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Johnson verhält sich zu Merkel wie ein Düsenjet zum Tretroller

Die Politik im Vereinigten Königreich und in Deutschland zu beobachten, ist ein Teil dessen, was unsere Arbeit ausmacht. Dabei sind wir weniger am Tagesgeschäft als daran interessiert, Muster, Strukturen, verallgemeinerbare Unterschiede zu finden und zu thematisieren. Politikwissenschaftler machen das eigentlich. Es nennt sich vergleichende Politikwissenschaft und war einmal Grundbestandteil der entsprechenden Ausbildung – war ist hier das entscheidende Wort.

Denn: Eine der häufigsten Fragen, die wir uns gegenseitig stellen, lautet: Was machen eigentlich Politikwissenschaftler (oder wahlweise Soziologen)? Abgewandelt auch als: Müssten sich nicht Politikwissenschaftler für diese Frage interessieren? Oder: Wäre es nicht Aufgabe von Politikwissenschaftlern, diese Entwicklung zu beschreiben?

Wer aus diesen Fragen eine gewisse Verzweiflung heraushört, der hat durchaus einen Punkt. Was wir genau wissen, von Politikwissenschaftlern, von deutschen Politikwissenschaftler, ist, dass sie den Zeitgeist reiten, in Populismus-Bashing machen, sich über Rechtsextremismus aufregen, die gesellschaftliche Mitte diffamieren, sich der Phantasie des menschengemachten Klimawandels hingeben und sich ansonsten in theorie- und empiriefreien Welten bewegen. Was wir noch genau wissen: Sie verschlafen die spannendsten Entwicklungen, die es derzeit zu beobachten gibt.





Warum?

Weil sie mit Populismus beschäftigt sind, damit, sich anzudienen und nicht damit, sich um die Entwicklung z.B. des politischen Systems zu kümmern.

Zugegeben: Deutsche Politik entwickelt sich nicht. Wenn man das System Merkel mit Abstand betrachtet, dann muss man wohl attestieren, dass die Politik seit 2006 vornehmlich darin bestand, jede Form von Veränderung zu vermeiden, jede Abweichung von politisch-korrekten Vorgaben zu bekämpfen und ansonsten das Land von innen heraus durch das, was man als Auffressen der Ressourcen bezeichnen kann, zu zerstören.

Die Ära Merkel macht auf uns den Eindruck einer Phase, in der Zukunft in der Vergangenheit gesucht wird, alles, was einmal als fortschrittliche Technologie und Zukunftsprojekt angesehen wurde, abgeschafft und mit Rückwärtsgewandtem ersetzt wird, das Heron von Alexandria wohl schon im ersten Jahrhundert nach Christus genutzt hat, um eine Orgel zu betreiben.

Wie dem auch sei, die Lähmung des Fortschritts und Fixierung der deutschen Gesellschaft im Hier und Jetzt, ohne Aussicht auf Zukunft und in einer Form von Todessehnsucht, die den alten Herrn Freud sicher interessiert hätte, sie soll uns nur insofern interessieren, als sie in Merkel regelrecht personifiziert zu sein scheint.

Merkel ist der Gegenentwurf zu allem, was man mit Begriffen wie tatkräftig, energisch, aktiv, mitreißend, charismatisch, begeisternd usw. beschreiben kann. Sie erscheint und als Personifizierung der Lähmung, die Deutschland ergriffen zu haben scheint, dem Land der Erfinder, das nicht einmal mehr einen Flughafen bauen kann.

Merkel zuzusehen, ihren Reden zu lauschen, das hat ungefähr den Aufregungsgehalt, den es hat, Wandfarbe dabei zu beobachten, wie sie trocknet. Merkel ist zum Symbol für eine politische Kaste geworden, die mehr an politische Zombies, denn an gestaltungswillige und vor allem gestaltungsfähige Akteure erinnert. Eine Kaste, die sich eingeigelt hat, aus selbstzufriedenen und selbstgerechten Selbstdarstellern besteht, von denen nicht bekannt ist, worauf sie ihre Selbstgerechtigkeit stützen, nur sicher ist, dass es Kompetenz oder sonstige Merkmale, die man zu den Führungsqualitäten rechnet, nicht sein können, eine Kaste, die gerne über „die Menschen“ spricht, aber Angst davor hat, „mit den Menschen“ zu sprechen, eine Kaste, die ihren Wert daraus nimmt, über andere zu bestimmen, nicht daraus, das Leben dieser anderen zu verbessern, eine Kaste, die jeden, der sie kritisiert und darauf hinweist, dass im Echozimmer der politischen Kaste kaum mehr Worte widerhallen, die im Leben der Bevölkerung von Relevanz sind, zum Populisten erklärt.



