Mitläufereffekt: Plötzlich ist eine Mehrheit für Zensur

Schon 1975 hat Kurt Holm in seinem Standardwerk über die Befragung den Mitläufereffekt als Mittel der Meinungsmanipulation in Umfragen beschrieben. Den Befragten wird suggeriert, dass zu einer bestimmten Frage bereits eine Mehrheit oder eine Obrigkeit oder eine Autorität zu einem bestimmten Urteil gekommen ist und dann werden die Befragten gefragt, zu welchem Urteil sie denn kommen: „Dieser Appell an den Mitläufereffekt“, so schreibt Holm, hat „natürlich nur einen Sinn, wenn der Befragte auch tatsächlich unter dem Eindruck steht, dass so wie er denkt und handelt, auch viele andere denken und handeln, ohne offen darüber zu sprechen“ (Holm, 1983: 63).

Holm_Entsprechend kann der Mitläufereffekt auch als Variante sozialer Erwünschtheit angesehen werden, soziale Erwünschtheit, die darin besteht, mit seiner Meinung die Mehrheitsmeinung zu repräsentieren, sich als Mitglied der Mehrheit, der In-Group darzustellen, nicht als Außenseiter mit abweichender Meinung.

In jedem Fall führen Mitläufereffekt und soziale Erwünschtheit dazu, dass Befragte den Befragern nach dem Mund reden, was Letztere leidlich ausnutzen, wenn es darum geht, eine bestimmte Verteilung von Antworten in angeblich repräsentativen Befragungen herbei zu manipulieren.

YouGov leistet dies seit neuestem sogar in besonders innovativer Weise und in eigenen Worten dadurch, dass „1036 Personen ab 18 Jahren im Zeitraum vom 7. bis 11. April repräsentativ befragt“ wurden. Wie man repräsentativ befragt, ist eine Frage, die mit Sicherheit niemand bei YouGov beantworten kann, einfach deshalb nicht, weil die Formulierung vollkommener Unsinn ist.

Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, mit dem Wörtchen „repräsentativ“ jenen Köder zu legen, den Journalisten gerne fressen, so dass die Ergebnisse von YouGov ihren Weg in die Medien Deutschlands finden, sich dort in Schlagzeilen wie: „Mehrheit der Deutschen finden Gesetzentwurf gegen Hasskommentare sinnvoll“ niederschlagen.

Die Mehrheit der Deutschen hat mit Sicherheit keine Ahnung, was in dem Gesetzentwurf, den sie nach den Ergebnissen, die YouGov verkaufen will, „sinnvoll finden“, steht. Entsprechend muss diese Mehrheit, nicht der Deutschen, sondern der 1036 Befragten, die YouGOV zusammenbekommen hat, auf das Vertrauen, was YouGOV an Informationen über den Gesetzentwurf bereitstellt.

YouGov Stellt diese Informationen bereit:

You Gov Hasskomentare Grafik 1„Die Bundesregierung will stärker gegen Hasskommentare und Falschnachrichten im Internet vorgehen. Sie stimmte dem Gesetzentwurf von Justizminister Heiko Maas zu. Dieser sieht vor, dass Betreiber sozialer Netzwerke innerhalb von 24 Stunden strafbare Inhalte löschen müssen. Sonst drohen im Extremfall bis zu 50 Millionen Euro Bußgeld. Sind Sie der Meinung, dass dieses Vorgehen sinnvoll ist, um gegen Hasskommentare und Falschnachrichten im Internet vorzugehen?“

Die Mehrheit der Befragten, die nicht wissen, was im Gesetzentwurf steht, erfährt von YouGov, dass das, was sie nicht kennen, von der Bundesregierung bereits abgesegnet wurde, dass Betreiber sozialer Netzwerke strafbare Inhalte löschen müssen, die zwar wenig mit Hasskommentaren und gar nichts mit FakeNews zu tun haben, aber dennoch mit beidem in Verbindung gebracht werden. Sie werden dann gebeten, anzugeben, ob das Gesetz, mit dem gegen strafbare Inhalte in sozialen Netzwerken vorgegangen werden soll, ein Vorgehen, von dem sie zwar nicht wissen, wie es aussieht, so dass sie es auch nicht beurteilen können, von dem ihnen aber gesagt wurde, dass es gegen strafbare Inhalte gerichtet sei, also gegen Kriminalität und dass es die Bundesregierung bereits abgesegnet habe, auf jeden Fall sinnvoll ist, eher sinnvoll ist, eher nicht sinnvoll ist oder auf keinen Fall sinnvoll ist.

Und als wäre der Aberwitz nicht bereits auf die Spitze getrieben, geben nunmehr die Befragten, zu dem, von dem sie nicht wissen, wie es funktionieren soll, weil es noch niemand weiß, nicht einmal Heiko Maas weiß es, eine Beurteilung darüber ab, ob das, von dem sie nicht wissen, wie es funktionieren soll, sinnvoll ist.

Letztlich misst die Frage von YouGov, die man nicht anders als als vollkommenen Blödsinn bezeichnen kann, Blödsinn, der mit Manipulationsabsicht in die Welt gesetzt wird, nichts, gar nichts.

Das hindert YouGov natürlich nicht daran, reißerische Schlagzeilen zu formulieren und das Ergebnis den Pressevertretern anzudienen, die gerne auf solche Ergebnisse zurückgreifen, um ihre eigene Ideologie bestätigt zu finden.

Fragt man nun, wie es dazu kommt, dass Meinungsforscher ihre Aufgabe vor allem darin sehen, Zustimmung zu dem herbei zu manipulieren, was als politisch Korrekt angesehen wird, dann bieten sich eine Reihe von Erklärungen an:

Die Erklärung durch Opportunismus: Meinungsforscher finden, was der, der die Meinungsforscher bezahlt, gerne erfunden hätte.

Die Erklärung durch Inkompetenz: Mit dem Advent des Genderismus an Hochschulen sind Methoden der empirischen Sozialforschung und die dazu gehörigen Kenntnisse weitgehend verschwunden. Die meisten Absolventen haben keine Ahnung mehr von Reliabilität und Validität und kennen auch die Kunst des Frageformulierens nicht einmal mehr vom Hörensagen.

Die Erklärung durch Isomorphie: Meinungsforscher rekrutieren sich alle aus dem selben Meinungssumpf, zeichnen sich alle durch die selbe Unkenntnis im Hinblick auf die Methoden empirischer Sozialforschung aus und sind entsprechend darauf angewiesen, Fragen zu kopieren und zu verwenden, die andere Meinungsforscher, die genauso inkompetent sind, aber nicht so zögerlich, bereits formuliert haben.

Welche Erklärung zutrifft, ist anyones guess.


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Test: Wie leicht lassen Sie sich vom BMFSFJ manipulieren?

Soziale Netzwerke liegen Politikern und Ministerien ja bekanntlich besonders am Herzen (oder im Magen). In sozialen Netzwerken, so hört man, gibt es Hate Speech, es werden Lügen verbreitet, Gerüchte hochgekocht, es wird manipuliert und getäuscht, dass sich die Balgen bieten. So jedenfalls die Folklore, die Politiker verbreiten. Und weil sie die ersten zu sein scheinen, die an ihre eigene Folklore glauben, deshalb treten manche von ihnen, allen voran das Propaganda-Ministerium, das angeblich auch etwas für Familie, Senioren und Jugendliche tut, in sozialen Netzwerken an, um deren Nutzer zu täuschen und zu indoktrinieren.

Testen Sie sich: Wie schnell gehen Sie dem BMFSFJ auf den Leim? Wie leicht sind Sie zu indoktrinieren und zu manipulieren?

Derzeit verbreitet man aus den Hallen des Ministeriums die folgende Meldung:

 

Nun, was haben Sie gedacht, was die Meldung aussagt? Dass 89% der Deutschen der Ansicht sind, dass Frauen schlechter bezahlt werden als Männer? Wenn ja, dann hat die Indoktrination bei Ihnen geklappt, und die Manipulation gleich mit, denn die Abbildung basiert auf der folgenden Frage, die Infratest Dimap im Rahmen einer Befragung gestellt hat, die bislang noch nicht veröffentlicht wurde, vermutlich damit niemand derjenigen, die den Suggestiv- bzw. Falschmeldungen des Ministeriums auf den Leim gegangen sind, merken, dass sie dem Ministerium auf den Leim gegangen sind.

Die Frage, auf der die Meldung oben basiert, lautet:

“Bekommen in Deutschland Frauen und Männer alles in allem den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit?“

framingScheinbar teilt man bei Infratest dimap nicht den Hang des Ministeriums, Bürger zu manipulieren und hat eine Frage gestellt, die aus methodischen Gesichtspunkten unsinnig ist und die entsprechend nur nutzbar ist, wenn man eine Ideologie an die Frage heranträgt. Denn: Als Forscher, der diese Frage vor sich hat, weiß man nicht, was die Antworten auf diese Frage aussagen: Bedeutet eine Zustimmung zu dieser Aussage, dass der Zustimmende der Ansicht ist, Männer werden nicht entsprechend ihren Leistungen bezahlt, was angesichts der Bevorzugung von Frauen im Rahmen des Staatsfeminismus eine Möglichkeit ist? Oder bedeutet die Zustimmung zu dieser Aussage, dass Befragte der vergangenen Indoktrination des BMFSFJ so auf den Leim gegangen sind, dass sie denken, Frauen würden für die gleiche Arbeit mit einem geringeren Lohn entlohnt?

Wir werden es nicht erfahren, denn die Befragten können nicht nachträglich befragt werden, was sie eigentlich gemeint haben, als sie die Frage beantwortet haben. Entsprechend können 88% der 89% der Meinung sein, Männer erhalten für die gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn wie Frauen. Es kann auch sein, dass 45,67% denken, Frauen würden bei gleicher Arbeit mit weniger Lohn nach Hause geschickt.

Die Frage ist absoluter Junk. Sie ist nicht verwendbar. Es sei denn, man ist gar nicht an der Frage und dem Ergebnis der Befragung interessiert, sondern lediglich daran, Material zu haben, um die eigene Ideologie zu verbreiten und andere zu manipulieren. Da das BMFSFJ munter verbreitet, kann man davon ausgehen, dass dort Letzteres der Fall ist und die Bezeichnung „Propagandaministerium“ eine sehr passende Bezeichnung ist.


