Antisemitismus: Sinnentleerter Kampfbegriff

Der 9. November ist für viele ein Anlass dazu, Antisemitismus zu thematisieren. Überraschenderweise findet sich bei der ARD der Versuch, nicht nur über Antisemitismus zu reden, sondern auch sicherzustellen, dass alle wissen, worüber sie reden.

Leider geht der Definitionsversuch von Antisemitismus vollständig in die Hose:

An dieser Definition ist nun so ziemlich alles falsch, was falsch sein kann.

Antisemitismus ist nicht nur „Wahrnehmung“, sondern vor allem Verhalten. Nur wenn beides vorliegt, kann von Antisemitismus gesprochen werden, jedenfalls dann, wenn die Gedanken frei bleiben sollen.

Als Einstellung und Verhalten wird Antisemitismus über das Objekt dieser Einstellung und dieses Verhaltens definiert: Juden. Deshalb kann weder der Staat Israel noch können nicht-jüdische Einzelpersonen Gegenstand von Antisemitismus sein.

Das waren die Argumente in Kurzform.

Hier die Langversion:

Dass die Verbindung von Antisemitismus und Israel keine Grundlage hat, zeigt schon ein Blick in die Statistik, denn 74,8% der Bewohner Israels sind Juden, 17,6% Muslime, 2% Christen, 1,6% Drusen und 4% gehören sonstigen Denominationen oder keiner an. Da sich Antisemitismus auf Juden bezieht, kann er sich nicht gleichzeitig auf Israel beziehen, denn dort leben nicht nur Juden. Will man den Begriff „Antisemitismus“ mit Israel gleichsetzen, dann muss man ihn entsprechend von seiner Bindung an Juden lösen.

Letzteres will in Deutschland sicher niemand. Also muss man feststellen, dass Antisemitismus nichts mit Israel zu tun hat, sondern mit Juden. Juden leben auch in Israel, aber nicht nur da. In den USA leben mindestens so viele Juden wie in Israel (rund 6.2 Millionen), dennoch kommt niemand auf die Idee, Antisemitismus als Amerikahass zu bezeichnen. Das macht sehr deutlich, worum es denen geht, die Antisemitismus und Hass auf Israel, wie sie es nennen, unbedingt verbinden wollen. Sicher nicht darum, der Realität gerecht zu werden.

Antisemitismus ist ein Begriff, der um 1879 zum ersten Mal in Deutschland aufgetaucht ist. Gemeinhin wird er dem Schriftsteller Wilhelm Marr zugeschrieben. Marr war einer derjenigen, die gegen die staatsbürgerliche Gleichstellung von Juden im Deutschen Reich zu Felde gezogen sind. Der Begriff „Antisemitismus“ wurde von diesen, wie man heute sagen würde, politischen Aktivisten, gewählt, um sich explizit von denen abzusetzen, die Juden aus religiösen Gründen abgelehnt haben. Dazu schreibt Werner Bergmann in seinem Buch „Geschichte des Antisemitismus“:

„Es handelte sich beim Antisemitismus nicht bloß um Xenophobie [Fremdenhass], oder religiöse und soziale Vorurteile, die es gegenüber Juden weiterhin gab, sondern um ein neues Phänomen: eine antiliberale und anti-moderne Weltanschauung, die in der ‚Judenfrage‘ die Ursache aller sozialen, politischen, religiösen und kulturellen Probleme sah“.

Die Antisemiten des 19. Jahrhunderts lassen sich somit eher mit Anti-Kapitalisten oder Anti-Bankern oder Feministen der heutigen Zeit vergleichen, die alles Übel der Welt entweder in der Wirtschaftsform des Kapitalismus oder im weißen Mann festmachen zu können glauben. Sie sind die eigentlichen geistigen Erben des Antisemitismus des 19. Jahrhunderts.

Aber dann gab es natürlich das Dritte Reich und seine bürokratisch und mit (damals) deutscher Gründlichkeit organisierte Form des Genozids. Diese Erfahrung und vor allem die Arbeiten von Adorno et al. haben dazu geführt, dass Antisemitismus zu einem Syndrom verflochten wurde, das Helen Fein sehr genau beschrieben hat, und zwar als:

„a persistent latent structure of hostile belief towards Jews as a collective manifested in individuals as attitudes, and in culture as myth, ideology, folklore and imagery, and in actions – social or legal discrimination, political mobilization against the Jews, and collective or state violence – which results in and/or is designed to distance, displace or destroy Jews“ (Fein, 1987: 67).

