Mehrheit findet Gutmensch und Lügenpresse akzeptabel

“Was meinen Sie: Sind diese Begriffe generell in öffentlichen Debatten und politischen Diskussionen akzeptabel?”. Diese Frage hat YouGov im Rahmen des YouGov-Omnibus gestellt, 1049 Teilnehmer am Omnibus haben die Frage beantwortet.

Demnach sind Gutmensch und Lügenpresse Begriffe, die von einer Mehrheit der Befragten als im öffentlichen Diskurs akzeptabel angesehen werden. Dagegen sind die Begriffe “Pack” und “Arschloch”, die Sigmar Gabriel oder Joschka Fischer im öffentlichen Diskurs genutzt haben, für die Mehrheit der Befragten nicht akzeptabel.

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Das ist ein eindeutiges Votum und eines, mit dem Moritz Wichmann von YouGov ringt, zeigt es doch nach seiner Ansicht, dass “problematische Begriffe” der “politischen Rechte[n]”, dass “rechtes Vokabular” für viele Deutsche akzeptabel sind. Die problematischen Begriffe “Gutmensch” und “Lügenpresse” grenzt Wichmann gegen “‘normale’ abwertende Beschimpfungen wie Luder und Arschloch” ab, was einmal mehr zeigt, wie problematisch die Begriffe “Lügenpresse” und “Gutmensch” für Angehörige des Mainstream doch sind und wie normal für sie die Benutzung von Begriffen wie Arschloch, oder Pack doch zu sein scheint. Aber das ist ihr Problem.

Fangen wir zunächst mit der Feststellung an, dass Begriffe Begriffe sind. Ihre Bedeutung ist ihnen nicht immanent. Die Bedeutung von Begriffen ist der Gegenstand von Konvention und Übereinkunft. Irgendwie hat sich der Begriff Berg zur Bezeichnung von Erhebungen durchgesetzt, während der Begriff „grumph“ keine Mehrheit für seine Verwendung zur Bezeichnung von Erhebungen in der Landschaft erhalten hat. Also reden wir von Bergen, obwohl wir auch von Grumpf reden könnten.

Als Konsequenz ergibt sich, dass Begriffe keine Essenz haben, sie sind nicht irgendwie. Es gibt keine linken und keine rechten Begriffe. Die Bezeichnung „rechter Begriff“ oder „rechtes Vokabular“ ist eine Zuschreibung, die wertend gemeint ist. Wenn also von „rechten Begriffen“ die Rede ist, dann hat dies nichts mit den Begriffen als solchen zu tun. Es ist vielmehr der Ausdruck eines Interesses bei demjenigen, der einen Begriff wie „Gutmensch“ oder „Lügenpresse“ als rechten Begriff bezeichnet. Da mit dem Zusatz „rechts“ eine Abwertung vorgenommen werden soll, ist klar, dass die Bezeichnung „rechter Begriff“ oder „rechtes Vokabular“ von demjenigen, der sie vornimmt, genutzt wird, um die Verwendung des Begriffs, hier Gutmensch bzw. Lügenpresse in Frage zu stellen. Darin besteht offensichtlich sein Interesse.

Nun sind Gutmensch und Lügenpresse empirische Begriffe, die eine Behauptung über Individuen oder Organisationen aufstellen, eine Behauptung, die in beiden Fällen prüfbar ist. Wir haben z.B. den Begriff des Gutmenschen definiert, als – in aller Kürze – Person, die von missionarischem Eifer besessen ist und die andere mit ihrer Überzeugung, besser als diese anderen zu wissen, was gut für diese anderen ist, verfolgt und sich das Recht einräumt, durch Zwang, diese anderen zum Gutmenschenheil zu bekehren“. Auf Basis dieser Definition ist es problemlos möglich zu prüfen, ob eine bestimmte Person ein Gutmensch ist oder nicht.

