewaltkriminalität nicht durch Flüchtlinge verursacht ist oder nicht zum überwiegenden Teil.

Diese Rabulistik ändert natürlich nichts daran, dass die Anzahl der Flüchtlinge, die die Polizei als einer Gewalttat Verdächtige ermittelt hat in Niedersachsen von 612 im Jahre 2014 auf 2.091 im Jahr 2016 gestiegen ist. Eine Zunahme von Gewalttaten durch Flüchtlinge kann man somit nur in Abrede stellen, wenn man nach den derzeit gültigen Kriterien geistiger Umnachtung, als geistig umnachtet eingeschätzt werden muss.

Was man in Frage stellen kann und was Gutmenschen wie der AutorIn der Taz in Frage stellen wollen, kann also nicht die Zunahme von Gewalt durch Flüchtlinge sein, sondern die Relation dieser Zunahme zu anderen Zunahmen, von denen wir nichts wissen. Gutmenschen wie Wimalasena lieben es daher, eine Phantasie in Gewalt, die man kaum mehr als normal ansehen kann, zu ersinnen. Sie mögen es offenkundig, sich vorzustellen, dass ganz viele deutsche Gewalttäter nicht polizeilich erfasst werden bzw. dass ganz viele Gewalttaten deutscher Tatverdächtiger der Polizei gar nicht bekannt werden. Diese Gewalt-Phantasie wird dann in Texten wie dem der taz ausgelebt, um die Daten der PKS, die die TATSÄCHLICH DER POLIZEI BEKANNTGEWORDENEN STRAFTATEN umfassen, madig zu machen und zu behaupten, dass es noch Straftaten und Täter gibt, von denen wir zwar überhaupt nichts wissen, aber dennoch behaupten können, dass sie deutsche sind.

Begünstigt wird derartiger geistiger Durchfall durch wissenschaftlich unlautere Methoden, die Pfeiffer (von dem man es wohl gewöhnt sein sollte), Baier (von dem man es nicht gedacht hätte) und Kliem (der es nicht nötig hätte) in ihrer Publikation anwenden, um den Schein vorzuspiegeln, man könne etwas über das, von dem man nichts weiß, nämlich vom Dunkelfeld, herausfinden.

13.% von 10.000 niedersächsischen Schülern gaben auf eine entsprechende Frage an, dass sie einen Täter Moritz bei einem Opfer Max bei der Polizei anzeigen würden, 28,6% gaben an, dass sie einen Täter „Igor“ bei einem Opfer „Mehmet“ anzeigen zu würden, und 27,2% sagten, dass sie einen Täter Mehmet bei einem Opfer Max anzeigen würden. Letztlich daraus schließen Pfeiffer, Baier und Kliem, dass Flüchtlinge (Mehmet, nicht Igor) häufiger angezeigt würden als Deutsche, wenn sie eine Gewalttat verüben. Es sind Schlüsse wie dieser, die die Kriminologie zu einem Witz werden lassen.

Stellen Sie sich vor, sie kennen die Lottozahlen der letzten Ziehung. Offensichtlich gibt es sieben Zahlen im Hellfeld und 42 im Dunkelfeld. Nun fragen wir 10.000 niedersächsische Schüler welche Zahlen sie wählen würden, wenn sie Lotto spielten. Die Zahlen 7, 12 und 28 werden von den Schülern überproportional häufig genannt. Daraus schließen wir, dass die Beteiligung der Zahlen 7, 12 und 28 an den sieben Lottozahlen bislang unterschätzt wird.

Gibt es einen Leser, der ein derartiges Vorgehen für normal halten würde? Nun, Pfeiffer, Baier und Kliem wollen es als normal hinstellen, und in AutorIN Jörg Wimalasena haben sie bereits das erste Opfer gefunden, das alles glauben würde, wenn man damit der Realität, dass im Vergleich der Jahre 2014 und 2016 in Niedersachsen 1.479 Flüchtlinge mehr als mutmaßliche Gewalttäter ermittelt wurden, entgehen kann.

Man kann es nicht.

So wenig wie man den angeblichen Befund, dass Gewalttaten, dann, wenn sich die Täter kennen, seltener angezeigt werden, nutzen kann, um die Anzahl der Tatverdächtigen Flüchtlinge zu relativieren, weil Flüchtlinge den Nachteil haben, ihre Gewaltopfer häufig nicht zu kennen, wie es z.B. bei den 337 Opfern eines Raubes, die 2016 in Niedersachsen gezählt wurden, der Fall sein dürfte. Weil also Täter angeblich seltener angezeigt werden, wenn das Opfer sie kennt, haben Flüchtlinge als Gewalttäter einen Nachteil gegenüber deutschen Tätern, weil deutsche Täter ihren Opfern häufiger bekannt sind. Schon wenn man diese verquere Rabulistik wiedergibt, kann man eigentlich nicht anders als am Verstand derer, die in manchen Redaktionsstuben sitzen, zu zweifeln. Aber selbst wenn man nicht zweifelt, bleibt doch das, was Pfeiffer, Baier und Kliem auf Seite 76 ihres Werkes schreiben: „Durchweg lautete deren Erklärung, dass sich innerhalb einer Migrantengruppe eine informelle Gruppennorm entwickelt, wonach man die deutsche Polizei aus internen Konflikten möglichst heraushalten sollte“. Kurz: Gewaltstraftaten unter Migranten werden der Polizei auch selten bis gar nicht bekannt.

Alle Versuche, die Zahlen zu relativieren, müssen entsprechend als gescheitert angesehen werden. Es hilft eben nichts. Die Anzahl der Gewalttaten, die der Polizei bekannt geworden sind, ist in Niedersachsen gestiegen. Die Anzahl der Flüchtlinge, die die Polizei als Täter ermittelt hat, auch und über das, worüber wir nichts wissen, wissen wir eben nichts, egal, wie sehr sich manche wünschen, egal, wie sehr sie ihre Phantasie anstrengen, das, was nicht bekannt ist, ist halt nicht bekannt. Wer es nicht glaubt, der kann sich ja einbilden, er wüsste die Lottozahlen, die nächsten Samstag gezogen werden und die Probe aufs Exempel machen.

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