Von „duftenden Blumen“ und „giftigem Unkraut“: Ideologisches „Unkraut“-Jäten durch „Einstellungsimpfung“ in China und Deutschland

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Es ist schon eine Weile her, dass wir hier auf Sciencefiles in einem Text mit dem Titel „Sind Sie schon geimpft, oder denken Sie noch selbst?über die „attitudinal inoculation“ oder im Deutschen „Einstellungsimpfung“ als sozialpsychologisches Konzept berichtet haben. Sie wird in der autorisierten deutschsprachigen Übersetzung des Sozialpsychologie-Lehrbuches von Elliot Aronson, Timothy D. Wilson und Robin M. Akert (2004) wie folgt beschrieben:

„Einstellungsimpfung [ist] [e]in Prozess, mit dem Menschen gegen Versuche von Einstellungsänderung immunisiert werden können, indem man ihnen von Anfang an kleine Dosen der Argumente verabreicht, die ihrem Standpunkt entgegengesetzt sind“ (Aronson, Wilson & Akert 2004: 250).

Warum sollte das funktionieren? Deshalb:

„Wenn die Argumente schon vorher betrachtet worden sind, ist man gegenüber den Auswirkungen der Kommunikation relativ immun, gerade so, wie eine Schutzimpfung mit einer kleinen, abgeschwächten Dosis des Erregers für Immunität sorgt gegen die eigentliche Erkrankung“ (Aronson, Wilson & Akert 2004: 250).

Wir haben im oben genannten Artikel diese Idee der Einstellungsimpfung vorgestellt und einer Kritik unterzogen. Was wir im oben genannten Artikel nicht berichtet hatten, ist, dass die Einstellungsimpfung – anders als es z.B. in Wikipedia dargestellt wird – kein genuin sozialpsychologisches Konzept ist, sondern aus dem Giftschrank der Manipulationsmethoden stammt, mit Hilfe derer die chinesische Kulturrevolution befördert werden sollte. Anscheinend wurde sie von Mao Zedong erdacht, aber jedenfalls wurde sie von ihm bzw. der CCP, d.h. der Chinese Communist Party, zur Anwendung gebracht. Dies berichtet Hu Ping, der im Jahr 1947 in China geborene und im Jahr 1986 in die USA übergesiedelte ehemalige Präsident der Chinese Alliance for Democracy und Herausgeber der Zeitschriften „Beijing Spring“ und „China Spring“ auf Seite 72 in seinem Buch „The Thought Remolding Campaign of the Chinese Communist Party-State“, das im Jahr 2012 erschienen ist.

Hu Ping schreibt:

„… there arose a measure that has been called ‚giving an injection of a preventive inoculation’. Mao Zedong discussed the example of vaccinating against smallpox. On many occasions, he directed that cadres must be proficient at utilizing negative examples among both writings and persons that may be held up for denunciation and thus serve as a cautionary lesson to others – thereby helping others to enhance their ability to distinguish between the correct and the false, and among writings to distinguish between ‘fragrant flowers’ and ‘poisonous weeds’ … With regard to ideology, to give an injection of a preventive inoculation means to use the method of making you come into contact with negative or cautionary examples so as to strengthen all of the positive viewpoints and positive standpoints that you originally had” (Ping 2012: 72).

Ins Deutsche übersetzt heißt das etwa:

„… es entstand eine Maßnahme die „Eine-präventive-Injektion-Geben“ genannt wurde. Mao Zedong diskutierte [in diesem Zusammenhang] das Beispiel der Impfung gegen die Pocken. Bei vielen Gelegenheiten wies er [seine politischen] Kader an, sich in der Nutzung negativer Beispiele zu üben, sowohl in Schriften als auch mit Bezug auf Personen, die für eine Denunziation in Frage kommen und somit als warnendes [bzw.: abschreckendes] Beispiel für Andere dienen können – woduch Anderen dabei geholfen wird, ihre Fähigkeit zu verbessern, zwischen dem Korrekten und dem Falschen zu unterscheiden und Schriften daraufhin zu unterscheiden, ob es sich bei ihnen um „duftende Blumen“ oder „giftiges Unkraut“ handelt“ … Mit Bezug auf Ideologie bedeutet die Verabreichung einer vorbeugenden Impfung, Sie in Kontakt mit negativen oder warnenden Beispielen, damit Sie all die positiven Ansichten oder positiven Standpunkte, die sie ursprünglich/bislang hatten, gestärkt werden“.

