Vögel und Schmetterlinge: Artenverlust durch Umwelt- und Naturschutz

Ein Leser hat uns auf einen Artikel hingewiesen, den Werner Kunz, Professor für Biologie an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf in der Zeitschrift “Entomologie heute” veröffentlicht hat. Es ist u.a. deshalb ein bemerkenswerter Artikel, weil hier gegen den Mainstream gedacht wird, den Mainstream, der behauptet, wenn man die Natur und die Umwelt in eine natürliche Form bringe, wenn man aufforste, wenn man Kohle-Tagebaue schließe und re-naturiere, wenn man Naturschutzgebiete ausweise, die der Natur überlassen blieben, dann diene dies nicht zu letzt dem Tier-, dem Artenschutz, dann würden sich viele Schmetterlinge, Vögel und andere Tiere wieder ansiedeln, Bestände von Arten wieder wachsen, die zur Zeit auf roten Listen geführt werden.

Das Gegenteil ist der Fall, wie Kunz argumentiert und am Beispiel von Vögeln und Schmetterlingen zeigt.

Dazu trennt er zunächst zwischen Arten, die das offene Land als Lebensraum benötigen und solchen, die in Wäldern leben. Alle in Deutschland vom Aussterben bedrohten Schmetterlings- und Vogelarten, alle Schmetterlings- und Vogelarten, die bereits ausgestorben sind, finden sich unter Ersteren, keine unter Letzteren.

Im nächsten Schritt führt Kunz, der mit dem Begriff der „Art“ nicht glücklich ist, ihn aber wegen seiner Verbreitung beibehält, eine Trennung ein: Umweltschutz ist nicht gleich Artenschutz und Naturschutz ist schon gar nicht gleich Artenschutz.

Kunz (2013: 175)

Umweltschutz, wie er z.B. in erneuerbaren Energien seinen Niederschlag findet, hat mit Artenschutz nichts zu tun, wie die vielen Vögel und Fledermäuse, die Opfer von Windrädern werden, belegen. Gleichwohl, so Kunz, sei Umweltschutz erfolgreich. Die Luft sei sauberer als noch vor 50 Jahren, die Flüsse seien sauberer als vor 50 Jahren, Ortschaften und Straßen seien viel sauberer als noch vor 50 Jahren, dennoch sei die Artenvielfalt von Vögeln und Schmetterlingen in den letzten 50 Jahren zurückgegangen. Umweltschutz wirke sich offensichtlich nicht positiv auf die Artenvielfalt aus: „Viele Watvogelarten (Limicolae) finden mehr Nahrung in organisch ungereinigten Gewässern als in geklärten Gewässern“ (Kunz 2013: 168). Die Vorstellung von Umweltschutz, die Menschen haben, entspricht somit nicht den Bedürfnissen, die viele Vögel oder Schmetterlinge an ihre Umwelt stellen: 

“Viele artenreiche Biotope aber sind weder Natur noch sind sie besonders ästhetisch. Dazu gehören Müllplätze, Rieselfelder, Abgrabungsflächen und Truppenübungsplätze, die oft besonders reich an gefährdeten Arten sind” (Kunz 2013: 169)

Noch schädlicher als der Umweltschutz wirkt sich der Naturschutz auf die Artenvielfalt bei Vögeln und Schmetterlingen aus. Naturschutz frönt in Deutschland immer noch der romantischen Vorstellung, nach der die Natur und vor allem der Wald das organische Gegenstück zu einer Industrialisierung und anorganischen Zivilisation des Menschen ist. Die Vorstellung, dass Wald der Inbegriff organischer Freiheit sei und das Gegenstück zu künstlichen Eingriffen des Menschen in seine Umwelt, ist das Ergebnis dieser romantischen Schwärmerei, die in der Forderung nach Aufforstung vom stillgelegten Tagebau oder vom Kieswerk gipfelt. Aufforstung führt jedoch zur Verdrängung der Schmetterlings- und Vogelarten, die offenes Land benötigen, die an Abbruchkanten oder Abgrabungsflächen siedeln. Auch die romantische Vorstellung, dass Naturschutz darin bestehe, Flächen sich selbst zu überlassen, hat erhebliche Folgen gerade für die Schmetterlings- und Vogelarten, die auf roten Listen zu finden sind. Sie benötigen in der Regel den kargen Boden und die offene Fläche. Beides wird in Naturschutzgebieten, die sich selbst überlassen bleiben, schnell von der Natur zurückerobert, mit dem Ergebnis, dass Schmetterlinge und Vögel verdrängt werden: „Ebenso sind viele Schmetterlingsarten der mitteleuropäischen Wälder auf forstliche Eingriffe angewiesen. Sie können nicht in einem dichten, dunklen Wald leben. Die meisten Tagfalter Mitteleuropas sind Lichtwaldarten, die warme, offene Lebensräume im Wald besiedeln“ (Kunz 2013: 169).

