Schlechte Nachricht für Anteils-Fetischisten: Menschen sind eben doch mehr als Bewohner politischer Plantagen!

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Das British Journal of Political Science hat in der Liste der akzeptierten Artikel, die, bevor sie gedruckt werden, unter der Kategorie „First view“ online gestellt werden, einen Text aufzuweisen, der für uns in zweifacher Hinsicht besonders interessant ist: Erstens wird in dem Text über eine Studie berichtet, in der geprüft wurde, inwieweit Abgeordnete, die einer von vier Minderheitengruppe zugeordnet wurden, im Rahmen ihrer politischen Tätigkeit „die“ Interessen der entsprechenden Gruppe – oder genauer: das, was deren geteilte Interessen konstruiert wird – tatsächlich wahrnehmen. Und zweitens basiert diese Studie auf Daten von Abgeordneten im Deutschen Bundestag.

Diese Frage ist einigermaßen brisant insofern als allen Gleichstellungs- oder Quotierungspolitiken die Vorstellung zugrunde liegt, dass jemand, der Angehöriger einer sozialen Minderheit sei, allen voran Frauen und Angehörige ethnischer Minderheiten, wesenhaft und vor allem, wenn nicht allein, eben das seien: Exemplare der Kategorien, denen sie zugerechnet werden. Die Tatsache, dass es sich bei jedem Menschen zuerst und vor allem um ein Individuum handelt, wird bestritten. Die Rangfolge wird umgedreht: Menschen sind zuerst Repräsentanten der Gruppe, in die sie gerade eingeordnet werden (von sich selbst, aber oft von Anderen, oder beides), also z.B. sind sie zuerst und vor allem Frau oder Deutscher mit Migrationshintergrund oder Dunkelhäutiger oder Muslim etc. etc.; die Individualität von Frauen oder Deutschen mit Migrationshintergrund etc. ist lediglich ein möglicherweise differenzierendes, aber jedenfalls nachgeordnetes bzw. vernachlässigbares „Anhängsel“ an das was das „eigentliche“ „Wesen“ des Frau-Seins oder Deutscher-mit-Migrationshintergrund-Seins etc. ausmacht.

Das Hauptmerkmal, dass das „Wesen“ eines Angehörigen einer sozialen Minderheit ausmacht, ist sein Opferstatus. Er ist sozusagen „wesenhaft“ eines: ein Opfer – ein Opfer anderer Gruppen von Menschen, der Verhältnisse, der Geschichte, was auch immer es ist, woraus eine Erzählung gesponnen werden kann, die den Opferstatus irgendwie plausibel machen soll und auf die sich Forderungen nach Vorzugsbehandlung, vielleicht im Form von „Reparations“-Zahlungen, aufbauen lassen.

Der Begriff „Intersektionalität“ wurde nicht geschaffen, um die geteilte Wesenhaftigkeit der Angehörigen einer bestimmten sozialen Minderheit zu differenzieren, sondern – im Gegenteil – sie zu intensivieren, und zwar im Sinn eines kumulierten Opferstatus‘. Insofern bedeutet „Intersektionalität“ immer „Mehrfachdiskriminierung“.



Ausgehend von dieser primitiven Variante des Essentialismus meint so mancher, dass „die“ Interessen „der“ Angehörigen einer bestimmten sozialen Minderheit – oder genauer: einer Gruppe von Menschen, die zu einer sozialen Minderheiten stilisiert werden – am besten, wenn nicht: nur, von Angehörigen dieser Minderheit vertreten werden können, die als ihre „Repräsentanten“ vorgestellt werden, eben kraft des geteilten wesenhaften „Opfer“-Seins.

