Der Sklavenhandel – Teil 1

Diskussionen über Sklaverei werden heute, wie so vieles, auf weitgehend faktenfreiem Grund geführt. Deshalb haben wir aus der hervorragend sortierten Bibliothek von Dr. habil. Heike Diefenbach ein Altwerk entnommen, dem man wiederum eine kompakte und dennoch informierte Darstellung des Sklavenhandels entnehmen kann. Wir sagen vorher, dass die Darstellung für viele derer, die heute so erzürnt über den Sklavenhandel sind, der die Menschheit die meiste Zeit ihrer Existenz begleitet hat, in weiten Strecken neu sein wird und bitten unsere Leser, das folgende Exzerpt, das insofern ein Kleinod darstellt als es zwischenzeitlich politischer Säuberung anheim gefallen ist, zu verbreiten.

Das Exzerpt stammt aus Fischer “Weltgeschichte” Band 32: Afrika, verfasst von Pierre Bertaux; Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt 1983, eine Rarität aus der Zeit, als man noch Dinge wusste, und Wissen gerade NICHT durch Gefühl ersetzt hat.

“Es war die Suche nach Reichtümern, welche die Europäer über ihre Grenzen hinaustrieb. Alle Kräfte der Portugiesen hatten sich auf das eine Ziel konzentriert, die größten damals bekannten Quellen des Reichtums in Indien und im Orient auszuschöpfen. Die unsicheren und mehr erträumten als wirklichen Reichtümer Westindiens hatten sie dafür gerne den Spaniern überlassen. Aber nach den flüchtigen Einfällen der Konquistadoren auf der Suche nach Gold eröffneten sich den Pflanzern der Neuen Welt weitere und langlebigere Perspektiven. Westeuropa begann Zucker, Rum, Tabak und Baumwolle zu schätzen, was den Aufschwung der Antillen, Louisianas und Brasiliens zur Folge hatte.

Welche Möglichkeiten der Bereicherung bot demgegenüber Afrika? Wo war das märchenhafte Gold von Bambuk? Die minen Guineas brachten nur wenig Gold hervor. Afrika wies mit seiner kargen Erde und seinem ungesunden Klima einen einzigen Reichtum, eine einzige Großproduktion auf: seine kräftige und fruchtbare Bevölkerung, die von den Sklavenhändlern euphemistisch ‘Ebenholz’ genannt wurde. Gerade Sklaven aber wurden in den Pflanzungen Westindiens benötigt, denn der Anbau von Zuckerrohr verlangte zahlreiche Arbeitskräfte. Die drei Welten – die europäische, die afrikanische und die amerikanische – schienen einander wirtschaftlich zu ergänzen. Die Entwicklung des europäischen Sklavenhandels in Afrika war einerseits eine Folge der Entdeckung der Neuen Welt, andererseits die Konsequenz der Entwicklung in Europa, insbesondere der Einführung des Zuckerkonsums.



Afrikas Reichtum an Arbeitskräften war übrigens schon lange ausgebeutet worden. Zahlreiche politische und soziale Systeme gründeten auf der Sklaverei, andere auf der Sklavenjägerei und dem Sklavenhandel.

Auch die Araber wussten von der Sklaverei Gebrauch zu machen. Unter den schwarzen Sklaven schätzten sie besonders die kastrierten, blieb ihnen doch dadurch jenes Problem erspart, das ein paar Jahrhunderte später die schwarze Bevölkerung in den USA darstellte. Die Tuareggesellschaft konnte in der Wüste nur auf Grundlage von Schwarzen ‘Gefangenen’ existieren, die ein unentbehrliches Element ihrer Organisation darstellten. Wie lange Zeit die europäischen Kulturen, so beruhten auch die afrikanischen Gesellschaften auf der unfreien Arbeit, deren einfachste Form die Sklaverei war. Platon und Aristoteles sind nur in einer Gesellschaft denkbar, die sich auf Sklaverei stützt. Zumindest gab die Sklaverei selbst bei den Christen früher zu keinerlei Gewissenskonflikt Anlass. Unter den Merowingern war Verdun an der Maas ein berühmter Sklavenmarkt auf halben Weg wischen slawischer (daher der Name Sklaven, also Slawen) und arabischer Welt. Die ersten in Europa verwendeten Negersklaven waren den Mauren an der marokkanischen Küste abgekauft worden. Man hatte sie also von den Ungläubigen erlöst, was in den Augen des Herrn und der Christenheit doch nur eine Wohltat sein konnte. Zwar verurteilte das Papsttum grundsätzlich den Sklavenhandel; dennoch ist das 1571 vom Gerichtshof von Bordeaux verkündete Urteil einzigartig, das, im Gegensatz zu Portugal, einem Sklavenhändler den Verkauf von Sklaven im Land mit der Begründung verbot, ‘Frankreich, die Mutter der Freiheit, biete keinem einzigen Sklaven Platz’.