Verlassen wir den Tretroller und wenden wir uns dem Düsenjet zu.

Das, was sich derzeit in der politischen Kultur nicht nur Europas verändert, ist so krass, so gravierend, dass es verstörend ist, dass es kaum jemand wissenschaftlich begleitet. Was machen eigentlich Politikwissenschaftler – Sie erinnern sich an unsere Frage?

Die alte politische Kaste, die politischen Zombies, die von ihrer Bevölkerung leben (im wahrsten Sinne des Wortes), sie kämpfen einen verzweifelten Kampf des politischen Weiterexistierens (weil man bei Zombies nur bedingt von Überleben reden kann).

Wogegen kämpfen sie?

Gegen neuen Wind.

Gegen Charisma.

Gegen basisdemokratische Elemente.

Gegen die Erosion der politischen Korruptions-Netze, die sie seit Jahrzehnten gebaut haben.

Gegen den Verlust von Einfluss und Finanzquellen.

Gegen Energie, Bewegung, Fortschritt, Lebensfreude, NEUES.

Kaum ein Gegensatz bringt diesen Kampf der alten Kaste gegen die neue politische Welt so zum Ausdruck, wie der Gegensatz zwischen Boris Johnson und Angela Merkel. Nirgends tritt dieser Gegensatz mehr zutage, wie am Beispiel des jeweiligen Umgangs mit dem Souverän.

Merkel scheut den Kontakt, den ungefilterten, unzensierten Kontakt mit dem „Bürger“, dem normalen Menschen mit seinen normalen Problemen, seinen Sorgen und Nöten, seiner Kritik und seinem Ärger. Boris Johnson sucht diese Kontakt.

Auf sozialen Medien, mit einem neuen Format, der Prime Minister Questiontime.

Johnson steht seinen Bürgern Rede und Antwort. Stellen Sie sich vor, Merkel müsste ganz normalen Bürgern Rede und Antwort stehen, etwa so:

Nicht vorstellbar – oder?

Oder stellen Sie sich vor, Angela Merkel würde sich an ihre Bürger wenden, um Rechenschaft über ihre Tätigkeit in der Woche abzuliefern, wie Johnson das hier tut:

Das wäre noch unvorstellbarer, wenn man unvorstellbar steigern könnte. Merkel käme nicht auf die Idee, ihren Bürgern gegenüber Rechenschaft abzuliefern. Sie kommt nicht einmal auf die Idee, mehr als 40.000 Bürgern auf deren Auffordung hin, darüber Rechenschaft abzuliefern, wie sie zur Überzeugung gelangt ist, in Chemnitz habe es „Hetzjagden“ auf Ausländer gegeben.

Derzeit entwickelt sich ein neues Cleavage in den westlichen politischen Systemen, eines, das zwischen der alten Kaste der Politiker, den politischen Zombies, die seit Jahrzehnten an ihren Bürgern nagen und zu satt sind, um sich eine andere Welt vorzustellen und den neuen Politikern verläuft, die eine basisdemokratische Renaissance durchführen wollen, deren Ziel darin besteht, die alte Kaste wegzufegen, die Zombies zu entsorgen.

Dr. habil. Heike Diefenbach spricht in diesem Zusammenhang gerne von einer Demokratisierungswelle, die durch das Internet, seine Möglichkeiten und die damit einhergehende Unabhängigkeit ermöglich wurde. Boris Johnson ist ein Politiker, der diese neuen Möglichkeiten nutzt, um mit Bürgern in Kontakt zu treten. Angela Merkel ist ein Auslaufmodell, das alles vermeiden will, was nach Neuem und die eigene Position Gefährdendem auch nur entfernt aussieht. Beide trennen Welten. Zwischen beiden Welten vermittelt nichts. Es ist, als wollte man einen Düsenjet mit einem Tretroller vergleichen.


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