Das mag einigermaßen plausibel erscheinen für diejenigen, die Menschen auf genau ein Merkmal reduzieren bzw. ein Merkmal zur allentscheidenden Grundlage einer geteilten Essenz erklären; allen Anderen kommt diese Vorstellung sehr seltsam vor, denn Menschen sind Individuen und verfolgen dementsprechend ihre individuellen Interessen. Insofern Menschen allgemein-menschliche Interessen teilen, z.B. am eigenen physischen und finanziellen Wohlergehen, nehmen sie diese Interessen in ihrem jeweiligen Lebenszusammenhang wahr, und das bedeutet: auf jeweils verschiedene Arten und Weisen, je nachdem, welche konkreten Möglichkeiten ihnen in ihrem konkreten Lebenszusammenhang oder in einer konkreten Situation zur Verfügung stehen.

Diese Vorstellung liegt der Theorie der rationalen Wahl zugrunde. Sie besagt erstens, dass Menschen Entscheidungen treffen, die ihnen in einer bestimmten Situation oder Lebenslage am vergleichsweise vorteilhaftesten vorkommen und (wenn sie können,) dementsprechend handeln, und zweitens, dass soziale Phänomene durch solche Handlungen der Menschen erklärt werden müssen (für diejenigen, die sich dafür näher interessieren, s. Diefenbach 2009).

Die eingangs erwähnte Studie, die von Bailer, Beunig, Giger und Wüst (2021), die an verschiedenen Universitäten in der Schweiz oder in Deutschland angestellt sind, durchgeführt und publiziert wurde, ist ein Test der Theorie der rationalen Wahl, und tatsächlich schreiben die Autoren:

„Building on rational choice approaches in legislative politics, we assume that parliamentarians aim to maximize three goals: reselection, re-election, and party and legislative office … To achieve these aims, they choose certain roles, which can be understood as ‘strategies for the commitment of scarce resources’ such as their time, attention or money” (Bailer et al. 2021: 4).

Dementsprechend erwarten die Autoren, dass Abgeordnete, die einer von vier Gruppen, die derzeit als soziale Minderheiten mit Opferstatus konstruiert werden – Frauen, Migranten, Angehörige unterer sozialer Klassen und junge Menschen – , angehören, sich lediglich am Anfang ihrer politischen Karriere darum bemühen, als Repräsentanten oder „Anwälte“ der entsprechenden Gruppe zu handeln und wahrgenommen zu werden, und dies im Verlauf ihrer politischen Karriere immer weniger tun.

Warum sollte das so sein? Die Autoren schreiben:

„… we argue that these representational efforts become weaker over time because MPs must eventually choose between group representation and their individual career paths. Representing interests of the group MPs belong to bestows credibility when they have hardly any legislative track record and few opportunities to demonstrate their expertise” (Bailer et al. 2021: 2).

Dafür, dass – nennen wir sie der Einfachheit halber – Minderheiten-Abgeordnete die Rolle der „Anwälte“ „ihrer“ Minderheit später immer weniger übernehmen, führen die Autoren drei Gründe an. Erstens vermuten sie, dass die Minderheiten-Abgeordneten anfangs nichts oder wenig über die Abläufe und Regeln, die ihr Abgeordneten-Dasein bestimmen, wissen und insofern auf das zurückgeworfen sind, was sie ohne weiteres Wissen über diese Dinge „können“, und dies ist: ein symbolischer Vertreter der Interessen zu sein, die „seiner“ sozialen Minderheit unterstellt werden. Mit zunehmenden Erwerb verwaltungstechnischen Wissens lernen die Minderheiten-Abgeordneten (wie überhaupt alle Abgeordneten), effizienter zu handeln, und es findet eine Interessenverschiebung bei ihnen statt. Zweitens vermuten die Autoren, dass es Minderheiten-Abgeordneten mit der Zeit gelingt, sich in anderen Politikfeldern als dem, das lediglich „ihre“ Minderheit betrifft, zu etablieren und die Unterstützung ihrer Kollegen für ihr Engagement in anderen Politikfeldern gewinnen zu können. Drittens ist das Erreichen einer höheren Position in der Partei oder einer überparteilichen Position eine Funktion der Zeit, die man bereits als Abgeordneter für die Partei oder in verschiedenen Gremien des Bundestages verbracht hat, und mit höheren Positionen ist gewöhnlich die Erwägung weiterer Interessenkonstellationen (als bloß der Interessen der eigenen sozialen Minderheit) verbunden (Bailer et al. 2021: 2).

