Muslimische Unterschichtung der Gesellschaft: Ein Spiel mit dem Feuer

Migration hat in manchen Ländern eine Unterschichtung der vorhandenen Sozialstruktur zur Folge. Die Gastarbeiter, die nach Deutschland kamen, um in den meisten Fällen ungelernte Arbeit zu verrichten oder nach einer kurzen Anlernphase, die entsprechende Arbeit zu tun, sind ein Beispiel dafür. Sie haben die vorhandene Sozialstruktur unterschichtet, eine neue, eigene Schicht geschaffen. Weitgehend ungelernte Arbeiter in beengten Wohnverhältnissen ohne Vermögen und mit Tätigkeiten, bei denen keine Frauenbeauftragte auch nur im Traum darauf gekommen wäre, eine Gleichstellung für ihre Klientel zu fordern.

MIgrantenfamilienEine derartige Unterschichtung, so die Ansicht von Migrationsforschern wie Milton M. Gordon oder John W. Berry, wird für die meisten Migrantengruppen über kurz oder lang ein Ende finden. Sie werden sich in die autochthone Gesellschaft akkulturieren oder assimilieren oder integrieren, in jedem Fall werden sie im Hinblick auf Beruf, Verdienst, Schulbildung usw. kaum oder gar nicht mehr von den Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft zu unterscheiden sein.

Gordon ist ein US-amerikanischer Forscher, Berry ist Kanadier. Das mag erklären, warum beide den deutschen Sonderfall nicht berücksichtigen. Denn: Wenn in Deutschland etwas stabil ist, dann die Sozialstruktur. Vertikaler Aufstieg findet so gut wie nicht statt. Das deutsche Schulsystem ist ein segregierendes Schulsystem: Kinder aus Arbeiterfamilien haben weit geringere Chancen, einen Bildungsaufstieg zu erreichen als Kinder aus den Familien der Mittelschicht. Dafür sorgen nicht zuletzt die Lehrer aus der Mittelschicht.

Die Prozesse, die dazu führen, dass die deutsche Sozialstruktur in Stein gemeißelt ist, sind vielschichtig, die Schließung schulischer Karrierewege für Kinder aus dem, was man heute bildungsferne Schichten nennt, ist ein solcher Prozess, einer der Prozesse, die dafür sorgen, dass auch Kinder aus Migrantenfamilien geringere Bildungschancen haben als deutsche Kinder. Dr. habil. Heike Diefenbach hat die Erklärungen für dieses Phänomen in einem Buch, das als Standard der Migrationssoziologie gilt, zusammengestellt.

Und so kommt es, dass das PEW Research Center ein Ergebnis einer eigenen Analyse auf Basis von Daten aus dem Jahre 2010 veröffentlicht, das man nur als erschreckend bezeichnen kann. Die PEWler haben untersucht, wie groß die Distanz in Schuljahren zwischen unterschiedlichen Gruppen der Bevölkerung ab 25 Jahren ist, u.a. für die Gegenüberstellung der Gruppe der Muslime und der nicht-muslimischen Bevölkerung. Das Ergebnis für Europa ist in der folgenden Abbildung dargestellt und zeigt: Nirgends ist der Unterschied zwischen der muslimischen und der nicht-muslimischen Bevölkerung gemessen in Bildungsjahren so groß, wie in Deutschland. Muslime haben im Durchschnitt 4.2 Schuljahre an Bildung weniger als Nicht-Muslime. (9,5 im Vergleich zu 13,7) Ein eindrucksvoller Beleg für eine im Bereich „Bildung“ nicht gelungene Integration von Muslimen und ein ebensolcher für die Persistenz der Sozialstruktur, für deren Unterschichtung durch Muslime.

PEW Muslime Bildung

Eine derart starre Sozialstruktur ist nicht überlebensfähig. Sie wird über kurz oder lang zu Konflikten führen, wie Robert K. Merton schon in den 1960er Jahren gezeigt hat, ganz einfach deshalb, weil Ziele, deren Erreichung als gesellschaftlicher Standard angesehen werden, für viele nicht erreichbar sind, weil ihnen dazu u.a. die finanziellen Mittel fehlen. Der Konflikt zwischen Zielen und nicht vorhandenen Mitteln, diese Ziele zu erreichen, führt bei Merton u.a. zu kriminellem Verhalten oder in die Revolution.

Seit 2010 sind mehr als eine Million Personen muslimischen Glaubens nach Deutschland geflüchtet von denen zwischenzeitlich bekannt ist, dass ihr Bildungsniveau deutlich unter dem der autochthonen Bevölkerung liegt.