Dasselbe gilt für den Begriff “Lügenpresse”. Die Behauptung hinter dem Begriff lautet: Die Presse oder Teile der Presse verbreiten Lügen und behaupten, die Lügen seien Fakten. Auch hier ist es einfach, den Vorwurf zu prüfen. So hat Markus Gärtner ein Buch mit dem Titel „Lügenpresse“ geschrieben, in dem er eine Fülle von Beispielen anführt, die nach seiner Ansicht deutlich machen, dass in Printmedien Lügen verbreitet werden. Es steht all denen, die den Begriff „Lügenpresse“ nicht mögen, offen, die Beispiele zu widerlegen und zu zeigen, dass die Behauptung, in der Presse würden Unwahrheiten verbreitet und es würde versucht, die Leser zu manipulieren, falsch ist. Gleiches ist auch für die Beiträge möglich, in denen wir gezeigt haben, wie falsche Meldungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verbreitet werden. Jeder kann versuchen zu zeigen, dass unsere Argumentation falsch ist.

Seltsamerweise hat bislang noch niemand versucht, den Kern, der hinter „Gutmensch“ oder „Lügenpresse“ steckt zu entkräften und z.B. zu zeigen, dass alle Beispiele, die falsche oder bewusst falsche Berichterstattung in Medien auflisten, falsch sind und der Begriff der Lügenpresse somit nicht gerechtfertigt ist.

Stattdessen wird versucht, Begriffe wie Gutmensch oder Lügenpresse als rechte Begriffe zu diskreditieren. Und wer hat wohl ein Interesse daran, die Verwendung von Begriffen wie “Gutmensch” oder “Lügenpresse” zu unterbinden?

In jedem Fall ist der entsprechende Versuch, wie die Umfrage von YouGov zeigt, in die Hose gegangen. Die meisten Befragten sind der Ansicht, beide Begriffe seien in der öffentlichen Diskussion akzeptabel. Die selben Befragten sind mehrheitlich der Ansicht, dass Begriffe wie „Arschloch“ und „Pack“, die regelmäßig als Beschimpfung und eben nicht als empirischer Begriff gebraucht werden, nicht akzeptabel sind.

Wäre die SPD eine Volkspartei, die, wie dies unter Helmut Schmitt der Fall war, bei Bundestagswahlen in der Gegend von 40% der Stimmen zu finden ist, es sollte die Parteistrategen (sofern es sie gibt) nicht kalt lassen, dass die Begriffswahl von Sigmar Gabriel von 72% der Befragten als nicht akzeptabel bezeichnet wird. Nun ist die SPD keine Volkspartei mehr, sondern eine Partei, die auf dem Weg zur Bedeutungslosigkeit ist und dann, wenn Parteien unter 20% fallen, weicht in der Regel der Versuch, eine konstruktive Sprache zu sprechen dem Versuch, in ideologischer Apodiktik die eigene Position als unverrückbare Wahrheit darzustellen. Und wenn man selbst im Besitz der Wahrheit ist, dann müssen all die anderen, die diese Wahrheit nicht einsehen wollen, wohl uneinsichtiges Pack (oder rechtes Gesindel) sein.

 

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14 Responses to Mehrheit findet Gutmensch und Lügenpresse akzeptabel

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  3. Richard Scheck says:

    Im Schwäbischen kann Arschloch ein Kompliment sein. Hat sogar der dortige Ministerpräsident neulich in der Talkshow von Markus Lanz erläutert. Also Vorsicht mit solch oberflächlichen Umfragen.