Etwas weiter im Text (Bailer et al. 2021: 4) nennen die Autoren zusätzliche Gründe. Einer von ihnen ist die Konkurrenz von Abgeordneten untereinander: In anderen Politikfeldern bereits etablierte Parteikollegen geben diese Politikfelder nicht gerne auf oder teilen sie mit den „Neuen“ in der Partei bzw. haben selbst ein Interesse daran, dass die Minderheiten-Abgeordneten sich „ihren“ Minderheiten – und möglichst wenig sonst – widmen. Darüber hinaus könnten die Kollegen meinen, dass Minderheiten-Abgeordnete in der allgemeinen Bevölkerung als besonders glaubwürdige Vertreter „der“ Interessen „ihrer“ sozialen Minderheit angesehen werden, woraus die Partei als Ganze Kapital schlagen zu können glaubt. Minderheiten-Abgeordnete können von Kollegen oder von Angehörigen anderer Institutionen oder Organisationen, die dieselbe Überzeugung hinsichtlich der allgemeinen Bevölkerung teilen, geradezu in die Rolle des „Anwalts“ für „ihre“ Minderheiten gedrängt werden (Bailer et al. 2021: 5).

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Die Erwartung der Autoren, dass Minderheiten-Abgeordnete die Rolle der „Anwälte“ „ihrer“ Minderheit mit fortschreitender Zeit immer weniger übernehmen, ist also gut begründet. Auch, wenn die Begründung nicht systematisch in der Terminologie der Theorie der rationalen Wahl erfolgt, so sind alle angeführten Gründe für die Erwartung der Autoren bezogen auf Interessen verschiedener Akteure (nicht nur der Minderheiten-Abgeordneten selbst) und auf das in bestimmten Situationen am meisten erfolgversprechende Verhalten.

Die empirischen Daten, anhand derer die Autoren ihre Erwartung prüfen, sind alle kleinen und großen Anfragen an die Bundesregierung, die Abgeordnete zwischen 1998 und 2013 initiiert haben (Bailer et al. 2021: 2). Für die Verwendung dieses Datenmaterials sprechen verschiedene praktische und theoretische Gründe. Unter den letzteren ist vor allem wichtig, dass kleine und große Anfragen an die Bundesregierung besonders dazu geeignet sind, die Tätigkeit als „Anwalt“ bestimmter sozialer Gruppen abzubilden, weil sie eines der wenigen verbliebenen politischen Mittel sind, anhand derer jemand auf sich selbst (und nicht auf irgendein Kollektiv wie „die Partei“ oder irgendein Gremium) attribuierbare politische Ziele formulieren kann, und weil die Bundesregierung auf kleine wie auf große Anfragen antworten muss, und Initiatoren von Anfragen deshalb als solche und ggf. als Initiatoren einer parlamentarischen Agenda sichtbar werden (Bailer et al. 2021: 6).

Aber woran erkennen die Autoren, ob es in einer kleinen oder großen Anfrage um „die“ Interessen einer bestimmten sozialen Minderheit geht? Diesbezüglich wählen die Autoren ein sehr einfaches Entscheidungsverfahren:

„We adopt a simple distinction based on topics that we classify as either being about a topic related to the disadvantages or not … issues related to sexual harassment are coded as women’s issues, and questions about racial discrimination as migration issues. We thus focus on topics for which the link to the respective disadvantaged group is clear and rather narrowly defined” (Bailer et al. 2021: 8).