Was bedeutet es, eine starre und ohnehin schon von Muslimen unterschichtete Gesellschaft weiter mit Muslimen zu unterschichten, so dass der Unterschied, gemessen in Bildung, zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen noch größer, die Divergenz zwischen gesellschaftlichen Zielen und vorhandenen Mitteln noch größer wird?. Um es mit Merton zu sagen: Es ist ein Rezept dafür, Kriminalität zu erhöhen, Unruhe zu schaffen und eine Gesellschaft in Tumulte zu stürzen.


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Fehlschluss, dein Name ist LINKE – Zum Zusammenhang zwischen Selbstüberschätzung und Paternalisierung

Aus irgendwelchen Gründen glauben die bei der LINKE im Bundestag versammelten Abgeordneten, sie seien dazu qualifiziert, sich zu Beschützern sozial Schwacher aufzuschwingen. Dieser Irrtum ist auf eine Mischung aus Virtue Signalling und Selbstüberschätzung zurückzuführen. LINKE scheinen der Ansicht zu sein, wenn sie sich zu Beschützern der Interessen derer erklären, die sie unter sich ansiedeln und als „sozial Schwache“ vor „sozialer Härte“ bewahren wollen, dann mache sie das zu besonders guten Menschen. Und sie scheinen zudem der Ansicht zu sein, sie seien dazu qualifiziert, sich der „unterprivilegierten Schichten“ anzunehmen bzw. der Interessen, die sie als Überprivilegierte den „unterprivilegierten Schichten“ unterstellen. Unterprivilegierte Schichten, sozial Schwache, Personen, die von sozialer Härte betroffen sind, das sind übrigens Personen, die keine „hohe Bildungsherkunft“ haben – jedenfalls für die LINKE im Bundestag sind sie das.

Und niemand ist weniger qualifiziert als die LINKE im Bundestag, um die Interessen derer, die sie auf Grundlage eines Fehlschlusses sozial unter sich ansiedeln zu vertreten. Das belegt ein Antrag, mit dem die LINKE den Numerus Clausus überflüssig machen will, also die Zulassungsbeschränkung, mit der Hochschulen versuchen, dem Heer der Studierwilligen Herr zu werden und gleichzeitig die formal am besten Qualifizierten zum Studium zuzulassen. Dass der Numerus Clausus sich dabei zu einer Art Lotteriespiel für Studierwillige entwickelt hat, ist eine Entwicklung, die an der LINKEN komplett vorbei gegangen ist. Die dort versammelten Köpfe, die wohl nicht zu den „besten Köpfen“ gehören, die die Grünen per Quote an Hochschulen bringen wollen, sind der Ansicht, der Numerus Clausus wirke sich sozial selegierend aus und führe dazu, dass Kinder „hoher Bildungsherkunft“ z.B. im Fach Humanmedizin überrepräsentiert seien. Die Passage des LINKE-Antrags, die diesen Unsinn verewigt, sie lautet wie folgt:

“Und noch immer wird auf das Instrument des Numerus Clausus (NC) zurückgegriffen, um den Zugang zu stark nachgefragten Studiengängen zu regulieren. Dass der NC sich sozial sehr selektiv auswirkt, lässt sich am Beispiel der Medizin zeigen. Für kein anderes Studienfach ist der NC flächendeckend so hoch und in keinem anderen Studienfach sind Studierende mit hoher Bildungsherkunft so stark überrepräsentiert (DSW: 20. Sozialerhebung). Das starke Interesse am Medizinstudium ist nicht zuletzt mit den hohen zu erwartenden Einkommen der Absolventinnen und Absolventen zu erklären.“

Mit dem selben Recht, mit dem die LINKEN hier behaupten, der Numerus Clausus wirke sich sozial selegierend aus und sorge dafür, dass vor allem Kinder „hoher Bildungsherkunft“ Medizin studierten, kann man auch behaupten, dass sich die Ziehung der Lottozahlen am Samstagabend sozial selegierend auswirkt, dahingehend nämlich, dass vor allem Gewinner aus der Unterschicht gezogen werden.

Wie groß das Rad ist, das am LINKEN Fahrwerk fehlt, ab ist, so zu sagen, wird deutlich, wenn man sich fragt, wie die Verbindung zwischen sozialer Selektion, Numerus Clausus und Medizin funktionieren soll, wie und mit welchen Dingen es also zugehen muss, dass eine auf den Notenschnitt von 1,5 gesetzte Zugangsbeschränkung sich vornehmlich auf Studienwillige nicht „hoher Bildungsherkunft“ auswirkt. Lassen wir die Losverfahren, die den Numerus Clausus ergänzen, außer Acht, dann bleibt nur die Annahme, dass Schüler, die bereits in Schulen eine Studierwilligkeit für Humanmedizin zu erkennen geben, dann, wenn sie eine hohe Bildungsherkunft nachweisen können, besser benotet werden als Schüler, die zwar Humanmedizin studieren wollen, aber keine hohe Bildungsherkunft aufzuweisen haben. Eine ziemlich wilde Annahme, um nicht zu sagen, eine irre Annahme.