Im Kleinen Roten Buch von Mao findet sich dazu auf den Seiten 16 und 17 die folgende Stelle, die auf eine Rede Bezug nimmt die Mao Zedong am 12. März 1957 vor der Nationalkonferenz der Kommunistischen Partei von China gehalten hat:

“We still have to wage a protracted struggle against bourgeois and petty bourgeois ideology. It is wrong not to understand this and to give up ideological struggle. All erroneous weeds, all ghosts and monsters, must be subjected to criticism, in no circumstances should they be allowed to spread unchecked. However, the criticism should be fully reasoned, analytical and convincing, and not tough, bureaucratic, metaphysical or dogmatic.”

Was man unter einem “reasoned, analytical and convincing criticism” im Sinne Maos zu verstehen hat, welcher manipulative Trick sich dahinter verbindet, das wird im Folgenden sehr deutlich werden.

Die Prämisse dieser vermeintlich aufklärerischen Strategie ist natürlich diejenige, dass Mao Zedong und seine Kader im Besitz des Wissens darüber sind, was korrekt und was falsch, was „duftende Blume“ und was „giftiges Unkraut“ ist:

„At first glance, you might assume that since this method makes you come into contact with both positive and negative examples, it would thus be fair, as well as conducive to independent thinking. In actuality it is not, because in this context the negative-example materials that have been issued to you have gone through a painstaking and detailed selection process. In addition, what is even more important is that they have been stamped with the label of ‘negative-example materials’ from the very beginning” (Ping 2012: 72),

im Deutschen etwa:

“Auf den ersten Blick könnten Sie meinen, dass diese Methode fair sei und unabhängiges Denken befördern würde, weil sie Sie in Kontakt sowohl mit positive als auch mit negative Beispielen bringt. Tatsächlich ist sie es nicht, weil die Materialien, die Ihnen als negative Beispiele vorgelegt werden, in diesem Kontext [d.h. im Kontext der Durchsetzung der Ideologie der CCP] durch einen gründlichen und mühsamen Auswahlprozess hindurchgegangen sind. Außerdem, und dies ist sogar wichtiger, wurden sie von vornherein mit dem Stempel „negative Beispiele“ versehen“

so dass mit der Präsentation des Materials immer schon eine Bewertung mitgegeben wird. Davon, dass die Bewertung dem Material mitgegeben wird, hängt die „Impf“-Wirkung gegen „Anfälligkeit“ für „Krank-Machendes“ ja gerade ab:

„In the process of ‚giving an injection of a preventive inoculation’ you receive the following warning in advance: those viewpoints with which you will come into contact are erroneous and reactionary” (Ping 2012: 73),

d.h.:

“Während des Prozesses der Verabreichung der präventiven Impfung erhalten Sie die folgende Vorab-Warnung: diese Ansichten, mit denen Sie in Kontakt kommen werden, sind falsch/irrig und reaktionär“.

Aber warum sollte das jemand glauben? Damit die Vorab-Warnung als einigermaßen glaubhaft erscheinen konnte, wurden Materialien, die als negative Beispiele verwendet werden sollten, aus dem Fundus dessen ausgewählt, wogegen zu diesem Zeitpunkt bereits Vorurteile bestanden oder genährt worden waren:

„Therefore, the CCP has been quite meticulous in its choice of negative-example materials for adoption. The Party would always select a ‘vaccine’ from those materials that had already been regarded as reactionary by people at that time. The earliest negative-example teacher in the Thought Remolding Movement was probably Hu Shi. There was no controversy in classifying Hu Shi as ‘reactionary’, since Hu Shi was politically anti-communist and left China for Taiwan in 1949” (Ping 2012: 73).

d.h.:

“Deshalb war die CCP sehr sorgfältig bei ihrer Auswahl von Materialien, die als negative Beispiele verwendet werden sollten. Die Partei wählte „Impfstoff“ immer aus solche Materialien aus, die [zu diesem Zeitpunkt] von den Menschen bereits als reaktionär angesehen wurden. Der früheste Lehrer negativer Beispiele in der [hier sinngemäß: für die] Gedanken-Umformungsbewegung war wahrscheinlich Hu Shi. Es gab keine Kontroverse darüber, dass Hu Shi als ‚reaktionär‘ zu klassifizieren sei, weil Hu Shi Anti-Kommunist war und China im Jahr 1949 in Richtung Taiwan verlassen hatte“.