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Es ist m.E. wichtig, darauf hinzuweisen, dass dies tatsächlich nicht der Fall ist. „sexual harassment“ ist natürlich keine Sache, die nur oder auch nur hauptsächlich ohne weitere empirische Überprüfung als „Frauensache“ angesehen werden kann, und zu behaupten, dass „racial discrimination“ nur Migranten betreffen könne, aber keinesfalls z.B. die hellhäutige Mehrheit der Bevölkerung, ist absurd. Vielmehr kann man mit Fug und Recht von einem derzeit existierenden und institutionellen Rassismus gegen „den“ weißen Mann sprechen. Aber gerade deswegen, weil diese empirisch zumindest zu einem erheblichen Teil falschen Vorstellungen als Pseudo-Wahrheiten institutionalisiert sind, ist die einfache (viel zu einfache!) Zuordnung, die die Autoren vornehmen, für ihr Forschungsanliegen vermutlich sinnvoll: immerhin agieren Abgeordnete auf der Basis ihrer Vorurteile, und daher muss ihr Verhalten auch auf der Basis ihrer Vorurteile erklärt werden. Allerdings geben die Autoren im Text keinerlei Hinweis darauf, dass sie sich all dessen bewusst sind, so dass sich beim Leser (zumindest bei mir) das ungute Gefühl einstellt, dass die Autoren tatsächlich so naiv sein könnten, diese Vorurteile für ein einigermaßen zutreffendes Abbild der gesellschaftlichen Realität zu halten, insbesondere vor dem Hintergrund, dass sie sich – Entschuldigung, mir fällt kein passenderer Begriff ein – entblöden, ohne jede Einschränkung oder Differenzierung zu schreiben:

„Importantly, all these groups are disadvantages and under-represented in the legislature as a proportion of the population” (Bailer et al. 2021: 9).

Wenn sie die Theorie der rationalen Wahl tatsächlich verstanden haben, können sie unmöglich meinen, dass eine Verteilung von Angehörigen irgendeiner als Gruppe konstruierten Mehrzahl von Menschen bzw. statistische Unterrepräsentation automatisch als Indikator für Benachteilung oder auch nur Nachteile angesehen werden könne. Wenn man den Autoren aber zugute halten will, dass sie die Theorie verstanden haben, dann muss man vermuten, dass sie ihren Text bewusst durch stellenweise Zugeständnisse an die politische Korrektheit (oder konkreter: an Kollegen, Herausgeber der Zeitschrift u.a.) diskreditiert haben, was sehr bedauerlich ist, ist die Studie in großen Teilen doch durchaus gut durchdacht und methodisch elaboriert.

Wie dem auch sei – der Versuch, „die“ Interessen von vier verschiedenen als soziale Minderheiten konstruierten Gruppen zu identifizieren, ist für das Forschungsvorhaben notwendig, und die Tatsache, dass die Autoren es nicht bei der Betrachtung einer einzigen dieser Gruppen belassen, stellt zweifellos einen Fortschritt gegenüber vorhergehender Forschung dar, wie die Autoren selbst bemerken (Bailer et al. 2021: 8-9).

Die Abgeordneten haben die Autoren als Minderheiten-Abgeordnete kategorisiert, wenn sie (a) weiblich waren, (b) außerhalb von Deutschland geboren wurden oder bei ihrer Geburt eine andere als die deutsche Staatsangehörigkeit hatten, (c) vor ihrer politischen Karriere als Handwerker oder Händler tätig waren – das ist für die Autoren ein Indikator für einen niedrigen Berufsstatus! –, oder (d) 35 Jahre oder jünger waren (Bailer et al. 2021: 9).

Um ihre Forschungsfrage zu beantworten schätzen die Autoren verschiedene Regressionsmodelle, in die auch einige Kontrollvariablen einfließen, u.a. der Faktor „direkt gewählt vs. durch Listenplatz zum Abgeordneten gewählt“ (Bailer et al. 2021: 10-11). Es zeigt sich in der Studie aber, dass die Kontrollvariablen, die überhaupt einen Effekt haben, schwache Effekte haben und im übrigen in die erwarteten Richtungen weisen (Bailer et al. 2021: 11), also keine Überraschungen bieten, so dass ich über sie hier nicht weiter berichten werde.

