Corona-Trivialitäten – Die Groschenromanforschung blüht

Für viele an Hochschulen und Universitäten Beschäftigte ist die Coronakrise ein wahrer Segen. Endlich können sie ihre Ideenlosigkeit hinter einem neuen Begriff verstecken und durch den Zusatz “Coronakrise” so tun, als hätten sie etwas massiv Interessantes vorzuweisen.

Und so forscht man an der Fachhochschule Dortmund zu den “Auswirkungen der Coronakrise auf die Lebensqualität“. Dabei wird nicht etwa die allgemeine Auswirkung der Coronakrise auf die Lebensqualität von allen untersucht. Nein, das ist zu schnöde. Wir leben im Zeitalter der Nachhaltigkeit. Wer mit seiner vermeintlichen Forschung öffentlich gefördert werden will, der muss den Begriff “Nachhaltigkeit” auch als Adjektiv so oft wie nur möglich in seinem Forschungsantrag unterbekommen. Beim Bundesministerium für Bildung und Forschung steht man zum Beispiel auf diesen Plastikbegriff.



Ergo wird in Dortmund nicht geforscht, wie sich die Coronakrise auf die Lebensqualität von uns allen auswirkt, an sich schon ein Rohrkrepierer, denn wir alle wissen, dass Quarantäne und Einschränkung der Bewegungsfreiheit und das Glück, endlich, rund um die Uhr, mit seinen Lieben aus der Kernfamilie zusammen sein zu können, natürlich die Lebensqualität steigert, ins schier Unermessliche, nein, geforscht wird, wenn man es denn Forschung nennen kann, wie “sich die Lebensqualität von Bewohner*innen in Stadtquartieren mit nachhaltiger Entwicklung in Einklang bringen lässt. Über eine heute gestartete Online-Umfrage sollen die aktuellen Ereignisse rund um die Corona-Pandemie in die Forschung einfließen.”

Hochschulen als Wurmfortsatz der Ministerien …

An der Technischen Hochschule Köln wird untersucht, wie Beschäftigte die aktuelle Situation im Home-Office erleben. Die Mittelschicht beschäftigt sich mit sich selbst. Natürlich wird nicht untersucht, wie Müll- oder Fernfahrer mit der Pandemie umgehen. Man ist lieber unter sich, schon weil heutige angebliche Wissenschaftler Angst vor Menschen haben. Geben Sie Studenten die Aufgabe, das Sozialverhalten in einer Arbeiterkneipe zu untersuchen und die Söhnchen und Töchterchen aus protestantischem Elternhaus drehen am Rädchen.

Und so forschte man sich an der TH-Köln allen Ernstes zu solchen Ergebnissen vor:

“Dabei zeigten sich 74 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer derzeitigen Home-Office-Situation. 21 Prozent äußerten sich mittelmäßig zufrieden und nur fünf Prozent waren unzufrieden. Daraus ergibt sich eine Gesamtnote von 2,04 (Mittelwert). Von den Befragten haben jeweils 36 Prozent noch nie oder selten im Homeoffice gearbeitet. 19 Prozent haben zuvor immerhin schon häufiger mobil gearbeitet und fünf Prozent sehr häufig. Drei Prozent arbeiten ausschließlich in Telearbeit.

Bemerkenswert an den Ergebnissen ist unter anderem, dass bei ansteigender Hierarchie die Unzufriedenheit wächst: Fachkräfte scheinen zufriedener als Führungskräfte, obwohl sie bisher seltener im Home-Office gearbeitet haben. 32 Prozent des oberen und mittleren sowie 34 Prozent des unteren Managements haben bereits Home-Office-Erfahrungen, dagegen nur 25 Prozent der Fachkräfte. „Möglicherweise ist dies ein noch recht stiller Appell der operativen Ebene, in Zukunft vermehrt zuhause arbeiten zu wollen“, schätzt Prof. Ernst.”

Was haben solche deskriptiven Ergebnisse, die nicht einmal entfernt mit Theorien in Verbindung gebracht werden sollen und werden, als Forschungsergebnis an einer Hochschule zu suchen? Welcher Erkenntnisgewinn, der über die idiosynkratische Befragung hinausgeht, ist mit diesem Junk verbunden? Was wäre gewesen, wenn der Gesamtmittelwert 2,65 und nicht 2.04 betragen hätte? Wäre dann die Forschung in Frage gestellt oder ein anderer Schluss gezogen worden? Das was hier allen Ernstes als Forschung verkauft werden soll, war früher Ergebnis einer Mitarbeiterbefragung, die auf zwei Din-A4 Bögen vom Personalreferat durchgeführt wurde. Heute ist es angebliche wissenschaftliche Forschung. Über uns der Himmel, unter uns nicht mehr viel…

Besonders wegweisende, im wahrsten Sinne des Wortes, Forschung kommt von der Technischen Universität Dresden. Früher hatte man an der TU-Dresden mit Werner J. Patzelt einen Wissenschaftler, an dem man sich festhalten konnte, heute hat man dort “Wissenschaftlerinnen”, die allen Ernstes untersuchen, wie sich das Mobilitätsverhalten in der Pandemie geändert hat. Das erinnert uns an einen Vortrag, den wir einst auf dem ISA-Kongress in Montréal gehört haben. Das Radfahrverhalten von Studenten wurde darin untersucht. Wichtigstes Ergebnis: Wenn es regnet, fahren Studenten mit ÖPNV, nicht mit dem Rad. Manche finden dieses Ergebnis trivial. Nicht umsonst. Es ist trivial und hat mit Wissenschaft nichts zu tun. So wenig, wie das, was die “Wissenschaftlerinnen” aus Dresden herausgefunden haben.

