AfD-Wähler pessimistisch und ängstlich – Adenauerstiftung veröffentlicht jetzt auch Junk

Oft reichen schon die ersten Sätze einer angeblich wissenschaftlichen Studie, um zu wissen, dass man es mit Junk zu tun hat. Unter dem Titel „Von A wie Angst bis Z wie Zuversicht“ hat die Konrad-Adenauer-Stiftung die Ergebnisse einer natürlich „repräsentativen Untersuchung zu Emotionen und politischen Einstellungen“ veröffentlicht.

Die vermeintliche Untersuchung ist Junk, wie gleich zu Beginn deutlich wird:

„In der Wahl- und Parteienforschung herrschten lange Zeit Erklärungsansätze vor, die von rationalen Akteuren und Entscheidungen ausgingen. Die Bedeutung von Emotionen wurde hingegen vernachlässigt. Doch aus der Psychologie weiß man inzwischen, dass „[o]hne Emotionen […] alle Optionen gleich viel wert [wären], und es wäre uns egal, was wir präferieren, wählen und tun würden“. Inzwischen beschäftigt sich auch die Politikwissenschaft mit dem Einfluss von Emotionen.“

Diese Sätze stammen von Sabine Pokorny, die bei der KA-Stiftung (KA für Konrad Adenauer oder Keine Ahnung) „seit September 2011 Koordinator… Empirische Sozialforschung in der Hauptabteilung Politik und Beratung“ ist. Pokorny hat nie Politikwissenschaft studiert, insofern ist es nicht verwunderlich, dass sie Unsinn schreibt.

In der Wahl- und Parteienforschung herrscht das Problem vor, dass sich Wahlverhalten nicht als rationale Entscheidung erklären lässt. Die einzige Theorie der rationalen Wahlentscheidung (im doppelten Sinne) stammt von Anthony Downs und formuliert das Gegenteil, dass es für Wähler NICHT rational ist, wählen zu gehen, denn ihre Stimme ist nichts wert. Wer merkt es, ob Hans X die CDU gewählt hat? Niemand. Warum bleibt Hans X dennoch nicht zuhause, warum verhält er sich irrational und geht wählen?

Reichen wir die Frage weiter an Max Weber, dessen Handlungstypen sich in den Theorien, die tatsächlich die Wahl- und Parteienforschung lange Zeit beherrscht haben, wiederfinden.

Wähler wählen Parteien, weil sie einen irrationalen Glauben an deren „Mission“ teilen, eine Mission mit historischen Wurzeln in Konfliktlinien zwischen Stadt und Land, Arbeitern und Unternehmern, Religiösen und Atheisten. Die Cleavage-Theorie erklärt Wahlverhalten über eine Art der irrationalen Vasallentreue. Warum ist jemand heute noch der Überzeugung, die SPD sei eine Arbeiterpartei und wählt die Partei deshalb? Die Antwort von Stein Rokkan und Seymour Martin Lipset: Weil sie an den Gründungsmythos der Partei, der die SPD zum Kämpfer für Arbeiterinteressen stilisiert, glauben und sich in der Sozialstruktur ihrer Gesellschaft auf der Seite der Partei wähnen.

Tatsächlich sind die meisten Theorien, die versuchen, Wahlverhalten zu erklären, psychologische oder sozialpsychologische Erklärungen, wie Pokorny wüsste, wenn sie Ahnung hätte, was sie nachweislich nicht hat. Die „Parteidentifikation“ in den 1960er Jahren von Angus Campbell, Philip Converse und Warren Miller dem „American Voter“ auf den Leib geschrieben, geht von einer Sozialisation aus. Man wählt Parteien, weil man in ihre Wahl sozialisiert wurde, wählt was Großvater, Onkel und Bruder wählen, was die Peers für wählbar halten. Parteiidentifikation ist ein Sozialisationsergebnis, sie ist alles, nur rational ist sie nicht. Wahlverhalten ist traditionell oder affektiv, wenn gewählt wird, weil der Kandidat gefällt, bekannt als Theories of Candidate Attractiveness. Abermals stammen sie aus der Sozialpsychologie und rekurrieren nicht auf rationales Verhalten.

Lediglich der Median-Voter, den man vermutlich James N. Enelow und Melvin J. Hinich und ihrer Spatial Theory of Voting anlasten muss, rekurriert noch auf rationales Wahlverhalten. Er tut das unter Nutzung einer Kunstfigur, mit der sich erhebliche Zweifel verbinden, ob sie in der Wirklichkeit gefunden werden kann.

