Harold Garfinkel zum neunten Todestag: Die Realität sozialer Ordnung

– und nein, die Ethnomethodologie beschäftigt sich nicht mit der Interpretation von Zeichen

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Der amerikanische Soziologe Harold Garfinkel, der am 21. April 2011 im Alter von 93 Jahren verstorben ist, ist Sozialwissenschaftlern verschiedener Disziplinen und Interessengebiete bekannt als Vater der Ethnomethodologie im Sinne von Erfinder und Begründer der Ethnomethodologie. Die Ethnomethodologie wiederum kann als eine spezifische „Schule“ innerhalb der Soziologie bezeichnet werden, die ihrerseits vor allem für ihre sogenannten Erschütterungsexperimente bekannt ist, die so heißen, weil in ihnen soziale Erwartungen bewusst enttäuscht und die „Reparatur“-Reaktionen der in der Situation Anwesenden beobachtet werden. Auf diese Weise will der Ethnomethodologe zeigen, wie soziale Ordnung zustande kommt oder aufrecht erhalten wird. Die Bezeichnung „Ethnomethodologie“ für seine Version von Soziologie hat Garfinkel selbst geprägt. So weit, so gut – bei oberflächlicher Betrachtung. Will man sich etwas näher mit der Ethnomethodologie beschäftigen, stößt man schnell auf alle möglichen Schwierigkeiten.

Da ist zuerst die Bezeichnung „Ethnomethodologie“. Der Wortteil „-methodologie“ scheint auf bestimmte Arbeitsweisen oder Regeln in der Vorgehensweise und eine ihnen zugrunde liegende Logik zu verweisen, was beim Aufbau der soziologischen Bibliothek an der Technischen Universität Chemnitz seinerzeit dazu geführt hat, dass Bücher mit dem Wort „Ethnomethodologie“ im Titel bei den Büchern über soziologische Forschungsmethoden eingestellt wurden. Und was soll in diesem Zusammenhang der Wortteil „Ethno-“ bedeuten, das der Duden als „Volk, Völker; das Volk betreffend“ beschreibt?!

Die Ethnomethodologie ist aber keine spezifische Methode oder Methodensammlung der Sozialwissenschaften. Vielmehr bezeichnen die „Methoden“ in „Ethnomethodologie“ Methoden, die Menschen routinemäßig und in der Regel unbewusst benutzen, um soziale Ordnung hervorzubringen, und sie zu beschreiben, darum geht es in der Ethnomethodologie:

„Since EM’s [Ethnomethdology’s] methods are discoverable phenomena of order in their own right, they are not methods as methods are ‚straightforwardly‘ understood“ (Garfinkel 2002: 169).

Die im Begriff “Ethnomethodologie” angesprochene Methodologie bzw. Methoden bezieht/beziehen sich also nicht auf spezielle Begründungen oder Vorgehensweisen in der Forschung durch Sozialwissenschaftler, sondern auf einen Forschungsgegenstand, eben den Forschungsgegenstand der Ethnomethodologie, der wiederum die Methoden sind, durch die Menschen in Interaktion miteinander soziale Ordnung herzustellen. Und das „Ethno-„ in „Ethnomethodologie“ bezieht sich auf eine Gruppe von Menschen, die füreinander kulturelle Kollegen sind.

Wer weniger willig oder gewohnt ist, sich an Begrifflichkeiten zu orientieren, versucht sich vielleicht zunächst ein Bild davon zu machen, was Ethnomethodologie bedeutet, indem er Sekundärliteratur zu Rate zieht. Dann findet er u.a. eine Vorstellung der Ethnomethodologie als eine „[p]hilosophische“ oder „sozialwissenschaftliche Basistheorie“ bzw. handlungsorientierte, [m]oderne Organisationstheorie[…]“ wie im von Weik und Lang (2001) herausgegebenen Sammelband, in dem Weick außerdem von der „ethnomethodologischen Theorie des Alltagshandelns“ (Weik 2005: 130) schreibt, und – in vollkommen freier Assoziation und vielleicht in einem verfehlten Versuch, didaktisch zu präsentieren – behauptet: „Die Grundthese der Ethnomethodologie ist, dass wir am erfolgreichsten handeln, wenn scheinbar nichts passiert“ (Weik 2005: 123).

