Das große Schweigen: Akademiker in Zeiten postfaktischer Politik

Es ist ein Fakt, dass wir in einer Zeit der postfaktischen Politik bzw. in der Zeit der „post-truth politics“ leben, was mit „postfaktisch“ nicht ganz korrekt, aber als in einer deutschsprachigen Wendung einigermaßen erträglichen Weise, übersetzt ist. Dass wir in einer postfaktischen Zeit leben, findet seinen vielleicht deutlichsten Ausdruck in der Existenz sogenannter Fakten-Checker, die trotz der Abwesenheit göttlicher Allwissenheit und bar einschlägiger Qualifikationen als Autoritäten über die Wahrheit aufgebaut werden sollen, und dies obwohl sie bis heute u.a. im Zusammenhang mit Covid-19 nachweislich Richtiges bzw. Wahres als falsch darstellen und Falsches als richtig oder wahr. Sie bieten damit Politikern eine Grundlage, auf der sie Richtiges bzw. Wahres, das nicht zur von Politikern geschaffenen Erzählung passt, zu diskreditieren oder zensieren versuchen können.

In Zeiten postfaktischer Politik soll als „Wahrheit“ gelten, was offiziell verkündet wird. Wer an der offiziellen Verkündigung Zweifel äußert, wir als Häretiker gebrandmarkt. Während es in einem demokratischen System normal ist, und es geradezu den Kern eines demokratischen Systems ausmacht, dass es Auseinandersetzungen gibt und sie ausgetragen werden, leistet postfaktische Politik dem Totalitarismus insofern Vorschub als der Zweifler oder Kritiker zum Häretiker erklärt wird, der sich der sündhaften Verfehlung gegenüber transzendenten Mächten schuldig macht, denen unter ggf. bewussten Missachtung bloß irdischer Fakten und dem allgemeinen Menschenverstand zugänglichen Argumenten, also blind und widerspruchslos zu folgen ist. Postfaktische Politik ist durch einen sektiererischen und totalitären Charakter gekennzeichnet; in ihr geht es um den Erhalt von Machtpositionen um jeden Preis.

Der Ausdruck „post-truth“, d.h. „postfaktisch“ oder wörtlich, aber im Deutschen wenig elegant: „nach-Wahrheit[s]-“, wurde durch den Dramatiker, Drehbuchautor und Romanautor H Steve Tesich bekannt, der ihn in seinem Artikel mit dem Titel „The Watergate Syndrome: A Government of Lies“ aus dem Jahr 1992 benutzte. Und er hat den engen Zusammenhang zwischen postfaktischer Politik und Totalitarismus klar gesehen; er als schrieb in seinem Artikel:

“We are rapidly becoming prototypes of a people that totalitarian monsters could only drool about in their dreams. All the dictators up to now have had to work hard at suppressing the truth. We, by our actions, are saying that this is no longer necessary, that we have acquired a spiritual mechanism that can denude truth of any significance. In a very fundamental way we, as a free people, have freely decided that we want to live in some post-truth world” (Tesich 1992: 13).
„Wir werden schnell zu Prototypen eines Volkes, von dem totalitäre Monster nur in ihren Träumen sabbern können. Alle bisherigen Diktatoren mussten hart arbeiten, um die Wahrheit zu unterdrücken. Wir sagen mit unserem Handeln, dass dies nicht mehr notwendig ist, dass wir einen geistigen Mechanismus erworben haben, der der Wahrheit jede Bedeutung nehmen kann. In einer sehr grundlegenden Weise haben wir als freies Volk frei entschieden, dass wir in einer Post-Wahrheitswelt leben wollen“ (Tesich 1992: 13).

