Politische Debilität: Die Abwärtsspirale der öffentlichen Indoktrination

Wer betriebswirtschaftliche Literatur durchleiden muss, dem ist das Motiv des Wandels bestens bekannt. Kein Konzept, das verspricht, Manager glücklich und Kassen voll zu machen, vergisst den Wandel: Ob Lean Management, Business Process Re-Engineering, Quality Function Deployment oder Dynamic Capabilities, Wandel und vor allem die Reaktion auf den Wandel sind von zentraler Bedeutung, leben wir doch in einer sich schnell wandelnden Welt, in der das, was gestern noch gegolten hat, heute schon überholt ist – high velocity environment. Auch dafür gibt es bereits einen Bezeichnung.

Es ist ja auch etwas dran. Man ist besser flexibel und stellt sich auf Veränderungen in seiner Umgebung ein, folgt dem Umleitungsschild, um nicht in die Baugrube zu fahren, kauft im Internet, weil es da billiger ist und einem die Mitmenschen nicht auf den Füßen stehen – Lernen nennt man das auch: Die Reaktion eines Organismus‘ auf eine sich verändernde Umwelt; die Adaption von neuen, bislang unbekannten oder von im Prinzip bekannten, aber modifizierten Dingen.

Nur Mainstream-Journalisten und die meisten Mitglieder der politischen Klasse, also alle diejenigen, die direkt mit dem, was sie „Politik machen“, nennen, ihr Geld verdienen oder diejenigen, die direkte Nutznießer der Politik sind, die gemacht wird, sie scheinen auf Veränderungen in der Umwelt nicht zu reagieren, sie zeigen sich lernresistent, unfähig zu lernen, lernbehindert, ja debil.

Nun gibt es natürlich immer drei Arten der Reaktion auf Veränderung: (1) Man kann sich der Veränderung anpassen, (2) man kann versuchen, die Veränderung seinerseits und in seinem Sinne zu verändern und man kann (3) die Veränderung ignorieren.

Die Optionen 2 und 3 sind die Optionen der Wahl in der deutschen politischen Klasse und ihrem journalistischen Anhängsel.

Eine kleine Liste von Veränderungen:

  • 2002 haben Diefenbach und Klein einen Beitrag veröffentlicht, in dem sie gezeigt haben, dass nicht Mädchen, sondern Jungen im deutschen Bildungssystem Nachteile haben. Die Verstörung über dieses Ergebnis hallt bis heute nach. Versuche, das Ergebnis wegzureden oder zu diskreditieren (Variante 2) sind gescheitert, entsprechend sind wir bei Variante 3 angekommen: Ignorieren und versuchen, die Realität auszusitzen.
  • Seit Jahrzehnten zeigt sich, dass Deutsche nicht die Anzahl von Kindern in die Welt setzen, die die politische Klasse für wünschenswert hält. Programme, Kinderbesitzer zu bestechen, sind ebenso gescheitert wie Programme, die versuchen, Kinderfreie zu bestrafen, etwa durch höhere Abgaben bei der Pflegeversicherung. Als gäbe es diese empirischen Fakten nicht, machen Angehörige der politischen Klasse weiter munter die Familienpolitik, die schon seit Jahrzehnten scheitert, gemäß dem Motto: Jeder hat seinen Preis. Wenn das Bestechungsgeld für Fertilität hoch genug ist, gibt es auch mehr Kinder.
  • Seit mehreren Jahrzehnten versuchen Mitglieder und Nutznießer der politischen Klasse ihre Bevölkerung so umzuerziehen, dass sie zu dem passen, was sie für die richtige Art von Bürger halten: feministisch, homosexuell, anti-rassistisch, altruistisch, idealgewichtig, teamfähig, ehrenamtlich unentgeltlich arbeitender, williger Steuerzahler und ansonsten schweigender Kopfnicker, so kann man den für die politische Klasse idealen Bürger beschreiben. Dieser ideale Bürger ist weit und breit nicht zu sehen. Die Versuche, ihn zu schaffen, werden immer frenetischer.