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Umfrage: Mehrheit der Deutschen will EU loswerden

Nicht nur die Holländer sagen „Nein“ wenn es darum geht, die Europäische Union und ihre Abkommen, Verträge und Tätigkeiten zu legitimieren, auch in Deutschland wächst die Anzahl derer, die Nein sagen, und hat schon ein beträchtliches Ausmaß erreicht. An unserer neuesten, derzeit noch laufenden Befragung haben bislang mehr als 1.500 Personen teilgenommen, die im Folgenden präsentierten Zwischenergebnisse basieren auf den Angaben von 1.453 Befragten.

Geht es um die EU, dann muss man feststellen, dass die Euphorie, mit der die Europäische Einigung einst betrachtet wurde, einer tiefen Skepsis und Ablehnung gewichen ist. Offensichtlich hat der bürokratische Moloch, der sich von Brüssel aus über die Mitgliedsstaaten ergießt, Zustimmung und Euphorie weigehend erstickt.

Ursprünglich war die EU ein Wirtschaftsbündnis und alle, die daran teilhatten, sie waren der Ansicht, dass der gemeinsame Markt den teilnehmenden Ländern einen wirtschaftlichen Vorteil bringt. Seit der gemeinsame Markt vor allem darin besteht, dass die EZB die Sparkonten der Europäer plündert und einen monumentalen Schuldenmarkt betreibt, auf dem Staatsobligationen, die private Investoren nicht kaufen wollen, verschoben werden, hat sich der Optimismus in einen Pessimismus verwandelt.

EU legitimation 1.jpg

Gut 57% der 1.453 Befragten stimmen der Aussage „Den Bürgern Deutschlands ginge es wirtschaftlich besser, wenn Deutschland aus der EU austreten würde“ voll und ganz zu, weiter 25,3% stimmen der Aussage eher zu. Die Zweifel daran, dass sich eine Mitgliedschaft in der EU vorteilhaft auf die deutsche Wirtschaft auswirkt, sie haben somit 2/3 der Gesellschaft erreicht.

Gleiches gilt für die Frage der Souveränität, wenngleich in etwas abgeschwächter Form. Unter Politikwissenschaftlern, die sich mit der EU und Deutschlands Zugehörigkeit zur EU befassen, steht fest, dass Deutschland auch deshalb ein Motor der Europäischen Einigung war, weil es einerseits nach dem Zweiten Weltkrieg darum ging, die Zulassung zur Staatengemeinschaft wieder zu erlangen und andererseits darum, die Souveränität des zunächst besetzten Landes wiederzugewinnen. Die EWU, EG und dann EU haben sich angeboten, eventuell bestehende Zweifel daran, ob es eine gute Idee ist, Deutschland wieder als souveränen Staat auf dem Kontinent zuzulassen, zu zerstreuen. Ursprünglich war die EU also der Souveränität Deutschlands förderlich.

Das ist heute nicht mehr so, jedenfalls sind 47,4% der 1.453 Befragten dieser Ansicht. Sie stimmen der Aussage zu, dass Deutschland kein souveräner Staat ist, solange es in der EU bleibt. Weitere 26,4 % stimmen dieser Aussage eher zu.

Bis hier kann man bereits feststellen, dass die EU ein erhebliches Legitimationsproblem hat. Das ist nicht neu, denn die 1980er und 1990er Jahre haben eine Fülle wissenschaftlicher Literatur zum Thema „demokratisches Defizit“ produziert, Literatur, in der meist Politikwissenschaftler darauf hingewiesen haben, dass der Umfang der Rechte und Eingriffsmöglichkeiten in das tägliche Leben der Europäer, den sich die EU-Kommission und die anderen EU-Institutionen zwischenzeitlich verschafft haben, in keinerlei Verhältnis zur Legitimation der entsprechenden Institutionen steht, denn eine solche Legitimation liegt schlicht nicht vor. Weder die Entscheideungen der Europäische Kommission noch die des Ministerrats sind demokratisch dafür legitimiert. Und dass viele Bürger nicht mit dem einverstanden sind, was in ihrem Namen in Brüssel entschieden wird, das zeigt das Nein der Holländern zum EU-Abkommen mit der Ukraine bzw. das zeigt sich häufig dann, wenn die Europäer tatsächlich zu Politiken der EU befragt werden.

Auch die Befragten, die bislang an unserer Befragung teilgenommen haben, sind der Ansicht, dass das, was aus Brüssel an Richtlinien und Regelungen kommt und in das tägliche Leben der Bürger eingreift, Entscheidungen sind, die von einer Polit-Oligarchie ohne Legitimation getroffen werden.

EU Legitimation 2.jpg

76,6% der 1.453 Befragten sind der Ansicht, die Aussage, „Die EU ist demokratisch legitimiert“ treffe überhaupt nicht zu, weitere 18,9% sind der Ansicht, die Aussage treffe eher nicht zu. Kaum einer der Befragten ist der Ansicht, dass die EU über eine demokratische Legitimation verfügt. Deutlicher kann man die Entfremdung zwischen einem angeblich demokratischen System und seinen Bürgern nicht mehr zum Ausdruck bringen.

Als Konsequenz, die aus der fehlenden Legitimation und der Ansicht, weder Souveränität noch wirtschaftlicher Nutzen sei aus einer EU-Mitgliedschaft zu gewinnen, folgt, sind die meisten Befragten der Ansicht, Deutschland solle nicht nur die Eurozone, sondern auch die EU verlassen.

EU Legitimation 3

Rund 70% der 1.453 Befragten stimmen der Aussage „Deutschland soll aus der Eurozone austreten und die D-Mark wieder einführen“ voll und ganz zu, 66,7% der Aussage, „Deutschland soll aus der EU austreten“. Das sind eindeutige Voten, die noch dadurch ergänzt werden, dass 18,3% bzw. 17,8% den beiden Aussagen „eher zustimmen“. Gut 4/5 der Deutschen stehen demnach einem Verlassen der EU bzw. der Eurozone positiv gegenüber und erwarten von einem solchen nicht nur einen Zugewinn an Souveränität, sondern vor allem eine Zugewinn an Wohlstand.

Somit muss man feststellen, dass die Deutschen EU-müde sind. Das Projekt „Europäische Union“, es ist rund 59 Jahre nach den Römischen Verträgen an einem Punkt angekommen, an dem sich die Frage stellt, wie die Regierenden weiter verfahren wollen: Wollen Sie in Opposition zu ihrer eigenen Bevölkerung verbleiben und die EU als Projekt der politischen Klasse gegen die Mehrheit der Bevölkerung weiter betreiben oder wollen sie die EU reformieren, die Bürokratie der EU und den Haushalt der EU zusammenstreichen und das Projekt in kleinerer Variante neu starten?

Wie auch immer die Antwort auf diese Frage ausfallen wird, über eines sind sich unsere Befragten sicher: die Bürger in Deutschland werden nicht gefragt werden: 76,2% der 1.453 Befragten halten es für sehr unwahrscheinlich, 17,8% für unwahrscheinlich, dass es in „Deutschland jemals eine Abstimmung über den Verbleib in der EU geben wird“.

Wer sich noch an der laufenden Befragung beteiligen will, die dem Thema Legitimation und Legitimität gewidmet ist, der kann dies über diesen Link tun.

 

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Meinungsterror und gesteuerte Medien? Umfrage: Deutsche haben Angst, ihre Meinung zu sagen

In unserer Befragung zu Parteien, Demokratie und Freiheitsrechten, die wir derzeit online haben, erfragen wir u.a. die Einschätzung von Freiheitsrechten. Treffen die folgenden Aussagen voll und ganz, eher, eher nicht oder überhaupt nicht zu, so fragen wir u.a. für die Aussagen,

  • dass Deutschland freie und unabhängige Medien hat;
  • dass man in Deutschland ohne Angst in der Öffentlichkeit seine Meinung kundtun kann;
  • dass man in Deutschland vor Gericht gleichbehandelt wird;
  • dass in Deutschland die Erziehungsrechte von Eltern respektiert werden.

Die Ergebnisse, die wir hier als Zwischenstand nach 600 Befragten präsentieren, sind ernüchternd um nicht zu sagen: erschreckend. Die Mehrzahl unserer Befragten ist der Ansicht,

  • dass es in Deutschland keine freien und unabhängigen Medien gibt,
  • dass man in Deutschland nicht ohne Angst in der Öffentlichkeit seine Meinung äußern kann;
  • dass man in Deutschland vor Gericht nicht gleichbehandelt wird;
  • dass in Deutschland das Erziehungsrecht der Eltern nicht respektiert wird;

Die entsprechenden Einschätzungen sind nicht etwa etwas häufiger, sie sind viel häufiger als die Einschätzungen, die man in einer Demokratie als Einschätzungen der Mehrheit erwarten würde. Die folgenden beiden Abbildungen machen dies sehr deutlich.

SN_Freiheitsrechte_1

Eine deutliche Mehrheit der Befragten ist also der Ansicht, dass es in Deutschland, rudimentäre Freiheitsrechte, die in Demokratien gewährleistet sein müssen, damit sich die entsprechenden Regierungssysteme auch Demokratie nennen können, nicht gewährleistet sind. Folglich muss man konstatieren, dass die deutsche Demokratie zumindest in einer Glaubwürdigkeitskrise steckt, so richtig, glaubt niemand mehr, dass Deutschland durch ein demokratisches Regierungssystem ausgezeichnet ist.

Dies wird auch deutlich, wenn man analysiert, wer insbesondere der Ansicht ist, dass die entsprechenden Freiheitsrechte nicht gewährleistet sind. Wir stellen dies für diejenigen dar, die der Meinung sind, man könne in Deutschland nicht öffentlich seine Meinung sagen, ohne Angst zu haben.

Die entsprechende Einschätzung findet sich häufiger unter:

  • Wählern von SPD, AfD, FDP und Bündnis90/Grüne;
  • unter Personen, die ihre politische Orientierung mit rechts der Mitte angeben oder sich in der politischen Mitte verorten;

Und das war es im Wesentlichen, denn die Angst, sie zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten: In welcher sozialen Schicht sich die Befragten verorten, macht keinen Unterschied. Wie alt sie sind, macht keinen Unterschied. Wie hoch ihr Einkommen ist, macht keinen Unterschied. Welchen Bildungsabschluss ein Befragter erreicht hat, macht keinen Unterschied.

