Selbst Hitlers “Mein Kampf” schafft es durch die Peer Review

Eine Lotterie, gespielt von oft unfairen und häufig inkompetenten Gutachtern, die verhindern, was sie nicht kennen … Soweit bisher. Heute nun ergänzt Dr. habil. Heike Diefenbach einen weiteren Nagel zum Sarg des Peer Review-Verfahrens. Im Rahmen der Verfahrens ist es nicht möglich, Unsinn zu identifizieren, es ist nicht möglich, ethisch höchst fragwürdige Inhalte zu verhindern, ja selbst Auszüge aus Hitlers “Mein Kampf” kommen unbeschadet durch das Peer Review-Verfahren.

Es ist, wie man im Englischen sagt: a complete mess.

Aber lesen Sie selbst:


 

“Peer reviewed” – kein Qualitätssiegel! 

von Dr. habil. Heike Diefenbach

TEIL 4
hier geht es zu TEIL 1, hier zu TEIL 2 , hier zu TEIL 3 und hier zu TEIL 4.


3.4 Unfähigkeit des „peer reviewing“, Unsinn zu identifizieren und auszusondern

Die Verwendung fiktiver Manuskripte wie bei Baxt et al. (1998; s.o.) auch in anderen Fachbereichen als der Medizin hat für diese Fachbereiche gezeigt, dass es nicht gelingt, durch das „peer reviewing“ die Veröffentlichung von reinen Unsinns-Publikationen zu verhindern. Das berühmteste Beispiel hierfür ist wahrscheinlich der Text von Alan Sokal mit dem Titel „Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity“, der im Jahr 1996 in der Zeitschrift Social Text veröffentlicht wurde, einer Zeitschrift, die den sogenannten „Cultural Studies“ verschrieben ist, die ihrerseits vom Postmodernismus geprägt sind, und vorzugsweise Texte über Geschlecht, Hautfarbe und Umwelt, also die üblichen „Verdächtigen“, druckt.

Um einen Eindruck vom Inhalt dieses Textes zu vermitteln, seien zwei mehr oder weniger typische Absätze aus dem Text hier zitiert:

„Here my aim is to carry these deep analyses one step further, by taking account of recent developments in quantum gravity: the emerging branch of physics in which Heisenberg’s quantum mechanics and Einstein’s general relativity are at once synthesized and superseded. In quantum gravity, as we shall see, the space-time manifold ceases to exist as an objective physical reality; geometry becomes relational and contextual; and the foundational conceptual categories of prior science – among them, existence itself – become problematized and relativized. This conceptual revolution, I will argue, has profound implications for the content of a future postmodern and liberatory science” (Sokal 1996: 218).

Und

“As Irigaray anticipated, an important question in all of these theories is: can the boundary be transgressed (crossed), and if so, what happens then? Technically, this is known as the problem of boundary conditions (b.c.). At a purely mathematical level, the most salient aspect of boundary conditions is the great diversity of possibilities: for example, “free b.c.” (no obstacle to crossing), “reflecting b.c.” (specular reflection as in a mirror), “periodic b.c.” (re-entrance in another part of the manifold), and “antiperiodic b.c.” (re-entrance with 180-degree twist). The question posed by physicists is: of all these conceivable boundary conditions, which ones actually occur in the representation of quantum gravity? Or perhaps, do all of them occur simultaneously and on an equal footing, as suggested by the complementarity principle?” (Sokal 1996: 226).

Nachdem der Text in der Zeitschrift veröffentlicht worden war, erklärte Sokal, dass er den Text als eine Parodie auf die Wissenschaft imitierende Sprache des Postmodernismus verfasst habe und er als solche nichts anderes sei als eine Aneinanderreihung weitgehend sinnloser und teilweise absurder Sätze. Wie leicht vorhersehbar war, wurde Sokal daraufhin von entsprechend geneigter ideologischer Seite heftig kritisiert, teilweise beschimpft, und es wurde ihm vorgeworfen, unaufrichtig zu sein und mit seinem Text „kritische“ oder Grenzen überschreitende „Forschung“ zu diskreditieren, er damit der Sache der „Rechten“ zuarbeite. Kritik an Wissenschaftsparodie wurde also sehr schnell politisiert bzw. ideologisiert, ganz so, wie „Linke“ und Postmoderne, das auch heute zu tun pflegen. Demgegenüber trat die Tatsache, dass Sokals Text auf einen grundlegenden Mißstand im Wissenschaftsbetrieb, nämlich dessen Unfähigkeit, wissenschaftliche Standards einzuhalten und als solche zu verteidigen gegen Angriffe von Personen, die Wissenschaft leidiglich um politischer Zielsetzungen willen zu imitieren versuchen, in den Hintergrund.