Für Tesich bedeutete, in einer “post-truth world” zu leben, also in einer Welt zu leben, in der die Wahrheit jeder Bedeutung beraubt worden ist – und dementsprechend als Wahrheit mehr oder weniger Beliebiges konstruiert oder behauptet werden kann. Tesich schrieb seinen Artikel vor dem Hintergrund des Golf-Krieges:

“When the war in the Persian Gulf began we not only accepted but embraced with patriotic fervor press censorship of it. We would see only what our government wanted us to see, and we saw nothing wrong with that. We liked it that way. Our government was looking after us …. The justification for the entire war rested on the premise that war was unavoidable and that our Ambassador in the firmest of tones had warned Saddam Hussein not to violate the territorial integrity of Kuwait. Our State Department assured us that this was true. Our Ambassador, testifying in front of the Senate, reaffirmed the truth of this position. It now turns out that it was all a lie. But the fact that the Bush Administration felt safe in declassifying those cables shows it was no longer afraid of the truth because it knows that the truth will have little impact on us. The Administration’s message to us was this: We’ve given you a glorious victory and we’ve given you back your self-esteem. Now here’s the truth. Which do you prefer?” (Tesich 1992: 13).
„Als der Krieg am Persischen Golf begann, haben wir die Pressezensur nicht nur akzeptiert, sondern mit patriotischer Inbrunst begrüßt. Wir sahen nur das, was unsere Regierung uns sehen lassen wollte, und wir sahen darin nichts Falsches. Uns gefiel es so. Unsere Regierung kümmerte sich um uns …. Die Rechtfertigung für den gesamten Krieg beruhte auf der Prämisse, dass der Krieg unvermeidlich war und dass unser Botschafter Saddam Hussein in den schärfsten Tönen davor gewarnt hatte, die territoriale Integrität Kuwaits zu verletzen. Unser Außenministerium versicherte uns, dass dies der Wahrheit entsprach. Unser Botschafter, der vor dem Senat aussagte, bekräftigte die Richtigkeit dieses Standpunkts. Jetzt stellt sich heraus, dass das alles eine Lüge war. Aber die Tatsache, dass die Bush-Regierung sich sicher fühlte, diese Informationen zu deklassifizieren, zeigt, dass sie die Wahrheit nicht mehr fürchtete, weil sie weiß, dass die Wahrheit nur wenig Einfluss auf uns haben wird. Die Botschaft der Regierung an uns war die folgende: Wir haben euch einen glorreichen Sieg beschert und euch euer Selbstwertgefühl zurückgegeben. Hier ist nun die Wahrheit. Was ist euch lieber?“ (Tesich 1992: 13).

Tesichs Kritik war eine grundsätzliche Kritik an der „Demontage unserer Republik“ durch die Politik bzw. Politiker, die sich der Wahrheit bzw. den Fakten nicht verpflichtet fühlten, sondern Erzählungen zimmerten, die darauf abzielten, Emotionen zu wecken und persönliche Überzeugungen anzusprechen (vgl. Forstenzer 2018: 5), durch die die öffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung gelenkt – heute würde man vermutlich sagen. „genudgt“ – werden sollte. Seine Kritik galt der Haltung, nach der der Zweck die Mittel heiligt, auch dann, wenn diese Mittel Lügen, Betrug, Unterschlagung von Fakten u.ä.m. beinhalten (vgl. hierzu Krasni 2020: 2). Tesichs Kritik war also nicht durch politische Parteilichkeit (für die Republikaner oder die Demokraten in den USA) motiviert. Dies wird im folgenden Zitat aus seinem Artikel sehr deutlich:

“This hidden layer of government, which diminishes democratic institutions to a series of front organizations, is a well-known feature of all totalitarian regimes. In all of them there is the so-called ‘front’ government line, which means nothing, and there is the ‘party line’, which goes on behind the scenes. The line in this case was the Republican Party line, but it was no different in its implementation and in its implications from the Communist Party line of the pre-Gorbachev Soviet Union” (Tesich 1992: 12).
„Diese versteckte Regierungsschicht, die demokratische Institutionen zu einer Reihe von Frontorganisationen degradiert, ist ein bekanntes Merkmal aller totalitären Regime. In allen von ihnen gibt es die sogenannte ‘Front’ Regierungslinie, die nichts bedeutet, und es gibt die ‘Parteilinie’, die hinter den Kulissen weitergeht. Die Linie in diesem Fall war die Republikanische Parteilinie, aber es war nicht verschieden in seiner Umsetzung und in seinen Auswirkungen von der Linie der Kommunistischen Partei der Vor-Gorbachev Sowjetunion“ (Tesich 1992: 12).