Statt mit Idealbürgern sehen sich Politiker und ihr journalistischer Anhang immer mehr mit Bürgern konfrontiert, die sie als Problembürger ansehen. Bürger mit anderer und deshalb falscher Meinung.

  • Still thinking.jpgEin recht ansehnliches, aber dennoch kleines Häuflein von Dresdenern läuft durch Dresden und tut seinen Missmut über Zuwanderung kund.
  • 1,4 Millionen Bürger zahlen keine GEZ Gebühren.
  • Immer mehr Bürger bringen ihren Widerspruch und ihren Ärger über die Politik im Internet zum Ausdruck.
  • An unterschiedlichen Orten in Deutschland sammeln sich Bürger, um ihren Widerstand dagegen zu demonstrieren, dass Schulen zu Anstalten öffentlicher Indoktrination umfunktioniert werden.
  • Politiker, die sich auf Jubelveranstaltungen im Freien eingestellt haben, werden mit verärgerten Bürgern, die ihnen nicht zujubeln aus ihrer Feierstimmung getrieben.
  • Eine Partei, die sich vom Mainstream absetzt, hat Zulauf und Wahlerfolge.
  • Die Mehrheit der Bürger Großbritanniens entscheidet sich, entgegen dem, was in deutschen Medien und bei Mainstream-Politikern für richtig gehalten wird, gegen einen Verbleib in der EU.
  • In den USA wird ein Mann zum Präsidenten gewählt, den die Mainstream-Presse mit Hassartikeln und Mainstream-Politiker mit kruden Beleidigungen (Hassprediger) verfolgen.

Die politische Welt, wie sie Mainstream-Politiker, die Journalisten, die ihnen anhängen und die Nutznießer, die von ihnen abhängen, kennen, sie zerfällt in Scherben. Die Welt wandelt sich, verändert sich.

Und wie reagieren Politiker, die Medien an der Leine und die abhängigen Günstlinge?

In allen Fällen, die in der oben genannten Liste enthalten sind, reagieren sie gleich: Sie beschwören das Ende der Welt ob der Veränderung, die sie sehen. Sie appellieren an das Gute, denn die Veränderung, die sie sehen, ist aus ihrer Sicht schlecht. Sie verleumden, diskreditieren, beleidigen diejenigen, die sie als Schuldige der Veränderung ausgemacht haben, versuchen sie lächerlich zu machen. Sie wollen belehren, erziehen, wollen den widerspenstigen Problembürger, der sich so gar nicht nach Vorgabe verhält, zu dem machen, was sie als Idealbürger ansehen.

Seit Jahren wiederholt sich dasselbe, gerade dargestellte Schauspiel, in den folgenden fünf Akten:

Bürger weichen von dem ab, was Politiker für sie vorgesehen haben.

Von Politikern abhängige Journalisten versuchen, die Abweichler auszugrenzen, zu beschimpfen und zu diskreditieren.

political-correctness-fsEs werden Bundesprogramme aufgelegt, mit dem Ziel, das Heer der Nutznießer zu finanzieren, damit es die Abweichler auf den für Politiker richtigen Pfad zurückführt, mindestens aber dafür sorgt, dass Kinder und Jugendliche nicht auch von dem Weg abweichen, der für sie vorgegeben ist.

Die Bürger, die in Medien Beleidigung und Diskreditierung ausgesetzt sind und sich mit Umerziehungsprogrammen konfrontiert sehen bzw. sehen, wie ihre Kinder indoktriniert werden sollen, werden noch ärgerlicher als sie es sowieso schon sind und erhöhen ihren Widerspruch und ihren Widerstand.

Politiker sehen, dass alle Versuche, den idealen Bürger, wie er oben beschrieben wurde, zu schaffen, wieder gescheitert sind, schicken eine weitere Meute abhängiger Journalisten in den Ring, um die Abweichler noch mehr zu beschimpfen, zu diskreditieren und noch stärker auszugrenzen. Sie erhöhen die Mittel für Umerziehungsprogramme wie „Demokratie leben!“, womit natürlich gemeint ist, „die Demokratie, die wir für Euch vorgesehen haben, so leben, wie wir das für Euch vorgesehen haben!“, das Heer der Nutznießer wird größer und der Widerstand gegen die Umerziehung auch. Politiker sehen abermals, dass ihre Versuche, den idealen Bürger zu erziehen, gescheitert sind und schicken eine weitere Sturmabteilung der staatseigenen Presse in die Gräben der gesellschaftlichen Auseinandersetzung … und so weiter – bis es knallt.

