Moralischer Nicht-Ariernachweis

Refugees Welcome!
Den menschengemachten Klimawandel stoppen! CO2-Steuer jetzt!
Diesel verbieten, gegen Feinstaub!
Wir dürfen den Planeten nicht von alten weißen Männern ruinieren lassen!
Jeder Mensch ist Migrant.
Miethaie enteignen!
Spitzensteuer für Spitzenverdiener!
G
egen Rassismus, Sexismus und Ableismus!
FCK Nazis!
Homosexuelle, Intersexuellen, Transsexuelle, Pansexuelle sind gleichberechtigt.
Kinder an die Macht.
#Wirsindmehr
Gegen Diskriminierung, gegen Rechtsextremismus, gegen Rassismus, gegen Antisemitismus, für Demokratie.

Lernen Sie die Slogans auswendig und qualifizieren Sie sich für einen moralischen Nicht-Ariernachweis. Mit diesem Nachweis können sie in kritischer und selbstreflektierter Weise, ihr Weiß-Sein transzendieren, ihre rassistischen Veranlagungen beseitigen und sich ganz ohne Anstrengung und ohne auch nur einen Finger zu krümmen, eine Identität als guter linker Mensch verschaffen.

Vielleicht auch eine Identität als guter linker Volltrottel.

Boris Palmer hat gerade Bekanntschaft mit den moralischen Kriegern gemacht, die gegen jeden auf dem Kriegspfad sind, der nicht den zentralen Bestandteilen ihrer Identität huldigt.

Im Vereinigten Königreich erkennt man Werbung, die auf dem Kontinent oder für den Kontinent produziert wurde, an mindestens einem von zwei Merkmalen. 

Merkmal 1:

Es wird peinlich genau darauf geachtet, dass dem, was als Diversität gilt, Rechnung getragen wird. Werbe-Darsteller sind also aus Asien, haben einen afrikanischen Hintergrund, weibliche und männliche Darsteller sind in gleicher Menge vorhanden, der Kinder sind immer zwei, eins männlich, eins weiblich, das Paar ist bestenfalls mixed, die Kinder entsprechend unterschiedlich stark pigmentiert. Diese Werbewelt bildet zwar die Realität der meisten, die den Spot sehen, nicht ab. Aber es geht nicht darum, die Realität abzubilden, sondern darum, seine Identität als Guter zur Schau zu stellen, sich als Inhaber eines moralischen Nicht-Ariernachweises, wie Dr. habil. Heike Diefenbach es so treffend genannt hat, zu erweisen.

Merkmal 2 feiert den Massenauflauf der Klone, die aus allen Ecken herbeistreben, um ein Auto zu bewundern oder sich für Wandfarbe zu begeistern. Die Aufmärsche, die beklemmend an Nürnberg erinnern, sollen wohl das vermitteln, was als Gleichheitsideologie durch die Zimmer geistert, in denen die Polit-Darsteller und die sonstige darstellende Mittelschicht, ihr Echo anhören.

Boris Palmer ist auf Merkmal 1 bei der Deutschen Bundesbahn gestoßen und hat sich und die Deutsche Bahn AG gefragt, ob eine Werbung mit fünf nicht-weißen Personen die Realität der Bevölkerung in Deutschland abbildet.

Der Shitstorm war ihm sicher.

Identitäts-Fetischisten können es überhaupt nicht ertragen, wenn man ihnen das einzige nimmt, an dem sie ihre ärmliche Existenz aufrechterhalten können: Ihre geliehene Identität über den moralischen Nicht-Ariernachweis.

Was Palmer widerfahren ist, kann jeder im Netz leicht in Erfahrung bringen oder auf seiner Facebook-Seite nachlesen. Uns fasziniert an der Identitäts-Hysterie, dass sie einen Aufstand gegen die Realität darstellt.

Ein paar Beispiele.

Die deutsche Gesellschaft besteht mehrheitlich aus weißen Menschen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Dennoch darf man dieser Realität in durch Identitäts-Fetischismus gestörten Kreisen keinen Ausdruck verleihen, muss ihr eine erfundene, herbeiphantasierte Realität überstülpen.

Kinder haben nur sehr eingeschränkte Kenntnisse über die Funktionsweise des sozialen Lebens, geschweige denn über wirtschaftliche Zusammenhänge oder wissenschaftliche Erkenntnisse. Sie haben keine Erfahrung in der Führung eines eigenständigen Lebens und werden deshalb und aus sehr guten Gründen von allen relevanten Entscheidungen ferngehalten. Normalerweise. Identitäts-Fetischisten bauen Kinder zu Propheten der nahenden Klimakatastrophe auf, die auf Wissen, Kompetenz und Kenntnis verzichten können, angesichts der Wahrheit, die ihnen ein Geist/Gott/Irrer/Manipulator eingegeben hat.

Gesellschaften basieren auf Reziprozität, darauf, dass Teilnehmer an einer Kooperation sicher sein können, durch die Kooperation zu profitieren. Identitäts-Fetischisten wollen Gesellschaften auf Rechte gründen, die Gruppen zugewiesen werden. Zugewiesene Rechte zerstören Reziprozität, denn wer sich im Besitz eines Rechts wähnt, muss keine Eigenleistung mehr erbringen.

