Parteipolitiken erklärt: Welche Parteien Migranten wählen

In der Politikwissenschaft gibt es grob gesprochen zwei Ansätze zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen bestimmten Wählergruppen und Parteien. Der erste Ansatz, der eng mit Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan verbunden ist, geht von gesellschaftlichen Konflikten aus, die konstitutiv für die Gründung von Parteien sind (waren). Der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital ist hier das langsam aber sicher angegraute Paradebeispiel. Die SPD und andere linke Parteien werden als Ergebnis dieses Interessenkonflikts zwischen Arbeitern und Unternehmen angesehen. Deshalb besteht eine Bindung zwischen Arbeitern und linken Parteien.

Wie gesagt, der Ansatz ist angegraut und die Empirie weicht eher von ihm ab, als dass sie ihm entsprechen würde.

Der zweite Ansatz kommt aus der politischen Ökonomie und ist mit den Namen von Joseph Schumpeter und Anthony Downs verbunden. Parteien werden hier zu Anbietern auf einem politischen Markt, die ihre Angebote, wie sie z.B. im Wahlprogramm zu finden sind, an der/den gesellschaftlichen Gruppe/n ausrichten, von der/denen sie sich den größten Zuspruch erwarten, wenn sie sich als deren Interessenvertreter andienen. Parteien sind somit keine Vertreter generischer Interessen, sondern Opportunisten, die ihr politisches Angebot an dem Wählersegment ausrichten, das sie gewinnen wollen.

Dieser Ansatz hat viel für sich.

Während man auf Basis der Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan von einer Schwierigkeit in die nächste läuft, z.B. wenn man versucht, die derzeitige Politik der SPD, die arbeitnehmerfeindlich und mittelschichtsfrauenfreundlich ist oder die Politik der CDU, die eher an linke als an konservative Werthaltungen, wie man sie auf dem Land oder in religiösen Milieus findet, appelliert, zu erklären.

Beides ist kein Problem, wenn man Parteien als Waschmittelanbieter ansieht, die ein Kundensegment für ihr besonderes Produkt suchen (Nebenbei kann man mit diesem Ansatz erklären, warum sich die meisten Parteien im Namen und wenig darüber hinaus unterscheiden…).

Wer die zweite Sicht vertritt, wer Parteien für opportunistische Anbieter dessen, was eine bestimmte Klientel, die sie ansprechen wollen, hören will, hält, der hat wenig Probleme z.B. die Ausrichtung der Migrationspolitik bei der SPD oder bei der LINKE oder bei den Grünen zu erklären, wenn er die folgenden Daten kennt.

Die Daten stammen aus der Migrationswahlstudie, die unter Leitung von Achim Goerres an der Universität Duisburg-Essen durchgeführt wird. Die ersten Ergebnisse für die Bundestagswahl 2017 wurden gerade veröffentlicht. Sie basieren auf einer Befragung von je 500 Russlanddeutschen und Deutschtürken, bei der unter anderen gefragt wurde, ob sich die jeweiligen Befragten an der Bundestagswahl beteiligt haben und wenn ja, welche Partei sie gewählt haben.

Die Ergebnisse, die wir hier darstellen, entstammen dem hier verlinkten Bericht und sind nicht verallgemeinerbar. Sie geben einen ersten Eindruck in das wahrscheinliche Wahlverhalten der jeweiligen Gruppen und erklären vor dem Hintergrund, dass Parteistrategen solche Ergebnisse gewöhnlich mit einem induktiven Fehlschluss verallgemeinern, die politischen Präferenzen im Bereich der Migrationspolitik, die SPD, Grüne und LINKE gerne in Gesetze gießen würden.

Von den 500 Befragten Deutschtürken haben 64% angegeben, dass sie bei der Bundestagswahl ihr Wahlrecht ausgeübt haben. Die Ergebnisse basieren somit auf maximal 320 befragten Deutschtürken (maximal deshalb, weil man davon ausgehen muss, dass nicht alle der 320 Befragten eine Antwort gegeben haben). Von den 500 Befragten Russlanddeutschen gaben 58% an, an der Bundestagswahl teilgenommen zu haben. Das macht maximal 290 Befragte, die für die dargestellten Ergebnisse verantwortlich sind.

Wie man sieht, scheinen Deutschtürken eine Kernklientel der schrumpfenden SPD darzustellen, was bedeutet, der Stellenwert der Interessen von Deutschtürken steigt innerhalb der SPD.