Man würde vermuten, dass ein Konzept wie „postfaktische Politik“, das auf einer Beobachtung (und Kritik) bestimmter gesellschaftlicher und insbesondere politischer Entwicklungen beruht, von Akademikern als solches erkannt und verstanden wird. Aber dies ist abgesehen von wenigen rühmlichen Ausnahmen nicht der Fall. (Und dass dies so gut wie nicht der Fall ist, kann seinerseits als Indikator dafür gelten, dass Universitäten längst integraler Bestandteil postfaktischer Politik geworden sind.)

Zunächst wurde der Ausdruck „post-truth“ von Akademikern kaum verwendet und wenn, dann nicht mit Bezug auf postfaktische Politik, also nicht in dem Sinn, in dem Tesich den Ausdruck verwendet hat: Sucht man nach Erwähnungen des Ausdrucks „post-truth“ in Google Scholar für den Zeitraum von 1992 bis 2000, so findet man gerade einmal 74 Einträge. Diese Einträge beziehen sich mehrheitlich auf im weiten Sinn erkenntnistheoretische Fragen, u.a. die Möglichkeit der Rekonstruktion von historischen Fakten oder die Frage, nach der die Erkenntnis von Faktizität kulturell geprägt ist.

In den folgenden zehn Jahren, im Zeitraum von 2001 bis 2010, wuchs die Anzahl der Einträge auf immer noch bescheidene 456, und der Begriff wurde immer noch weit überwiegend mit Bezug auf erkenntnistheoretische Fragen (speziell mit Bezug auf das Konzept der „Post-Moderne“) verwendet.

Die Zahl der Einträge stieg im Zeitraum von 2011 bis 2015 auf 933, und es ist in diesem Zeitraum, also etwa 30 Jahre nach Tesichs Artikel, dass der Ausdruck „post-truth“ beginnt, auf Politik bezogen zu werden. So findet man in diesem Zeitraum Einträge wie denjenigen für das Buch von Peter Oborne (2014) mit dem Titel „The Rise of Political Lying“, in dem der Begriff fünfmal vorkommt, und denjenigen für Parmar (2012), der im Zusammenhang mit der „US Presidential Election 2012: Post-truth Politics“, den Ausdruck „post-truth politics“ ebenfalls im Sinn Tesichs verwendet:

“There are many issues in the 2012 US presidential election campaign that are central to understanding US politics generally and US power today, such as money, national security and religion … On the lace of it, the US appears to have frilly embraced ‘post-truth politics’, a condition in which practically anything may be said and taken seriously about almost any subject regardless of its connection with reality. The leadership groups of both the Republican and Democratic parties are implicated in a politics seemingly disconnected from reality” (Parmar 2012: 4).
„Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2012 gibt es viele Themen, die für das Verständnis der US-Politik im Allgemeinen und der heutigen US-Macht von zentraler Bedeutung sind, wie Geld, nationale Sicherheit und Religion … Auf den ersten Blick scheinen die USA die ‘Post-Wahrheits-Politik’ bedenkenlos angenommen zu haben, einen Zustand, in dem praktisch alles über fast jedes Thema gesagt und ernst genommen werden kann, unabhängig von seinem Verhältnis zur Realität. Die Führungsgruppen sowohl der Republikanischen als auch der Demokratischen Partei sind in eine Politik verwickelt, die von der Realität abgekoppelt zu sein scheint“ (Parmar 2012: 4).

Im Jahr 2016 hat sich sowohl die Benutzung des Ausdrucks „post-truth“ als auch die Häufigkeit seiner Verwendung dramatisch verändert: Allein in diesem Jahr ergibt die Google Scholar-Recherche 809 Einträge für „post-truth“ einschließlich Zitationen und 569 unter Ausschluss von Zitationen. Im selben Jahr, im Jahr 2016, wurde der Ausdruck „post-truth“ durch Oxford Dictionaries  zum internationalen Wort des Jahres gekürt, und zwar mit der folgenden Begründung:

“The concept of post-truth has been in existence for the past decade, but Oxford Dictionaries has seen a spike in frequency this year in the context of the EU referendum in the United Kingdom and the presidential election in the United States. It has also become associated with a particular noun, in the phrase post-truth politics. Post-truth has gone from being a peripheral term to being a mainstay in political commentary, now often being used by major publications without the need for clarification or definition in their headlines.”
„Den Begriff ‚post-truth‘ gibt es schon seit zehn Jahren [was falsch ist; es gibt ihn deutlich länger; s.o.], aber Oxford Dictionaries hat in diesem Jahr im Zusammenhang mit dem EU-Referendum im Vereinigten Königreich und den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten einen Anstieg der Häufigkeit festgestellt. Der Begriff wird auch mit einem bestimmten Substantiv assoziiert, und zwar mit dem Ausdruck ‚post-truth politics‘. Der Begriff ‚post-truth‘ hat sich von einem Randbegriff zu einer festen Größe in politischen Kommentaren entwickelt und wird nun oft in wichtigen Publikationen [„wichtig“ im Sinn von Publikationen mit hohen Auflagen oder von bekannten Verlagshäusern] verwendet, ohne dass eine Klärung oder Definition in den Schlagzeilen erforderlich ist.“

So z.B. im Tweet vom „Independent“ (rechts), den man bei Oxford Dictionaries meinte, der Begründung für die Wahl von „post-truth“ zum Ausdruck des Jahres 2016 hinzufügen zu müssen, und in dem suggeriert wird, die Wahl von Donald Trump sei Resultat von „post-truth“-Politik, auf die die Leute hereingefallen seien – aufgrund eines veränderten Bewusstseinszustandes bei den „Massen“, wie ihn Orwell vorhergesehen habe.

Und immerhin: Eine Bewusstseinsveränderung mag dem Wahlerfolg von Trump tatsächlich zugrundegelegen haben, und zwar eine dahingehende, dass sich – wie das Bild des „Independent“ demonstriert, sowohl Frauen als auch Schwarze in zunehmendem Maß darüber klar geworden sind, dass sie für die Demokratische Partei lediglich Plantagen darstellen, die von Personen, die sie als ihr Quasi-Eigentum ansehen, bevölkert werden, so dass zum Wahltermin nur die Ernte in Form von Wählerstimmen dieser Personen einzubringen ist.

Zu meinen, dass man Personen mit einem bestimmten Merkmal ideologisch so sehr auf die eigene „gute“ Sache eingeschworen habe, dass diese Personen sozusagen als Wahlleibeigene angesehen werden können, ist jedoch weit über die Demokratische Partei in den USA hinaus verbreitet. So sorgt sich bereits im Jahr 2016 Ruth Cain (2016) darüber, dass sich mit dem Brexit-Votum „akademische Feministen“ (‚academic feminists‘) in der Situation wiederfinden

“… in finding themselves members of a minority holding very different views from and despised by many of those whose interests they have purported to represent”

 

D.h.

„… dass sie sich als Mitglieder einer Minderheit wiederfinden, die ganz andere Ansichten vertritt als viele derjenigen, deren Interessen zu vertreten sie beanspruchten“.

Mit dem Schrecken über die 2016-Wahl von Donald Trump zum U.S.-Präsidenten und dem Brexit-Votum, das ebenfalls im Jahr 2016 stattgefunden hat, ist jedenfalls das Programm für die akademische Beschäftigung mit „post-truth“-… für die nächsten Jahre festgeschrieben: Postfaktische Politik ist das, was diejenigen tun, die für anderes eintreten oder sich für anderes entscheiden als das, was die ideologische Linke richtig oder gut findet oder als wahr darstellen möchte.

Für das Jahr 2016 ergibt die Google Scholar-Recherche 139 Einträge für „‘post-truth‘ ‚Donald Trump‘“, und für „‘post-truth‘ Brexit“ ergibt sie 145 Einträge. Dass ist einigermaßen erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der peer-review-Prozess von Fachzeitschriften häufig viele Monate in Anspruch nimmt, aber erst der bescheidene Anfang der akademischen Beschäftigung mit den eigenen Traumata: Für den gesamten Zeitraum von 2016 bis 2022 ergibt die Recherche 11.700 Einträge für „‘post-truth‘ ‚Donald Trump‘“ und 9.420 Einträgte für „‘post-truth‘ Brexit“. 5.410 Einträge finden sich für alle drei Ausdrücke zusammen, nämlich „‘post-truth‘ ‚Donald Trump‘ Brexit“.