Menschen sind angeblich eine Spezies, die in der Lage ist, Umweltinformationen flexibel und schnell zu verarbeiten und sich an Veränderungen anzupassen, wenn dies erforderlich ist. Wenn z.B. eine Mauer wie auch immer quer durch den Bundestag gebaut wurde, dann kann man versuchen, wie dies Politikern nahezuliegen scheint, auf diese Veränderung damit zu reagieren, dass man mit Geschwindigkeit und Kopf voran gegen diese Mauer rennt. Umsonst. Den fehlgeschlagenen Versuch kann man als Indiz dafür nehmen, dass die Mauer härter ist als der eigene Kopf und lernen, entweder mit der Mauer zu leben oder einen anderen Weg zu finden, die Mauer zu beseitigen. Man kann den fehlgeschlagenen Versuch auch als Beleg dafür nehmen, dass es mehr als eines Versuchs bedarf, um die Mauer zum Einsturz zu bringen und sich dem Irrtum hingeben, der Schaden am eigenen Kopf sei geringer als der Schaden an der Mauer, der durch jeden Kopfeinschlag verursacht wird.

Deutsche Politiker und Journalisten agieren in dieser Weise. Sie versuchen nach jedem Ereignis, das ihrer Vorstellung einer idealen Welt mit idealen Bürgern nicht entspricht, wieder und wieder die Mauer der Bürger zum Einsturz zu bringen – durch ein wildes Anrennen mit Beschimpfung, Diffamierung, Ausgrenzung, noch mehr Mitteln zur Erziehung, mit noch mehr Finanzierung von noch mehr Günstlingen, die Bürger mit ihren wirren Versuchen, Bürger noch intensiver zum richtigen Bürgersein zu erziehen, noch mehr verärgern, so lange, bis der Krug bricht, bis die Abwärtsspirale auf dem Boden angekommen ist.

Man sollte denken, diese Systematik sei leicht erschließbar, eingängig, durchschaubar und verstehbar. Für viele Politiker und Journalisten ist sie das aber nicht. Sie erweisen sich als lernresistent, ja lernbehindert, so dass man eine gewisse Debilität annehmen muss. Wie sonst sollte man erklären, dass jemand wieder und wieder Kopf voran gegen eine Mauer rennt? Aber: Debilität hat ihr natürliches Ende, dann nämlich, wenn die Abwärtsspirale, die wir beschrieben haben, auf dem Boden angekommen ist oder – um im Bild zu bleiben –, dann wenn auch der letzte Politiker von der Realität eingeholt worden ist und gelernt hat, dass die Zeiten, in denen Politiker und das Heer ihren bezahlten Günstlinge unwidersprochen durch die Lande ziehen konnten, um Bürger zu erziehen und „den Menschen“ zu sagen, wo es lang geht, vorbei sind.


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10 Responses to Politische Debilität: Die Abwärtsspirale der öffentlichen Indoktrination

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  2. rote_pille says:

    Zu dem Schluss muss man kommen – unter der Annahme, dass das angegebene Ziel wirklich das gewünschte ist.

  3. Bayer says:

    Ein wirklich großes Dankeschön für Ihren wahrhaftigen und fundierten Artikel.

    Schöne Grüße,

    Bayer

  4. Thomas Thordsen says:

    Sehr guter Artikel. Trifft es genaus auf dem Punkt. Nur ein Manko: Diejenigen, die es angehen soll, lesen und verstehen diesen Artikel nicht. Diejenigen, die ihn lesen und verstehen, sind genau diejenigen, die im Artikel als “Wutbürger” bezeichnet werden und sich nicht über die Mainstreammedien mehr informieren.