Im Lauf des 17. Jahrhunderts sollten in den Praktiken des Sklavenhandels Veränderungen eintreten, die auch seinen Charakter beeinflussten und – auf lange Sicht – eine Reaktion hervorriefen. Dieses neue Element war die Veränderung der Größenordnung, die dem ganzen Phänomen einen anderen Aspekt verlieh. Wie viele Afrikaner mögen über den Atlantik geschafft worden sein? Die Annahmen schwanken stark. Eine Schätzung auf 10 Millionen jenseits des Atlantiks verkaufter Sklaven scheint zu niedrig. Aber selbst größere Zahlen vermögen die Wirkung des Sklavenhandels nicht wiederzugeben. Die Zahl der eingeführten Sklaven muss schon um mindestens 25% vielleicht wesentlich mehr, erhöht werden, um die mitzuzählen, die auf dem Transport starben. Doch muss man auch diejenigen miterfassen, die dem Sklavenhandel indirekt zum Opfer fielen. Um den weißen Sklavenhändler nur einige Dutzend Sklaven verkaufen zu können, metzelten die schwarzen Sklavenjäger eine beträchtliche Anzahl Erwachsener und Kinder nieder und vertrieben ganze Dörfer, deren desorganisierte und ihrer männlichen Erwachsenen beraubte Bewohner kaum zu überleben vermochten. Die Entvölkerung und vor allem die indirekten Auswirkungen fallen unvergleichlich viel stärker ins Gewicht als die nackte Zahl der deportierten Sklaven.



Vier Jahrhunderte lang haben die Europäer Sklavenhandel betrieben, wobei das 18. Jahrhundert allein ebenso viele Transporte aufwies wie das 16., 17. und 19. Jahrhundert zusammengenommen. Geographisch gesehen verteilen sich die Übernahmestellen an der afrikanischen Küste, wo die weißen Sklavenhändler das ‘Ebenholz’ von den schwarzen Sklavenhändlern in Empfang nahmen folgendermaßen:

  • die Goldküste und die benachbarte ‘Sklavenküste’ (Ghana, Togo, Dahome, Nigeria), die im 17. und 18. Jahrhundert den Hauptanteil der ‘Ladung’ lieferten;
  • das Nigerdelta, wo die Sklavenhändler sich seit dem 18. Jahrhundert versorgten und das nach der offiziellen Abschaffung des Sklavenhandels eine wichtige Rolle im Sklavenschmuggel des 19. Jahrhunderts spielen sollte;
  • Angola und der Kongo, die vier Jahrhunderte lang regelmäßig bedeutende Kontingente lieferten;