Angst Munch.jpgDie Angst, in der Öffentlichkeit eine Meinung zu äußern, sie geht durch nahezu alle politischen Lager (auch wenn sie ab der Mitte des politischen Spektrums nach rechts zunimmt), sie durchzieht alle Bevölkerungsschichten, scheint allgegenwärtig zu sein.

Und dies, obwohl es in Deutschland angeblich keine Repressionen dafür gibt, seine Meinung in der Öffentlichkeit zu äußern. Angeblich ist hier wohl das operative Wort, wenngleich sich natürlich die Frage stellt, ob die Einschätzung auf der Befürchtung von Konsequenzen oder der Erfahrung von Konsequenzen basiert. Unabhängig davon kann man jedoch feststellen, dass bei allen, denen die Demokratie in Deutschland am Herzen liegt, die Alarmglocken läuten müssten, denn wenn die Meinungsfreiheit verloren ist oder aus Angst nicht mehr genutzt wird, ob diese Angst nun begründet ist oder nicht, dann ist die Demokratie tot.

In jedem Fall ist eine in der Bevölkerung verbreitete Angst, die eigene Meinung in der Öffentlichkeit zu äußern, ein Zeichen für einen massiven Vertrauensverlust gegenüber den demokratischen Institutionen in Deutschland, von denen offensichtlich nicht erwartet wird, dass sie die Möglichkeit garantieren, die eigene Meinung ohne Konsequenzen und letztlich angstfrei in der Öffentlichkeit auszusprechen. Auch ein solcher Vertrauensverlust hat ein Verenden demokratischer Institutionen und damit den Tod der Demokratie zur Folge. Denn in einer Gesellschaft, in der Grundvertrauen nicht vorhanden ist, einer Gesellschaft, in der aus Angst niemand mehr mit dem anderen spricht, findet kein öffentlicher Diskurs statt und deshalb kann auch keine Konsensbildung stattfinden.

Bleibt abschließend noch die Frage: Warum ist die Angst vor den Konsequenzen einer öffentlichen Meinungsäußerung in Deutschland so verbreitet? Aus sozialpsychologischer Sicht wird man diese Angst wohl als Ergebnis der Jagd auf die Meinungsfreiheit bewerten, jene Jagd, die unter dem Stichwort „Hasskommentare“ geführt wird und mit der besonders Korrekte die Meinungsfreiheit korrekt erdrosseln und dabei sind, sie zu beseitigen.

Die Befragung zu Parteien, Demokratie und Freiheitsrechten läuft weiterhin. Wer sich noch nicht beteiligt hat, der möge dies bitte hier nachholen.

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Den etablierten Parteien laufen die Hochgebildeten davon

Forschung LIVE!

Wir haben uns nicht nur vorgenommen, mit SurveyNET eine Seite zu betreiben, auf der wir unsere eigene Sozialforschung machen und auf der wir dem Stand der Methoden und der Methodologie gerecht werden wollen, wir haben uns auch vorgenommen, den Lesern von ScienceFiles und SurveyNET hautnah die Ergebnisse laufender Befragungen zu präsentieren, sie quasi am Puls der Befragung zu halten und an der Befragung, an der sie mitgewirkt haben, weiter teilhaben zu lassen.

Und das tun wird jetzt!

diagram.pngUnsere derzeit laufende Befragung zum Extremismus beginnt mit zwei Fragen, in denen die Wahlentscheidung bei der letzten Bundestagswahl und die Wahlabsicht für die nächste Bundestagswahl erfragt werden.

Wir haben auf Grundlage der ersten 200 Teilnehmer an der Befragung beide Fragen zueinander ins Verhältnis gesetzt und dabei folgende Auffälligkeiten festgestellt:

  • CDU/CSU, FDP und SPD verlieren an die AfD. Dabei sind die Verluste von CDU/CSU und FDP an die AfD höher als die der SPD, aber selbst die Verluste der SPD sind beachtlich.
  • Die AfD schafft etwas, was in der Vergangenheit nur wenigen Parteien gelungen ist, nämlich die Mobilisierung von Nichtwählern. Rund die Hälfte der Befragten, die bei der letzten Bundestagswahl nicht gewählt haben, plant AfD zu wählen. Der Anteil derjenigen, die bei der letzten Bundestagswahl nicht gewählt haben in unserem Sample beträgt derzeit rund 20%.

Nun stellt sich die Frage, wer sind die Wechsler, die CDU/CSU, FDP und SPD in Richtung AfD davonlaufen wollen und wer sind die Nichtwähler, die durch die AfD aktiviert werden, sich wieder an einer Wahl zu beteiligen?

Wir haben die Wechsler zur AfD vorläufig nach drei Merkmalen untersucht: Schulabschluss, Studium und Einkommen. Hier die Ergebnisse:

  • Wechsler von der CDU/CSU zur AfD haben in der Regel ein Abitur und ein abgeschlossenes Studium und ein hohes Einkommen.
  • Wechsler von der SPD zur AfD haben in der Regel ein Abitur und ein mittleres Einkommen.
  • Wechsler von der FDP zur AfD haben in der Regel ein Abitur, ein abgeschlossenes Studium und ein mittleres bis hohes Einkommen.
  • Nichtwähler, die beabsichtigen, bei der nächsten Wahl AfD zu wählen, haben in der Regel ein Abitur und ein abgeschlossenes Studium und finden sich am unteren und am oberen Ende der Einkommensskala.

Die AfD rekrutiert demnach Hochgebildete, Akademiker und die Bezieher von hohen Einkommen. Ein Ergebnis, das bei den etablierten Parteien die Alarmglocken läuten lassen sollte, denn offensichtlich fühlen sich Hochgebildete, Studierte und Bezieher mittlerer bis hoher Einkommen durch CDU/CSU, SPD und FDP nicht mehr repräsentiert, ein Ergebnis, das durch die Mobilisierung hochgebildeter und studierter Nichtwähler bei der letzten Bundestagswahl durch die AfD noch bestärkt wird.

Das Ergebnis ist ein Zwischenstand. Die Befragung läuft nach wie vor. Wer daran teilnehmen will, kann dies hier tun:

Befragung zum Thema „Extremismus“

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Umfrage: 91% von 3.446 ScienceFiles-Lesern sagen nein zum Verbleib in der EU

Die Europäische Union ist als Europäische Gemeinschaft mit großen Zielen gestartet. Ökonomische, demokratische Integration, Völkerverständigung, ein Europa der Nationen, alle Völker Europas vereint unter einem Dach, den Superlativen waren keine Grenzen gesetzt.

eu-flagWie so oft, wenn Hoffnungen und Träume mit den Träumern und Hoffern durchgehen, hat die Ernüchterung auch im Zusammenhang mit der EU schnell eingesetzt. Sie ist zu einem administrativen Monster verkommen, das Regulationen speit und sich um die Saugleistung von Staubsaugern kümmert. Die EU ist zum Selbstbedienungsladen für Politiker geworden, die eine neue Möglichkeit gefunden haben, Parteien und ihre Vereine auf Kosten der Steuerzahler zu finanzieren, und ansonsten zeichnet sich die EU durch regelmäßige Aufführungen aus, bei denen Regierungschefs aus 27 Ländern sich nicht über das zu spielenden Theaterstück einigen können.

Und natürlich darf man auch den Verhandlungszirkus mit Griechenland nicht vergessen, eine der wenigen Quellen der Unterhaltung im tristen Alltag der EU. Denn: jeden Morgen wacht man mit Spannung auf. Was haben die griechischen Parlamentarier nun wieder ausgeheckt? Worüber im Hilfspaket der 230+ Milliarden Euro, die bereits nach Griechenland geflossen sind und weiter fließen werden, könnte man heute streiten wollen? Wie lange dauert es, bis der Euro sich von seiner heutigen Talfahrt erholt? Erholt er sich überhaupt oder erreicht er neue Tiefen im Vergleich zum Britischen Pfund und zur Freude britischer Investoren, denen sich Kauf- und Investitionsgelegenheiten in Deutschland zu besten Preisen bieten: Buy one, get one half price…

Es ist kein Wunder, dass sich der Widerstand gegen diese Form der EU immer stärker regt. Wer wollte schon ein Europa der Regulierer, der Bleistiftschubser und der Politiker-Travestien?

Wie groß der Widerstand ist, der sich gegen die EU regt, das haben wir auf ScienceFiles anhand einer Umfrage erfahren, die wir nach wie vor aktiv gestellt haben. „Soll Deutschland die EU verlassen?“, so haben wir unsere Leser gefragt.

Zwischenzeitlich haben 3.446 Leser eine Antwort auf diese Frage gegeben, eine in ihrer Deutlichkeit unerwartete Antwort, optieren doch 91,5% unser Leser dafür, dass Deutschland die EU verlässt. 3.154 Leser sagen also nein zu dieser EU. Das Potential der EU-Müden, es ist gewaltig, das kann man auf Grundlage dieses Ergebnisses sagen.

Soll Deutschland in der EU bleiben

Und bevor der Einwand kommt, „Eure Umfrage ist ja gar nicht repräsentativ“: Zum Mythos der Repräsentativität der Umfragen der Meinungsforschungsinstitute mit ihren regelmäßig mageren 1.000 Befragten haben wir uns bereits hier geäußert.

Man kann unsere Ergebnisse schlicht nicht vom Tisch wischen. Wer in Deutschland verantwortlicher Politiker und in der EU verantwortlicher Bürokrat sein will, der muss die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen und bei seinen Handlungen in Rechnung stellen, dass es Widerstand gegen die EU gibt. Die Theorie der Responsivität, die immer noch durch die Politikwissenschaft geistert, sie sieht in einem solchen Fall vor, dass sich Politiker der Bedenken und der Kritik, die ihre Wähler an der EU äußern, widmen, sie aufnehmen und versuchen, in Brüssel und anderswo etwas zum Besseren zu verändern.

Bislang kennen Politiker in Deutschland den Responsivitäts-Modus jedoch nicht. Sie kennen nur den Modus des Aussitzens. Wie lange man Widerstand unter den eigenen Wählern aussitzen kann, das ist eine Frage, die derzeit beantwortet wird. Wer zur Beantwortung beitragen will, der kann sich an unserer Umfrage beteiligen, die nach wie vor aktiv ist.