Diese Zahlen bilden keine kurzfristige Reaktion der schockierten linksgerichteten Akademia ab; noch in den Jahren 2021 und 2022, also fünf bzw. sechs Jahre nach der Wahl von Trump zum Präsidenten und dem Brexit-Votum, ergibt die Google Scholar-Recherche nach allen drei Ausdrücken zusammen 963 Einträge für 2021 und 731 Einträge für 2022.

Sucht man dagegen nach „‘post-truth‘ ‚Hunter Biden‘, so findet man für das Jahr 2021 24 Einträge und für das Jahr 2022 21 Einträge, und selbst unter diesen sind solche, die den Skandal um Hunter Bidens Laptop, der klar Implikationen für die Tragbarkeit von Joe Biden als U.S.-Präsident hat, zu minimieren oder zu relativieren versuchen wie z.B. Dowling, Johnson und Ekdale (2022) das tun, um „Right-Wing Podcasts“ zu diskreditieren.

Postfaktische Politik muss gemäß dieser Daten als etwas angesehen werden, was die große Mehrheit der Akademiker nicht als Konzept aufzufassen im Stande oder willens ist; vielmehr bemühen sie es dann und fast nur dann, wenn sie als parteipolitische oder ideologische Propaganda in fachwissenschaftlicher Verkleidung benutzt werden kann.

Wäre das anders, so würde man auch erwarten, dass u.a. der unter der Bezeichnung „Climategate“ bekannt gewordene Betrug mit Bezug auf Daten zur Erwärmung des Klimas auf der Erde im Zusammenhang mit der Inszenierung einer bevorstehenden Katastrophe aufgrund menschengemachten Klimawandels, als ein Paradebeispiel von „post-truth“-Politik bzw. postfaktischer Politik in einer Vielzahl von fachwissenschaftlichen Publikationen vorkommt.

Diese Inszenierung hat immerhin sehr negative Folgen – bis auf Weiteres gipfelnd im Paris Agreement on Climate Change und die Agenda 2030 – für die Lebensqualität von Milliarden von Menschen. „Climategate“ hat im Jahr 2009 stattgefunden; eine Google Scholar-Recherche für „‘post-truth‘ climategate“ für die Jahre 2009 und 2010 – 2010, um der ggf. einer Publikation notwendigen Vorbereitungszeit Rechnung zu tragen – ergibt einen einzigen Eintrag, nämlich für Dear und Jasanoff (2010) , die auf Seite 773 in einer Fußnote (Fußnote Nummer 38) das Folgende über „climategate“ schreiben:

„In late 2009, when this essay was being written, climate science was engulfed in an episode promptly dubbed “Climategate,” in analogy to the Watergate scandal, that was triggered by the hacked disclosure of numerous e-mails at the University of East Anglia, a leading center for U.K. climate research. The e-mails illustrated the human dynamics of scientific controversy and consensus that STS scholars have so frequently documented. Yet the public display of scientists showing “interests” ran sufficiently counter to the still-dominant Mertonian understanding (or ideology) of science as a detached, disinterested activity [so] that many commentators and observers were appalled— or else found it in their interest to appear to be so.”
“Ende 2009, als dieser Aufsatz [d.h. der Aufsatz von Dear und Jasanoff] verfasst wurde, war die Klimawissenschaft in eine Episode verwickelt, die sofort in Analogie zum Watergate-Skandal als “Climategate” bezeichnet wurde. Ausgelöst wurde sie durch die gehackte Offenlegung zahlreicher E-Mails an der University of East Anglia, einem führenden Zentrum für Klimaforschung in Großbritannien. Die E-Mails veranschaulichten die menschliche Dynamik von wissenschaftlicher Kontroverse und Konsens, die STS-Wissenschaftler so häufig dokumentiert haben. Doch die öffentliche Zurschaustellung der ‚Interessen‘ von Wissenschaftlern widersprach dem immer noch vorherrschenden Merton’schen Verständnis (oder Ideologie) von Wissenschaft als einer distanzierten, uneigennützigen Tätigkeit, so dass viele Kommentatoren und Beobachter entsetzt waren – oder es in ihrem Interesse fanden, so zu erscheinen“.