Zunächst prüfen die Autoren, ob Minderheiten-Abgeordnete tatsächlich mehr kleine oder große Anfragen an die Bundesregierung mit Bezug auf „die“ Interessen „ihrer“ sozialen Minderheit stellen als andere Abgeordnete. Dass dies so ist, zeigt sich für weibliche Abgeordnete, für Abgeordnete mit Migrationshintergrund und für Abgeordnete, die 35 Jahre alt oder jünger sind (s.o.), aber bezeichnenderweise nicht für Abgeordnete, die vorher als Handwerker oder Händler tätig waren. Die Autoren spekulieren diesbezüglich, dass andere Abgeordnete

„… also occasionally address issues related to poverty because the topic is part of a larger debate on the welfare state and is integrated into broader themes of political competition” (Bailer 2021: 13).

Angesichts der Tatsache, dass mir nicht nachvollziehbar ist, dass Armut („poverty“) ein Anliegen (ausgerechnet!) der Gruppe von Handwerkern und Händlern sein sollte statt der dauerhaft prekär beschäftigen sogenannten Mittelschicht (inklusive solcher, derer berufliche und materielle Existenz von einem Platz auf einer Parteiliste abhängt), halte ich es für deutlich plausibler zu vermuten, dass das deshalb so ist, weil Handwerker und Händler derzeit nicht als soziale Minderheit mit Opfer-Status konstruiert werden –sie sind eben gerade keine „Armen“! –, sondern wenn überhaupt, dann – im Gegenteil – als Täter-Gruppe, u.a. als sogenannte Modernisierungsverlierer mit Angst vor Wandel und „rechten“ Einstellungen, als Angehörige einer sozialen Schicht, aus der angeblich Frauenprügler kommen, etc. Mit dem Eintreten für die Interessen dieser Gruppe von Menschen ist daher derzeit kein politischer Blumentopf zu gewinnen (jedenfalls nicht im parteipolitischen mainstream), und deshalb ist es nicht im Interesse der dieser Gruppe zugeschlagenen Abgeordneten, einen entsprechenden Versucht zu machen.

Jedenfalls halten die Autoren fest:

„Taken together, these estimates suggest that MPs from disadvantaged [!?] groups engage in more legislative activities than their counterparts without such a background” (Bailer et al. 2021: 11).

Bei der Betrachtung ihres Verhaltens über die Zeit hinweg, in der die Abgeordneten im Bundestag gewesen sind und kleine oder große Anfragen stellen konnten, zeigt sich, dass Minderheiten-Abgeordnete mit Migrationshintergrund und solche im Alter von 35 Jahren oder jünger und in geringe(re)m Ausmaß solche, die vorher Handwerker oder Händler waren, aber nicht Frauen, im Zeitverlauf weniger auf „ihre“ sozialen Minderheiten bezogene Anfragen an die Bundesregierung richten (Bailer et al. 2021: 11).

Speziell für Abgeordnete mit Migrationshintergrund stellen die Autoren fest:

„According to our estimation, close to the end of their second term (that is, after roughly 7 years in parliament), MPs with a migrant background are no longer more likely to ask questions about migration than other MPs” (Bailer et al. 2021: 12).

Abgeordnete mit Migrationshintergrund haben also nach etwa sieben Jahren aufgehört, die Rolle des “Anwaltes” “ihrer” sozialen Minderheit zu spielen.

Dass die vermeintliche soziale Minderheit weiblicher Abgeordneter im Zeitverlauf nur mit leicht sinkender Tendenz weniger „Frauenanfragen“ an die Bundesregierung stellen, erklären sich die Autoren damit, dass

„… women are not strictly a minority, since they constitute half of the population. Given this potentially powerful status, it might thus be that women just keep on fighting for their rights” (Bailer et al. 2021: 14).