Die Ethnomethodologie ist aber keine soziologische Theorie im üblichen Sinn, d.h. im Sinn einer Theorie, die entwickelt wird, um einen Zusammenhang oder das Auftreten eines Phänomens oder einen Ablauf von Handlungen zu erklären. Dementsprechend formulieren Ethnomethodologen auch keine Hypothesen, die anhand empirischer Daten – in der Ethnomethodologie speziell Beobachtungsdaten – überprüft würden.

Vielleicht liest der an der Frage, was Ethnomethodologie ist oder sein soll, Interessierte bei Eberle (2009: 93), das „Ziel der Ethnomethodologie [sei] es, das ‚Sense-making‘ von AkteurInnen in ihren alltäglichen Situationen bis in die subtilsten Details zu untersuchen“, was ebenfalls falsch ist, denn um die Rekonstruktion subjektiven Sinns geht es in der Ethnomethodologie gerade nicht (sondern um die objektive Realität sozialer Fakten; dazu später mehr):

„It [Ethnomethodologie] does not focus on the individual, as has often been claimed. The individual persons who inhabit social situations are of interest only insofar as their personal characteristics reveal something about the competencies required to achieve the recognizable production of the local order that is the object of study” (Rawls 2002: 7).

Angesichts so viel Widersprüchlichens und schon bei oberflächlicher Betrachtung fragwürdig Erscheinendes mag der (dennoch) weiterhin an Ethnomethodologie Interessierte beschließen, die „Ur-“Texte der Ethnomethodologie zu Rate zu ziehen bzw. dasjenige, was Garfinkel selbst über Ethnomethodologie bzw. seine Forschungsarbeit schreibt. Aber hier stößt man auf ein weiteres Problem, denn Garfinkel hat den Ruf eines „… unforgivably abstruse writer …“ (Doubt 1989: 254). Mag sein „Klassiker“ aus dem Jahr 1967 mit dem Titel „Studies in Ethnomethodology“ zwar einige Konzentration – und möglichst Vorwissen über Arbeiten aus verschiedenen Sozialwissenschaften – erfordernde, aber immerhin einigermaßen klare Lektüre sein, so werden die Schriften Garfinkels mit der Zeit zunehmend schwieriger verständlich. Lewis Coser hat die Ethnomethodologen u.a. deshalb als eine Sekte aufgefasst:

„Coser characterizes ethnomethodology as a sect. He says ethnomethodology (a) has charismatic leaders, (b) has an esoteric language which unites followers and excludes outsiders, (c) ignores the larger group of sociologists, and (d) is split with factions” (Mehan & Wood 1976: 13).

(Nach diesen Kriterien sind u.a. auch die sogenannten “Gender Studies” Sekten, aber das ist ein Thema, das ich demnächst in einem anderen Texte behandeln werde.)

Über Garfinkels Buch “Ethnomethodology’s Program” aus dem Jahr 2002 schrieb der im Jahr 2007 verstorbene Soziologe Melvin Pollner, der zu den bekanntesten Vertretern der Ethnomethodologie gehört, in einem posthum veröffentlichten Artikel das Folgende:

„Garfinkel certainly does not disappoint in providing materials in need of clarification, translation, and reconciliation. Indeed, for those within the world of reflection, translation, representation, and who value clarity, consistency, and coherence, Ethnomethodology’s Program would seem to require an ‘editor’ or ‘translator’ to bridge the two cultures. These obscurities, eccentricities and inconsistencies of terminology, require and invite yet another effort to answer the question which never seems to be satisfactorily answered: What is Ethnomethodology?” (Pollner 2012: 40).