Antisemitismus ist somit nicht nur Judenhass. Damit von Antisemitismus gesprochen werden kann, bedarf es einer Reihe von Voraussetzungen:

  • Individuen, die Juden als Gruppe vereinheitlichen, etwa so, wie es diejenigen tun, die Antisemitismus bekämpfen wollen und diese Vereinheitlichung mit negativen Attributen verbinden.
  • Kulturelle Vorgaben in Mythen, Ideologie oder Folklore, die das negative Bild des Juden aufrechterhalten und unterstützen;
  • Staatliche Reglementierungen, die darauf ausgelegt sind, Juden zu diskriminieren und von bestimmten Posten fernzuhalten, die Gewalt gegen Juden legitimieren und die dem Ziel dienen können, Juden aus dem öffentlichen Leben zu beseitigen;

Von diesen Voraussetzungen ist in Deutschland bestenfalls die erste Voraussetzung erfüllt. Das reicht nicht, um von Antisemitismus zu sprechen und es verwischt das, was für Antisemitismus so maßgeblich ist: Staatliche Akteure, die versuchen, Juden durch Diskriminierung und andere Maßnahmen von einer Teilnahme am öffentlichen Leben auszuschließen.

Auch Definitionen deutscher Autoren, die sich mit „Antisemitismus“ beschäftigt haben, umfassen die Verbindung von Einstellung und Handeln, schon deshalb, weil die Gedanken eines Menschen niemandem schaden können, die Handlungen schon. So definiert Armin Pfahl-Traughber, der in keiner Gefahr steht, als Rechter zu gelten, in seinem Buch „Antisemitismus in der Deutschen Geschichte“ Antisemitismus wie folgt:

„Antisemitismus soll hier verstanden werden als Sammelbezeichnung für alle Einstellungen UND Verhaltensweisen, die den als Juden geltenden Einzelpersonen oder Gruppen aufgrund dieser Zugehörigkeit in diffamierender und diskriminierender Weise negative Eigenschaften unterstellen, UM DAMIT eine Abwertung, Benachteiligung, Verfolgung oder gar Vernichtung ideologisch ZU RECHTFERTIGEN. Derartige Praktiken können aus unterschiedlichen inhaltlichen Begründungen abgeleitet werden. Ihnen allen ist das pauschalisierende und stereotype Negativ-Bild von ‚dem Juden‘ oder „der Juden“ eigen und HANDLUNGSleitend“. (Pfahl-Traughber 2002: 9; Hervorhebungen von uns). [Das Fehlen der Rolle staatlicher Institutionen in der Definition von Antisemitismus ist historisch begründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist ausgerechnet der Hinweis, dass Antisemitismus nur mit der Unterstützung staatlicher Institutionen gelingen kann, irgendwie verpönt oder auf der Strecke geblieben.]

Insofern sich die deutsche Diskussion von Antisemitismus ausschließlich auf Einstellungen und nur gelegentlich auf Handlungen bezieht und keinerlei Zusammenhang hergestellt wird, zwischen seltenen Handlungen und angeblich bei so vielen vorhandenen Vorurteilen gegen Juden, entlarvt sich die sogenannte Antisemitismus-Forschung als Mittel, um entweder Politiker in Hysterie zu versetzen oder um Politiker zu Verbündeten zu machen, wenn es darum geht, Steuergelder dafür einzuwerben, dass man den furchtbaren deutschen Antisemitismus, den es auf Grundlage keiner der oben genannten Definitionen gibt, den man also als Chimäre bezeichnen muss, zu bekämpfen. Das Schöne daran, wenn man viel Geld einsetzt, um etwas zu bekämpfen, das es nicht gibt: Man kann keinen Misserfolg haben – jedenfalls dann, wenn man mit der eigenen Tätigkeit keine perversen Effekte zeitigt.

Löst man die oben dargestellte Kriterienliste von Antisemitismus, dann zeigt sich, dass es zwar keinen Antisemitismus gibt, aber staatliche Misandrie, die sich gegen weiße Männer richtet, die beleidigt werden dürfen, die sich vor allem von Seiten der Feministen mit negativen und zum Teil hasserfüllten Einstellungen konfrontiert sehen, die in entsprechenden Handlungen ihren Niederschlag finden, Eingang in die Medien und staatlichen Regelungen finden, in im Ausschluss von Männern aus ganzen gesellschaftlichen Bereichen ihren Niederschlag finden und letztlich dem Ziel dienen, die Diskriminierung von Männern zu legitimieren. 

 


Literatur:

Bergmann, Werner (2004). Geschichte des Antisemitismus. München: CH Beck.

Fein, Helen (1987). Dimensions of Anti-Semitism. Attitudes, Collective Associations and Actions. In: Fein, Helen (ed.). The Persisting Question: Sociological Contexts of Anti-Semitism. Berlin: DeGruyter.

Pfahl-Traughber, Armin (2002). Antisemitismus in der Deutschen Geschichte. Berlin: Landeszentrale für Politische Bildung.

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