    • Uranus says:

      Ja, aber die Menge derjenigen, die den Artikel verstehen und die Menge derjenigen, die den Artikel nicht verstehen, sind keine unveränderlichen Fixgrößen. Die jeweilige Menge der Versteher und der Nichtversteher unterliegt einer ständigen dynamischen Veränderung, wobei die Indizien darauf hindeuten, daß die Menge der Versteher größer und die Menge der Nichtversteher kleiner wird, was nicht zuletzt auch eine Folge von Artikeln wie dem obigen und vieler anderer Veröffentlichungen in Blogs, Foren und Videos ist. Sogar die zunehmende Plumpheit der systemkonformen Propaganda trägt mittlerweile zum beschleunigten Verstehen bei.

  5. Charlotte says:

    Es ist ein Phänomen, wie die Besitzer und Akteure der größten öffentlichen Bühnen es in kurzer Zeit und alle gemeinsam geschafft haben, eine Einheitsfront gegen ihre Kundschaft zu errichten. Der Wandel fand nicht in der Masse statt, das Problem ist eher die Trägheit der Masse, die sich nicht so leicht und so schnell und so grundlegend wandeln lässt. Und die Wahl der Mittel. Die Brechstange ist nicht das geeignete Werkzeug, um politisches Handeln zu erklären.

  6. lernender says:

    “Am 22. Juli 2016 erinnerte ich an Napoleons Flucht aus seiner Verbannung auf Elba, den Beginn der hundert Tage, und zwar wegen der Kommentare der zeitgenössischen Presse. Als der Korse am 1. März 1815 in See stach, notierte eine französische Gazette: “Der Menschenfresser hat seine Höhle verlassen.” 20 Tage später sollte Napoleon in Paris einziehen. In der Zwischenzeit produzierte die Pariser Presse unter anderem folgende Schlagzeilen: “Der korsische Werwolf ist bei Cap Juan gelandet.” – “Der Tiger ist zu Gap angelangt.” – “Das Ungeheuer ist nach Grenoble entkommen.” – “Der Tyrann verweilte in Lyon.” – “Der Usurpator hat sich Paris auf 60 Meilen genähert.” – “Napoleon wird morgen unter unseren Mauern sein.” – “Der Kaiser ist zu Fontainebleau angelangt.” – “Seine Kaiserliche Majestät hielten gestern Abend Ihren Einzug in Ihr Tuilerien-Schloss.”

    Ich treffe das Thema vielleicht nicht ganz, auch das Zitat habe ich von Klonovsky übernommen, auch wenn ich das schon kannte.

    Aber genau das wird passieren in den nächsten Wochen.
    Alle, die am Steuertrog saufen, laufen sukzessive über um noch ein Plätzchen zu ergattern.
    Hofer wird in Österreich BP.
    Le Pen in Frankreich wird Staatspräsidentin.
    Geert Wilders wird die Niederlande anführen.
    Die Raute hat es geschafft an einem einzigen Tag im September 15 mit drei Worten
    das politische Weltgefüge zu verändern. Kann sein, dass da schon unterschwellig ein Haufen ausgeschüttetes Benzin verdunstet ist, aber Frau Merkel hat es in ihrer tapsigen, infantilen Art geschafft, das angezündete Streichholz rein zu werfen.

    Drei Worte “wir schaffen das” – und Deutschland ist wieder isoliert und hat sich politisch zu einem failed State entwickelt, in einer Geschwindigkeit, was vorher undenkbar war.

    Danke, Mama Merkel

    ..und fahr zur Hölle..

  7. corvusalbusberlin says:

    Dass die Karre in den Dreck gefahren ist, haben wohl inzwischen fast alle mitbekommen.
    Sogar der größte Teil der Bevölkerung.

    Warum lassen sämtliche Politiker sie dennoch ungehindert so weitermachen?

    Selbst Seehofer hat nur Dampf abgelassen.

    Vielleicht könnte mir das jemand erklären.

  8. whgreiner says:

    Grundschüler, die in Sprechchören den demokratisch gewählten, zukünftigen Präsidenten der USA schmähen: bis dato kannte man so etwas aus Nordkorea. Mehr muss man dazu wohl nicht mehr sagen.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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