Ein Ergebnis: Weil man sich im Öffentlichen Nahverkehr mit SARS-CoV-2 anstecken kann, deshalb fahren viele Befragte nicht ÖPNV.
Noch ein Ergebnis: Weil Sie nicht zur Arbeit fahren müssen, der Betrieb hat zu, fahren viele nicht mehr Auto.
Eines geht noch: Weil man mit dem Auto nirgends hinbrummen kann und den ÖPNV wegen Ansteckungsgefahr nicht benutzen will, fahren manche mit dem Rad.

Ehrlich!
Wer hätte das gedacht?

Forschung 2020.
Und weil es noch nicht reicht, ein wenig mehr Triviales aus Dresden:

“Das ist für die Forscherinnen besonders interessant. “Bisher wurde Ansteckungsgefahr kaum in die Entscheidung für oder gegen ein Verkehrsmittel mit einbezogen. Aktive Mobilität, also zu Fuß gehen und Radfahren, sind offenbar die Verkehrsmittel der Stunde. Besonders spannend wird, ob diese neuen Mobilitätsgewohnheiten auch den Wechsel in die Normalität überdauern”, sagt Angela Francke. “In einer Folgebefragung nach dem Abklingen der Pandemie wollen wir diese Fragestellungen untersuchen”

Was wird bei dieser angedrohten Folgebefragung wohl herauskommen? Und wie ist es mit der Folgebefragung, die das Urlaubsverhalten der Deutschen während der Quarantäne thematisiert?



An der Ruhr-Universität Bochum wird natürlich auch geforscht: Wie gehen Eltern damit um, dass Sie Kinder haben? Ist es belastend, die eigenen Bälger selbst im Nacken sitzen zu haben und nicht bei anderen abladen zu können? Ist die Freude am Nachwuchs ein schwindendes Gut, wenn der Nachwuchs nicht einsehen will, dass man nicht 24/7 für seine Unterhaltung zuständig ist? Welche Spitzenwerte erreicht der Lärmpegel in einem zwei-Kinder Haushalt. Das sind Fragen, die uns interessiert hätten, die aber natürlich in Bochum nicht gestellt werden – perish the thought. In Bochum wird politisch korrekt geforscht und anonym:

“Die Umfrage ist anonym und dauert rund 20 Minuten. Eltern sind aufgerufen einzuschätzen, wie sie ihr Kind aktuell im Vergleich zu der Zeit vor der Coronakrise wahrnehmen: Wie verhält es sich? Wie ist die Stimmung? Wann und wie lange schläft es? Nutzt es mehr oder andere Medien als zuvor? Auch was Eltern als hilfreich empfinden, interessiert die Forscherinnen und Forscher der Arbeitseinheiten Entwicklungspsychologie sowie Klinische Kinder- und Jugendpsychologie.”

Nun, falls Sie Kinder haben, beteiligen Sie sich an dieser Umfrage, deren Erkenntniswert irgendwo zwischen belanglos und irrelevant rangiert. Aber natürlich geht es an Hochschulen schon lange nicht mehr um Erkenntnis. Es geht um virtue signalling. Sind wir nicht gute Menschen, die sich jetzt um die lieben Kleinen und ihre Bedürfnisse kümmern? Das an sich ist löblich, dass dabei keinerlei verwertbares Ergebnis herauskommt, ist irrelevant und in Zeiten, in denen vier Fünftel der Forschung in idiosynkratischer Irrelevanz enden, nicht weiter bemerkenswert.

Es fehlen natürlich noch eine ganze Reihe Trivialitäten, die bislang nicht erforscht wurden, z.B.:

  • Wie verändert die Coronakrise den Hofgang bei Strafgefangenen?
  • Wie hat sich die Kontakthäufigkeit von Menschen in Pflegeheimen nach dem Lockdown entwickelt?
  • Wie kann das reduzierte Fahrgastaufkommen bei Fernbussen erklärt werden?
  • Sind Lehrer in der Lage, den noch höheren Anteil an Freizeit durch die Coronakrise psychisch zu verkraften?

Ergebnisse folgen…

Und weil das alles noch nicht reicht, hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, also das, was davon übriggeblieben ist, nachdem sich die meisten Wissenschaftler daraus zurückgezogen haben, noch etwas ganz Besonderes für den diesjährigen Soziologenkongress ausgedacht, von dem bislang niemand weiß, ob er überhaupt wird stattfinden können:

“Auf der DGS-Website wurde eine Rubrik für soziologische Beiträge in Presse und Öffentlichkeit zur „Corona-Krise“ eingerichtet, Sie finden sie unter folgendem Link: https://soziologie.de/aktuell/soziologie-in-der-presse/corona-krise. Sollten Ihre Beiträge dort fehlen, melden Sie sich gerne bei der Geschäftsstelle.”


Na, ist das eine Drohung?




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