Deutschland: Better off out?

Sind Frauen die besseren Autofahrer?

AXAInteressanter Weise ist die Frage, ob Männer oder Frauen die besseren Autofahrer sind, eine Frage, die nicht nur die Gemüter zu erhitzen scheint, sondern eine Frage, auf die eine bzw. mehrere Antworten periodisch wiederkehrend durch die Medien geistern. Die Folge X dieses Evergreens wurde gerade durch eine Befragung eingeleitet, die im Auftrag der AXA unter dem Label „AXA Verkehrssicherheits-Report 2012“ durchgeführt wurde, wobei „gerade“ zu relativieren ist, denn die Pressemitteilung unter der Überschrift „Frauen fahren besser Auto“ stammt vom 13. Juni 2013, während die telefonische Befragung zwischen dem 4. und 15. Juli 2012 durchgeführt wurde. Den 1.102, davon 541 männliche und 561 weibliche Befragten wurden eine ganze Reihe von Fragen zur „Verkehrssicherheit“ gestellt, darunter Fragen zu Maßnahmen zur Unfallvorbeugung, zum Verhalten deutscher Autofahrer, zum Strafmaß in der Straßenverkehrsordnung und vielem mehr, in die Öffentlichkeit hat es indes lediglich die Einschätzung der 1.102 Deutschen darüber, wer denn nun besser Auto fährt, Frauen oder Männer, geschafft (Fragetext: Wer sind Ihrer Meinung nach die besseren Fahrer: Männer oder Frauen?).

24% der Befragten sind der Ansicht, Männer seien die besseren Fahrer, 38% der Befragten sind der Ansicht, Frauen seien die besseren Fahrer und 35 Prozent sehen keinen Unterschied. Dieses unscheinbare Ergebnis dazu, was 1.102 im Auftrag der AXA Befragte meinen, ist, was Medienschaffende zu interessieren scheint.

Bereits die Pressemitteilung titelt: „Umfrage: Frauen fahren besser Auto“. Die WELT titelt unter „Verkehrssicherheit“ „Die Jungspunde mögen noch scherzen, die älteren Autofahrer haben es längst erkannt: Frauen sind  die besseren Autofahrer. Das haben sie in einer Umfrage jetzt auch zugegeben“. Und der Focus schreibt in einem Beitrag, der mit der Meldung in der WELT fast identisch ist: „Frauen fahren besser Auto als Männer – glauben Männer“.

BadDRiverEs ist schon erstaunlich, wie leicht es Meinungen über die Realität gelingt, die Realität zu verdrängen und sich selbst an ihre Stelle zu setzen, wenn sie als „Umfrage“ daherkommen. Um es noch einmal zu betonen: Gefragt wurden 1.102 Deutsche wer nach ihrer Meinung besser Auto fährt. Damit ist keinerlei Aussage darüber gemacht, wer tatsächlich besser Auto fährt. Vielmehr ist unter Einstellungsforschern hinlänglich bekannt, dass Fragen nach Meinungen vom eigenen Verhalten und von den sozialen Normen, die den Befragten umgeben, beeinflusst werden. Entsprechend spielen Stereotype bei diesen Meinungen eine große Rolle, Stereotype wie sie aus den selben Medien, die nunmehr die Frage danach, wer besser Auto fährt, beantwortet haben wollen, täglich verbreitet werden, Stereotype von vorsichtigen und sorgenden Frauen und draufgängerischen und egoistischen Männern. Was misst vor einem solchen kulturellen Hintergrund wohl eine Frage wie die oben zitierte?

Die Befragung, die von Welt und Focus zitiert wird, hat also überhaupt nichts mit der Frage zu tun, wer besser Auto fährt, sondern damit, was wer glaubt, wer besser Auto fährt. Das hat man beim Focus scheinbar auch erkannt und behauptet, Männer würden glauben, dass Frauen besser Auto fahren. Wie ein Blick in die Befragungsergebnisse (Seite 21) zeigt, ist dies schlicht falsch, denn 31% der Männer glauben, dass Männer die besseren Fahrer sind, während 24% der Männer der Ansicht sind, Frauen wären die besseren Autofahrer. Dagegen sind 17% der Frauen der Ansicht, Männer wären die besseren Autofahrer und 52% sind der Ansicht, Frauen seien die besseren Autofahrer. Diese geschlechtshomogenen Antworten deuten einmal mehr darauf hin, dass das öffentliche Klima von einer Dichotomie durchzogen ist, die männliche Eigenschaften negativ und weibliche Eigenschaften positiv bewertet.

Die WELT insinuiert im oben zitierten Abschnitt (der sich wortgleich im Focus wiederfindet), dass ältere Autofahrer längst erkannt hätten, dass Frauen die besseren Autofahrer seien, was notwendig voraussetzt, dass es eine feststehende Erkenntnis dahingehend gibt, dass Frauen die besseren Fahrer sind (und nebenbei hätte man Längsschnittdaten benötigt, um einen Erkenntnisprozess zu modellieren). Wenn dies aber so wäre, dann hätte es der AXA-Befragung nicht bedürft und die WELT hätte sich ihren Beitrag sparen können (was vielleicht auch besser gewesen wäre). Tatsächlich sinkt mit dem Alter der Befragten der Anteil derjenigen, die der Ansicht sind, Männer seien die besseren Fahrer, und zwar von 43% bei den 18- bis 24-jährigen auf 14% bei über 65-jährigen. Da mit einem steigenden Alter der Befragten in Umfragen unweigerlich ein steigender Anteil weiblicher Befragter einhergeht, weil es mehr weibliche als männliche Alte gibt, ist dieses Ergebnis kaum überraschend. Vielmehr bestätigt es abermals den oben vermuteten kulturellen Bias in den Daten. In keinem Fall, es sei abermals betont, sagt die Meinung von über 65-jähringen darüber, ob Männer oder Frauen die besseren Autofahrer sind, etwas darüber aus, wer tatsächlich der bessere Autofahrer ist.

Dies wirft die Frage auf, anhand welcher Kriterien man überhaupt bestimmen kann, ob Männer oder Frauen die besseren Autofahrer sind. Ich gehe einfach einmal davon aus, dass die Frage, ob Männer oder Frauen die besseren Autofahrer sind, eine Frage ist, die interessant ist, obwohl ich daran erhebliche Zweifel habe. Aber gut, wie operationalisiert man „guter Autofahrer“?

Eine ganze Reihe von Variablen kommt einem in den Sinn:

  • unfallfreies Fahren,
  • umsichtiges, andere nicht gefährdendes Fahren,
  • zügiges, andere nicht hinderndes und nervendes Fahren,

LKWFür die genannten drei Kriterien des guten Fahrens (es gibt sicher noch mehr, aber belassen wir es dabei), ist Fahr-Erfahrung eine Variable, die sich positiv auf alle drei Kriterien auswirkt. Entsprechend müsste man in die Bestimmung des guten Fahrers auch seine Fahr-Erfahrung einrechnen, seine Kilometerleistung pro Jahr. Zudem ist ein guter Fahrer in der Lage, nicht nur mit dem Peugeot 106, sondern auch mit einem Mercedes Sprinter oder vielleicht mit einem 7.5 Tonnen LKW sicher zu fahren. Zur Fahrmenge kommt somit die Art des Fahrzeugs, um zu bestimmen, ob ein Fahrer ein guter Fahrer ist.

SmartAll diese Determinanten des „guten Fahrers“ misst die Frage, die in der Befragung der AXA gestellt wurde, nicht. Sie misst statt dessen, die Meinung der Befragten und um sich zu vergegenwärtigen wie unsinnig dieses Verfahren ist, wie ungeeignet es ist, um den „guten Fahrer“ zu bestimmen, muss man sich nur die Antwort vergegenwärtigen, die die Fahrerin des Kleinwagens, die es auf der Autobahn nie über die mittlere Spur hinaus schafft und dieselbe für die gesamte Autobahnfahrt blockiert, gibt, die sieht, dass sie ständig von männlichen „Rasern“ überholt wird, obwohl sie bereits mit 100 am Limit dessen fährt, was sie für vertretbar hält. Man muss fragen, welche Antwort der Papa gibt, der immer gerne einen Peugeot 206 RC gefahren wäre, aber aufgrund familialer Verprlichtungen es nie über den Opel Astra hinausgeschafft hat, er, der aus Sorge um den Nachwuchs die 80 Kilometer Marke auf Landstraßen nicht überschreitet und ständig von rasenden Einzelfahrern überholt wird, zuweilen sogar von einem LKW, dessen Fahrer es einfach nicht mehr ausgehalten hat?

Man stelle sich die Frage danach, was die Frage „Wer sind Ihrer Meinung nach die besseren Fahrer: Frauen oder Männer?“ misst, vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Klimas, das Arne Hoffmann bereits vor Jahrzehnten zu dem Buchtitel „Sind Frauen die besseren Menschen“ veranlasst hat und vor diesem Hintergrund kann man dann eigentlich nur erstaunt sein, erstaunt darüber, dass „nur“ 38% der Befragten der Ansicht sind, Frauen seien die besseren Autofahrer.

Dass Befragungen immer häufiger von Personen durchgeführt werden, die von Methoden empirischer Sozialforschung nicht viel bzw. keine Ahnung haben, daran haben wir uns bei ScienceFiles mittlerweile leider gewöhnen müssen. Dass nunmehr auch „Spezialisten“ am Werk sind, die den Unterschied zwischen einer Meinung und einem Faktum nicht mehr kennen oder nicht mehr kennen wollen, ist für uns jedoch eine neue Qualität oder ein weiterer Schritt auf dem Weg in den konstruktivistischen Wahnsinn.

Europäische Meinungsmacher II: Manipulieren scheint in der EU-Kommission an der Tagesordnung zu sein

Ich kann mich noch entfernt an eine Konferenz an der Universität Mannheim erinnern, deren Ziel darin bestanden hat, Wissenschaftler dazu zu bewegen, die Daten des Eurobarometer für ihre Forschung zu nutzen, um dem Eurobarometer eine entsprechende wissenschaftliche Reputation zu verschaffen. In bestimmten Bereichen der empirischen Integrationsforschung hat die EU-Kommission dieses Ziel erreicht und den Eurobarometer als Datenquelle etabliert. In den letzten Jahren hat die Kommission den Eurobarometer jedoch als Mittel entdeckt, mit dem man trefflich die Öffentlichkeit manipulieren kann, in dem man Erfolgsmeldungen verbreitet, die – wie könnte es anders sein – die eigene Politik oder die Vorhaben der Europäischen Kommission legitimieren.