Es sollte sich aus dem bisher Dargestellten gezeigt haben, dass Ethnomethodologie für Viele Vieles – und Verschiedenes – ist, zum Teil deshalb, weil die Darstellungen von Ethnomethodologie durch Garfinkel selbst einigermaßen unverständlich sind und Leser (inklusiver meiner Person, versteht sich,) dazu neigen, sich vor allem auf diejenigen Teile der Lektüre zu beziehen, die ihnen aufgrund ihrer Vorkenntnisse oder spezifischen Interessen etwas sagen. Immerhin hat sich für Garfinkel selbst im Verlauf seines Lebens die Relevanz von Ethnomethodologie aus verschiedenen Blickwinkeln in verschiedener Weise ergeben. Mein folgender Versuch, Ethnomethodologie zu charakterisieren, würde aber, glaube ich, einigermaßen unumstritten bleiben und auch bei Garfinkel selbst zumindest nicht auf Widerspruch stoßen. Was also „ist“ Ethnomethodologie?

In seinem „Klassiker“ aus dem Jahr 1967 beantwortet Garfinkel diese Frage wie folgt:

„I use the term ‚ethnomethodology‘ to refer to the investigation of the rational properties of indexical expressions and other practical actions as contingent ongoing accomplishments of organized artful practices of everyday life. The paper in this volume treat that accomplishment as the phenomenon of interest” (Garfinkel 1996[1967]: 11).

Diese Beschreibung von „Ethnomethodologie“ mag es nahelegen, sie als eine Variante phänomenologischer Soziologie, vielleicht im Anschluss an Alfred Schütz‘ Betonung der Relevanz subjektiver Interpretation und der Schaffung von Bedeutung, aufzufassen, und häufig wird die Ethnomethodologie auch so dargestellt. Aber bereits in dieser frühen Beschreibung von Ethnomethodologie geht es Garfinkel offensichtlich nicht um subjektive Sinnstiftung als solche, sondern um organisiertes Alltagshandeln, womit er – wie aus seinen Studien deutlich hervorgeht – Interaktion bzw. Interaktionsfähigkeit meint. Das Funktionieren organisierten Alltagshandelns hängt von kontextabhängigen Zeichen ab, die soziales Handeln insofern ermöglichen als sie anschlussfähig sind:

„The properties of indexical expressions and indexical actions are ordered properties. These consist of organizationally demonstrable sense, of facticity, or methodic use, or agreement among ‘cultural colleagues’” (Garfinkel 1996[1967]: 11),

sind also gerade nicht individuell subjektiv bzw. subjektiv interpretierbar; vielmehr kennt das Subjekt den ihm bereits gegebenen und mit anderen geteilten „Sinn“ des Zeichens, und eben deshalb kann es die „geordnete … Praxis des Alltagslebens“ herstellen bzw. garantieren. Das funktioniert aber nur, wenn die Subjekte den geteilten „Sinn“ des Zeichens kennen, also tatsächlich teilen, und in diesem Zusammenhang läßt sich das „Ethno-“ in „Ethnomethodologie“ erklären:

„Ethno-“ bedeutet nach dem Duden „Volk, Völker; das Volk, die Völker betreffend“, aber in den Sozialwissenschaften bezieht sich der Begriff auf alle Arten von Gruppe von Menschen, die sozial aufeinander bezogen sind oder ein Symbolsystem miteinander teilen, in Garfinkels Formulierung: „kulturelle Kollegen“ („cultural colleagues“; Garfinkel 1996[1967]: 11) füreinander sind.

Die Bezeichnung „Ethnomethodologie“ soll also ausdrücken, dass es hier um die Erforschung von Methoden geht, die Menschen routinemäßig und in der Regel unbewusst benutzen, um soziale Ordnung hervorzubringen, und dass das Gelingen der Herstellung von sozialer Ordnung durch die Verwendung von Zeichen in Interaktion davon abhängt, dass die an der Interaktion Beteiligten diese Zeichen als kollektiv geteilte Zeichen kennen.

Ein Typus kollektiv geteilter Zeichen sind verbaler Art (und deshalb ist es nicht überraschend, dass sich als eine der frühesten Zweige der oder Ableitungen aus der Ethnomethodologie die Konversationsanalyse, vor allem durch Harvey Sacks, entwickelt hat). Sie können soziale Ordnung hervorbringen, wenn sie kommunikativ anschlussfähig sind, wie Luhmann sagen würde, unabhängig davon, ob der Anschluss „richtig“ ist oder nicht, z.B. in dem Sinn, dass eine Reaktion als Reaktion auf den gemeinten Sinn einer Mitteilung erfolgt oder nicht.