Unter welchen Flaggen wurden die Sklaven über die Ozeane geschafft? Der aus Sevilla stammende Bischof des mexikanischen Bistums Chiapa, Bartholomeo de las Casas, regte 1498 die Überführung von Negern nach Mexiko an. Da Papst Martin V. verkündet hatte, dass ‘den Ungläubigen kein einziger Teil der Welt gehören sollte’, ließ sich der Sklavenhandel auf christliche Art und Weise mit den Evangelisationsanstrengungen rechtfertigen. Im Jahr 1502 begannen die Spanier, Neger nach den Antillen zu bringen. Aber die spanische Krone übertrug den Sklavenhandel flämischen Kaufleuten. Da sich die Flamen jedoch nicht immer an die Abmachungen der Verträge hielten und versuchten, die den spanischen Auftraggebern zustehenden Prozente zu umgehen, kam es oft zu Streitfällen. Als einige unter den christlichen Nationen hatte Spanien seinen Bürgern stets die Erlaubnis verweigert, sich am Sklavenhandel zu beteiligen. 1500 wurde Christoph Kolumbus eingekerkert, weil er Christen in die Sklaverei gezwungen hatte. Jedoch hatten die Spanier nichts dagegen einzuwenden, wenn man von Portugiesen, Holländern oder Briten Sklaven kaufte, die diese aus Afrika eingeführt hatten. Der Handel wurde auf den Märkten von Sevilla und den Kanarischen Inseln abgewickelt. Auch die Portugiesen, die seit dem 15. Jahrhundert von den Mauren der marokkanischen Küste schwarze Sklaven kauften, hatten einen blühenden Markt aufgebaut: In Lissabon wurden jährlich 12 000 Sklaven verkauft. Auf dem internationalen Markt verdrängten die Flamen sie jedoch mehr und mehr. Die Portugiesen befriedigten schließlich nur noch ihre eigenen Bedürfnisse, die in Brasilien allerdings sehr bedeutend waren. Im 18. Jahrhundert wetteiferten Franzosen und Engländer um die Vorherrschaft, die schließlich von den englischen Schiffen errungen wurde. Diese sorgten dann für mehr als die Hälfte des gesamten Sklavenhandels über den Atlantik. Nach der offiziellen Abschaffung des Sklavenhandels wurde er während des 19. Jahrhunderts nur noch von Halbpiraten, Schmugglern und Blockadebrechern ausgeübt, die unter keiner nationalen Flagge segelten.

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts begann sich schon eine humanitäre Reaktion abzuzeichnen. Locke, Diderot, Voltaire, Rousseau, Wilberforce und viele andere sahen in der Sklaverei einen Anschlag auf die Würde und die unveräußerlichen Rechte des Menschen. In England und in Pennsylvanien verdammte die Gesellschaft der ‘Freunde’, die Quäker, schon 1727 die Sklaverei. 1765 wurde in England die Antisklavereigesellschaft gegründet. Die Abschaffung der Sklaverei auf den britischen Inseln fällt in das Jahr 1772. Die Pflanzer vermieden es, sich von ihrem Hauspersonal begleiten zu lassen, wenn sie England besuchten. Die britische Marine erhielt den Auftrag, das Verbot des Sklavenhandels vorerst auf den in britischen Territorialgewässern kreuzenden Schiffen, später auf allen unter britischer Flagge verkehrenden Schiffen zu verwirklichen. Schließlich wurde 1807 der Sklavenhandel auch den britischen Besitzungen verboten, wo die Sklaverei selbst aber weiterhin legal blieb. Ein blühender Schmuggel war die Folge.

1833 verkündete das britische Parlament die Befreiung aller Sklaven des Empires unter Auszahlung einer Entschädigung an ihre Besitzer. Durch den auferlegten Verzicht auf die Sklaverei hatte die britische Regierung ihre Bürger in eine schwierige wirtschaftliche Lage versetzt. Wie sollten sie der Konkurrenz jener Länder gewachsen sein, welche die Sklaverei nicht abgeschafft hatten? Es gab nur die eine Lösung, die anderen Länder ebenfalls zur Aufhebung der Sklaverei zu bringen und diesen Beschluss durch einen gemeinsam ausgeübten Druck auch wirksam zu machen.

1804 war die Einfuhr von Sklaven nach den USA verboten worden. 1815 hatte Portugal eingewilligt, seinen Sklavenhandel nur noch südlich des Äquators zu betreiben. Offiziell wurde der Sklavenhandel in der südlichen Hemisphäre zwischen Angola und Brasilien bis 1878 fortgesetzt. Brasilien selbst schaffte est zehn Jahre später die Sklaverei ab.