In dem Buch mit dem Titel „Fashionable Nonsense: Postmodern Intellectuals‘ Abuse of Science“, das Sokal gemeinsam mit dem belgischen Physiker Jean Bricmont im Jahr 1998 veröffentlicht hat und das auch in deutschsprachiger Übersetzung unter dem nicht ganz treffenden Titel „Eleganter Unsinn“ gedruckt wurde, unterziehen die Autoren das Verhältnis zwischen Postmodernismus und Wissenschaft einer detaillierteren Betrachtung, zitieren in diesem Zusammenhang Prosa postmoderner Autoren ausführlich und erläutern, wo und warum das, was dort geschrieben steht, Unsinn ist. Sokal und Bricmont demonstrieren, dass die von postmodernen Autoren habituell vorgebrachte Kritik an der Vernunft und der wissenschaftlichen Methode verfehlt ist und dass und wie postmoderne Autoren wissenschaftliche Konzepte häufig missbrauchen oder einfach missverstehen, was Sokal bereits durch seinen Schwindel mit dem absichtlich in weiten Teilen unsinnigen, in anderen Teilen banalen, Text, der in Social Text gedruckt wurde, illustriert hatte. Die Tatsache, dass Sokals Unsinns-Text in einer Zeitschrift gedruckt wurde, die ein angeblich wissenschaftliches Fach, die sogenannten Cultural Studies, repräsentieren, hat zumindest gezeigt, dass das „peer reviewing“ als Verfahren immer dann versagt und versagen muss, wenn ein Text kein wissenschaftlicher ist, d.h. in ihm das allen Wissenschaften mehr oder weniger gemeinsame Arbeitsprogramm, das auf einer mehr oder weniger geteilten Epistemologie basiert, aufgekündigt wird – aus Inkompetenz oder bewusst, im Zuge des Versuchs, eine Alternative zu Wissenschaft zu schaffen, die dennoch Wissenschaft sein will.

Die Prüfung der Qualität von wissenschaftlichen Zeitschriften und Tagungen bzw. Tagungsleitungen, Herausgebern oder Gutachten durch die Einreichung von „Schein“-Manuskripten scheint inzwischen fast ein Standard-Instrument der diesbezüglichen Evaluationsforschung geworden zu sein. Das Instrument ist seit den 1990er-Jahren aber stark modernisiert und automatisiert worden. So hat eine Gruppe von Absolventen von CASIL, dem Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory am MIT, ein Computerprogramm namens SCIgen entwickelt, das zufällig sinnlose Texte samt Abbildungen und Zitationen aus dem Bereich der Computerwissenschaft generiert. Was der Postmodernismus für die Sozialwissenschaften ist, ist SCIgen für die Computerwissenschaft insofern auch SCIgen mit Schlagworten operiert wie z.B. „Byzantine fault tolerance“ und „distributed hash tables“.

Um ihr Programm zu prüfen, haben die Programm-Entwickler ein Manuskript mit dem Titel „Rooter: A Methodology for the Typical Unification of Access Points and Redundancy“ erstellen lassen, und das Manuskript wurde im Jahr 2005 als Vortragsmanuskript für WMSCI akzeptiert, die World Multiconference on Systemics, Cybernetics and Informatics, ohne einer Prüfung durch Gutachter unterzogen worden zu sein. Die Programmentwickler machten ihren Schwindel bekannt, zogen das Unsinns-Papier zurück, und die Konferenz verlor ihre Sponsoren.

SCIgen wird seitdem sowohl zur Identifizierung von Tagungsveranstaltern oder Zeitschriften mit niedrigen (oder gar keinen) wissenschaftlichen Standards benutzt, aber auch zur Generierung von Manuskripten, die Konferenzveranstaltern oder Fachzeitschriften untergeschoben werden (sollen):

„… in 2013 IEEE [Institute of Electrical and Electronics Engineers] and Springer Publishing removed more than 120 papers from their sites after a French researcher’s analysis determined that they were generated via SCIgen“ (Conner-Simons 2015),

und gleichzeitig

“[t]he creators [of SCIgen] continue to get regular emails from computer science students proudly linking to papers they’ve snuck into conferences, as well as notes from researchers urging them to make versions for other disciplines” (Conner-Simons 2015).

Bohannon (2013), ein ehemaliger (auch) für Science tätiger Journalist, hat mit Hilfe eines Schwindel-Manuskriptes, in das offensichtliche Fehler eingebaut waren und das sträfliche Verletzungen wissenschaftlicher Standards enthielt, bzw. mit Hilfe leicht verschiedener Varianten desselben Manuskriptes geprüft, wie es um das „peer reviewing“ bei open access-Zeitschriften bestellt ist, die wissenschaftliche Arbeiten digital online und ohne Zugangsbeschränkungen für Leser verteilen. Er hat festgestellt:

„Of the 255 papers that underwent the entire editing process to acceptance or rejection, about 60% of the final decisions occurred with no sign of peer review. For rejections, that’s good news: It means that the journal’s quality control was high enough that the editor examined the paper and declined it rather than send it out for review. But for acceptances, it likely means that the paper was rubber-stamped without being read by anyone. Of the 106 journals that discernibly performed any review, 70% ultimately accepted the paper. Most reviews focused exclusively on the paper’s layout, formatting, and language … Only 36 of the 204 submissions generated review comments recognizing any of the paper’s scientific problems. And 16 of those papers were accepted by the editors despite the damming reviews” (Bohannon 2013: 64).