So ist z.B. auf den britischen Inseln lokal unterschiedlich und außerdem vom spezifischen Kontext abhängig , ob auf die Begrüßung „How are you?“ eine inhaltliche Antwort, etwa „I’m fine, thank you, and how are you?“, erwartet wird oder gerade keine inhaltliche Antwort erwartet wird und Leute irritiert sind, wenn man diese Antwort gibt, statt die Floskel als solche, d.h. als schlichte Begrüßungsfloskel, hinzunehmen. Die soziale Ordnung des Begrüßungsrituals wird aber unabhängig davon niemals ernsthaft gestört, denn im ersten Fall ist die Antwort sozial korrekt und direkt anschlussfähig, und im zweiten Fall wird die Methode angewendet, die Garfinkel in seinen frühen Studien als „let it pass“-Methode bezeichnet hat und die darin besteht, die in Frage stehende Sache oder Bemerkung einfach zu übergehen und den für den spezifischen Kontext „normalen“ Ablauf hier: des Begrüßungs- oder Kennenlern-Rituals fortzusetzen. Spricht z.B. jemand seinen neuen Nachbarn mit „How are you?“ an, und der neue Nachbar antwortet inhaltlich mit „Thank you, I’m fine“, dann wird der „Ansprecher“ auch dann, wenn diese Antwort in einem Kennenlern-Ritual unpassend ist, einfach für den Kontext Angemessenes weiterfragen, z.B.: „Do you like it around here?“, was ein Beispiel ist für eine Anschlussfrage, deren positive Beantwortung ebenfalls rituell vorgegeben ist, erwartet wird und regelmäßig erfolgt.

Deshalb ist nicht die Sinnstiftung der Menschen von ethnomethodologischem Interesse, sondern die Methoden, durch die Menschen an Mitteilungen oder non-verbale Zeichen in selbstverständlicher Weise anschließen und durch die sie soziale Ordnung reproduzieren.

Dass es in der Ethnomethodologie um die (Re-/)Produktion sozialer Ordnung geht, hat Garfinkel in seinem späten Werk betont, vermutlich als Reaktion darauf, dass die Ethnomethodologie sehr häufig, wenn nicht meistens, als ein Zweig der interpretativen Sozialforschung aufgefasst wurde (und wird), der eng mit Phänomenologie oder Hermeneutik und der Rekonstruktion von subjektivem Sinn verbunden sei (s. z.B. Kögler 2011). In „Ethnomethodology’s Program“ schließt Garfinkel direkt und explizit an Émile Durkheim und insbesondere an seine Vorstellung von sozialen Tatsachen an:

„Contrary to the commonly accepted interpretations of Durkheim’s work, from the beginning of his writings the objective reality of social facts was Durkheim’s provision for sociology’s distinctive and unique subject matter. Ethnomethodology took up this neglected initiative” (Garfinkel 2002: 93)

insofern als

„…. it is the programmatic task of Ethnomethodological studies to specify the naturally accountable work of making and describing the social facts of immortal, ordinary society. These are the things of social order – the phenomena of ordinary society that Durkheim was talking about (Garfinkel 2002: 92-93).

Soziale Fakten sind für Garfinkel Phänomene sozialer Ordnung, die aus Interaktionen, entstehen, wie z.B. Verkehrsstaus, Osterspaziergänge, Schlange-Stehen beim Einlass ins Kino, Verwaltungshandeln, wie z.B. bei der Erstellung amtlicher Statistiken etc. (vgl. Garfinkel 2002: 66), und er legt großen Wert auf den Realitätscharakter sozialer Ordnung, d.h. darauf, dass sie real existiert, soll heißen: kein bloßes Konstrukt ist, mit Hilfe dessen Sozialwissenschaftler beschreiben oder zusammenfassen, was sie als Regelmäßigkeit interpretieren, und keine Konstruktion im Geist der Menschen (Garfinkel 2002: 57). Für Garfinkel ist soziale Ordnung