Diese Beobachtung gilt auch für die LINKE und die Grünen/Bündnis90, wobei die LINKE auch unter Russlanddeutschen sehr beliebt zu sein scheint. Der Anteil von CDU und CSU ist in beiden Lagern unterdurchschnittlich, während AfD und FDP unter Russlanddeutschen deutlich besser abschneiden als unter Deutschtürken. Wie gesagt, diese Ergebnisse sind eigentlich nicht verallgemeinerbar, aber das wird Parteistrategen nicht daran hindern, es dennoch zu tun und deshalb hat man eine Erklärung für die Ausrichtung bestimmter Politiken.

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6 Responses to Parteipolitiken erklärt: Welche Parteien Migranten wählen

  1. Markus Meier says:

    Die geschiedene Studienrätin hat sowieso entweder keine oder wenig Kinder, reisst zwar in der SPD die Klappe auf, ist aber auf lange Sicht uninteressant. Der türkische Malocher wählt traditionell SPD und hat mehrere Kinder, in den zu investieren ist klug – ob die SPD noch genug langen Atem hat, diesen Erfolg in 20-30 Jahren einzufahren, wenn die Bevölkerung langsam gekippt sein wird ist m.E. allerdings fraglich.
    Linke haben überhaupt keine Kinder, da Atheisten, deshalb reden sie zwar immer von der goldenen Zukunft, meinen damit aber eher ihr eigenes Altern, das die Kinder der anderen bequem gestalten soll, wozu sie unter allerlei moralischen Vorbehalt gestellt werden.
    Die CDU ist seit Merkel nicht mehr wiederzuerkennen, dass sie trotzdem 30% noch bekommen hat (also nur 1/4 aller Wähler verloren hat) ist für mich geradezu ein Wunder.
    Grüne als Klientelpartei haben seit Jahren etwa den gleichen Anteil mit ihrer Devise “Sozialismus mit smiley”.

    • Heike Diefenbach says:

      Ach,
      lieber Herr Meier,

      wir haben es auf diesem blog schon so oft festgehalten, und müssen es wohl einmal mehr tun:

      Wir Kinderfreien würden uns sehr, sehr viel besser stellen, wenn unsere Einnahmen nicht so hoch versteuert würden und wir deshalb einen größeren Anteil unseres Einkommens in unsere eigene Altersvorsorge investieren könnten, als mit diesem horrend hohen Steuersatz jetzt die Betruung, Bildung und Erziehung anderer Leute Kinder zu finanzieren, die vorhersehbar nicht hinreichend wird, um uns einen Lebensabend in Würde und ohne finanzielle Not zu finanzieren.

      Das Problem ist die Zwangsumlage:
      Gäbe es sie nicht, dann könnten z.B. Sie in Ihre Kinder oder die Kinder anderer Leute investieren und hoffen, dass Ihre Kinder oder die Kinder anderer Leute willens und fähig sein werden, Sie im Altern zu finanzieren. Und wir Kinderfreien könnten für unser eigenes Alter vorsorgen, ohne dass wir uns diesbezüglich auf die Lust, Launen und Fähigkeiten einer zukünftigen Erwachsenengeneration verlassen zu müssen, ganz zu schweigen von den vielen Unwägbarkeiten mit Bezug auf Weltpolitik und wirtschaftliche Entwicklung, die ein Umlagesystem ohnehin von Anfang an als unrealistische Träumerei erklären.

      Ein Zwangsumlagesystem basiert auf der Idee, dass sich nichts ändert (bzw. ändern darf: Geburtenentwicklung, Sterblichkeit, wirtschaftliche Entwicklung, Generationenbilder, einfach fast alles ….), und weil sich in der Realität ständig alles ändert, muss versucht werden, die Situation künstlich und unter allen Umständen halbwegs stabil zu halten (oder vozugaukeln, sie sei stabil oder könne stabil gehalten werden). Und das bedeutet: Planwirtschaft, Abschottungspolitik, von oben gesteuerte Zuteilung, d.h. Sozialismus und Totalitarismus.

      Und deshalb bin ich ganz und gar gegen ein Zwangsumlagesystem zur Altersversorung und wäre es auch, wenn ich nicht kinderfrei wäre. Und m.W. ist das alles andere als eine linke Position – und jedenfalls bin ich, wie Sie wissen, keine “Linke” oder “Rechte”, sondern eine Liberale, was bedeutet, dass man sich die Freiheit nimmt, jenseits der Denkvorgaben Dinge einzeln und gemäß vernünftiger Kriterien zu beurteilen.