Die Legitimation von Entscheidungen oder Politiken ist heutzutage sehr wichtig, leben doch viele Menschen in der Illusion das politische System, das sie umgibt, sei eine repräsentative Demokratie. Aus der Repräsentation als Idee der Teilhabe, ist zwischenzeitlich die Repräsentation als Idee der Zustimmung geworden. Nicht mehr aktives Tun macht die Repräsentation aus, sondern passives sich-befragen-lassen. In diesem Sinne hat sich die Europäische Kommission mit dem Eurobarometer ein Instrument geschaffen, um das jeder Propagandaminister die EU-Kommission beneidet. Nicht nur kann die EU-Kommission nach Lust und Laune zu bestimmten Themen Umfragen „in Auftrag“ geben. Auch kann sich die EU-Kommission sicher sein, dass die entsprechend beauftragten Umfragen regelmäßig mit positiven Ergebnissen aufwarten,  die Politik der Europäischen Kommission bestätigen und in jedem Fall legitimieren. In diesem Sinne haben Europäer nach Angaben der EU-Kommission u.a. einer gesetzlichen Regelung der Frauenquote durch die EU-Kommission mehrheitlich zugestimmt, sich mehrheitlich für die Schaffung einer europäischen Verfassung ausgesprochen, die Initiative der Kommisison zur Einsetzung eines EU-Außenministers begrüßt, sind mehrheitlich mit der GAP zufrieden [Gemeinsame AgrarPolitik] und vieles mehr. Was auch immer die EU-Kommission sich ausdenkt, was auch immer die EU-Kommission ihrer Generaldirektion für Kommunikation zur Legitimation übergibt, immer findet sich in Eurobarometer-Umfragen eine Mehrheit von Europäern ein, um dem jeweiligen Gegenstand auch zuzustimmen.

Die regelmäßige, mehrheitliche Zustimmung ist erstaunlich – jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist sie nicht erstaunlich, denn nicht nur gibt es eine Reihe von Techniken der Manipulation und Suggestion in Umfragen, die das Ergebnis der Befragung beeinflussen, auch finden sich alle diese Techniken in den jeweiligen Fragebögen des Eurobarometer. Je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet, kann man den Eurobarometer als eine Umfrage ansehen, in der alle Todsünden der empirischen Sozialforschung begangen werden, so dass die Ergebnisse „biased“ und nicht valide sind, oder man kann den Eurobarometer als Meisterwerk der Persuasion und Manipulation ansehen, in dem die besagten Techniken so gut eingesetzt werden, dass immer herauskommt, was herauskommen soll – fast immer.

Dies habe ich bereits im März diesen Jahres am Beispiel des Eurobarometer 376, der sich mit der Meinung der Europäer zu „Frauen in Führungspositionen“ beschäftigt hat, gezeigt. Suggestive Frage, die Auslassung offensichtlicher Antwortkategorien und widersprüchlich formulierte Fragen, sie alle finden sich im Eurobarometer 376, und sie alle finden sich, um es Viviane Reding, u.a. für Justiz bei der EU-Kommission zuständig (man kann es einfach nicht oft genug betonen) zu ermöglichen, zu behaupten, dass Europäer mehrheitlich für eine gesetzliche Regelung der Frauenquote in Aufsichtsräten seien. Dass es trotz aller Suggestion und Manipulation im Fragebogen doch noch notwendig war, die Antworten der Europäer so zusammenzufassen, dass eine Zustimmung herauskommt und es darüber hinaus noch notwendig war, die befragten Europäer hinters Licht zu führen, um ihre Zustimmung zu ergaunern, zeigt, dass auch Manipulation an ihre Grenzen stößt, Grenzen, die für Frau Reding allerdings nicht gelten.

Was mit Blick auf den Eurobarometer 376 und den persönlichen Feldzug der Frau Reding wie ein Ausrutscher aussieht, ist jedoch die Regel: Die Europäische Kommission manipuliert über ihren Eurobarometer die öffentliche Meinung in Europa und nutzt die so manipulierte öffentliche Meinung, um die eigenen Tätigkeiten und Politiken zu legitimieren, um sich die demokratische Legitimation zu verschaffen, die das Gremium, da berufen und nicht gewählt (sondern nur vom Europäischen Parlament bestätigt), nun einmal nicht hat. Diese Feststellung ist das Ergebnis einer Reihe von wissenschaftlichen Beiträgen, die mir geschickt wurden bzw. auf die ich aufmerksam gemacht wurde.

Ich habe nicht oft Gelegenheit, kritische Wissenschaftler in diesem blog zu loben und will es daher und ausdrücklich tun. Die im Folgenden benannten Wissenschaftler haben sich um die Wissenschaft und um die Demokratie verdient gemacht, indem sie auf die Manipulationen der Europäischen Kommission hingewiesen, sie offengelegt haben.

Markus Pausch (2008) ist der erste in der Reihe der Wissenschaftler, die sich kritisch mit der Europäischen Kommission und ihrer Nutzung des Eurobarometer auseinandersetzen. Pausch problematisiert die Nutzung des Eurobarometer zur Legitimation politischer Entscheidungen und gründet seine Kritik in erster Linie darauf, dass Europäer (1) regelmäßig zu europäischen Politiken befragt würden, von denen sie nachweislich keine Ahnung haben, (2) die Antworten der Europäer regelmäßig so zusammengefasst würden, dass eine Zustimmung zu Politiken der EU-Kommission dabei herauskommt, und (3) dass über Antwortvorgaben und den Befragungskontext, in dem bestimmte Fragen gestellt werden, bestimmte Antworten präjudiziert werden. Kurz: Pausch kritisiert, dass manipuliert wird, um bestimmte Ergebnisse zu erreichen.


Sylke Nissen (2012), die mir bereits vor einiger Zeit einen Beitrag geschickt hat, in dem sie die Benutzung des Eurobarometer unter unterschiedlichen Aspekten untersucht, ist der zweite der kritischen Wissenschaftler. Nissen zeigt, dass Fragen, die seit Beginn des Eurobarometer im Jahre 1973 und seitdem zweimal jährlich gestellt werden, obwohl sich ihr Wortlaut zwischenzeitlich verändert hat, in einer Reihe dargestellt werden, ganz so als hätte sich der Fragetext nicht verändert. Am Beispiel des selbsterklärten Interesses der Europäer an europäischen Angelegenheiten demonstriert Nissen, wie unterschiedliche Frageformulierungen sich positiv auf das Interesse an europäischen Angelegenheiten auswirken und wie die Europäische Kommission unterschlägt, dass die in der Abbildung dargestellte Entwicklung des Interesses kein erhöhtes Interesse, sondern eine veränderte Frageformulierung zur Ursache hat. Auch Nissen findet eine Reihe von manipulativen und suggestiven Techniken der Frageformulierung, mit denen sichergestellt werden soll, dass die Europäer auch die richtigen Antworten geben, die Antworten, die die Politik der EU-Kommission auch legitimieren, und last but not least, zeigt Nissen Auftraggebereffekte, d.h. wer bezahlt, bestimmt das Ergebnis der Befragung, ein Effekt, der bereits im Zusammenhang mit Eurobarometer 376 und der von Viviane Reding gewünschten Zustimmung zur Zwangsfrauenquote zu sehen war. Ihre Ergebnisse fasst Nissen eher zurückhaltend wie folgt zusammen: „Der öffentliche Gebrauch des Surveys [Eurobaromter] und seiner Ergebnisse macht aus dem Eurobarometer ein Politik-Instrument, in dessen Zentrum nicht mehr die Beobachtungs-, sondern die Interventionsfunktion steht“ (16).

Auf die bislang umfassendste Kritik am Eurobarometer hat mich ein Leser dieses blog aufmerksam gemacht. Verfasst wurde sie von Martin Höpner und Bojan Jurczyk (2012), und ich lege die Arbeit angehenden empirischen Sozialforschern ans Herz, denn sie ist im Hinblick auf die korrekte Formulierung von Fragen grundlegend und deutlich informativer als die einschlägigen Lehrbücher. Höpner und Jurczyk konfrontieren die Fragen der Eurobarometer 43 bis 73.4 (von 1995 bis 2010) mit den zehn Grundregeln einer sauberen Umfrageforschung und finden Verstöße gegen acht der zehn Grundregeln:

  1. Fragen sind nicht verständlich oder missverständlich formuliert.
  2. Es werden hypothetische Fragen gestellt, für die keinerlei Kontext bereitsteht und die letztlich in sozial erwünschte Antworten münden.
  3. Es wird nicht ausgeschlossen, dass Befragte, die von einem Fragegegenstand keine Ahnung haben, sich zu dem entsprechenden Fragegegenstand äußern. Im Gegenteil scheint es das Bemühen der Eurobarometer-Macher zu sein, Befragte zu Dingen wie Galileo, Treibhausgasemissionen in 20 Jahren und so weiter, zu denen sie sich nicht sinnvoll äußern können, zu befragen.
  4. Fragebatterien werden genutzt, um die Zustimmungstendenz, die Befragte in Fragebatterien, in denen sie sich nacheinander zu unterschiedlichen Gegenständen äußern sollen, nun einmal haben, in positive Antworten um zu münzen (zu den Reihefolgeeffekte: (Kirschhofer-Bozenhardt & Kaplitza, 1986, S.104).
  5. Befragte werden durch Unterstellungen in Fragen manipuliert (Manche sagen, dass …).
  6. Befragte werden durch Suggestivfragen manipuliert (… den Euro erfolgreich einführen).
  7. Antwortvorgaben sind einseitig zu Gunsten positiver Antwortmöglichkeiten verzerrt.
  8. Fragen werden in einen Kontext eingebaut, um die Befragten in die Stimmung zur positiven Antwort zu versetzen.