„… actual, evident, and witnessable in its details“ (Rawls 2002: 52),

in Form von

„… sounds and movements, witnessable actions on the part of participants in social gatherings, that must be recognizable to others as actions of a very particular sort, in order for social processes to have any coherence, or intelligibility, for participants“ (Rawls 2002: 21),

d.h. als soziale Praxis:

„According to Ethnomethodology’s programmatic understanding, the objective reality of social facts was Durkheim’s descriptive proxy for every topic of logic, meaning, reason, rational action, method, truth, and order in intellectual history … Therein the phenomena of order consist in lived, immediate, unmediated congregational practices of production, display, witness, recognition, intelligibility, and accountability of immortal ordinary society’s ordinary phenomena or order, its ordinary things, the most ordinary things in the world” (Garfinkel 2002: 93; Hervorhebung im Original).

Rawls würdigt den Anspruch Garfinkels, dass die Ethnomethodologie

“… the fulfillment of Durkheim’s promise that the objective reality of social facts is sociology’s fundamental principle“(Rawls 2002: 9)

sei, und ergänzt:

“Where Garfinkel parts company from Durkheim is in replacing the assumption that objective reality is the result of conforming with institutionalized forms of constraint, with the proposal that social facts are orderly endogenous products of local orders, as the achievement of the immortal ordinary society” (Rawls 2002: 9),

wobei “immortal” so zu verstehen ist, dass Gesellschaft nur durch die Produktion von sozialer Ordnung möglich ist, die fortwährend reproduziert wird, während die konkreten Produzenten der Ordnung fortwährend wechseln:

„Immortal is used to speak of human jobs as of which local members, being in the midst of organizational things, know, of just these organizational things they are in the midst of, that it preceded them and will be there after they leave it” (Garfinkel 2002: 92; Hervorhebungen im Original).

Nach Garfinkel geht die Realität sozialer Ordnung notwendigerweise verloren, wenn versucht wird, sie anhand von Theorien oder Konzepten zu beschreiben, denn dann werden abstrakte Größen an sie herangetragen, die den selbstverständlichen, praktischen Vollzug, durch den soziale Ordnung (re-/)produziert wird, nicht adäquat abzubilden im Stande sind, eben weil es sich um Theorien und Konzepte handelt, die an die Realität herangetragen werden und die Realität in ihrem Sinn verfälschen. Wem das nicht eingängig ist, der sei an die Unmöglichkeit erinnert, Spontanität in jemandem zu entwickeln, indem er von jemand anderem gesagt bekommt: „Sei spontan!“ Der Vergleich mag hinken, aber m.E. trifft er den Kern dessen, was Garfinkel zu argumentieren versucht:

„The FA [Formal Analytic; soll heißen: theoriegeleitet und konzeptorientiert] procedure ignores the enacted, unmediated, directly and immediately witnessable details of immortal ordinary society. Then, analysts have only one option, in order to carry through their analytic enterprises, these being the careful enterprises of description that will permit the demonstration of the corpus status of ordinary actions; in order to do that analysts become interpreters of signs. Following through consistently with this procedure it is then argued that interpretation is unavoidable. It is said that designing and interpreting ‘marks, indicators, signs and symbols’ is inevitably what sociologists and social scientists must do in order to carry out the corpus status of their studies of ordinary activities” (Garfinkel 2002: 97; Hervorhebung im Original).

Garfinkel setzt dieser Sichtweise seine Ethnomethodologie entgegen:

„EM [Ethnomethodologie] is not in the business of interpreting signs. It is not an interpretive enterprise. Enacted local practices are not texts [!] which symbolize ‘meanings’ or events. They are in detail identical with themselves, and not representative of something else. The witnessably recurrent details of ordinary everyday practices are constitutive of their own reality. They are studied in their unmediated details and not as signed enterprises” (Garfinkel 2002: 97).