Aber warum konnte die Vorführung von Hu Shi bzw. seinen Schriften als „reaktionär“ über sich selbst hinausgehen, also als „Impfung“ gegen Schriften vergleichbaren Inhaltes oder Personen, die ähnliche Inhalte vertraten, wirken?

Ping beschreibt die entsprechende Wirkung als eine Folge gehaltserweiternder – und damit wohlgemerkt logisch falscher – Schlussfolgerungen:

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„Once the CCP confirmed that Hu Shi was a reactionary, it could then draw the conclusion that all facets of Hu Shi’s thought, including his scholarly thought, were also erroneous and reactionary. This news conclusion would then serve as the premise of a subsequent inference. Since all those facets of Hu Shi’s thought were reactionary, then other people with a similar mode of thought … were reactionary as well. And since [they] were reactionary, then every facet of their thought, including facets of thought that were not similar to Hu Shi’s, also took on a reactionary coloration. When this kind of inference was conducted repeatedly, the yardstick for measuring what counted as being ‘reactionary’ became ever widening in its expanse. Needless to say, this process of inference and extension is illogical. Yet it utilizes a kind of inertia of the human mind, namely, a sort of shifting of the object that results from the mentality of ‘love me, love my dog’” (Ping 2012: 74).

Zu deutsch:

“Hatte die CCP erst einmal bestätigt, dass Hu Shi ein Reaktionär war, konnte sie die Schlussfolgerung ziehen, dass alle Facetten im Denken von Hu Shi, einschließlich seiner akademischen Überlegungen, ebenfalls falsch [oder: irrig, fehlerbehaftet] und reaktionär seien. Diese neue Schlussfolgerung diente dann als Prämisse [oder Ausgangspunkt] für eine weitere Schlussfolgerung. Da all die Facetten im Denken Hu Shis reaktionär waren, mussten andere Personen mit ähnlichen Überlegungen [oder Gedanken] ebenfalls reaktionär sein. Und weil sie reaktionär waren, nahmen alle Facetten ihres Denken, einschließlich derer, die keine Ähnlichkeit mit dem von Hu Shi aufwiesen, eine reaktionäre Färbung an. Wenn diese Art von Schlussfolgerungen mehrfach wiederholt wurde, wurde der Maßstab für das, was als ‚reaktionär‘ galt, immer weiter ausgeweitet. Unnötig zu sagen, dass dieser Prozess von Schlussfolgerung und Erweiterung unlogisch ist. Aber er nutzt eine Form der Untätigkeit des menschlichen Geistes, nämlich eine Verschiebung des [in Frage stehenden] Objektes, die [ihrerseits] ein Ergebnis der Mentalität „Liebe mich, liebe meinen Hund“ ist“.

Ping ist Zeitzeuge dieses Prozesses der Ausweitung dessen, was seit 1949 und später im Verlauf der Kulturrevolution unter Mao Zedong unter den Begriff „reaktionär“ gefasst wurde:

„From 1949 to the Cultural Revolution, the ideological net was drawn more and more tightly around us, and the extension of what counted as ‘reactionary’ and ‘counterrevolutionary’ became wider and wider. All of these results are the successful outcome of the Party’s ingenious employment of its strategy of systematically guiding and luring people forward one step at a time, and pressing them on harder and harder at every stage … The party would proclaim that a certain mode of thought was reactionary and then would inspire us to seek out evidence that would indicate how and why the mode of thought was reactionary. This has nurtured a habit of unidirectional thinking in us. Later on, as long as the Party would toss a sentence down to us such as ‘so-and-so’s thinking is reactionary’, we would automatically exert ourselves to search for all types of arguments and evidence that would prove this conclusion. You cannot but admit that such activity in which people automatically look for evidence to prove the Party’s conclusion is also a type of active employment of the intellect, and people can also derive from this activity a sort of enthusiasm and pleasure similar to what they achieve from puzzling something out with their brains. Particularly during the initial stages of the Cultural Revolution, there was such a large number of people who hankered after digging out ‘poisonous weeds’” (Ping 2012: 74),

im Deutschen etwa:

“Von 1949 bis zur Kulturrevolution wurde das ideologische Netz immer enger um uns gezogen, und die Erweiterung dessen, was als ‘reaktionär’ galt und was als ‘konterrevolutionär’ wurde immer umfassender. All dies war das erfolgreiche Ergebnis der ausgeklügelten Anwendung der Strategie, die Leute systematisch zu lenken und sie Schritt für Schritt und unter zunehmendem Druck mmer weiter in die gewünschte Richtung zu treiben, durch die Partei … Die Partei verkündete, dass eine bestimmte Denkweise reaktionär sei und regte uns dann dazu an, Belege zu finden, die zeigen würden, wie und warum die[se] Denkweise reaktionär war. Dies hat in uns eine Gewohnheit zum einseitigen Denken entwickelt. Später, solange die Partei uns einen Satz wie ‚Soundsos Denken ist reaktionär‘ hinwarf, haben wir uns automatisch nach Kräften bemüht, nach allen Arten von Argumenten und Belegen zu suchen, die diese Schlussfolgerung als richtig erweisen würden. Man kann nicht umhin anzuerkennen, dass eine solche Tätigkeit, bei der die Menschen automatisch nach Belegen dafür suchen, dass die Schlussfolgerung der Partei richtig ist, auch eine Form aktiver Betätigung des Verstandes ist und dass Menschen aus dieser Tätigkeit eine Art Enthusiasmus und Vergnügen erlangen können, die dem ähnlich ist, was man erreicht, wenn man etwas unter Einsatz seines Gehirns ausknobelt. Besonders während der Anfangsstadien der Kulturrevolution gab es eine große Anzahl von Leuten, die sich regelrecht danach sehnten, ‚giftiges Unkraut‘ auszugraben“.

Ich bin sicher, dass Ihnen bei der Lektüre dieser Zitate längst klar geworden ist, dass es sich hier nicht um eine Übung in Zeitgeschichte handelt, sondern Pings Ausführungen über die Strategie der Einstellungsimpfung sich ziemlich direkt auf unsere derzeitige Situation in der westlichen Welt beziehen lassen:

Zum einen haben wir Vorgaben von Regierungen, politischen Einrichtungen und Ämtern darüber, was das „richtige“ Denken und Verhalten sei, und diese Vorgaben erfolgen nicht nur vage oder nur in verbaler Art, sondern schlagen sich in handfesten Regeln und Gesetzestexten nieder, so z.B. im Anti-Diskriminierungsgesetz oder in der Einschränkung von Freiheitsrechten im Zusammenhang mit Covid-19.

Zum anderen haben wir mit sogenannten Faktencheckern und Projektmitarbeitern, die versuchen, überall „Rechte“ oder „Rassisten“ auszumachen, diejenigen vor uns, die daraus, dass sie die ideologische Schmutzarbeit für Andere tun, Befriedigung ziehen, indem sie „fake news“ bzw. „fake news“-Verbreiter oder „Rechte“ ausmachen und zu „überführen“ versuchen. Sie tun dies wohlgemerkt mit finanzieller Unterstützung des Staates (sprich: des Steuerzahlers aufgrund von Zwangsabgaben) bzw. im Auftrag des Staates oder staatlicher Organe, und im Wettbewerb um Steuergelder und im Interesse des Selbsterhaltes haben sie eine Tendenz, den Bereich des „Falschen“ immer weiter auszuweiten – vom vermeintlich faktisch Falschen über das vermeintkich moralisch Falsche, also das „Verwerfliche“, bis zum neuderings „Nicht-Ganz-Richtigen“ aufgrund angeblich „fehlenden Kontextes“. Zweifellos wäre es für diese Leute sinnvoller und gesamtgesellschaftlich besehen ein großer Gewinn für uns alle, wenn sich diese Leute einen Stapel Rätselhefte kaufen würden, um aus dem Ausknobeln oder Ausschnüffeln aufgrund von Stichworten oder sonstigen Hinweisen Befriedigung zu ziehen.