Höpner und Jurczyk finden abschließend und völlig ungewöhnlich für deutsche Wissenschaftler sehr deutliche Worte: „Nicht um mangelnde Sorgfalt geht es uns also, sondern um den begründeten Verdacht strategischer Manipulation. Dieser Verdacht ergibt sich aus der systematischen Gerichtetheit der Verstöße gegen die Regeln guter Umfrageforschung. Denn in ausnahmslos allen Fällen waren die Verstöße so gerichtet, dass sie geeignet waren, die Ergebnisse in eine pro-europäische, integrationsfreundliche Richtung zu lenken. Dass dies ohne Intention geschah, wollen wir ausschließen. Die wissenschaftliche Integrität der Eurobarometer-Befragungen muss also mit einem großen Fragezeichen versehen werden“ (345-346).

Ich denke, angesichts der Belege, die allein in diesem post zusammengetragen wurden, muss man kein Fragezeichen mehr hinter die wissenschaftliche Integrität der Eurobarometer-Befragungen setzen, man muss schlicht konzedieren, dass der Eurobarometer keine wissenschaftliche Integrität mehr hat (falls er sie je hatte). Der Eurobarometer ist ein Manipulationsinstrument, ein Mittel zur Legitimationsbeschaffung, dessen sich die Europäische Kommission bedient, um nach Belieben öffentliche Rückendeckung für ihre Politiken herbei zu manipulieren. Es hat schon eine gewisse Ironie, dass das Instrument, mit dessen Hilfe die Europäische Kommission Europäer manipuliert, von den Manipulierten, finanziert wird. Es entbehrt nicht einer gewissen Würze, dass die Manipulationen vermutlich Zustimmung zu Politiken vorgaukeln, die in Wirklichkeit von einer Mehrzahl der Europäer abgelehnt werden (sofern sie sie überhaupt kennen). Und es ist letztlich zynisch, wenn eine nicht demokratisch legitimierte Institution die Manipulation des sogenannten Souveräns nutzt, um diesem Souverän vorzugaukeln, er würde eigentlich die politische Macht in Händen halten. Angesichts des Ausmaßes an Missbrauch kann man eigentlich nur fordern, den Eurobarometer zu schließen, die Steuergelder, die dafür verschwendet werden, einzusparen und die Auskunft darüber, was Europäer wollen und was nicht, Wahlen oder Volksabstimmungen zu  überlassen – damit wäre dann auch die leidige Frage der demokratischen Legitimierung ein für alle Mal beantwortet.

P.S.
Am 11. September haben wir einen Offenen Brief an den Präsidenten der EU-Kommission José Manuel Barroso geschrieben. Darin werden u.a. die Praktiken der Manipulation der Öffentlichkeit angesprochen, die Viviane Reding nutzt. Bislang hat sich Herr Barroso nicht zu einer Antwort genötigt gesehen. Und nachdem ich die Beweislage in diesem post noch einmal habe Revue passieren lassen, ist mir auch klar, warum: in dem Offenen Brief steht für ihn nichts Neues, dass die EU-Kommission scheinbar alle verfügbaren Mittel nutzt, um die Öffentlichkeit zu manipulieren, ist ihm offensichtlich längst oder bestens bekannt.

Literatur:
Höpner, Martin & Jurczyk, Bojan (2012). Kritik des Eurobarometers. Über die Verwischung der Grenze zwischen seriöser Demoskopie und interessengeleiteter Propaganda. Leviathan 40(3): 326-349.

Nissen, Sylke (2012). Beobachtung oder Intervention. Das Eurobarometer im Prozess der Europäischen Integration. Universität Leipzig: Serie Europa – Europe Series No.4/2012.

Pausch, Markus (2008). Die Eurobarometermacher auf der Zauberinsel. Konstruktion einer europäischen öffentlichen Meinung durch Umfrageforschung. SWS-Rundschau 48(3): 356-361.

Bildnachweis:
Tumeke

Berauscht von Pressemeldungen: erbärmlich unkritischer Journalismus in Deutschland

„Journalismus hat … den … Auftrag eine Kritik- und Kontrollfunktion in der Gesellschaft wahrzunehmen: also Missstände aufdecken, Gegebenheiten hinterfragen und Kritik üben“ (Burkhardt, 2009, S.77)

Gestern (18. September 2012) hat Tagesschau Online eine Erfolgsmeldung veröffentlicht, die man wie folgt zusammenfassen kann: Seit 2009 gibt es die Aktion „Alkohol? Kenn dein Limit“, die vom Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) und dem Bundesgesundheitsministerium finanziert wird. Das Geld ist gut angelegt, denn die Anzahl der „Zwölf bis 17-jährigen, die mindestens einmal im Monat volltrunken waren, sank laut einer Studie binnen vier Jahren von 20,4 auf 15,2 Prozent“. Heureka! Aber: Mehr öffentliche Finanzierung ist trotz des Erfolgs notwendig, denn: „Bei den 16- bis 17-jährigen männlichen Jugendlichen, die am meisten trinken, besserte sich hingegen wenig. 45 Prozent haben sich in den letzten 30 Tagen in einen Rausch getrunken“. Gutes gibt es auch zu vermelden, denn „[i]hr Verhalten verändert haben den Angaben zufolge jedoch hauptsächlich Mädchen und zwölf bis 15-jährige Jungen“. Die Pressmeldung stellt im Wesentlichen drei Behauptungen auf:

  • Eine „Studie“ hat herausgefunden, dass eine Aktion gegen Alkohol eine Verhaltensänderung bei Jugendlichen erreicht hat, vor allem bei 12- bis 15jährigen Jungen und bei Mädchen.
  • Dieselbe Studie zeigt, dass der Anteil der Volltrunkenen unter 12- bis 17jährigen gesunken ist.
  • Schließlich zeigt die Studie, dass 16- bis 17jährige männliche Jugendliche weiterhin exzessiv trinken, weshalb weitere öffentliche Mittel zur Bekämpfung von übermäßigem Alkoholkonsum notwendig sind.

Wie ich nunmehr zeige werde, ist keine der Aussagen aus der Pressemitteilung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, auf die sich die Tagesschau-Redakteure ausschließlich und der Einfachheit halber verlassen haben, richtig.

Verhaltensänderungen bei Jugendlichen

Die „Studie“, auf die sich der Bericht auf Tagesschau-Online bezieht, ist keine Studie, die es möglich macht, Verhaltensänderungen zu identifizieren. Es handelt sich bei der „Studie“, um eine: „[w]iederholte Repräsentativbefragung der 12- bis 25jährigen Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland in mehrjährigen Abständen“. Die Befragten werden nahezu jährlich aufs Neue zufällig ausgewählt und telefonisch befragt. Im Jahr 2011 wurden 5001 Personen befragt und die Ausschöpfungsquote betrug 60,9%, d.h. es wurden 8212 Telefonnummern zufällig ausgewählt und angerufen, um die 5001 Befragten im Alter von 12 bis 25 Jahre zusammen zu bekommen. Die selbe Übung wird von forsa, dem Institut das sehr gut an der Befragung verdient, in unregelmäßigen Abständen durchgeführt. Die Zufälligkeit der Auswahl der Befragten, soll sichern, dass die Befragten repräsentativ für die 12- bis 25jährigen in Deutschland sind. Diese Form der Querschnittsbefragung führt aber dazu, dass mit jeder neuen Befragung andere12- bis 25jährige befragt werden. Entsprechend kann man keinerlei Aussagen über Verhaltensänderungen machen, denn dazu wäre es notwendig, die selben Befragten über einen bestimmten Zeitraum hinweg, mehrfach zu befragen.

Auf diese Weise wäre es z.B. möglich zu untersuchen, ob und ggf. wie Jugendliche, die im Alter von 12 Jahren schon Alkohol getrunken haben, ihr Trinkverhalten mit zunehmendem Alter verändern. Und es wäre mit dieser Art der Panel-Befraung möglich, eindeutig zu klären, ob die Aktion von Bundesministerium für Gesundheit und PKV irgend einen Effekt auf die Jugendlichen und ihr Trinkverhalten hat. Aber das genau, wollen die Verantwortlichen offensichtlich nicht. Ihnen reicht eine in die Öffentlichkeit geworfene falsche Behauptung, nach der es (a) eine Verhaltensänderung bei Jugenlichen gegeben habe und (b) diese Verhaltensänderung auf die Aktion von Ministerium und PKV zurückzuführen ist (denn sie können sich darauf verlassen, dass sie mit Sicherheit nicht auf einen kritischen Journalisten treffen, der ihre Behauptungen hinterfragt oder gar prüft). Anders formuliert: die Steuermittel von Ministerium und die Versichertenbeiträge der PKV sind sinnvoll eingesetzt. Und forsa, forsa hat natürlich wenig Interesse an einer Panelbefragung, denn damit lässt sich weniger leicht Geld verdienen als mit einer fast jährlich und mit hohem Aufwand durchgeführten Querschnittsbefragung.

Der gesunkenen Alkoholkonsum und das weiterhin exzessive Trinken

Da die „Studie“ von forsa keine Panelstudie ist, kann also nichts über Verhaltensänderung ausgesagt werden. Aussagen können allenfalls dahingehend getroffen werden, wie sich Personen, die zum Befragungszeitpunkt 2011 12 Jahre alt waren, in ihrem Trinkverhalten von anderen Personen, die z.B. im Jahr 2009 12 Jahre alt waren, unterscheiden. Und weil forsa angeblich zu beiden Zeitpunkten eine repräsentative Befragung durchgeführt haben will, sollen die entsprechenden Aussagen repräsentativ für alle im Jahr 2011 und 2009 12jährigen sein. Ich habe in diesem blog schon öfter unsere, Dr. habil. Heike Diefenbachs und meine Vorbehalte gegen die vermeintliche Repräsentativität von Befragungen dargelegt und will es an dieser Stelle nur insoweit tun als wir anzweiflen, dass man mit telefonischer Befragung keine selektive Population erreicht, schon weil weder die Zeiten, zu denen man Jugendliche zu Hause antrifft, noch die Jugendlichen, die man zu Hause antrifft, Repräsentativitätskriterien gehorchen. Wir sind uns hier mit z.B. Andreas Diekmann einig, der schreibt: „Die Redeweise von der ‚repräsentativen Stichprobe‘ ist nicht mehr als eine Metapher, eine bildhafte Vergleichung“ (Diekmann, 2003, S.368). Überleitend zum nächsten Absatz noch ein Zitat von Schnell, Hill und Esser zur Repräsentativität: „Keinesfalls reicht bei sozialwissenschaftlichen Erhebungen der Nachweis, dass bestimmte Merkmale in der Grundgesamtheit mit der selben Häufigkeit vorkommen, wie in der Stichprobe aus, um zu beweisen, dass die Stichprobe alle interessierenden Merkmale in der korrekten Häufigkeit wiedergibt“ (Schnell, Hill & Esser, 1992, S.316).