Die Ethnomethodologie von interpretativen Unternehmungen, seien es hypothesentestende, konzeptionalisierende und operationalisierende Messverfahren oder poststrukturalistischen, postmoderne oder sonstwie konstruktivistische Anwandlungen abzusetzen, ist Garfinkel ein Anliegen, das er in aller Deutlichkeit an verschiedenen Stellen wiederholt, z.B. in der folgenden Form:

„The EM [Ethnomethodologie-] studies … do NOT correspond to order phenomena. They do NOT represent phenomena of social order. They are NOT marks, signs, indicators, or symbols of social order. They are NOT interpretations of indicators, marks, signs, or symbols. They exhibit social order. They are exhibits of social order. They are phenomena of social order in endogeneous figurationally identifying coherent details” (Garfinkel 2002: 70).

Phänomene sozialer Ordnung stehen also für sich selbst:

“… a phenomenon of order is any available in the lived in-courseness of its local production and natural accountability“ (Garfinkel 2002: 175).

Ich will hier nicht die (m.E. ohnehin notwendigerweise rhetorische) Frage aufwerfen, ob Garfinkels Beschreibungen von Phänomenen sozialer Ordnung nicht ebenso Interpretationen dessen sind, was er beobachtet, wie die anderer Soziologen anderer epistemologischer bzw.. methodologischer Prägung, und es ist nicht meine Absicht, die Ethnomethodologie hier einer Kritik vom Standpunkt des kritischen Rationalismus aus zu unterziehen, dem ich selbst verbunden bin.

Vielmehr will ich abschließend Garfinkels Ethnomethodologie positiv würdigen, und zwar insofern als viele ethnomethodologische (ebenso wie symbolisch-interaktionistische) Fallstudien faszinierende Lektüre sind, und zwar nicht (oder nicht nur), weil sie an etwaige voyeuristische Tendenzen appellieren, sondern vielmehr deshalb, weil sie verschiedene Aspekte sozialer Ordnung sichtbar machen, die tatsächlich sehr häufig vernachlässigt werden, insbesondere alle nicht-sprachlichen Aspekte sozialer Ordnung, die bei Garfinkel über das hinausgehen, was normalerweise als nicht-verbale Kommunikation durch Mimik und Gestik thematisiert wird. Nicht-sprachliche Aspekte sozialer Ordnung, die Garfinkel als solche interessieren, nennt er

„[p]henomental field properties (called PHI) of ‘places,’ ‚positions’, ‚alignment,’ ‚holding places,’ ‘holding alignment while moving in line,‘ and ‘opening gaps to permit passage through the line,’ … summarily abbreviated as phenomenal field properties of ‘place work’” (Garfinkel 2002: 255).

Sich an die große Wichtigkeit dieses Aspektes des spontanen Vollzugs sozialer Ordnung zu erinnern, sei besonders all denen nahegelegt, die meinen, soziale Ordnung oder gar soziale Kohäsion sei durch Sprache oder die Einübung „korrekter“ sprachlicher Reaktionen auf entsprechende Stimuli herstellbar oder durch Erfragung von Meinungen oder Einstellungen messbar.

Vor allem faszinierend ist – gerade für den am methodologischen Individualismus orientierten Soziologen –, dass Garfinkels (und anderer Autoren in der Nachfolge) ethnomethodologische Studien auf eindringliche Weise zeigen, dass soziale Ordnung nicht in formalen Regeln und Institutionen besteht, sondern immer wieder neu im und durch das Handeln von Menschen hergestellt wird (und werden muss). So schreibt Garfinkel mit Bezug auf das Schlange-Stehen:

„We observe this: ‚All of a queue‘s properties are locally produced yet a queue is seen by its production cohort as a pre-existing propertied object.’” (Garfinkel 2002: 253; Hervorhebung im Original).

Was für die Menschenschlange gilt, gilt auch für jede Institution: sie existiert nicht per se in der Realität als gegebene Größe mit diesen und jenen Eigenschaften, die ihre spezifischen Eigenschaften wären, sondern werden nur als solche vorgestellt von denjenigen, die sie tatsächlich durch ihr alltägliches Handeln fortwährend hervorbringen:

„The phenomenon exists, but it exists only ‚in and through‘ and ‚as of‘ the situation ‚in which‘ it appears as locally produced. It is a logically contingent phenomenon whose existence as a recognizable thing is wholly dependent on local production practices” (Rawls 2002: 19).