1815 hatte der Wiener Kongress zwar in einer feierlichen Grundsatzerklärung die Aufhebung des Sklavenhandels verkündet. Aber in Frankreich war es erst die Zweite Republik von 1848, welche die Aufhebung der Sklaverei in den französischen Kolonien proklamierte und durchsetzte.



Dem gelösten Problem folgten jedoch neue. Was sollte mit den befreiten Sklaven geschehen, etwa mit denen der Vereinigten Staaten, die ihren Herren davonliefen und in Neu-Schottland Zuflucht suchten? Was sollte das Schicksal derer sein, die man im Kielraum der von der königlich britischen Marine auf hoher See durchsuchten Sklavenhändlerschiffe vorfand? Es war nicht angebracht, sie genau dort wieder an Land zu setzen, wo sie den Sklavenhändlern in die Hände gefallen waren. Von der sehr vereinfachten Überlegung ausgehend, dass sich ein Neger überall in Afrika zu Hause fühle, kam man auf den Gedanken, sie in Sierra Leone anzusiedeln. Der erste Versuch dieses Experiments wurde 1787 durchgeführt. Die eingeborene Bevölkerung nahm jedoch gegenüber den Kolonisten neuer Spielart eine feindselige Haltung ein. Da die private ‘Sierra-Leone-Kompanie’ weder gewillt war, das Experiment zu wiederholen, noch seinen Erfolg gewährleisten konnte, kaufte die britische Regierung die Titel der Kompanie auf und machte Sierra Leone zur Kronkolonie. In einem langwierigen Prozess wurden dort während des ganzen 19. Jahrhunderts befreite Sklaven angesiedelt. Aber zwischen diesen eingeführten und als Kreolen bezeichneten Schwarzen und der eingeborenen Bevölkerung entstand niemals ein gutes Verhältnis. Die Kreolen konzentrierten sich deshalb auf einen engen Umkreis um Freetown. Zwischen 1808 und 1860 wurden etwa 70 000 ehemalige Sklaven, die meist von der britischen Marine auf hoher See befreit worden waren, in Sierra Leone angesiedelt.

In den Vereinigten Staaten war es eine private Gesellschaft, die ‘American Colonization Society’, welche sich die Wiederansiedlung freigelassener Sklaven in Afrika zum Ziel setzte. 1821 kaufte die Gesellschaft an der Sierra Leone ein Stück Land und gründete eine Stadt, die zu Ehren Präsident Monroes den Namen Monrovia erhielt. Einige tausend aus Amerika heimgebrachte ehemalige Sklaven wurden dort angesiedelt, aber auch sie wurden von der einheimischen Bevölkerung schlecht aufgenommen. Sie konnten sich nur in der unmittelbar von den Kanonen der amerikanischen Marine beschützten Küstenzone halten. Im ganzen hatten sich dort kaum mehr als 15 000 in Amerika und 5 000 auf hoher See befreite Sklaven niedergelassen. Die übrigen in den USA freigelassenen Neger zogen es vor, in Amerika zu bleiben. Die Niederlassung der amerikanischen Gesellschaft erhielt den Namen Liberia und ein Statut als Staat. In Harvard wurde eine Verfassung ausgearbeitet und 1841 der erste afrikanische Gouverneur ernannt. Stufenweise erlangte Liberia die Autonomie – die Nachkommen der freigelassenen Sklaven – hielten im Land faktisch das Monopol der Regierung und der Verwaltung in Händen, während das Hinterland in seinem alten Zustand verblieb.

1849 wurde die ‘Elizia’, ein Schiff der Sklavenhändler, von den Franzosen erbeutet. Die ‘Ladung’ wurde in Gabun an Land gebracht und die Stadt, wo die befreiten Sklaven angesiedelt wurden, in ‘Libreville’ umgetauft, als Symbol der Aufhebung der Sklaverei in allen französischen Besitzungen. Im Gegensatz zur Entwicklung in Freetown und Monrovia sollte Libreville zum Sitz einer französischen Kolonialverwaltung werden.”

Teil II folgt.


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