Lange Ausführung kurz gefasst: Theorien, die Wahlverhalten rational erklären wollen, herrschen nicht vor, sie führen bestenfalls eine Randexistenz und das schon seit Jahrzehnten. Was von den zitierten Erkenntnissen der „Psychologie“, nach denen ohne Emotionen alle Optionen gleich viel wert sein sollen, zu halten ist .. Machen wir ein Experiment. Entscheiden Sie sich zwischen Kartoffelchips und Schokolade. Wetten, Sie entscheiden nach Präferenz und Geschmack und ihre Liebe zur Kartoffel oder ihr Hass auf Schokoladenhersteller spielen keine Rolle?

Und weil Dilettantismus die Angewohnheit hat, zu einer Sucht zu werden, schreibt Pokorny weitere 14 Seiten voll, mit Ergebnissen, die natürlich repräsentative Befragungen erbracht haben sollen, Ergebnissen wie dem folgenden:

Ob Tabelle 1 auf schlechten Stil, vorsätzliche Irreführung oder Dilettantismus zurückzuführen ist, ist eigentlich egal, interessant ist nur, dass die Ergebnisse, die als Beleg für „Emotion“ angeführt werden, keinerlei Beleg für Emotion liefern, denn die Aussage, „wenn das so weitergeht, sehe ich schwarz für Deutschland“, hat nichts mit Angst und nichts mit “Emotionen vor Zukunft” (3) zu tun, wie Pokorny behauptet. Das kann man leicht feststellen, wenn man den Ärger, den der Schreiber dieses Textes angesichts von solchem Junk, der Sozialforschung sein will, empfindet, den Ergebnissen gegenüberstellt.

Da AfD-Wähler die AfD wählen, weil sie mit dem Zustand von Deutschland nicht zufrieden sind, wäre alles andere als ihre Zustimmung zu der Aussage, dass Sie schwarz sehen, wenn „das“ so weitergeht, überraschend. Überraschend wäre auch, wenn man diese Ergebnisse interpretieren könnte, wie Pokorny das tut, denn um die Ergebnisse als „Emotionen“ interpretieren zu können, müsste man zumindest wissen, was „das“ ist, das, wenn es weitergeht, schwarz sehen lässt. Aber was „das“ ist, weiß man nicht. Die Befragten so wenig wie die Auszähler der Ergebnisse. Und deshalb haben wir alle ein unterschiedliches Verständnis davon, was „das“ ist, das bei Weitergehen schwarz sehen lässt. Es kann alles und gar nichts sein. Deshalb verbietet sich jede Interpretation, wie Pokorny wüsste, wenn sie von empirischer Sozialforschung auch nur rudimentäre Kenntnisse erworben hätte. Hat sie aber offensichtlich nicht. Hätte sie es, sie wüsste, ein „eher Zustimmen“ zur Aussage, dass wenn „das“ so weitergeht, man schwarz für Deutschland sehe, keinen generellen Pessimismus oder „negativen Blick in die Zukunft“ darstellt, oder nur dann, wenn man eine Nationalistische Perspektive einnimmt, die davon ausgeht, dass „das“ die alleinige und generelle Determinante der Zukunft ist. Um das festzustellen, dass das für „das“ so ist, müsste man wiederum wissen, was „das“ ist, auf das nunmehr die Befragten geantwortet haben, was man dummerweise nicht weiß, weshalb man nicht wissen kann, ob „das“ das ist, was die Zukunft alleine determiniert.

Eigentlich ganz einfach. Aber dennoch zu schwierig für die Adenauer-Stiftung. Oder: wo ein Wille zur Produktion bestimmter Ergebnisse ist, da ist auch immer ein Weg. Lauterkeit und empirische Sozialforschung sind dann eben „das“, was dann auf der Strecke bleibt.

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Die neue Hass-ologie: Wirrer Aluhut-Journalismus und die rechtsextreme Weltverschwörung

Hass als Strategie“, so lautet der selten dämliche Titel (leider fällt uns keine andere Beschreibung ein) eines Beitrags von Jan-Christoph Kitzler in der ARD, der unter der Rubrik „Faktenfinder“ veröffentlicht wurde. Die Faktenfinder der ARD zeichnen sich immer häufiger dadurch aus, dass sie den Aluhut aufsetzen und Verschwörungstheorien verbreiten, wobei sie Letzteres gerne mit Bezug auf das ISD (Institute for Strategic Dialogue) tun, das zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten zitiert wird, ebenso wie Amnesty International. Beide, ISD und Amnesty beschäftigen neuerdings die wissenschaftlichen Koryphäen, die die Belege dafür, dass rechter Hass Wahlergebnisse hervorbringt, wie es Kitzler mutmaßt, liefern.