Will man als Soziologe das, was man institutionelles Handeln nennen könnte bzw. dessen Eigenlogiken erklären, muss man seine Erklärung daher aufbauen auf das Handeln derer, die auf irgendeine Weise dazu beitragen, die Institution hervorzubringen bzw. sozusagen die Institution repräsentieren – nicht umgekehrt, von institutionellen Regeln ausgehen, denen auswechselbare, weitgehend interesselose Personen passiv entsprechen. Welche Existenz hat z.B. eine GEZ-Gebühr, wenn niemand eine entsprechende Zahlung vornimmt bzw. vornehmen lässt? Welche Realität hat ein Ausgehverbot, wenn Leute ausgehen? Welche, wenn die Leute, die ausgehen, nicht von anderen Leuten wie Polizisten festgesetzt werden?

M.E. ist es letztlich das, was Garfinkel mit der Realität sozialer Ordnung meint: sie kann nicht in Institutionen oder Regeln liegen, weil diese keine eigene reale Existenz haben, sondern nur im Alltagshandeln von Menschen, die die soziale Ordnung jeden Tag aufs Neue hervorbringen. So betrachtet ist Ethnomethodologie trotz ihrer Weigerung Theorien aufzustellen, Hypothesen zu testen und Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, von wissenschaftlichem Wert, oder vielleicht besser: epistemologisch informativ: immerhin ist nur aus dieser Perspektive heraus erklärbar, wie Institutionen stabil bleiben können oder wie sie sich wandeln oder ggf. verschwinden.

Garfinkel selbst hat hierfür mit seiner frühen Studie über „Good organizational reasons for ‚bad‘ clinic records“ (Garfinkel 1996[1967]: 186-207) ein Vorbild geliefert. Dementsprechend könnte eine soziologische Forschung im Geist der Ethnomethodologie heute z.B. beschreiben, wie bestimmte „-ismen“ institutionell als soziale Problemen aufgebaut werden, um eben diesen Institutionen Legitimation und damit Personalbedarf und (weitere) finanzielle Förderung zu verschaffen, oder anders gesagt: warum soziale Probleme oder das, was als ein solches präsentiert wird, gewöhnlich nicht behoben werden bzw. durch ein „mission accomplished“ abgeschlossen werden können, sondern – reifikatorisch gesprochen – die Tendenz haben, sich selbst zu perpetuieren durch die „Entdeckung“ immer neuer Aspekte des entsprechenden „-ismus“ oder der „Zusammenlegung“ von „-ismen“, die sich sozusagen gegenseitig hochschaukeln (was derzeit gerne unter dem intellektuell klingenden Begriff der „Intersektionalität“ betrieben wird).

Leider sind entsprechende ethnomethodologische Beschreibungen derzeit kaum existent, vermutlich vor allem aufgrund ihres kritischen Potenzials (und wenn man sie findet, dann außerhalb des universitären „mainstreams“, der in weiten Teilen so unkritisch ist, dass er Soziologie zu opfern bereit ist, nur, um nicht als Verschwörungstheoretiker betitelt zu werden). Statt dessen wird eine Vielzahl interpretativer Entwürfe erstellt, die teilweise auf ethnomethodologische Terminologie oder ethnomethodologisches Gedankengut zurückgreifen, aber Ethnomethodologie pervertieren, indem sie zwar ihre Terminologie benutzen oder Garfinkel für sich als eine Art Gallionsfigur in Anspruch nehmen, während sie diverse Reifikationsprojekte perpetuieren oder Legitimation für reifizierte Größen wie Einrichtungen oder deren Maßnahmen beschaffen.

Wie hätte Garfinkel hierauf reagiert? Hierüber lässt sich nur spekulieren. Vielleicht hätte er sich darüber geärgert, vielleicht auch nicht. Vermutlich hätte er (auch) dieses Phänomen als ein interessantes Beispiel für

„… the in vivo work of producing the naturally accountable phenomena of relevance, consistency, coherence … “ (Garfinkel 2002: 167; Hervorhebung im Original)

aufgefasst.