Die Bezeichnung von Absprachen über Datenfälschung in betrügerischer Absicht als „menschliche Dynamik von wissenschaftlicher Kontroverse und Konsens“ gehört zu den zynischsten Varianten der Verharmlosung von Betrug in der Wissenschaft, die ich jemals gehört oder gelesen habe, ganz zu schweigen von dem Versuch von Dear und Jasanoff, Lügen und Betrügen in der Wissenschaft als normal, weil eben einfach von Interessen geleitet, hinzustellen. Das Zitat von Dear und Jasanoff illustriert m.E. auf perfekte Weise die Parodie auf Wissenschaft, die Aktivisten, die es in ihrem Interesse finden, als Wissenschaftler zu erscheinen, zum Besten geben.

Für den gesamten Zeitraum von 2009 bis 2022 ergibt die Google Scholar-Suche nach „‘post-truth‘ climategate“ gerade einmal 171 Einträge, während die Suche nach Climate Change“ für denselben Zeitraum 127.000 Einträge ergibt.

Und das massenhafte Leid, das die Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung des Corona-Virus, allen voran die Nebenwirkungen der sogenannten Impfungen gegen das Corona-Virus mit mRNA-Spritzmitteln, verursacht haben, ist der Akademia auch kaum einer Erwähnung, geschweige denn: einer Untersuchung, wert. Sucht man – bewusst breit gehalten – nach „postfaktisch+Covid+Wirkungen“, so erhält man für den Zeitraum 2019 bis 2022 224 Einträge. Die Durchsicht der Einträge zeigt, dass z.B. der Text von Thomas Zoglauer (2021) typisch für die Inhalte ist, die in der überwältigende Mehrheit der Einträge behandelt werden. In der Zusammenfassung des Textes von Zoglauer heißt es:

„Der Postfaktualismus bezeichnet einen Zustand, bei dem Wahrheit nicht mehr respektiert wird, Tatsachen nicht anerkannt werden und Menschen zunehmend nach Gefühl und Gruppenzugehörigkeit urteilen. Es werden verschiedene Erscheinungsformen des Postfaktualismus vorgestellt, wie z.B. Fake News, Verschwörungstheorien, Wissenschaftsskeptizismus und Pseudowissenschaften, und deren Folgen aufgezeigt. Postfaktisches Denken führt zur Entstehung von Filterblasen und Echokammern, fördert die Gruppenpolarisierung und stellt eine Gefahr für die Demokratie dar“ (Zoglauer 2021: 1).

Damit ist eigentlich alles gesagt: Davon abgesehen, dass man nicht „postfaktisch denken“ kann, führt Zoglauer die seit Jahren übliche und durch und durch floskelhafte Klage über u.a. „Verschwörungstheorien“ und „Wissenschaftsskeptizismus“, ohne dass Zoglauer an irgendeinem Punkt bemerken würde, dass er die „Pseudowissenschaft“ pflegt, die er beklagt, – aber fälschlich bei Leuten verortet, die nicht wie er auf die Inszenierungen postfaktischer Politik hereingefallen sind. Wäre es anders, hätte er die postfaktische Politik, die die Covid-19-Maßnahmen erst möglich gemacht haben, einer kritischen Untersuchung unterzogen. Bezeichnenderweise spricht Zoglauer auch gar nicht von „postfaktischer Politik“, sondern von „Postfaktualismus“. Es scheint, dass er sich sprachlich an ein Konzept anzuhängen versucht, das er nicht versteht, weil er nicht in Konzepten denken kann , wie Wissenschaftler es tun, sondern nur in Floskeln, die dem Mitglied der Akademia, das Aktivist statt Wissenschaftler ist, porpagandatauglich erscheinen. Nur so scheint mir die Assoziation von „Postfaktualismus“, der einmal „postfaktische Politik“ gewesen ist, mit der Beschimpfung der Bevölkerung, vor allem der kritischen Bevölkerung mit Bezug auf „Verschwörungstheorien“ und „Wissenschaftsskeptizismus“ einigermaßen nachvollziehbar zu sein.