  4. Olge says:

    Ich sage — als mein Postulat/subjektive Einschätzung. Und in einer subjektiven Interpretation einer mir oft am Nächsten stehenden Ideologie, dem Liberalismus –: Alles ist “akzeptabel”, wenn es sich auf unbestimmt-allgemeine Bezugs-Abstraktionen bezieht. Das ist politisch (und gesellschaftliche Ebene etc.). Wenn es sich auf konkrete Personen bezieht ist es eine andere Frage, aber auch hier existiert immer Pluralismus und offene Gegenseitigkeit ist theoretisch gut und praktisch besser als partikularistische/ungleiche Zensur.
    Z.B. “Arschloch” ist für mich konkreter als das abstrakt-politische “Gutmensch” und daher würde ich es dem konkreter-persönlicheren Bereich zuordnen. Aber eine strafbare Beleidigung sollte es auch nicht sein. Ist ja Ausdruck einer subjektiven Einschätzung und weder Tatsachsenbehauptung noch Aufruf zu irgendetwas.

  5. Gereon says:

    Die deutsche Sprache ist eine sehr exakte, weshalb sie auch lange die Sprache der Wissenschaft war. Dies liegt voe allem auch an den Wortbildungsmöglichkeiten, die die Begriffe Gutmensch und Lügenpresse hervorgebracht haben. Das die begriffe berechtigt, ja vonnöten sind, geht aus dem Artikel hervor. Und schon die Tatsache, das die Presse den Begriff Lügenpresse als rechts und Nazi zu diffamieren sucht und damit die, die ihn aussprechen, gebrauchen, beweist, das er gerechtfertigt ist, den nach meinen Informationen tauchte der Begriff Mitte des 19. Jhdt. nach dem Hambacher Fest auf und somit im Kontex der bürgerlichen Mitte.

  6. Aufgewachter says:

    Der Gutmensch

    https://aufgewachter.files.wordpress.com/2016/12/gutmenschen-syndrom.png

    https://aufgewachter.files.wordpress.com/2016/12/der_gewinn_des_einen_ist_der_verlust_des_anderen.png

    https://lh3.googleusercontent.com/-lubHbC62wcs/VmabrKEBpvI/AAAAAAAAR-c/M7A0pgLPtPM/w1060-h782/Funktionsweise_GutmenschHirn.jpg

    Definition : Der Gutmensch, ein scheinheiliger Moralapostel mit hinterlistigen Absichten. Wenn Du frierst dann leiht er Dir einen Mantel und läßt sich in der Öffentlichkeit als Wohltäter feiern. Das er aber als Gegenleistung zwei Mäntel zurück haben will, daß verheimlicht dieser. Er fordert Dich zum Teilen Deiner Wohnung und Arbeit mit Flüchtlingen auf, ist aber nicht selber bereit zum Abgeben. Er fordert Dich auf für einen Sklavenlohn arbeiten zu gehen und verdient selber mehr, als genug. Der Gutmensch legt sich alles so zurecht, wie er es gerade braucht. Wenn er doch etwas zu verschenken hat, dann sind das leere Versprechungen, abgelaufene Lebensmittel, getragene Klamotten oder Dinge, die eh´schon kaputt sind.

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  8. Walter Oberkersch says:

    na wenn man Lügenpresse etwas frei übersetzt, kriegt man ? Richtig: fake news. Das ist dann der Unterschied zwischen rechts und links. Man kann ja den “Rechten” nicht das Gleiche vorwerfen, also muss man es englisch/amerikanisch verpacken…

  9. Christian Wurm says:

    Also wenn ich das richtig verstanden habe, ist jemand, der die Worte “rechte Gesinnung” oder “rechtes Vokabular” benutzt, sich selbst aber als nicht rechts bezeichnet, jemand, der automatisch eine Wertung in diese Begriffe interpretiert, wohingegen jemand, der sich selbst als rechts bezeichnet, die Worte “Lügenpresse” oder “Gutmensch” benutzt, ohne dabei die entsprechende Person zu bewerten? Als normal denkender Mensch, der weder rechts, noch links ist, jedoch Neonazis verachtet und ein gesundes Verhältnis zum Verständnis von Gut und Böse besitzt würde mich interessieren, welche wertfreien Begiffe für Leute wie mich verwendet werden. Ihr habt Probleme, pfh…

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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