Was die Ethnomethodologie leisten kann (und nach Garfinkel auch leisten soll), ist es also, der Reifikation sozialer Phänomene entgegenzuwirken, einer Reifikation, der oft gerade diejenigen Vorschub leisten, die alle möglichen“-ismen“ zu real existierenden Größen (und darüber hinaus häufig zu sozialen Problemen) stilisieren, die sie dann durch ihre subjektiven Interpretationen aufspüren und auf diese Weise die eigenen Vor-Urteile bestätigen, um diese dann als wissenschaftliche Erkenntnisse auszugeben.

Insofern ist die Ethnomethodologie m.E. – trotz verschiedener Inkonsistenzen oder allgemein einem Mangel an konzeptioneller und terminologischer Klarheit – von wissenschaftlichem Interesse insofern sie sowohl an den methodologischen Individualismus als auch (u.a.) an die Konflikttheorie (bzw. umgekehrt) anschlussfähig ist bzw. gilt:

“The findings of ethnomethodology have contributed directly to our broader understanding of organizations, diagnoses and assessments, the social production of ‘facts’ and the construction of written and spoken accounts. They bear directly on the analysis of rationality, practical reasoning, the achievement of everyday reality and normal appearances, moral assessments and categorizations, and intersubjectivity” (Atkinson 1988: 442-443).

Aber sie ist auch von emanzipatorischem Wert, denn

„[s]ocial change requires, first and foremost, an understanding of social processes“ (Rawls 2002: 19; vgl. hierzu Mehan & Wood 1976: 17),

und wenn sich eine Bevölkerung darüber bewusst ist, dass Institutionen und Regeln keine eigene Existenz haben, nicht sozusagen „auf sie kommen“, sondern immer wieder neu durch das Handeln jedes Einzelnen in dieser Bevölkerung hervorgebracht werden müssen, dann dürfte dies eine Wirkung haben, die man andernorts gerne als „empowering“ bezeichnet.


Literatur:

Atkinson, Paul, 1988: Ethnomethodology: A Critical Review. Annual Review of Sociology 14: 441-465.

Doubt, Keith, 1989: Garfinkel before Ethnomethodology. The American Sociologist 20(3): 252-262.

Eberle, Thomas S., 2009: Ethnomethodologie. S. 93-109 in Buber, Renate & Holzmüller, Hartmut H. (Hrsg.): Qualitative Marktforschung. Wiesbaden: Gabler.

Garfinkel, Harold, 2002: Ethnomethodology’s Program: Working Out Durkheim’s Aphorism. Edited and Introduced by Anne Warfield Rawls. London: Rowman & Littlefield.

Garfinkel, Harold, 1996[1967]: Studies in Ethnomethodology. Cambridge: Polity.

Kögler, Hans-Herbert, 2011: Phenomenology, Hermeneutics, and Ethnomethodology, S. 445-462 in: Jarvie, Ian C. & Zamora-Bonilla, Jesús (Hrsg.): The SAGE Handbook of the Philosophy of Social Sciences. London: SAGE.

Mehan, Hugh & Wood, Houston, 1976: De-secting Ethnomethodology. The American Sociologist 11(1): 13-21.

Pollner, Melvin, 2012: Reflections on Garfinkel and Ethnomethodology’s Program. The American Sociologist 43(1): 36-54.

Rawls, Anne Warfield, 2002: Editor’s Introduction. S. 1-64 in: Garfinkel, Harold, 2002: Ethnomethodology’ s Program: Working Out Durkheim’s Aphorism. Edited and Introduced by Anne Warfield Rawls. London: Rowman & Littlefield.

Weik, Elke, 2001: Ethnomethodologie. S. 117-152 in: Weik, Elke & Lang, Rainhart (Hrsg.): Moderne Organisationstheorien 1: Handlungsorientierte Ansätze- Wiesbaden: Gabler.

Weik, Elke & Lang, Rainhart (Hrsg.), 2001: Moderne Organisationstheorien 1: Handlungsorientierte Ansätze- Wiesbaden: Gabler.



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