Wie es Sinn macht, dass ausgerechnet Frauen, die Abgeordnete sind und im betrachteten Zeitraum mit 31 bis 34 Prozent Anteil an allen Abgeordneten schwerlich unter Gefühlen weiblicher Einsamkeit und Machtlosigkeit gelitten haben dürften, meinen sollten, sie selbst oder „Frauen“ an und für sich, von denen die Autoren selbst bemerken, dass sie eigentlich gar keine Minderheit sind, müssten dauerhaft „für ihre Rechte“ kämpfen, ganz so, als würde jemand ihnen „ihre Rechte“ vorenthalten, ist mir beim besten Willen nicht nachvollziehbar. Noch weniger nachvollziehbar ist es mir, wenn dies von Personen vorgebracht wird, die anscheinend einigermaßen bekannt sind mit der Theorie der rationalen Wahl und damit mit dem Gedanken, dass soziale Phänomene Ergebnisse vernünftiger Handlungsentscheidungen individueller Menschen (samt der hieraus resultierenden u.U. unerwünschten Effekte) sind.

Nachvollziehbar wäre mir dagegen, wenn man davon ausginge, dass das Engagement in „Frauenfragen“ aufgrund der schon in den 2000er-Jahren weitgehenden Verankerung im gesellschaftlichen mainstream dauerhaft lohnend zu sein versprach, so dass es vorerst als nahezu grenzenlos ausschlachtbar erschienen sein mag. Und einen Verwaltungs-/Schreibtischjob in der Frauenbevorteilungsindustrie konnte man als (ehemaliger) Abgeordneter schon damals immer finden. Ein entsprechendes Netzwerk von „Migrantenhintergrunds-Job“ dürfte inzwischen weitgehend etabliert sein, was in den 2000er-Jahren jedoch (noch) nicht im selben Umfang der Fall war, so dass sich eine dauerhafte Investition in Opfer-Erzählungen dieser Art nicht in der selben Weise als lohnend dargestellt haben dürften.

Festgehalten werden kann jedenfalls, dass die Autoren über alle vier als soziale Minderheiten konstruierte Gruppen hinweg zu dem Schluss kommen:

„Across our models, we find the expected negative trend to focus on group issues over time” (Bailer et al. 2021: 14),

und

“… we do not observe a straightforward link between enhanced descriptive [d.h. statistische, anteilsmäßige] to greater substantive [d.h. im Engagement für die vermeintlichen Gurppeninteressen erkennbare] representation. Instead, the linkage depends on the career advancement of individual group representative. Significant substantive representation occurs in the early stages of parliamentary careers but diminishes substantially when MPs serve for a long time in parliament” (Bailer et al. 2021: 14).

Dieses Ergebnis sollte niemanden überraschen. Immerhin gibt es keine sozialwissenschaftliche oder speziell anthropologische Theorie, die postulieren und sich zu erklären anschicken würde, warum das Wesen eines Menschen darin bestehen sollte (oder auch nur: könnte), ein Klon von –zig Tausend anderen zu sein, mit denen er ein einziges Merkmal teilt, und nur dann könnte er – vielleicht – davon ausgehen, dass er wissen oder vermuten kann, welche Interessen die wesensverwandten Klone haben könnten. Diese Vorstellung ist zu absurd, als dass sie jemand in der Wissenschaft ernsthaft vorbringen könnte. Und tatsächlich kommt diese Vorstellung aus dem Bereich ideologischen Aktivismus, in dem man sich seit den 1990er-Jahren verstärkt bemüht hat, Menschen sozusagen zu zwangs- verkollektivieren, indem Individualrechte zugunsten von Gruppenrechten ausgehöhlt wurden (und werden):

„Globally, the UN adopted a ‘Declaration on the Rights of Persons Belonging to National or Ethnic, Religious and Linguistic Minorities’ in 1992, and a ‘Declaration on the Rights of Indigenous Peoples’ in 2007. At the regional level, the Council of Europe adopted the ‘European Charter for Regional or Minority Languages’ in 1992, and the ‘Framework Convention for the Protection of National Minorities’ in 1995”,

wie man in der Encyclopedia Princetoniensis der Princeton University nachlesen kann.

Auch die „World Conference on Women“, die im Jahr 1995 unter Teilnahme von „… more than 30.000 acitivsts [und] representatives from 189 nations …“ und vielleicht nicht zufällig von Peking ausgerichtet wurde, ist in diesem Zusammenhang zu sehen.