Ein weiteres Ergebnis, das Bohannon mit seinem Schwindel-Manuskript erzielt hat, ist, dass es nicht möglich ist, sein Vertrauen in Publikationen in einer Zeitschrift durch die Reputation der Zeitschrift oder hier: die Reputation der Art von Zeitschrift begründen zu wollen. Z.B.

„[s]ome open-access journals that have been criticized for poor quality control provided the most rigorous peer review of all. For example, the flagship journal of the Public Library of Science, PLOS ONE, was the only journal that called attention to the paper’s potential ethical problems, such as its lack of documentation about the treatment of animals used to generate cells for the experiment. The journal meticulously checked with the fictional authors that this and other prerequisites of a proper scientific study were met before sending it out for review. PLOS ONE rejected the paper 2 weeks later on the basis of its scientific quality” (Bohannon 2013: 61).

Ein Fall aus neuerer Zeit, nämlich den Jahren 2017 und 2018, ist der Fall von „reflexiver Ethnographie“ („reflexive ethnography“), die von Helen Pluckrose, James A. Lindsay und Peter Boghossian unternommen wurde, um die Funktionsweise der „grievance studies“ zu testen, „…which is corrupting academic research“

Unter der Bezeichnung „grievance studies“ fassen die drei

“… fields of scholarship loosely known as “cultural studies” or “identity studies” (for example, gender studies) or “critical theory” … “

zusammen,

“…because of their common goal of problematizing aspects of culture in minute detail in order to attempt diagnoses of power imbalances and oppression rooted in identity”

Die drei Autoren verfassten 20 Manuskripte, die alle auf Absurditäten oder zutiefst Unethischem beruhten, darunter auf Hitlers „Mein Kampf“, aus dem die drei Passagen entnommen und in eine feministische Kampfschrift transformiert hatten. Dieser Text wurde von den drei Autoren mit den Namen fiktiver Autorinnen versehen, die angeblich an einer Einrichtungen namens Feminist Activist Collective for Truth (FACT) tätig sein sollten, die aber ebenso wenig wie die angegeben Autorinnen existierte.

Nicht nur dieser Text, der den Titel „Our Struggle Is My Struggle: Solidarity Feminism as an Intersectional Reply to Neoliberal and Choice Feminism“ trug, wurde von einer Zeitschrift aus dem Bereichen der „grievance studies“ zur Veröffentlichung akzeptiert und gedruckt, nämlich von Affilia: Journal of Women and Social Work. Von den 20 Test- Manuskripten, die die Autoren verfassten, wurden sieben zur Veröffentlichung durch Fachzeitschriften akzeptiert, sieben weitere waren noch im Begutachtungsprozess, als die drei beschlossen, ihre Schwindel bekannt zu machen, und nur sechs waren abgelehnt worden. Die Autoren berichten

„1 paper (the one about rape culture in dog parks) gained special recognition for excellence from its journal, Gender, Place, and Culture, a highly ranked journal that leads the field of feminist geography. The journal honored it as one of twelve leading pieces in feminist geography as a part of the journal’s 25th anniversary celebration”

Was am Schwindel von Pluckrose, Lindsay und Boghossian bedenklich ist, ist nicht nur die Tatsache, dass die Gutachter oder Herausgeber von Zeitschriften aus dem Bereich der „grievance studies“ sich nicht nur nicht an erheblichen methodischen Mängeln, völlig unplausiblen Daten und „non sequiturs“ störten (oder diese Mängel gar nicht erkannten), sondern auch und vielleicht besonders, dass schiere Ausmaß der Perversionen, die Gutachtern und Herausgebern von Zeitschriften aus dem Bereich der „grievance studies“ akzeptabel erschienen:

„Many papers advocated highly dubious ethics including training men like dogs (“Dog Park”), punishing white male college students for historical slavery by asking them to sit in silence on the floor in chains during class and to be expected to learn from the discomfort (“Progressive Stack”), celebrating morbid obesity as a healthy life-choice (“Fat Bodybuilding”), treating privately conducted masturbation as a form of sexual violence against women (“Masturbation”), and programming super-intelligent AI with irrational and ideological nonsense before letting it rule the world (“Feminist AI”). There was also considerable silliness including claiming to have tactfully inspected the genitals of slightly fewer than 10,000 dogs whilst interrogating owners as to their sexuality (“Dog Park”), becoming seemingly mystified about why heterosexual men are attracted to women (“Hooters”), insisting there is something to be learned about feminism by having four guys watch thousands of hours of hardcore pornography over the course of a year while repeatedly taking the Gender and Science Implicit Associations Test (“Porn”), expressing confusion over why people are more concerned about the genitalia others have when considering having sex with them (“CisNorm”), and recommending men to anally self-penetrate in order to become less transphobic, more feminist, and more concerned about the horrors of rape culture (“Dildos”). None of this, except that Helen Wilson recorded one “dog rape per hour” at urban dog parks in Portland, Oregon, raised so much as a single reviewer eyebrow, so far as their reports show”

Damit dürfte ein vorläufiger Tiefstpunkt mit Bezug auf Gutachter- und Herausgeberleistungen erreicht sein.




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