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Die Beschäftigung der deutschsprachigen Akademia mit postfaktischer Politik findet auch nachdem weithin bekannt geworden ist, dass die Covid-19-Maßnahmen auf Fehlinformation und Lügen beruhten und enormen Schaden an der Gesundheit der Bevölkerung und der Wirtschaft des Landes angerichtet haben, systematisch nicht statt. Statt dessen werden das ursprüngliche Konzept „postfaktische Politik“ pervertierende Begriffe wie z.B. „Postfaktualismus“ bei Zoglauer (s.o.) oder „postfaktische Verunsicherung“ (Renn 2023) bemüht, um durch den Gebrauch nach wie vor untauglicher und inzwischen nur noch langweiliger Floskeln just die postfaktische Politik zu legitimieren, die sie nicht erkennen können oder die sie sich – als Aktivisten – zu erkennen weigern.

In der wissenschaftlichen Literatur ist ein solches Verhalten als „system justification“, als „System-Rechtfertigung“ bekannt (Jost, Liviatan, van der Toorn et al. 2012). Van der Toorn et al. (2015) haben System-Rechtfertigung als ein Verhalten derer beschrieben, die sich machtlos fühlen, und daher den status quo, den „Autoritäten“ etabliert haben und an dem sie meinen, ohnehin nichts ändern zu können, als „richtig“ oder legitim darstellen. Insofern steht System-Rechtfertigung in einem Zusammenhang mit einer autoritären Persönlichkeit (Lönnqvist, Szabó & Kelemen 2021). Es mag daher sein, dass ein großer Teil der derzeitigen Akademia System-Rechtfertigung aufgrund einer autoritären Persönlichkeitsstruktur betreibt. Owuamalam, Rubin und Spears (2018) haben darauf hingewiesen, dass System-Rechtfertigung auch deshalb betrieben werden kann, weil man sich davon einen Vorteil erhofft. Beides schließt sich nicht gegenseitig aus; unter anti-demokratischen, zum Totalitarismus neigenden politischen Verhältnissen ist es durchaus möglich und wahrscheinlich, dass Personen mit autoritärer Persönlichkeitsstruktur eben aufgrund dieser Persönlichkeitsstruktur Vorteile davon haben, wenn sie System-Rechtfertigung betreiben.

Wie dem auch sei – über postfaktische Politik herrscht ein umfassendes, für Ohren, die gewillt sind, – in diesem Fall: systematisch nichts – zu hören, ein deutlich vernehmbares Schweigen in der Akademia, wenn die postfaktische Politik von Personen und zu Zwecken betrieben wird, denen die überwältigende Mehrheit der Akademia (oft in deutlicher Selbstverortung ausgedrückt) ideologisch nahestehen. Sie haben das Konzept der postfaktischen Politik, wie es Tesich 1992 aufgefasst hat, – sei es mangels Verständnis dafür, was ein Konzept ist, oder bewusst aus niedrigen Motiven – in ein Propagandamittel verwandelt, das für die Wissenschaft von keinerlei Nutzen ist und sich selbst dabei klar als Aktivisten statt als Wissenschaftler zu erkennen gegeben. Es sind ironischerweise dieselben Akademiker, die gerne beklagen, dass das Vertrauen der Menschen in die Institutionen sinkt. Sie selbst schreiben dies zwecks Immunisierung der eigenen Prämissen umstandslos der Einwirkung böser, gewöhnlich von ihnen als populistisch bezeichneter Mächte zu. Aber tatsächlich verlieren Menschen das Vertrauen in Institutionen aufgrund des Gehabens derjenigen, die die Institutionen bestücken: Was soll man z.B. von Akademikern halten, die die Gefahr der „Demontage unserer Republik“ durch postfaktische Politik eben durch eigene postfaktische Publikationspolitik in eine System-Rechtfertigung zu verwandeln versuchen?!