Gehaltserweiterungen des „Falschen“ im Dienst der Ideologie beobachten wir auch in der rhetorischen Figur der „Unterwanderung“, wenn es z.B. heißt, dass Menschen, die die Maßnahmen zur Bekämpfung von Covid-19 für übertrieben und angesichts der Kosten, die sie bereiten, für unverantwortlich halten, wenn nicht selbst „Rechte“ sind, einfach, weil sie nicht mit der Regierungssicht der Dinge konform gehen, dann doch als von „Rechten unterwandert“ dargestellt werden.

Das Schimpfwort von den „Rechten“ ist nicht erst seitdem soweit ausgeweitet worden, dass es keinerlei Bedeutung – außer als Synonym für „böse“ – hat: Schon im Jahr 2019 hat eine angeblich wissenschaftliche Studie „entdeckt“, dass die politische Mitte in der Gesellschaft nach „rechts“ gerückt sei, was zu formulieren, ein logisches Ding der Unmöglichkeit ist, den angeblich „wissenschaftlichen“ Autoren der Studie aber dennoch irgendwie möglich war.

Manche tun eben ihr Bestes, um das, was Inhaber von Regierungspositionen und anderer öffentlicher Ämter als eine Wahrheit inszenieren wollen, ex post facto irgendwie als „wahr“ zu erweisen, ganz wie Ping das beschrieben hat.

Das Schicksal der Gehaltserweiterung bis zum vollständigen Sinnverlust teilen andere Begriffe mit dem Begriff „rechts“ oder „Rechte“. Zu diesen Begriffen zählen u.a. „Anti-Feministen“ bzw. „frauenfeindlich“ bzw. “sexistisch”, “weiße Suprematisten” und – vielleicht allen anderen voran – “rassistisch” bzw. „Rassisten“. Bezeichnet der Begriff ursprünglich diejenigen, die die sogenannte Rassenlehre des 19. Jahrhunderts vertraten, so wird er heute als weitgehend sinnentleerter Begriff gegen alles und jeden verwendet, der irgend eine Meinung hat, für die sich irgendwie irgendein Bezug herstellen lässt auf Leute, die als irgendwie anders aussehend, eine andere Sprache sprechend, als anderer Herkunft-Seins u.ä.m. beschrieben werden können, und die von demjenigen, der von „Rassisten“ spricht, möglichst negativ interpretiert wird.

Der Begriff, der insofern als deutsches Äquivalent zum chinesischen Hu Shi gelten kann als er systematisch als weitgehend unbestrittene „Ur“-Quelle alles Verderblichen konstruiert wurde, ist der Begriff „Nazi“. Die Spirale der unlogischen, gehaltserweiternden Schlüsse könnte für Deutschland von Adolf Hitler bzw. der NSDAP bzw. vom Begriff „Nazi“ aus rekonstruiert werden, etwa so:

(so gut wie) niemand würde die Politik Hitlers und der NSDAP (offen) verteidigen bzw. sind sich (fast) alle einig, dass Person und Partei sowie ihre Anhänger, eben „Nazis“, die Welt in den Krieg gestürzt und Juden (und nicht nur sie) gehasst, diskriminiert, ausgewiesen, inhaftiert, ermordet haben, mit den Nürnberger Rassengesetzen der Rassenlehre gehuldigt und Individualrechte mit Füßen getreten haben etc.