Das Muster, das wir hier beschreiben, sieht eine artifizielle Wirklichkeit, eine Travestie der Realität an die Stelle dessen, was tatsächlich ist, gesetzt. Insofern sind die Endzeitszenarien nicht so abwegig, wie man vielleicht denkt, denn gegen die Realität anleben, kann keine Gesellschaft auf Dauer.

Die Inszenierung guter Inhalte, die die Bundesregierung neuerdings im UN-Sicherheitsrat betreibt, ändert nichts daran, dass die Infrastruktur in Deutschland vor sich hingammelt, dass die Deutsche Bahn AG besser daran täte, ihre alten Schienennetze zu erneuern als mit der eigenen Werbung einen moralischen Nicht-Ariernachweis führen zu wollen.

Schon 1983 haben Paul DiMaggio und William Powell einen Beitrag geschrieben, in dem sie die Bürokratielehre von Max Weber aktualisiert haben. Weber ist davon ausgegangen, dass der Nachweis einer funktionierenden Verwaltung in deren Effizienz besteht. DiMaggio und Powell haben die Effizienz als Nachweis gestrichen und mit der Tätigkeit als solche ersetzt. Der Nachweis einer funktionierenden Verwaltung erfolgt nun nicht mehr über Effizienz, also darüber, dass durch Serviceleistungen der Verwaltung das tägliche Miteinander der Gesellschaftsmitglieder erleichtert wird, sondern darüber, dass die Verwaltung sich mit immer neuen Regelungen ihrer Daseinsberechtigung versichert und das tägliche Miteinander der Gesellschaftsmitglieder erschwert.

Auch die Analyse von DiMaggio und Powell ist veraltet. Zwischenzeitlich sind Nichtregierungsorganisationen hinzugekommen, die weitgehend über Verwaltungen mit Steuergeldern versorgt werden und ihre Dienste entsprechend an der gemeinsamen guten Sache ausrichten. Als Konsequenz ist nicht mehr Tätigkeit als solche der Existenzberechtigungs-Nachweis von Verwaltungen und NGOs, von Politikern und der darstellenden Mittelschicht, sondern gute Darstellung der eigenen Organisation, die erst den Identitäts-Fetischisten zu begründen vermag. Außendarstellung von Verwaltungen hat folglich nicht mehr die Darstellung der eigenen Tätigkeit zum Gegenstand, sondern die Darstellung der eigenen Gutheit. Werbung dient nicht mehr dem Gewinnen von Kunden durch Präsentation der eigenen Leistungen, sondern der Darstellung der eigenen Gutheit (Howard S. Schwartz hat diese Form der politischen Korrektheit als Entwicklungsstörung beschrieben).

Die Inszenierung einer Gutmenschen-Phantasie soll die Realität ersetzen. Aber das kann sie natürlich nicht. Die Diversitätsspinnereien der Deutschen Bahn AG wären schnell am Ende, wenn weiße Kunden ihre Inanspruchnahme verweigern würden. Vielleicht reicht auch die erste aufgrund des schlechten Zustands des Schienennetzes entgleiste Bahn, um der Realität wieder Nachdruck zu verleihen.

Boris Palmer hat die volle Wucht der Wut der Identitäts-Fetischisten zu spüren bekommen, eine Wucht, die in ihrem Umfang (man siehe den Twitter-Hashtag #Palmer oder die Kommentare unter seinem Facebook-Post) erschreckend ist. Die Menge derer, die eigene Bedeutungslosigkeit durch soziale Zuordnung überwinden wollen, ist erschreckend groß. Die Menge derer, die sich so verkrampft an ihre Gutmenschen-Phantasie klammern, dass sie jeden, der sie vielleicht daran erinnern könnte, dass es dennoch eine Phantasie und keine Realität ist, mit ihrem Hass verfolgen, sie ist beängstigend. Die Menge derer, die freiwillig einen moralischen Nicht-Ariernachweis führen wollen, die jeden Versuch, sich als eigenständiges Individuum mit eigenen Gedanken und Ansichten zu entwickeln, aufgegeben haben, ist wohl der bedrückendste Beleg einer im Kern kranken Gesellschaft, in der ein beträchtlicher Teil der Mitglieder eine „reine Welt“ bewohnen will, die von keinerlei fremder Ansicht besudelt wird. Im Sinne von Frederic S. Perls (Perls, Heferline & Goodman, 1991) sind sie die Ergebnisse ihrer neurotischen Bezugs-Gesellschaft, die sie Selbstwert nur aus ihrer Unterordnung unter eine vorgegebene Heilslehre finden lässt.

Das Bedrückende daran: Geschichte wiederholt sich doch.

DiMaggio, Paul J. & Powell, Walter W. (1983). The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields. American Sociological Review 48(2): 147-160.

Perls, Frederic S., Hefferline, Ralph F. & Goodman, Paul (1991). Gestalttherapie. Grundlagen. München: dtv.


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