So war es notwendig, dass forsa die erhaltenen Daten nach Alter (!sic), Geschlecht und Region gewichtet, also z.B. 12jährige, weil sie in der Befragung im Vergleich zur Gesamtbevölkerung um den Faktor 1.5 seltener vorkommen, mit eben diesem Faktor multipliziert, so dass ihre Antworten 1.5fach zählen. Ein größeres Eingeständnis des Scheiterns als eine schiefe Verteilung im Hinblick auf Alter in einer Befragung die explizit 12- bis 25jährige addressiert, kann ich mir kaum vorstellen. Aber gut. Ich denke nicht, dass die Ergebnisse repräsentativ sind, forsa und seine Auftraggeber behaupten es (bislang ohne Beleg), aber das soll uns nicht weiter interessieren, denn die Behauptung, der exzessive Alkoholkonsum Jugendlicher sei im Verlauf der letzten vier Jahre, als von 2008 bis 2011 gesunken, ist schlicht falsch. Jeder Journalist, der sich die Mühe gemacht hätte, die Studie, die es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Download gibt, zu lesen, hätte dies sehr schnell bemerken können. Ein Blick auf den Teil der Studie, der sich mit Trends beschäftigt und auf die Daten für die Jahre 2008, 2010 und 2011, hätte genügt.

Hier eine Zusammenstellung der Ergebnisse für die Jahre 2008, 2010 und 2011.

Indikator 2008 2010 2011
Alkoholkonsum innerhalb der letzten 30 Tage: männliche Befragte 86,9% 82,8% 87,0%
Alkoholkonsum innerhalb der letzten 30 Tage: weibliche Befragte 70,6% 74,4 76,5%
regelmäßiger Alkoholkonsum 12-17jährige 17,4% 12,9% 14,2%
regelmäßiger Alkoholkonsum 18-25jährige 37,1% 34,5% 39,8%
Konsum für Erwachsene riskanter Mengen: 12-17jährige 8,6% 5,5% 5,9%
Konsum für Erwachsene riskanter Mengen: 18-25jährige 18,1% 15,6% 19,1%
6 und mehr Alkoholrauscherfahrungen im Leben: 12-17jährige 6,4% 4,7% 5,1%
6 und mehr Alkoholrauscherfahrungen im Leben: 18-25jährige 31,7% 27,9% 32,0%
Pro-Kopf-Verbrauch reiner Alkohol 12-17jährige 43,3gr 28,8gr 30,9gr
Pro-Kopf-Verbrauch reiner Alkohol 18-25jährige 82,3gr 75,2gr 84,1gr

Keiner, der in der Tabelle dargestellten Indikatoren zeigen für den Vergleich der Jahre 2010 und 2011 einen Rückgang. Alle zeigen einen Anstieg. Wollte man aus diesen Daten einen Rückschluss auf die Wirkung der im Jahre 2009 gestarteten Aktion von Techniker Krankenkasse und Bundesministerium ziehen, dann müsste man sagen: Die Aktion hat dazu geführt, dass Jugendliche wieder mehr trinken. Zum Glück für Ministerium und Krankenkasse ist die Frage, in welcher Weise sich die Aktion auf das Trinkverhalten von Jugendlichen ausgewirkt hat, mit den vorliegenden Daten aber nicht zu beantworten, weder im Positiven noch im Negativen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktion das Trinkverhalten von Jugenlichen beeinflusst hat, entspricht der Wahrscheinlichkeit, dass die Sonnenfinsternis im Jahre 2010 sich auf das Trinkverhalten ausgewirkt hat. Wollte man wirklich einen Effekt messen, man müsste ein Studiendesign wählen, dass nicht die Einkünfte von forsa maximiert und das zudem die Gefahr mit sich bringt, dass sich zeigt, dass Jugendliche die Aktion von Ministerium und Krankenkasse schlicht nicht beachten.

Entsprechend stellt sich auch die Behauptung, es seien vor allem die 16- bis 17jährigen Jungen, die keinen Rückgang im exzessiven Trinken zeigen, weshalb die Aktion mit mehr finanziellen Mitteln der Geschlechtstypik entsprechend ausgeweitet werden müsse, als das dar, was sie eigentlich ist: Ein plumper Versuch den Einsatz von noch mehr Steuergeldern und Krankenkassenbeiträgen zur Finanzierung von Aktion (Mitarbeiter und Material) und forsa zu rechtfertigen.

Zum Abschluss will ich den Lesern ein Bonmot, das Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr von sich gegeben hat, nicht vorenthalten. In der Pressemitteilung, in der der Erfolg der gemeinsamen Aktion, den ich hier hinterfragt und widerlegt habe, gefeiert wird, wird er wie folgt zitiert:

„Kinder und Jugendliche wachsen hierzulande in einer Gesellschaft auf, in der Alkoholkonsum weit verbreitet ist. Da sie sich stark an dem orientieren, was Erwachsene tun, ist es im Sinne der Prävention entscheidend, junge Menschen frühzeitig über die Sucht- und Gesundheitsrisiken von Alkohol aufzuklären“.

Im Klartext: Jugendliche sehen sich mit sinnlos saufenden Erwachsenen konfrontiert und müssen daher über die Folgen des sinnlosen Saufens aufgeklärt werden, z.B. in dem Ihnen ein sinnvoller Umgang mit Alkohol beigebracht wird etwa in Form des Schwenkens des Rotweinglases, Nase in das Glas stecken, den ersten Schluck kauen und dann die Flasche nachschütten. (Der letzte Zusatz war von mir, er lässt sich nicht unmittelbar aus Bahrs Aussage ableiten.)

Zum Abschluss noch ein Wort zum kritischen Journalismus in Deutschland: Zumindest auf Tagesschau Online ist er nicht existent.

Literatur
Burkhardt, Steffen (2009). Praktischer Journalismus. München: Oldenbourg.

Diekmann, Andreas (2003). Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.

Schnell, Rainer, Hill, Paul & Esser, Elke (1992). Methoden der empirischen Sozialforschung. München: Oldenbourg.

Manipulation von Umfrageergebnissen: Zustimmungsquoten wie die SED

Im politischen Diskurs ist es unglaublich wichtig, die „öffentliche Meinung“ für sich zu reklamieren. Wer zuerst behauptet, er habe die Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite, hat einen first-mover Vorteil und zwingt diejenigen, die ihm widersprechen wollen dazu, nicht über den strittigen Inhalt zu sprechen, sondern über die vermeintliche Mehrheit für den strittigen Inhalt. Nun hat man nicht immer Volkes Mehrheit auf seiner Seite, was zuweilen ärgerlich, zuweilen betrüblich ist. Aber: Die Rettung naht bereits. Volkes Meinung bei einer Einwohnerzahl von rund 81.8 Millionen Bürgern zu erheben, ist, selbst wenn man alle Minderjährigen herausrechnet, ein nahezu unmögliches Unterfangen (Selbst der alle vier Jahre stattfindende Gang zur Urne gibt keinen Überblick über Volkes Meinung, sondern nur die Meinung derjenigen wieder, die sich aufraffen konnten, ihre Stimme in die Urne zu werden.).

Die Schwierigkeit, Volkes Meinung zu bestimmen, hat vieles für sich, denn wer etwas „im Namen des Volkes“ behaupten will, kann das erst einmal, bis zum Beweis des mehrheitsfähigen Gegenteils, ungestraft tun. Aber, so einfach, werden manche sagen, ist das nun auch wieder nicht, denn die Sozialwissenschaften haben aus dem Nachlass von Paul E. Lazersfeld ein mächtiges Mittel der Bevölkerungsbefragung, den repräsentativen Bevölkerungssurvey, übernommen. Je nach Auswahlverfahren, so die Spezialisten dieser Befragungsmethode, reichen 1000 Befragte, um verlässlich auf Volkes Meinung zu schließen. Diese Haltung wird wiederum von anderen Spezialisten als naiver Glaube mathematisch und logisch Unbegabter angesehen, aber, wie dem auch sei, gehen wir einmal davon aus, eine repräsentative Befragung sagte wirklich etwas über die Wirklichkeit, über Volkes Meinung aus. Dies wollen uns in jedem Fall all die Politiker und Funktionäre Glauben machen, die bei jeder Umfrage, deren Ergebnis sie berichten, das Wörtchen „repräsentativ“ in seinem jeweiligen Kasus besonders betonen. Repräsentativ soll heißen, das Ergebnis ist wahr, unverrückbar und richtig und niemand kann etwas dagegen vorbringen.

Tatsächlich scheinen Politiker und Funktionäre von der Macht der repräsentativen Umfrage so überzeugt zu sein, dass sie nicht einmal davor zurückschrecken, Ergebnisse zu manipulieren, um für sich die repräsentative Kraft von Volkes Meinung in Anspruch nehmen zu können. Ein Beispiel, das ich in diesem Blog bereits besprochen habe, ist Viviane Reding, bei der Europäischen Kommission ausgerechnet für u.a. Justiz zuständig (Gut, dass Lügen nur kurze Beine haben und nicht strafrechtlich verfolgt werden…), die in einer sehr kruden, fast schon primitiven Weise versucht hat, Ergebnisse des Eurobarometer für ihre Zwecke zu manipulieren. Ich habe in diesem Zusammenhang die „hohe“ Kunst der Manipulation in Umfragen bereits angsprochen und will mich an dieser Stelle auf einen spezifischen Punkt konzentrieren, der Umfrageforschung zu einem mächtigen Instrument in den Händen der manipulierfreudigen politischen Klasse macht: Die Macht von Suggestivfragen, mit der sichergestellt werden kann, dass die Antworten, die man erhält, auch die Antworten sind, die man erhalten will.