Bei den Faktenfindern werden die Brötchen, die gebacken werden, immer kleiner. Scheinbar will sich kein Wissenschaftler mehr von den Hobby-Scientologen bei der ARD missbrauchen lassen. Also bleiben sie immer häufiger bei den Hobby-Wissenschaftlern des ISD oder von Amnesty International hängen und preisen deren seltsame „Studien“ als heiligen Gral der politisch Korrekten an.

Die Studien sind es jedoch nicht einmal wert, genauer gelesen zu werden. Warum? Weil Wissenschaft auf einer Erkenntnisidee basiert. Vermeintliche Studien, in denen eben einmal von einer interessierten Organisation wie Amnesty International behauptet wird, dass es im italienischen Wahlkampf 500 belegte Fälle gäbe, in denen Wahlkreis-Kandidaten „rassistische, diskriminierende oder auch islamfeindliche Propaganda verbreitet“ hätten, sind nutzlose ideologische Onanie, denn (1) weiß niemand, nach welchen Kriterien, die Herrschaften bei AN Aussagen als rassistisch, diskriminierend oder auch islamfeindlich klassifizieren, (2) selbst wenn man das wüsste, wäre die Frage der Wirkung offen, denn damit aus einer rassistischen Aussage etwas anderes wird als eine rassistische Aussage, muss sie eine Wirkung entfalten. Belege für solche Wirkungen gibt es nicht. Schließlich (3): Selbst wenn eine rassistische Aussage von Matteo Salvini eine Wirkung bei Claudio Detesti ausgelöst hat, so wäre noch zu belegen, dass diese Wirkung irgend etwas mit dem Wahlausgang in Italien zu tun hat. Aber derartige Probleme, die Wissenschaftler haben, haben Kitzler und seine Lieferanten natürlich nicht. Ihnen geht es darum, eine Verschwörungstheorie zu zimmern und als Studie zu präsentieren.

Auch die angebliche Studie vom ISD ist nicht besser. Dort wurden rechte Netzwerke in den sozialen Netzwerken untersucht, und es wird beschrieben, wie sich rechte Aktivisten miteinander vernetzen, und wie sie versuchen, die Deutungshoheit zu gewinnen. Versuche, die Deutungshoheit zu gewinnen, sind das, was Politik ausmacht. Wäre dem nicht so, Kandidaten würden keine Reden halten, Parteien keine Wahlprogramme schreiben und keine Veranstaltungen vor Ort durchführen. Es ist also überhaupt nichts Bemerkenswertes daran, dass sich die Anhänger der Parteien, die von links außen rechts sind, im Internet zusammentun und dort versuchen, ihr Vorgehen zu koordinieren. Deshalb ist eine angebliche Studie, die lediglich die Strukturen rechter Netzwerke untersucht und sie nicht z.B. mit denen, linker Netzwerke vergleicht, die die Aussagen einer Seite im politischen Spektrum akribisch analysiert ohne die Aussagen der anderen Seite im politischen Spektrum zu berücksichtigen, ideologischer Junk, den man nur den sogenannten Faktenfindern von der ARD unterschieben kann.

Und damit sind wir beim Hass.

Der Hass ist für Kitzler eine Strategie.

Hass ist für ihn ein Mittel, das Rechte benutzen, Rechte, von denen man irgendwie den Eindruck hat, Kitzler würde sie hassen. Diese Rechten, sie nutzten Hass, so das verquere Bild im Kopf des angeblichen Faktenfinders, um Menschen zu manipulieren, einen neuronalen Kurzschluss zu erzeugen, der dann dazu führt, dass diese Menschen, die eigentlich ihr Kreuz bei einer der Parteien machen wollten, die Kitzler nicht hasst, nunmehr und von der Hass-Verbindung zu Matteo Salvini und seiner Lega oder zu Front National und Le Pen oder Strache und FPÖ oder Gauland und AfD oder Wilders und seiner Partei für Freiheit oder Vanhecke und sein Vlaams Belang oder Orban und seine Fidesz Partei oder … gesteuert, ihr Kreuz bei einer hassenswerten Partei zu machen, also kurz: selbst hassen.

Das nennt man eine Verschwörungstheorie. Die Faktenfinder verbreiten diese Verschwörungstheorie. Sie sind also keine Faktenfinder, sondern Aluhut-träger, deren Theorie über das Wahlverhalten von Menschen auf einer Ebene mit der Theorie derjenigen steht, die denken, Menschen würden durch Chemikalien, die dem Treibstoff von Flugzeugen beigemischt werden, manipuliert.

Wir haben über die letzten Jahrzehnte beobachtet, wie Teildisziplin der Sozialwissenschaften nach Teildisziplin zerstört wurde. Erst war es die Genderista, die ihre Irrationalität in die Sozialwissenschaften getragen hat und damit das Bild einer ernstzunehmenden Sozialwissenschaft, wie es die theoretischen Ansätze der Konflikttheorie und des Rational Choice, wie es Wissenschaftler von James S. Coleman, Robert K. Merton über Harold Garfinkel bis zu Michael Hechter systematisch aufgebaut haben, in der Öffentlichkeit zu zerstören. Dann kamen die sozialistischen Spinner aus ihren Löchern und haben ihre Versuche, die eigene prekäre Situation dadurch zu stabilisieren, dass sie sich um Bevölkerungsgruppen zu kümmern vorgeben, die sie sozial unter sich verorten und dort auch halten wollen, zu verbreiten gesucht. Und nun kommt der Psycho-Junk noch dazu, die Aluhut-Träger aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten, die ihre Verschwörungstheorien darüber, wie Wahlentscheidungen bei Menschen zustande kommen unter denen verbreiten wollen, die dumm genug sind, sie zu glauben.

Es gibt, das sei nur am Rande vermerkt, eine lange Tradition politikwissenschaftlicher Wahlforschung. Die Erklärung von Wahlverhalten spielt darin eine zentrale Rolle, die sich in rund 5 verschiedenen Theorien zur Erklärung von Wahlverhalten niederschlägt. Eine Art Äther, der durch Worte des Hasses geschaffen werden kann, der ein Band zu empfänglichen Wählern herstellt und diese quasi hypnotisiert und sie an einem Band, vor allem ihre Hand, an einem Band in die Wahlkabine und zum Kreuz bei rechten Parteien veranlasst, ein solcher Junk ist nicht dabei. Den findet man nur in öffentlich-rechtlichen Anstalten, die diesen Namen, Anstalt, zurecht tragen.

Hass ist übrigens eine Emotion. Und während sich der Begriff anbietet, um von einfältigen Menschen, die sich für Journalisten oder Gutmenschen halten, auf die angewendet zu werden, die etwas tun bzw. sagen, was wiederum die Journalisten und Gutmenschen gar nicht gut finden, eignet sich das Konzept, das, was Hass als Begriff bezeichnen soll, überhaupt nicht dazu, um als Erklärung für Wahlverhalten angeführt zu werden. Allein wenn man das tippt und gezwungen ist einzusehen, dass es Personen gibt, die denken, man wähle die Partei, die man wähle, aus Hass, weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll.

[…]
Ein paar Minuten später.
Wir haben uns aus Gründen des Sebstschutzes für Lachen entschieden.
Zurück zum Hass.
Hass, dieser Meinung sind die Psychologen, die Emotionen wie Hass erforschen, Hass, „ist das Gegenteil von Liebe. Hass entsteht als Reaktion auf emotional sehr verletzende (z.B. Abbruch einer Liebesbeziehung, Hassliebe) oder existenzbedrohende Erlebnisse. Angestrebt wird stets Vernichtung des Hassobjekts“ (Arnold, Eysenck und Meile: Lexikon der Psychologie, S.849).

Damit man hasst, benötigt man somit „emotional sehr verletzende Erlebnisse“. Die Reden von Matteo Salvini mögen für manche derart verletzende Erlebnisse sein, für Schreiber wie Kitzler zum Beispiel. Aber sie sind nicht die Art von Erlebnis, die benötigt wird, um die Wahl von Salvinis Partei zu erklären. Wer hasst, der strebt eine Vernichtung des Hassobjektes an, etwa so, wie die Faktenfinder um Gensing und Kitzler, die ihres Kreuzzuges gegen das, was sie für rechte Parteien halten, nicht müde werden (im Gegensatz zu all den anderen um sie herum). Fast dass man denken könnte, Gensing und Kitzler sehen ihre Existenz als Journalisten-darsteller durch die entsprechenden Parteien gefährdet. Wähler von Salvini, die nach Ansicht von Kitzler ein Band des Hasses mit Salvini teilen, gehen aber gerade nicht hin und versuchen, dessen Partei zu vernichten, nein, sie wählen diese Partei. Das muss Liebe sein.

Man kann die Wähler, die Parteien wählen, die Kitzler, Gensing und den anderen Faktenfinder mit Aluhut nicht gefallen, also nicht über Hass erklären, bestenfalls über Liebe. Aber halt, ganz nebenbei haben wir die Motivation der Aluhut-Faktenfinder erklärt: Hass! Die Aluhut-Faktenfinder sind damit ein Fall für Freud und seine Projektion.


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Parteipolitiken erklärt: Welche Parteien Migranten wählen

In der Politikwissenschaft gibt es grob gesprochen zwei Ansätze zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen bestimmten Wählergruppen und Parteien. Der erste Ansatz, der eng mit Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan verbunden ist, geht von gesellschaftlichen Konflikten aus, die konstitutiv für die Gründung von Parteien sind (waren). Der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital ist hier das langsam aber sicher angegraute Paradebeispiel. Die SPD und andere linke Parteien werden als Ergebnis dieses Interessenkonflikts zwischen Arbeitern und Unternehmen angesehen. Deshalb besteht eine Bindung zwischen Arbeitern und linken Parteien.

Wie gesagt, der Ansatz ist angegraut und die Empirie weicht eher von ihm ab, als dass sie ihm entsprechen würde.

Der zweite Ansatz kommt aus der politischen Ökonomie und ist mit den Namen von Joseph Schumpeter und Anthony Downs verbunden. Parteien werden hier zu Anbietern auf einem politischen Markt, die ihre Angebote, wie sie z.B. im Wahlprogramm zu finden sind, an der/den gesellschaftlichen Gruppe/n ausrichten, von der/denen sie sich den größten Zuspruch erwarten, wenn sie sich als deren Interessenvertreter andienen. Parteien sind somit keine Vertreter generischer Interessen, sondern Opportunisten, die ihr politisches Angebot an dem Wählersegment ausrichten, das sie gewinnen wollen.

Dieser Ansatz hat viel für sich.

Während man auf Basis der Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan von einer Schwierigkeit in die nächste läuft, z.B. wenn man versucht, die derzeitige Politik der SPD, die arbeitnehmerfeindlich und mittelschichtsfrauenfreundlich ist oder die Politik der CDU, die eher an linke als an konservative Werthaltungen, wie man sie auf dem Land oder in religiösen Milieus findet, appelliert, zu erklären.

Beides ist kein Problem, wenn man Parteien als Waschmittelanbieter ansieht, die ein Kundensegment für ihr besonderes Produkt suchen (Nebenbei kann man mit diesem Ansatz erklären, warum sich die meisten Parteien im Namen und wenig darüber hinaus unterscheiden…).

Wer die zweite Sicht vertritt, wer Parteien für opportunistische Anbieter dessen, was eine bestimmte Klientel, die sie ansprechen wollen, hören will, hält, der hat wenig Probleme z.B. die Ausrichtung der Migrationspolitik bei der SPD oder bei der LINKE oder bei den Grünen zu erklären, wenn er die folgenden Daten kennt.

Die Daten stammen aus der Migrationswahlstudie, die unter Leitung von Achim Goerres an der Universität Duisburg-Essen durchgeführt wird. Die ersten Ergebnisse für die Bundestagswahl 2017 wurden gerade veröffentlicht. Sie basieren auf einer Befragung von je 500 Russlanddeutschen und Deutschtürken, bei der unter anderen gefragt wurde, ob sich die jeweiligen Befragten an der Bundestagswahl beteiligt haben und wenn ja, welche Partei sie gewählt haben.

Die Ergebnisse, die wir hier darstellen, entstammen dem hier verlinkten Bericht und sind nicht verallgemeinerbar. Sie geben einen ersten Eindruck in das wahrscheinliche Wahlverhalten der jeweiligen Gruppen und erklären vor dem Hintergrund, dass Parteistrategen solche Ergebnisse gewöhnlich mit einem induktiven Fehlschluss verallgemeinern, die politischen Präferenzen im Bereich der Migrationspolitik, die SPD, Grüne und LINKE gerne in Gesetze gießen würden.

Von den 500 Befragten Deutschtürken haben 64% angegeben, dass sie bei der Bundestagswahl ihr Wahlrecht ausgeübt haben. Die Ergebnisse basieren somit auf maximal 320 befragten Deutschtürken (maximal deshalb, weil man davon ausgehen muss, dass nicht alle der 320 Befragten eine Antwort gegeben haben). Von den 500 Befragten Russlanddeutschen gaben 58% an, an der Bundestagswahl teilgenommen zu haben. Das macht maximal 290 Befragte, die für die dargestellten Ergebnisse verantwortlich sind.

Wie man sieht, scheinen Deutschtürken eine Kernklientel der schrumpfenden SPD darzustellen, was bedeutet, der Stellenwert der Interessen von Deutschtürken steigt innerhalb der SPD.

Diese Beobachtung gilt auch für die LINKE und die Grünen/Bündnis90, wobei die LINKE auch unter Russlanddeutschen sehr beliebt zu sein scheint. Der Anteil von CDU und CSU ist in beiden Lagern unterdurchschnittlich, während AfD und FDP unter Russlanddeutschen deutlich besser abschneiden als unter Deutschtürken. Wie gesagt, diese Ergebnisse sind eigentlich nicht verallgemeinerbar, aber das wird Parteistrategen nicht daran hindern, es dennoch zu tun und deshalb hat man eine Erklärung für die Ausrichtung bestimmter Politiken.

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Tolle Studie: Die NPD wird gewählt, weil sie gewählt wird

„I’m still here. Elektorale Erfolgsbedingungen der NPD in Gemeinden Sachsens“, so hat Reinhold Melcher in aller Ignoranz der Grammatikregeln des Englischen, einen Beitrag in der Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft überschrieben, in dem er zunächst einmal mit dem Makel der späten Publikation seiner alten Daten aus dem Jahre 2013 hadert, wird doch, wie er schreibt, der „NPD sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Forschung mittlerweile nur noch selten Aufmerksamkeit zuteil“. Das ist traurig, aber wir haben ja Melcher, der das mit seinem Beitrag ändert, einem Beitrag, dessen Sprachbombast der Analyseärmlichkeit in nichts nachsteht:

Aber lassen wir den Autoren selbst zu Wort kommen:

„Aufgrund des rasanten Aufstiegs der AfD wird der NPD sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Forschung mittlerweile nur noch selten Aufmerksamkeit zuteil. Häufig vernachlässigt wird allerdings, dass die NPD auf Gemeindeebene nach wie vor vertreten und auch elektoral erfolgreich ist. Jedoch nicht überall gleichermaßen. Auf Basis eines most-similar-case-designs untersucht der Beitrag daher die Erfolgsbedingungen der NPD in sächsischen Gemeinden zur Bundestagwahl 2013. Unter Verwendung von Aggregatdaten von 438 sächsischen Gemeinden und mittels räumlicher Fehlermodelle werden insgesamt 14 Hypothesen getestet, die drei Gruppen von Erklärungsfaktoren entstammen: kulturelle demand-side, materialistische demand-side sowie interne supply-side-Faktoren. Die empirischen Analysen zeigen, dass kulturelle Erklärungsfaktoren den Stimmenanteil der NPD am stärksten beeinflussen, wohingegen die Wirkung materialistischer Gemeindefaktoren durch Drittvariablen konditioniert wird. Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse, dass die NPD im Wesentlichen von günstigen kommunalen Rahmenbedingungen profitiert und nur im begrenzten Maße Einfluss auf den eigenen Wahlerfolg nehmen kann.”

Melcher hat also Aggregatdaten zusammengeklaubt: für 438 sächsische Gemeinden. Was gibt es auf Ebene von Gemeinden? Jetzt kommt das Data Mining.

  • Arbeitslosequote; Gut!
  • Verteilung nach Alter; Gut!
  • Gemeindefinanzen; Gut!
  • Kriminalität; Gut!

Alles spröde: Nennen wir es daher „materialistische demand-side Faktoren“, klingt gleich viel besser.
Weiter:

  • Ausländeranteil; Auch gut!
  • Bevölkerungsdichte; Besonders gut!
  • Pro-Kopf-Mitgliedschaft in Vereinen; Wow!!
  • Anteil der Kirchenmitglieder; Wir sind sprachlos.

Etwas PR-polish und aus den vier langweiligen Datengruppen werden „kulturelle demand-side Faktoren“.

Hört sich gut an, oder?

Noch ein wenig Supply-side gefällig? Aber gerne:

  • Anzahl der NPD-Abgeordneten im Gemeinderat;
  • Fahrtstrecke bis zum nächsten NPD-Wahlkreisbüro;

Damit ist auch gewährleistet, dass wir den Wahlerfolg der NPD mit dem Wahlerfolg der NPD erklären.

Kommen wir nun zu den räumlichen Fehlermodellen im most-similar-case design, bei denen es sich um schlichte Regressionen handelt, die zeigen, dass der Wahlerfolg der NPD tatsächlich vom Wahlerfolg der NPD (gemessen als Anzahl der Abgeordneten in der Gemeinde) beeinflusst wird. Puh. Das beweist, dass etwas gemessen wurde und erklärt, warum Melchert feststellen kann, „dass die NPD im Wesentlichen von günstigen kommunalen Rahmenbedingungen profitiert und nur im begrenzten Maße Einfluss auf den eigenen Wahlerfolg nehmen kann“.

Anders formuliert: Die NPD wird gewählt, weil und wenn Sie gewählt wird. Ein wichtiges Ergebnis, das einmal mehr zeigt, dass keine Tautologie ignoriert werden darf, wenn es darum geht, den Rechtsextremismus an seinen Wurzeln zu zerstören.

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BundestagswahlkRampf: Eine Ode in Riesling

©Dr. Heike Diefenbach, 2017

Manche Leser werden es aufgrund einer undichten Stelle in Weißenheim am Berg mitbekommen haben: Wir waren in Deutschland. Wir haben uns den Wahlkampf direkt angesehen. Nun ja. Wir waren auf dem Wurstmarkt, haben Riesling getrunken, Gespräche geführt, Gebabbelt, wie man in der Pfalz sagt und unsere ethnologischen Feldschlüsse daraus gezogen und mit Riesling verfeinert.

Nun ist es ja so, dass Politikwissenschaftler bevor Wahlkämpfe zu Kommunikationsstrategien und strategischen Kampagnen der Wählerkommunikation und wie das ganze Brimborium so bezeichnet wird, wurden, der Ansicht waren, Wahlkämpfe hätten innerhalb von Demokratien nicht nur die Funktion, Wähler zu belabern, sondern derer gleich vier, nämlich:

Wahlkämpfe sollen informieren, möglichst über das, was man nach der Wahl zu tun gedenkt. Daraus folgt, dass Wahlkampfinformationen hinlänglich konkret sein müssen, so dass man in etwa weiß, was einem erwartet, wenn man Partei X wählt.

Wahlkämpfe sollen vernetzen, Wähler und diejenigen, die gewählt werden wollen, Wähler untereinander, diejenigen, die Meinungen führen, mit denen, die nach Meinungsführung suchen usw.. Es soll halt über alle weltanschaulichen und sozio-demographischen Unterschiede hinweg ein demokratisches Gemeinschaftsgefühl entstehen, so wie im Schubkarrstand nach dem dritten Schoppen.

©Dr. Heike Diefenbach, 2017; Denkmal für die enge Verbindung von Demokratie und Pfälzer Wein

Wahlkämpfe sollen auch mobilisieren. Diejenigen, die über die letzten knapp vier Jahre vergessen haben, dass es Politiker (oder deren Darsteller) gibt und dass sie in einer Gesellschaft leben, die sich demokratisch nennt, sie sollen nicht nur daran erinnert werden, dass dem so ist, sondern auch dazu bewegt werden, dafür zu sorgen, dass das auch in den nächsten vier Jahren so ist.

Schließlich dienen Wahlkämpfe der Partizipation. Diese Funktion von Wahlkämpfen, sie findet sich unweigerlich in der Literatur, schon weil Partizipation etwas Positives ist. Was sich nicht findet, ist die Antwort auf die Frage: Partizipation woran oder wobei? Partizipation am Wahlkampf? Partizipation an der Wahlkampstrategie der LINKE? Partizipation in F-Dur? Partizipation in Wort oder in Dabeistehen? Oder etwa Partizipation an realen gesellschaftspolitischen Entscheidungen? Was auch immer, Partizipation halt.

Wir, also ScienceFiles, wir haben insofern partizipiert als wir das geführt haben, was bei Martin Schulz „Gespräche mit Bürgern“ heißt, wobei wir, obwohl wir nun einmal Feldforscher sind, nicht dieselben Berührungsängste haben, wie sie Schulz mit seiner Formulierung nahelegt. Im Gegenteil. Wir haben uns sehr schnell in die lokalen Gepflogenheiten, Sitten und Gewohnheiten eingepasst und an der Art und Weise, in der gegorener und geklärter Traubensaft verköstigt wird, beteiligt, eine Tätigkeit, die ganz eigene Einsichten und Erkenntnisse über den Wahlkampf in Deutschland, dessen Bedeutung und vor allem den Stellenwert vermittelt, der von Parteistrategen denen zugemessen wird, um deren Stimme geworben werden soll. Fast, dass wir bei Rüdiger Andel und Peter Haungs angekommen wären, die bereits 1974 ein Buch mit dem Titel „Wahlkampf als Ritual“ geschrieben haben. Fast. Denn im Gegensatz zu Andel und Haungs sind unsere Erkenntnisse tieferer Natur, dem Riesling geschuldet [Einschub für Hermeneutiker: In vino veritas]. Und so haben wir unsere Wahlkampferkenntnisse, entnommen von mehr als 40 Plakaten politischer Parteien oder solcher, die es sein wollen, zu einer Ode an Riesling verarbeitet, die sich (fast) nur aus dem speist, was die Parteien den Betrachtern ihrer Plakate zumuten.

©Dr. Heike Diefenbach, 2017

Es wird Zeit
Warten wir nicht länger, denn: Es ist Zeit für Lust auf Linke. Deutschland stärken heißt Europa stärken. Für Renten mit Niveau. Bunte Vielfalt haben wir nämlich schon, weil von weniger Europa keiner mehr hat. Aber, wie wir immer sagen: Nur wer Chancen bekommt, kann Chancen nutzen. Chancen kommen von Bildung und Bildung darf nichts kosten, fast nichts, ein bisschen Anstrengung vielleicht, aber nicht viel. Weil schon die Zukunft braucht neue Ideen und gute Arbeit und gute Löhne und Sicherheit und Ordnung und überhaupt, ein Deutschland in dem wir gut und gerne leben, also ihr, nicht wir. Europa stärken heißt deshalb Deutschland stärken, schon weil ansonsten Schluss mit dem Klima ist und wie könnte man in einer Welt ohne Klima leben oder in einer Welt, in der manche 21% weniger verdienen.
Es ist eben Zeit. Warten wir nicht länger. Machen wir Schluss mit Kohle. Investieren wir sie in noch mehr Riesling. Das macht alles erträglicher. Glaubwürdigkeit für Gerechtigkeit. Sicherer Job, planbares Leben. Schluss mit Risiko und Veränderung und Vielfalt. Planwirtschaft, die die Probleme nicht löst, sondern aussitzt. Denn: Europa stärken heißt Deutschland stärken, weil von weniger Europa hat keiner mehr. Deshalb: Grenzen schützen und Riesling selber trinken. Warten wir nicht länger. Es ist Zeit. Bestellen wir den nächsten Schoppen, machen wir einen Aufruf: „Abrüsten!“ Rieslingexporte stoppen! Sichere Ernte für sicheres Betrinken! Die Zukunft braucht keine neuen Ideen. Vielfalt haben wir schon selbst. Für ein Deutschland, in dem wir gut und sicher trinken können. Darauf einen Negerkuss!
Prost.
Und geht wählen. Nur wer wählen geht, hat gewählt.
Warten wir nicht länger.

Zurück zur Wissenschaft:
Wahlkämpfe sollen informieren, mobilisieren, vernetzen und natürlich Partizipation ermöglichen.

Information

©Dr. Heike Diefenbach, 2017;  Wähler, wie ihn sich Parteistrategen vorstellen

Wir haben der Art und Weise des Wahlkampfes entnommen, dass es sich beim deutschen Wahlkampf um einen Wettstreit in Belanglosigkeit oder Vagheit handelt, dessen Ziel darin besteht, keine Inhalte und vor allem nichts Konkretes von sich zu geben und in jedem Fall alle Themen zu meiden, die etwas mit Flüchtlingen, Kriminalität oder Geld (Kosten) zu tun haben.

Mobilisierung

Wer keine Leerformeln mehr zugemutet bekommen will, der muss Alternativen zu den Leerformel-Verbreitern wählen.

Vernetzung

Wenn durch diese Art von Wahlkampf eine Vernetzung erfolgen kann, dann kann sie nur diejenigen betreffen, denen es ausreicht, affektiv angesprochen und an der Seele massiert zu werden, so dass sie sich zu den Guten zählen können, wenn sie auch nicht wissen, warum.

Partizipation.
Lassen wir das.

Mit der Partizipation ist es wie mit Treppen:

©Dr. Heike Diefenbach, 2017

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