Von diesen Facetten der „Nazi“-Politik wird nunmehr auf die Falsch- oder Verwerflichkeit aller anderen „geschlossen“. Z.B. muss der Verweis darauf, dass der Bau von Autobahnen, auf denen der durchschnittliche Deutsche auch heute noch viele Kilometer im Jahr zurücklegt, der Arbeitslosigkeit entgegengewirkt habe, dadurch „korrigiert“ werden, dass der Autobahn-Bau „in Wahrheit“ eine infrastukturelle Kriegsvorbereitung gewesen sei (und nichts anderes). Wenn nun alles, was „Nazis“ getan oder gesagt haben, ohne Ausnahme falsch oder verwerflich war, dann muss falsch oder verwerflich sein, was Leute tun oder sagen, was – aus welchen Gründen auch immer – irgendeine Ähnlichkeit mit dem hat, was „Nazis“ taten oder sagten, wie es z.B. Leute tun, die sich dazu bekennen, ihr Vaterland zu lieben oder ihre Muttersprache.

Sie werden als eine Art Nachfolger von „Nazis“ konstruiert und selbst so bezeichnet oder – häufiger – als „Rechte“, weil die Inhalte, die man mit „Nazis“ verbindet, ihrerseits als „rechte“ Inhalte konstruiert bzw. – in der Folge – angesehen werden. Damit nimmt der Begriff „rechts“ eine stark erweiterte Bedeutung an: weg von der Bezeichnung für Konservative hin zur Bezeichnung für „Nazis“ bzw. ein totalitäres Regime samt seiner – nunmehr historischen – Rhetorik und seiner – nunmehr historischen – Verhaltensweisen.

Eine konservative Politik, die darauf bedacht ist, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu erhalten oder nur dann zu verändern, wenn die Veränderung in Einklang mit den bestehenden Werten oder Regelungen steht, also z.B. am Leistungsprinzip festhält und sich dementsprechend gegen eine Gleichstellungspolitik ausspricht, ist dann einfach deshalb falsch, weil sie „rechts“ ist, also eigentlich konservativ ist, aber durch logisch falsche Gehaltserweiterung als eine Art Fortschreibung des „Nazitums“ inszeniert wird – ungeachtet der Tatsache, dass die Frage nach den Verteilungsprinzipien, die in einer Gesellschaft gelten sollten, ebenso wenig oder viel mit Hitlers Deutschland zu tun hat wie mit Honeckers DDR oder der Bonner Bundesrepublik.

Dasselbe gilt für den Liberalen, der am Leistungsprinzip aus gänzlich anderen Gründen festhalten mag als der Konservative, eben weil er für ein Prinzip eintritt, das mit „rechts“ assoziiert wurde. Wenn Konservative und Liberale aufgrund irgendeiner Überzeugung oder Politik gleichermaßen als „rechts“ konstruiert werden, dann ist jede Überzeugung oder Politik, die Liberale oder Konservative äußern, „rechts“ und – per Assoziation – muss jeder ein „Rechter“ sein, der irgendeine Idee vertritt, die Liberale oder Konservative vor ihm vertreten haben, also „Rechte“. Nun ist es nahezu unmöglich als denkender Menschen nicht irgendwann bei einer Idee anzukommen, die vor ihm jemand hatte, der als Liberaler oder Konservativer nunmehr als „Rechter“ markiert ist, und das bedeutet, dass nahezu jeder aufgrund nahezu beliebiger Inhalte als „Rechter“ markiert ist oder werden kann. Aus diesem Grund pflegen wir bei Sciencefiles zu sagen: „Von links außen besehen ist jeder rechts“.

Die Spirale der Gehaltserweiterung, die die „Einstellungsimpfung“ auslöst, ist eine Strategie, die dazu dienen soll, das Überleben einer bestimmten Ideologie zu sichern. Aber ihre Funktionsweise ist gleichzeitig ihre Scheiternsbedingung:

Die immer weiter fortschreitenden logisch falsche Erweiterung dessen, was „falsch“ ist und bekämpft werden muss, führt dazu, dass die Clique derer, die die ideologie noch mittragen kann oder – umgekehrt – noch „dulden“ kann, immer kleiner wird, oder umgekehrt formuliert: immer mehr Gedanken, Ideen, Argumente, Menschen werden im Verlauf des Prozesses „ausgeschieden“ aus der Gruppe der ideologisch Konformen, so dass am Ende „die Revolution ihre Kinder frisst“, wie Pierre Verginaud auf dem Weg zur Guillotine gesagt haben soll.