Kurt Holm hat bereits 1975 in seinem unschätzbaren Büchlein, die Befragung, auf die Formen der Manipulation durch geschickte Fragestellung hingewiesen. Die Sicherstellung der „richtigen“ Antworten in einer „repräsentativen Umfrage“ kennt sieben Strategien, sechs davon, will ich hier nennen (Holm, 1975, S.63):

  • „Man formuliert scheinbar offene Fragen mit expliziten oder impliziten Antwortalternativen (z.B.: „Sind Sie der Meinung, dass die Rentenüberschüsse aufgespart werden sollten?“ – es fehlt: oder sollten sie nicht aufgespart werden.);
  • Man formuliert geschlossene Fragen ohne eine vollständige Liste von Antwortmöglichkeiten zu präsentieren. Antworten, die nicht erwünscht sind, werden als Antwortalternativen nicht vorgegeben. (Dies ist eine beliebte Strategie, die man immer wieder beobachten kann: Wie würden Sie die Artikel in der Wikipedia beschreiben? Sachgerecht, neutral, kenntnisreich, weiterführend, grundlegend. Es fehlt: zuweilen diffamierend, falsch, ideologisch eingefärbt usw.);
  • Die verfeinerte Variante der zuletzt genannten Möglichkeit besteht darin, die Antwortvorgaben zwar zu nennen, aber so zu formulieren, dass der Befragte von ihrer Nennung abgestoßen wird (z.B. absichtlich diffamierend und rechtsextrem oder linksextrem);
  • Man kann Befragten auch eine lange Liste von Antwortmöglichkeiten vorlesen und die vom Auftraggeber der Befragung gewünschten Antworten an das Ende der Liste stellen, so dass sie dem Befragten in bester Erinnerung sind und eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, genannt zu werden, als die anderen Antwortmöglichkeiten.
  • Wenn Mehrfachnennung prinzipiell möglich sind, dann lässt man sie nicht zu und zwingt Befragte, sich zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden. (Welche Informationsquelle halten Sie für besonders verlässlich? Wikipedia, oder Kaffeesatzlesen);
  • „Man formuliert suggestiv – nicht in simpler, auffälliger Weise – sondern dadurch, dass man in einer Frage Argumente für die gewünschte Antwort einbaut“.

Soviel zur Theorie, nun zur Praxis:

Ein besonders schönes Manipulations-Beispiel habe ich gerade auf den Seiten des DGB gefunden. Dort steht die folgende Pressemeldung: „forsa-Umfrage: 80 Prozent gegen Senkung des Rentenbeitrags“. Die Senkung des Rentenbeitrags als Ergebnis der Tatsache, dass man den derzeitigen Beitragszahlern zu viel Beiträge abgeknöpft hat, ist zwischenzeitlich vom Bundeskabinett beschlossen worden, wird vom DGB aber heftig bekämpft. Wie alle sozialistischen Vereinigungen, so hat auch der DGB ein kollektives Weltbild, indem Solidarität zum Schlüssel nicht nur für eigene Bereicherung wird, die Funktionäre sich deutlich höhere Einkommen genehmigen sieht, als die Mitglieder, die z.B. durch ihren Beitrag die Mittel aufbringen, aus denen Funktionäre sich bedienen, sondern auch zum Schlüssel dafür, derzeitige Beitragszahler zu Gunsten einer „kollektiven Nachhaltigkeit“ mehr zur Ader zu lassen als notwendig. Da bekannt ist, dass die gesetzliche Rentenversicherung vor allem für männliche Beitragszahler eine negative Rendite erwirtschaftet, kommt diese Verpflichtung zur Solidarität, die dem DGB vorschwebt, dem unkonditionierten Diebstahl gleich.

Aber: Der DGB hat die Mehrheit, nein, die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite. Das beweist eine Umfrage von forsa und das weiß Annelie Buntenbach wie folgt in Worte zu fassen: „Die von der Bundesregierung geplante Beitragssenkung ist unverantwortlich und wird von einer erdrückenden Mehrheit der … Bürger abgelehnt. Die Behauptung, eine Senkung des Rentenbeitrags sei im Interesse der … Arbeitnehmer, ist damit eindrücklich widerlegt“. Ist sie das wirklich?

Zunächst ist es schwer nachvollziehbar, dass Befragte auf die Rückgabe von Beiträgen freiwillig verzichten sollen. Die Mär von der Solidarität kennt zwar den altruistischen Verzichter, der lieber (ver)hungert, bevor er seine Solidarität mit anderen einstellt (oder wie Neil Young sagt: When the benefit comes, I’m last in Line), aber in der Realität ist er mir noch nie begegnet. Nun gut, ich sitze auch nicht im Vorstand des DGB, aber selbst dort ist die Anzahl der Vorstände, die zu gunsten notleidender Alleinerziehender auch nur auf einen Teil ihres üppigen Gehalts verzichten, eher nicht existent. Wie kommt es also, dass 80% von 1001 (!sic) von forsa in einer repräsentativen Umfrage (wie könnte es auch anders sein) Befragte freiwillig auf die Rückgabe von Beiträgen, die einige von Ihnen geleistet haben, verzichten?

Die Antwort ist einfach. Die Antwort verweist zunächst auf Alternative 6 aus der Liste der Möglichkeiten zur Manipulation von Befragungsergebnissen: suggestive Fragen. Forsa hat suggestiv gefragt. Nicht plump suggestiv, nein, ziemlich geschickt. Die gesamte Antwortverteilung hängt nämlich nur an einem einzigen Adjektiv, dem Adjektiv „geringfügig“.

Die Überschüsse der Rentenversicherung, so fragen die Mannen von forsa, sollten genutzt werden, um die Beiträge zur Rentenversicherung geringfügig zu senken oder aufgespart werden.

Die Suggestivkraft des Adjektivs „geringfügig“ ist groß, wie man schnell sieht, wenn man sich an den Zusammenhang erinnert, in denen das Wörtchen „geringfügig“ sonst eine Rolle spielt: „geringfügig Beschäftigte“, „geringfügige Einkommen“. Geringfügig ist nicht nur negativ konnotiert, es ist auch bedauernswert wenig. Wer erwartet bei dieser Fragestellung, dass viele Befragte für die „geringfügige Senkung“ votieren, wenn man von aufgespartem Guthaben doch eigentlich eine Rendite erwarten kann, die nicht geringfügig ist? Dies führt zum nächsten Manipulationstrick in dieser simplen Frage: Sparen ist eine Tätigkeit, die individuelle Beteiligung suggeriert. Wer spart erhält Zinsen. Wem fällt in diesem Zusammenhang wohl ein, dass er als Beitragszahler zwar etwas von einer geringfügigen Beitragssenkung, aber nichts von einer nicht näher klassifizierten (um seine Phantasie nicht zu hemmen) „Aufsparung“ hat. Wundern sie sich nicht über das „Auf“ anstelle des „An“ vor dem Sparen? Aufsparen klingt nach, viel Geld, hohe Zinsen, Ansparen klingt nach wenig Zinsen und lange Wartezeit, abermals eine geschickte Suggestion, um die richtige Antwort sicherzustellen.

Man kann also feststellen, dass dann, wenn es darum geht, Volkes Meinung für sich zu reklamieren, keine Suggestion, kein Trick gescheut wird, denn: die eigene Position wird durch die repräsentative Mehrheit des Volkes geadelt.

Abschließend noch ein bischen Methodologie der empirischen Sozialforschung:
In Umfrageforschung unterscheidet man zwischen standardisierten, halbstandardisierten und offenen Befragungsformen. Der Unterschied besteht im Wesentlichen in der Strickheit der Vorgaben. In standardisierten Umfragen werden den Befragten Antwortalternativen vorgegeben (sogenannte standardisierte Fragen gestellt) in offenen Befragungsformen gibt es zuweilen nicht einmal konkrete Fragen, aber zumeist gibt es einen Leitfaden von Fragen, die dem Befragten gestellt werden und auf die er ohne Antwortvorgaben antworten soll. Die forsa Befragung ist eine standardisierte Befragung, in der Fragen und Antworten vorgegeben wurden.

Die Frage, ob es möglich ist, auf der Grundlage von 1000 Befragten repräsentative Aussagen über die Gesamtheit der Bevölkerung herzustellen, ist unter Forschern umstritten. Ich gehöre zu der Fraktion, die sagt, es sei nicht möglich, auf Grundlage von 1000 Befragten oder auch auf Grundlage von 10000 Befragten repräsentative Aussagen für die Gesamtheit der Bevölkerung zu machen. Dies liegt u.a. an einem inhärenten Problem der Repräsentativität. Das Axiom der Repräsentativität sagt, dass zufällig ausgewählte Befragte für eine Grundgesamtheit repräsentativ sind. Das Axiom basiert auf dem Gesetz der großen Zahl, wonach z.B. mit der Anzahl der Würfe eines Würfels sich die Verteilung von 1, 2, 3, 4, 5 und 6 der statistischen Wahrscheinlichkeit für z.B. eine 1 von 1/6 annähert. Die Frage, wann eine Umfrage für 81 Millionen Deutsche repräsentativ ist, ist somit eine Frage der Menge und man kann feststellen, dass 1000 Befragte mit Sicherheit zu wenige sind, um mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Repräsentativität herzustellen. Deshalb behilft man sich mit demographischen Variablen. Der Anteil von Männern und Frauen, von 15 bis 21jährigen und 65 bis 75jährigen, sowie Bewohner von Städten und Dörfern mit weniger als 1000 Einwohnern ist bekannt. Der Anteil der auf die entsprechenden Kategorien in einer Befragung entfällt, kann errechnet werden. Die Abweichung zwischen beiden, der tatsächlichen Verteilung und der Verteilung in der Befragung, die sich z.B. im Hinblick auf den Anteil der 15 bis 21jährigen ergeben hat, wird dann durch „Gewichtung“ ausgeglichen. Das bedeutet schlicht, wenn ich in der Gesamtbevölkerung 10,4% 15 bis 21jährige, in meiner Befragung aber nur 5,2% habe, dass die entsprechenden Befragten mit dem Faktor 2 multipliziert werden. Das sehen manche als Garant für Repräsentativität an, ich halte es für Erbsenzählerrei, und falls Sie schon einmal befragt wurden, z.B. von forsa und sich gewundert haben, warum Sie Ihr Alter und die Größe Ihres Wohnorts angeben sollten, jetzt wissen Sie es.

I’m proud to be a Union Man, die D-Rangers spielen Neil Young: