Azubi-Hysteria: Wie die Normalität zur Katastrophe inszeniert wird

Die Erzeugung einer öffentlichen Medien-Hysterie durch Schreckensszenarien wie sie im Zusammenhang mit dem Klima, Herbiziden und Pestiziden, Gen- und Kerntechnik, Rechtsextremismus und Rassismus, Adipositas und anderen Mode-Themen der professionell Erregten erfolgt, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um die Grundlage für eine eigene Bereicherung (bzw. eine Bereicherung der eigenen Klientel) zu legen und gesetzliche Regulationen durchzusetzen, mit denen der gerade erst inszenierte Missstand gelöst werden soll. Wie könnte man den Ausstieg aus der Kernkraft legitimieren, wenn nicht manche glauben würden, dass die Menschen, die im Jahr 2536 leben, sofern es noch welche gibt, von den Resten des Endlagers in Gorleben erlegt werden?

Die heutige Hysterie, die in der Tagesschau verbreitet wird, geht auf einen Artikel in der Alpenprawda zurück. Die Zahl der Lehrlinge, die ihre Ausbildung abbrechen, sie sei besonders hoch, so berichtet das Blatt mit Verweis auf einen „Entwurf für den Berufsbildungsbericht“ 2018, in dessen Besitz es gelangt sein will. Wer auch immer diesen Bericht zum Zwecke der Erzeugung von Hysterie an die Münchner Menschen, die sich für Journalisten halten, geschickt hat, er hat einen gewissen Sinn für Humor.

So schreiben die Süddeutschen Journalismusazubis, dass dem Bericht zufolge, also dem Bericht, der erst noch veröffentlicht werden wird, aus dem die Alpenprawda vorab etwas berichtet, von dem behauptet wird, es sei ganz neu, gut 146.000 Auszubildende im Jahre 2016 ihre Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst hätten. Die Abbruchquote sei mit 25,8% sehr hoch, viel höher als in den Jahren zuvor, in denen sie stets zwischen 20 und 25 Prozent gelegen habe.

Katastrophe: „Immer mehr Azubis schmeißen hin!“

Und wenn es um die Schaffung Hysterie geht, dann dürfen Gewerkschaftler nicht fehlen. Sie laben sich an Hysterie, gibt sie ihnen doch die Gelegenheit, ihre wiederkehrende Forderung nach „Gesetzen“ und ihre eindimensionale Gedankenwelt, in der immer genau zwei Variablen Platz haben, unter das, was sie für das dumme Volk halten, zu bringen (Gewerkschaftler leben eben in ihrer Funktionärsluftblase). So sagt die DGB-Vizechefin Elke Hannack: „Viele steigen vorher aus, da sie mit der kargen Vergütung nicht über die Runden kommen“.

Die eindimensionale Welt, die Hannack bewohnt, sie kennt nur böse Arbeitgeber, die geringe Löhne bezahlen und nur geringe Löhne können der Grund für einen Abbruch der Ausbildung sein.

Doch beginnen wir vorne.

Die Daten, die die Süddeutsche Ausgabe der Prawda als neu verkaufen will, sind seit dem 30. August 2017 beim Statistischen Bundesamt in der Fachserie 11 Reihe 3 Bildung und Kultur „Berufliche Bildung“ veröffentlicht. Es sind somit keine neuen Daten, sondern die neusten, die man seit gut einem dreiviertel Jahr haben kann. Es sind auch die Zahlen, die man auf der Seite des Statistischen Bundesamts in einer eigens erstellten Tabelle abrufen kann. 2016: 146.376 vorzeitig gelöste Ausbildungsverträge. Ein richtiger Journalist, also einer, der recherchieren kann, der weiß natürlich, dass die neuen Daten, die man ihm vorab untergejubelt hat, gar keine neuen Daten sind, sondern bestenfalls neu aufbereitete alte Daten.

Die Abbrecherquote sei in bestimmten Berufen besonders hoch. Bei Sicherheitsfachkräften liege sie bei 50,6% weiß man bei der Tagesschau unter Berufung auf die Süddeutsche, auch bei Köchen, Restaurantfachkräften und Friseuren sei die Quote sehr hoch. Etwa jeder Zweite breche dort seine Ausbildung ab.

Damit ist der Boden für die Behauptung von Hannack bereitet, nach der der Abbruch von Ausbildungen durch arme und gute Azubis bösen Ausnutzer-Arbeitgebern geschuldet sei. Nur: Der Boden ist aus Sand.

Wie berechnet man eigentlich eine Abbrecherquote? Wir kommen jetzt in die Abteilung: Statistiken lesen ist nicht jedermanns Sache und fällt schon gar nicht in den Kompetenzbereich von Journalisten der Süddeutschen und von Gewerkschaftlern, wo auch immer sonst ihre Kompetenzen liegen mögen.

Beginnen wir ganz von vorne und fragen wir: Was ist die Basis der Berechnung der Abbrecherquote?

Wer sich mit den Daten des Statistischen Bundesamts auskennt, der weiß, dass die 146.376 Azubis, die 2016 vorzeitig ihren Ausbildungsvertrag gelöst haben, dies nicht alle im ersten Ausbildungsjahr getan haben. 48.228 haben ihren Ausbildungsvertrag in der Probezeit gelöst (dafür ist sie da), 83.727 im ersten Ausbildungsjahr, 42.171 im zweiten Ausbildungsjahr, 19.242 im dritten Ausbildungsjahr und 1.236 im vierten Ausbildungsjahr. Wie wird man der Tatsache gerecht, dass die gelösten Ausbildungsverträge sich auf alle Ausbildungsjahre verteilen?

Nun, man könnte die Abbrecherquote auf Basis aller Auszubildenden berechnen. Das haben wir getan. Ergebnis: 11,1% für 2016 und nicht die 25,8%, die die Süddeutschen in ihrem Vorabbericht gefunden haben wollen. Welche statistische Eselei die Süddeutschen begangen haben, welche Eselei man ihnen untergeschoben hat bzw. welcher Eselei sie aufgesessen sind, das zeigt sich, wenn man rekonstruiert, woher die 25,8% Abbrecherquote kommen.

Tatsächlich handelt es sich dabei um 28,7% und diesen Anteil erhält man, wenn man die aufgelösten Ausbildungsverträge für das Jahr 2016 auf die Basis der 2016 neu geschlossenen Ausbildungsverträge prozentuiert. Wie die folgende Abbildung zeigt, variieren die entsprechenden Anteile von 1991 bis 2015 zwischen 25% und 20%, was die Aussage, dass „seit Anfang der 1990er Jahre … Quoten von 20 bis 25 Prozent“ üblich gewesen sein sollen, die die Tagesschau mit Bezug auf die Süddeutschen macht, insofern nachvollziehbar macht, als nunmehr klar ist, was die statistisch Unkundigen da berechnet haben. Nur die Zahl für 2016, die haben sie falsch abgeschrieben, nicht 25,8% lautet der Anteil, sondern 28,7%.

Wie wir oben gezeigt haben, sind in der Anzahl der in einem Jahr gelösten Ausbildungsverträge gut 43% Ausbildungsverträge enthalten, die keine im laufenden Jahr neu geschlossenen Ausbildungsverträge sind, sondern Ausbildungsverträge, die in den Jahren zuvor geschlossen wurden. Die Statistik-Unkundigen berechnen hier also die Abbrecherquote auf falscher Basis und weil sich 25% oder 28% immer besser machen als mickrige 11%, wenn man Hysterie verbreiten will.

Wenn wir schon bei Abbruchquoten von Ausbildungsverträgen sind: Wer sich Seite 100 in der oben zitierten Fachserie 11 Reihe 3 des Statistischen Bundesamts zur Hand nimmt und Abbruchquoten berechnet, der sieht schnell, dass die höchsten Abbruchquoten (Zahlen für 2016) im Handwerk zu finden sind (14.5%; Basis: Alle Ausbildungsverträge), dass die Abbrecherquote unter Frauen (11,8%) höher ist als unter Männern (10,6% – schon weil Männer nicht die Option „Schwangerschaft“ haben, die heutzutage einen anerkannten Grund für einen Ausbildungsabbruch darstellt) und dass der Anstieg der Abbrecherquote, der in den letzten Jahren zu verzeichnen ist (siehe Abbildung), fast ausschließlich auf ausländische Auszubildende zurückzuführen ist. Während die Quote für alle Auszubildenden in den letzten Jahren von 10,7% (2013) auf 11,1% (2016) gestiegen ist, ist sie bei ausländischen Auszubildenden von 15,0% (2013) auf 16,1% (2016) gestiegen.

Kurz: Alles, was die Tagesschau mit Bezug auf die Süddeutschen JournalismusAzubis schreibt, ist unvollständig, falsch oder irreführend. Aber es ist als Boden geeignet, um eine Gewerkschaftstante in Stellung zu bringen, die dann den Satz sagt, den sie wohl wochenlang eintrainiert hat: „Viele steigen vorher aus, da sie mit der kargen Vergütung nicht über die Runden kommen“.

Wir haben uns die Mühe gemacht, die Ausbildungsberufe aus einer unglaublich detaillierten Statistik des Bundesamts herauszusuchen, die die höchste Anzahl von Ausbildungsabbrüchen vorzuweisen haben. Das Ergebnis ist in der folgenden Tabelle abgelegt. Nach Ansicht von Hannack ist diese Tabelle eine Rangliste der schlecht bezahlten Ausbildungsberufe, denn geringe Ausbildungsvergütungen sind ja für die Gewerkschaften der Grund dafür, dass Auszubildende ihre Ausbildung vorzeitig beenden.

Man muss diesen gewerkschaftlichen Unsinn nach dieser Tabelle nicht weiter kommentieren.

Funktionäre sind eine eigenartige Spezies, Gewerkschaftsfunktionäre im Besonderen. Während normale Menschen Wissen und Kenntnisse akkumulieren wollen, damit sie sich in der Welt zurechtfinden, ist es bei Funktionären in der Regel so, dass sie Wissen und Kenntnisse meiden wie der Teufel das Weihwasser. Beides, Wissen und Kenntnisse, könnten ihre Ideologie gefährden, als falsch erweisen und überhaupt, in einem eindimensionalen Gehirn ist kein Platz für mehr als zwei Variablen. Wäre darin mehr Platz, dann würden insbesondere Gewerkschaftsfunktionäre mit Sicherheit Kenntnisse und Wissen über die Gründe von Auszubildenden für einen Abbruch der Ausbildung vortragen, die man finden kann, wenn man Auszubildende fragt.

Das Bundesinstitut für Berufliche Bildung, liebevoll von seinen Mitarbeitern „BiBB“ genannt, hat eine solche Studie ausgeführt. 2.325 Auszubildende, die ihre Ausbildung abgebrochen haben, wurden nach den Gründen gefragt. Hier eine Zusammenfassung der Ergebnisse:

  • In 57% der Fälle geht die Initiative, die Ausbildung abzubrechen, von den Auszubildenden aus.
  • 70% nennen betriebliche Gründe für den Abbruch der Ausbildung, darunter:
    • Unzufriedenheit mit der Ausbildung bzw. dem gewählten Beruf
    • Unzufriedenheit wegen mangelnder Qualität der Ausbildung;
    • Konflikte mit Ausbilder oder Kollegen
    • Vermittlung durch Jobcenter erfolgte in einen unerwünschten Beruf
  • 45% nennen persönliche Gründe für den Abbruch der Ausbildung, darunter:
    • Gesundheitliche Beeinträchtigungen
    • Konflikte mit anderen Auszubildenden oder dem Ausbilder
    • Schwangerschaft
    • Prüfungsangst
    • Finanzielle Schwierigkeiten
    • Familiäre Schwierigkeiten

Erfolgt die Kündigung auf Initiative des Ausbildungsunternehmens, so finden sich die Gründe regelmäßig in einer unzureichenden Schul- oder Allgemeinbildung, unzureichenden sozialen Kompetenzen oder fehlendem Engagement der Azubis, wie man einer Studie leider angejahrten Studie von Emnid entnehmen kann (darin wurden 400 Auszubildende und 300 Ausbilder befragt).

Der Abbruch einer Ausbildung, so kann man als Fazit feststellen, ist kein eindimensionales Unterfangen, sondern das Ergebnis eines Prozesses, in dessen Verlauf eine Reihe von Gründen eine Rolle spielen.

Haben Sie bemerkt, was bei all den Gründen überhaupt nicht vorgekommen ist?

  • Ausbildungsvergütung.
  • Geld.
  • Bezahlung.
  • Lohn.

Geld, Dollarzeichen in den Augen wie bei Dagobert Duck, das ist ein Motiv, das nur bei Gewerkschaftsfunktionären in der Prominenz zu finden ist, wie sie sie anderen unterstellen. Sie sind die einzigen, die von morgens bis abends in Freund und Feind und in Geld denken. Fast, dass man Funktionäre bei Gewerkschaften als Ergebnis eines Neidprozesses ansehen könnte, der psychische Schäden herbeigeführt und vor allem die Fähigkeit, mehr als zwei Variablen zu berücksichtigen, beeinträchtigt hat.


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3 Responses to Azubi-Hysteria: Wie die Normalität zur Katastrophe inszeniert wird

  1. Ben Palmer says:

    Gut recherchiert! Ich mache mir auch häufig das Vergnügen, solche Studien zu zerlegen. Das Erfolgserlebnis bleibt selten aus.

  2. Ralf Pöhling says:

    Zitat:”Die Abbrecherquote sei in bestimmten Berufen besonders hoch. Bei Sicherheitsfachkräften liege sie bei 50,6% weiß man bei der Tagesschau unter Berufung auf die Süddeutsche,”

    Die Begründung dafür ist einfach: Die Anforderungen an Sicherheitsleute und das persönliche Risiko sind in den letzten Jahren enorm gestiegen, der Lohn dabei aber keinesfalls in gleichem Maße mitgezogen. Es bewerben sich wegen der geringen Vergütung momentan zumeist Leute aus dem unteren Bildungssegment und fallen dann durch die Prüfung, wenn es um rechtliche Dinge, Konfliktvermeidungsstrategien oder den Umgang mit Waffen geht. Für den Job braucht man soziale Kompetenz, Rechtsverständnis und für den Fall der Eskalation auch noch starke Nerven und ebenso starke Arme. In der Kombination bekommt man das üblicherweise nur, wenn man entsprechend zahlt. Im Moment retten die “alten Hasen” mit großer Berufserfahrung die Branche. Für den Nachwuchs im Sicherheitsbereich sieht es im Moment jedoch eher schwarz aus, denn kein Mensch mit entsprechender Kompetenz setzt für so wenig Geld üblicherweise seine Gesundheit und sein Leben aufs Spiel. Sicherheit gibt es nicht zum Nulltarif. Und damit sind wir dann beim Fazit des Artikels angekommen. Wer hochqualifizierte Fachkräfte dringend braucht, muss sie entsprechend ködern. Geld spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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