Natur- und Umweltschutz verbindet sich in unheilvoller Weise mit Stickstoff, dem Element, das über Kunstdünger auf Äcker und über Abgasrohre in die Luft abgegeben wird. Als Ergebnis hat sich im Verlauf von 50 Jahren der Stickstoffeintrag durch Regen ver25facht. Staat 1-2 kg Stickstoff pro Jahr regnen nun mehr als 40 kg Stickstoff pro Hektar und Jahr auf Böden. Als Konsequenz sind karge Flächen fast vollständig verschwunden und mit ihnen die Schmetterlinge und Vögel, die auf sie angewiesen sind: „Flächen mit kargem Bewuchs sind heute selten geworden. Durch die Düngung aus der Luft wurde eine Katastrophe eingeleitet, die nach Auffassung einiger Autoren mehr Pflanzenarten verdrängt hat und damit Insekten beseitigt hat als alle Insektizide“ (Kunz 2013: 179).

Die Vorstellung, dass die Ausweisung von Naturschutzgebieten, der Schutz der Umwelt, die Klärung von Abwässern oder die Aufforstung von Tagebau und Abraumhalden auch Tieren, der Artenvielfalt von Tieren zu Gute kommt, ist somit ein Mythos, der auf die romantische Verklärung vieler Natur- und Umweltschützer zurückzuführen ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Truppenübungsplatz, der mit Bombentrichtern übersät und von Panzerspuren durchwühlt ist, ist der Artenvielfalt förderlicher als die meisten Naturschutzgebiete.

Kiunz (2013: 185)

Folglich schreibt Kunz: „Um den gegenwärtigen Artenschwund in Mitteleuropa zu verstehen, bedarf es der Einsicht, dass der Artenreichtum der Offenlandarten früherer Jahrhunderte nicht auf einem intakten Naturhaushalt beruht hat, sondern im Gegenteil auf dessen Zerstörung […] Die frühere Entwicklung der Kulturlandschaft war nicht dadurch bestimmt, dass der Mensch die Natur fördern wollte, sondern jeder Eingriff in die Landschaftsgestaltung erfolgte aus Eigeninteresse der Bewirtschafter. Trotzdem [besser: gerade deswegen] entstanden durch diese Eingriffe viele artenreiche Habitate, jedoch nicht als Ergebnis einer naturschützerischen Zielsetzung, sondern als unbeabsichtigtes Nebenprodukt wirtschaftlicher und verkehrspolitischer Zielsetzung. […] Keines dieser Habitate wurde mit dem Ziel geschaffen, den Artenreichtum in diesen Gebieten zu erhöhen. Aber alle diese artenreichen Biotope hatten eines gemeinsam: Es handelt sich um vom Menschen gemachte Habitate, nicht um Naturgebiete“ (Kunz 2013: .

Deshalb stehen am Ende des Beitrags von Kunz die folgenden Erkenntnis:

Wenn man Tieren, Schmetterlingen, Vögel, die vom Aussterben bedroht sind, helfen will, dann ist es zunächst notwendig Artenschutz von Natur- und Umweltschutz zu trennen. Da die beiden Letzteren Ersteren verunmöglichen, das Artensterben beschleunigen. Auf dieser Grundlage können dann der Natur Habitate abgerungen werden, die die bedrohten Arten zum Leben brauchen: „Aus der Perspektive des Schutzes gefährdeter Arten können die Tagebauabgrabungen im Köln-Jülicher Raum und der Kiesabbau am Niederrhein nicht als Zerstörung eingestuft werden, wie das heute noch von den Naturschutzverbänden getan wird, die dem Schutz der Umwelt und der Natur höhere Priorität einräumen, als dem Schutz der Arten“ (Kunz 2013: 189) – woran sich die Frage anschließt, für wen die entsprechenden Verbände Naturschutz betreiben wollen.

Fazit:
Natur- und Umweltschutz sind verantwortlicher für den Rückgang der Schmetterlings- und Vogelarten als der Einsatz von Insektiziden oder dergleichen. Der Eintrag von Stickstoff in die Böden tut ein übriges, und die Unfähigkeit von Naturschützern einzusehen, dass für manche Arten von Schmetterlinge und Vögeln genau die Art von „Natur“ überlebenswichtig ist, die sie als künstlich und unerträglich ansehen, hat zu einer Vernichtung von Lebensraum geführt, und Schmetterlings- und Vogelarten auf rote Listen befördert.

Einmal mehr zeigt sich, dass Gutmenschen eine Spur der Zerstörung hinter sich herziehen und die beste Absicht nichts nutzt, wenn es am notwendigen Wissen und an der notwendigen Einsicht fehlt.

Kunz, Werner (2013). Artenförderung durch technische Gestaltung der Habitate – Neue Wege für den Artenschutz. Entomologie heute 25: 161-192.

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