Wie die Forschung von Bailer et al. zeigt, funktioniert die Kollektivierung von Menschen in der Realität nicht bzw. nur bei solchen, die so wenige Alternativen sehen, ihre Interessen zu verfolgen oder zu erreichen, dass es ihnen als die beste Strategie vorkommt, ihre Individualität zugunsten einer Gruppenidentität aufzugeben oder zumindest deutlich in den Hintergrund zu stellen. Es gilt das anthropologische Gesetz, nach dem Menschen – und nicht nur sie! – Individuen sind und bleiben und individuelle Interessen haben, die sie nach Kräften und angesichts ihrer speziellen Bedingungen verfolgen. Quotierungen und Bestrebungen nach „Repräsentation“ von – im übrigen nicht real existierenden, sondern immer sozial konstruierten – Gruppen gemäß „ihres“ Bevölkerungsanteils funktionieren daher nicht.

Sollten sie eines Tages funktionieren, wüssten wir, dass Wege gefunden wurden, Anreize für die große Mehrheit von Individuen, die als Gruppen-“Repräsentanten“ agieren sollen, so und insoweit zu setzen, dass es sich für diese Individuen tatsächlich mehr zu lohnen scheint, ihre Interessen auf diese Weise als auf irgendeine alternative Weise zu verfolgen. Wir wüssten dann also, dass wir endgültig in einer totalitären Gesellschaft angekommen sind.

Seltsamerweise lesen wir hiervon nichts im Schlusskapitel des Textes von Bailer et al.; sie kommen auf die Tatsache, dass ihre Ergebnisse im Einklang mit den Annahmen der Theorie der rationalen Wahl stehen, überhaupt nicht zurück, obwohl sie diese Theorie im vorderen Teil ihres Textes – wie oben beschrieben – ansprechen. Stattdessen tun die Autoren so, als hätten sie mit ihren Ergebnissen die brandneue Entdeckung gemacht, dass man das Verhalten von Menschen besser erklären kann, wenn man ihre individuellen Interessen mitberücksichtigt und sie nicht nur als Gruppenangehörige betrachtet:

„Taking career motives into account offers a new and dynamic perspective on an important topic in political science and society at large“ (Bailer et al. 2021: 15).

Dieser Satz macht nur dann Sinn, wenn den Autoren in ihrer Ausbildung politische Ideologie als Politikwissenschaft präsentiert wurde, denn von der Erklärung des Wahlverhaltens über den „opinion leader“, über die Frage nach Partizipation an politischen Entscheidungen bis hin zur Public Choice-Theorie, zeichnet sich die Politikwissenschaft (die als solche empirisch arbeitet) durch die Erklärung der sie interessierenden Phänomene durch individuelles Verhalten aus:

„… political science studies institutions and behaviour, favours the descriptive over the normative, and develops theories or draws conclusions based on empirical observations, which are expressed in quantitative terms where possible”.

Vielleicht sollten wir Leser uns darüber freuen, wenn in dem, was manche für Politikwissenschaft halten, die grundlegende Wichtigkeit der Individualität des Menschen wiederentdeckt wird. Oder vielleicht hatten die Autoren das Gefühl, dem ideologischen Zeitgeist Rechnung tragen zu müssen ….

In jedem Fall bedeuten die Ergebnisse dieser Studie schlechte Nachrichten für Quotierer und andere Varianten von Anteilsfetischisten.


Literatur:

Bailer, Stefanie, Breunig, Christian, Giger, Nathalie & Wüst, Andreas W., 2021: The Diminishing Values of Representing the Disadvantages: Between Group Representation and Individual Career Paths. British Journal of Political Science: 1-18. .doi:10.1017/S000712340000642.

Diefenbach, Heike, 2009: Die Theorie der Rationalen Wahl oder „Rational Choice“-Theorie (RCT), S. 239-290 in: Brock, Ditmar, Junge, Matthias, Diefenbach, Heike, Keller Reiner & Villànyi, Dirk: Soziologische Paradigmen nach Talcott Parsons: Eine Einführung. Wiesbaden. VS Verlag für Sozialwissenschaften.


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