Wer nicht auf dieses Ende des Prozesses der „Einstellungsimpfung“ warten möchte oder kann, tut gut daran, sich nicht zu ihrem Opfer zu machen und daran zu denken, dass bereits die Koppelung einer Idee oder Überzeugung an ein einziges Motiv oder eine einzige Folge oder eine einzige Eigenschaft und der vollständige Ausschluss der Möglichkeit jedes alternativen Motivs oder jeder anderen Folge oder jeder anderen Eigenschaft mit Bezug auf die Idee oder die Überzeugung ein extremer Akt ist, das, was man eine sehr starke Behauptung nennt, die ihrerseits eine sehr gute Begründung erfordern würde, die aber im Zuge der „Einstellungsimpfung“ nie geliefert wird. Es ist wichtig, extreme Verkürzungen und umstandlose Gleichsetzungen (wie diejenige vom „Nazi“ zum „Rechten“ zum „Rechtsextremen“ …) zu verweigern und als das zu erweisen, was sie sind: ein Manipulationstrick, der auf gehaltserweiternden und damit unlogischen Schlussfolgerungen und auf geistiger Trägheit beruht.

Dass wir heute wieder mit Versuchen konfrontiert sind, die sogenannte Einstellungsimpfung mit vermeintlich wissenschaftlicher Legitimation zu versehen, ist vor diesem Hintergrund einigermaßen erstaunlich – und peinlich für diejenigen, die solche Versuche unternehmen oder sich für sie einspannen lassen. Dennoch haben angebliche Wissenschaftler kein Problem, die sogenannte Einstellungsimfpung als Rezept im Kampf gegen das zu empfehlen, was sie aus ihrer ideologischen Perspektive heraus als „Disinformation“ und „Extremismus“ bewerten, wie dies z.B. Braddock (2020 in einem Sammelband, der im Titel von „counterradicalization“ spricht, was merkwürdig an „konterrevolutionär“ erinnert) tut, der – wie könnte es anders sein?! – „Desinformation“ von „Extremisten“, die „online“ zu finden sein sollen, durch die sogenannte Einstellungsimpfung Abhilfe schaffen will, aber nicht „Desinformation“ (oder dem, was er dafür hält,) schlechthin, also, „Desinformation“ egal welcher Art und durch wen und unabhängig von ihrem Erscheinungsort, also z.B. auch in mainstream-Medien, wo es Desinformation seiner beschränkten Beobachtungsgabe nach wohl nicht gibt oder seiner beschränkten Phantasie nach nicht geben kann.

Wie immer bei der Strategie der Einstellungsimpfung wird auch hier eine Bewertung zugrundegelegt, indem Dinge von vornherein als „Desinformation“ oder „extrem“ bezeichnet werden. Statt diese Bewertung zu begründen, soll sie die Grundlage für Schlussfolgerungen darüber abgeben, was alles als „falsch“ zu bewerten und entsprechend zu behandeln sei ….

Mit Wissenschaft hat dies nichts zu tun. Aber es hat sehr viel mit Mao Zedong, der CCP und der chinesischen Kulturrevolution zu tun (und mit anderen menschenverachtenden, totalitären Systemen, was hier leider nicht ausgeführt werden kann).

Es scheint, dass sich vermeintliche Wissenschaftler wie Braddock in dieser geistigen Verwandtschaft wohl fühlen; oder – die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt – vielleicht sind sie hoffnungslos ungebildet und wissen nicht, dass sie ideologische Drecksarbeit erledigen.


Literatur:

Aronson, Elliot, Wilson, Timothy D. & Akert, Robin M., 2004: Sozialpsychologie. München: Pearson studium.

Braddock, Kurt, 2020: Clearing the Smoke and Breaking the Mirrors: Using Attitudinal Inoculation to Challenge Online Disinformation by Extremists, S. 155-166 in: Silva, Derek M. D., & Deflem, Mathieu (Hrsg.): Radicalization and Counter-Radicalization. Bingley: Emerald Publishing Limited.

Ping, Hu, 2012: The Thought Remodling Campaign of the Chinese Communist Party-State. (Translated by Philip F. Williams and Yenna Wu.) Amsterdam: Amsterdam University Press.

Zedong, Mao (1964). The little Red Book of Chairman Mao. Peking.



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