Nach meiner persönlichen Beobachtung scheint allerdings die Anzahl der Akademiker langsam, aber sicher, zuzunehmen, die bereit sind, Konzepte wie z.B. „postfaktische Politik“, „Populismus“ oder „Hyperrealität“ auf Phänomene anzuwenden, die die postfaktische Politik unserer Zeit als sankrosankt und gegen Kritik immun durchsetzen möchte. Ein Beispiel hierfür ist der Artikel von Kostiantyn Yanchenko (2022) über die „Populist Hyperreality“ bzw. „populistische Hyperrealität“, die Volodymyr Zelensky zum Wahlerfolg verholfen hat.

Im schlechtesten Fall sind Beiträge wie diese eine längst überfällige Ergänzung zur bestehenden Literaturlage, die sich durch eine starke ideologische Schlagseite nach links oder durch enorme Bereitschaft zur Andienung an diejenigen in politischer Verantwortung auszeichnet, aus der ideologisch entgegengesetzten Sicht. Im besten Fall sind solche Beiträge Ausdruck der Bereitschaft, Konzepte als eben das, Konzepte, statt als Kampfbegriffe und Propagandamittel, zu benutzen. Hoffen wir, dass Letzeres der Fall ist!


Literatur

Cain, Ruth, 2016: Post-Truth and the ‘Metropolitan Elite’ Feminist: Lessons from Brexit. feminists & law 6(1). https://doi.org/10.22024/UniKent/03/fal.259

Dear, Peter, & Jasanoff, Sheila, 2010: Dismantling Boundaries in Science and Technology Studies. Isis: Journal of the History of Science Society 101(4): 759-774.

Dowling, David O., Johnson, Patrick R., & Ekdale, Brian, 2022: Hijacking Journalism: Legitimacy and Metajournalitic Discourse in Right-Wing Podcasts. Media and Communication 10(3). doi: https://doi.org/10.17645/mac.v10i3.5260.

Forstenzer, Joshua, 2018: Something has Cracked: Post-truth Politics and Richard Rorty’s Postmodernish Bourgeois Liberalism.” Ash Center Occasional Papers Series, Harvard University, Cambridge, MA, 2018.

Jost, John T., Liviatan, Ido, van der Toorn, Jojanneke, et al., 2012: System Justification: A Motivational Process with Implications for Social Conflict, S. 315-327 in: Kals, Elisabeth, & Maes, Jürgen (Hrsg.): Justice and Conflicts: Theoretical and Empirical Contributions. New York: Springer.

Lönnqvist, Jan-Erik, Szabó, Zsolt Peter, & Kelemen, László, 2021: „The New State That We Are Building“: Authoritarianism and System-Justification in an Illiberal Democracy. Frontiers in Psychology, 06 September 2021. https://doi.org./10.3389/fpsyg.2021.703280.

Oborne, Peter, 2014: The Rise of Political Lying. London: Simon & Schuster.

Owuamalam, Chuma Kevin, Rubin, Mark, Spears, Russell, 2018: Revisiting 25 Years of System Motivation Explanation for System Justification from the Perspective of Social Identity Model of System Attitudes. British Journal of Social Psychology 58(2): 362-381.

Parmar, Inderjeet, 2012: US Presidential Election 2012: Post-Truth Politics. Political Insight 3(2): 4-7.

Renn, Ortwin, 2023: Gefühlte Wahrheiten: Orientierung in Zeiten postfaktischer Verunsicherung. Berlin: Barbara Budrich.

Tesich, Steve, 1992: The Watergate Syndrome: A Government of Lies. The Nation 254(1) , January 6/13: 12-14.

Van der Toorn, Jojanneke, Feinberg, Matthew, Jost, John T., et al., 2015: A Sense of Powerlessness Fosters System Justification: Implications for the Legitimation of Authority, Hierarchy, and Government. Political Psychology 36(1): 93-110.

Yanchenko, Kostiantyn, 2022: Making Sense of Populist Hyperreality in the Post-Truth Age: Evidence from Volodymyr Zelensky’s Voters. Mass Communication and Society. DOI: 10.1080/15205436.2022.2105234.

Zoglauer, Thomas, 2021: Phänomenologie des Postfaktischen. In: Konstruierte Wahrheiten. Springer Vieweg, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-34597-6_1.


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