      Im Übrigen bin ich insofern Atheist als ich nicht naiv genug bin, mir angesichts der realen Verhältnisse im Universum einen wohlmeinenden Gott vorstellen zu können, der es, obwohl er sich so um alles sorgt, einfach nicht besser kann, oder nicht psychisch krank genug bin, um mir einen Gott vorzustellen, der sadistisch oder gleichgültig genug ist, um die real existierenden Verhältnisse bereitwillig zu verantworten. Ich bin also tatsächlich Nicht-Theist und habe dafür gute rationale und psychologische Gründe. Ich bin Buddhist (und damit Empiriker).

      Ich darf Sie, glaube ich, bitten Ihre Vorurteile gegenüber Kinderfreien wie mir zu überdenken, und ich bin zuversichtlich, dass Sie schon bei oberflächlicher Überlegung zu einer Korrektur derselben kommen werden – weil ich ja aus einschlägigen Zusammenhängen weiß, dass Sie logische Fehler als solche durchaus klar erkennen können 🙂

  2. Hartmut Lau says:

    Es ist absolut widerlich wie die Parteien im Reichstag gegen die Interessen der deutschen Voelker arbeiten, und wirtschaftlich auspluendern. Jagd all diese unverantwortlichen Subjekte aus dem Reichstag. Denn jene haben vergessen ($$$$) fuer wen jene zu D I E N E N haben!!
    Zeigen wir jene die rote Karte.

    Die Loesung dieser Aufgabe ist doch schon laengst im Werden. Und hier kann jeder Deutsche mitwirken:

    https://www.verfassunggebende-versammlung.com/

    und hier funkt das ohne Parteien, denn wir sind das Volk.

  3. eht says:

    Der gewiss unverdächtige Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration hat 2016 in der Studie „Schwarz, rot, grün – welche Parteien bevorzugen Zuwanderer?“ bereits nahegelegt, dass einzelne Migrantengruppen sehr verschiedene Parteipräferenzen haben.
    Danach stehen Spät-/Aussiedler der Union besonders nahe (45,2 %), türkeistämmige Wähler der SPD (69,8 %!). Zuwanderer aus der EU, die bis 2000 nach Deutschland gekommen sind, wählen am häufigsten SPD (41,3 %), solche, die nach 2000 gekommen sind, bevorzugen die Union (42,3 %). Für Menschen „aus der übrigen Welt“ gilt die SPD mit 39,0 % als Favorit. Menschen mit Migrationshintergrund als Gesamtgruppe wählen häufiger SPD und Linke, seltener Union, gleich häufig grün. (Quelle: SVR-Integrationsbarometer 2016). Zuwanderung müsste theoretisch also dem linkeren politischen Spektrum zugute kommen.

  4. Heike Diefenbach says:

    @eht

    Nur zur Klärung:
    Den Satz
    “Der gewiss unverdächtige Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration …”
    haben Sie ironisch gemeint, oder etwa nicht?!??

    Dessen ungeachtet können die Ergebnisse, von denen Sie berichtet haben, selbstverständlich zutreffend sein, je nachdem, wie gut die Befragung methodisch ist, aus denen sie stammen ….

  5. Jürg Rückert says:

    Der älteste Ansatz für eine Partei findet sich im Clanführer, dem Chef am Pavianfelsen. Er spricht Recht, führt im Kampf und gibt die Marschrichtung vor. An seiner Seite steht der Religionskundige, der Zauberer. Im Islam sind Religion, Schwert und Gesetz oft in einer Person vereint. Das erhöht die Schlagkraft.
    Die Parteien ähneln Fußballclans. Ihre Wähler sind ihre Fans.
    Sippen- und Stammesdenken ist so eingefleischt wie vor 1000 Jahren. Blut ist dicker als ein Pass.
    Der griechischstämmige EU-Abgeordnete der FDP kämpfte fanatisch für die Griechenlandrettung.
    Ein türkisch verwurzelter Finanzminister würde für eine “Türkeirettung” stimmen. Der blaue Himmel des Vaterlandes ist ein für allemal zertrümmert. Wir gehen über seine Splitter. Wohl bekomms!

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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