SW Sozialerhebung Bildungsherkunft

< 100 unterrepräsentiert; > 100 überrepräsentiert

Außerdem: „Das starke Interesse am Medizinstudium ist nicht zuletzt mit den hohen zu erwartenden Einkommen der Absolventinnen und Absolventen zu erklären“. In welchem Tal der Ahnungslosen leben denn die LINKEN? Hohe Einkommen verdient man derzeit im MINT-Bereich, nicht als Assistenzarzt …

Wie dem auch sei, dass die Behauptung der LINKEN, nach der der Numerus Clausus die Studierwilligen ohne „hohe Bildungsherkunft“ aussortiere und die mit „hoher Bildungsherkunft“ durchlasse, vollkommener Unsinn ist, zeigt sich auch am Fach „Betriebswirtschaftslehre“. Auch in Betriebswirtschaftslehre gibt es mittlerweile einen flächendeckenden NC und trotzdem oder gerade deshalb sind Studierwillige ohne „hohe Bildungsherkunft“ überrepräsentiert. Diese Beobachtung führt uns zu einer Variable, die den LINKEN, die noch das Bild der 1950er Jahre verinnerlicht haben, als der Herr Doktor und der Herr Geheimrat noch die gut bezahlten Dorfhonoratioren waren, überhaupt nicht vorstellbar ist: Es mag sein, dass Studierwillige ohne „hohe Bildungsherkunft“ nicht in dem Maße ein Interesse daran haben, Humanmedizin zu studieren, wie dies z.B. Studierwillige mit „hoher Bildungsherkunft“ haben, darunter viele, die aus einem Arzthaushalt kommen. Transmission nennt man das: Papa war Arzt, Sohn wird Arzt. Das Phänomen ist unter Soziologen weithin bekannt und hat viel mit der Angst sozialen Abstiegs zu tun. Aber das weiß man nur, wenn man keine hohe Bildungsherkunft mit Wissen kombiniert, etwas, was offenbar unter den LINKEN im Bundestag eher selten ist.

Übrigens kommen an Universitäten sowieso nur 7% der Studenten aus einem Haushalt, den man bei der LINKE wohl als „niedrige Bildungsherkunft“ ansehen würde.

Bildungsforschung: Bremer Schüler sind drei Jahre zurück

Manche Pressemeldungen muss man zwischen den Zeilen lesen. Z.B. die lange Pressemeldung, die mit „Bessere Chancen für Schüler, aber Unterschiede zwischen Bundesländern wachsen“ überschrieben ist. In dieser Pressemeldung findet sich der folgende Satz von Nils Berkemeyer von der FSU Jena:

„Nicht hinzunehmen ist, dass beim Kompetenzerwerb in der neunten Klasse ein Unterschied von mehr als drei Lernjahren zwischen Sachsen und Bremen besteht.”

Weiter: Ein öffentliches Schulsystem müsse für vergleichbare Chancen sorgen und ein Mindestmaß an Fähigkeiten vermitteln, im Interesse der Jugendlichen und der Gesellschaft.

Die Apokryphe von Berkemeyer, dem es trotz markiger Formulierung offensichtlich nicht darum geht, zu sagen, was ist, kann man wie folgt entziffern:

chancenspiegelBerkemeyer ist über das Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Jena an der Erstellung des Chancen-Spiegels beteiligt, den die Bertelsmann-Stiftung jährlich herausgibt. Ebenso beteiligt ist Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund. Sie sammeln Daten über die Schulsysteme, die die jeweiligen Kultusminister der Länder als eine Form „Bildungsprotektorat“ gegeneinander abschotten, und bewerten die Daten.

Gesammelt wurden z.B. Daten zum Leistungsstand der Schüler der neunten Klassen in den Bundesländern, und zwar für ihre Lesefähigkeit und ihr Leseverständnis und im Hinblick auf ihre Fähigkeiten im Fach Mathematik.

Dabei ist herausgekommen, dass ein durchschnittlicher Schüler der neunten Klasse in Bremen in seiner Lesefähigkeit, seinem Leseverständnis und in seinen Fähigkeiten und seinem Wissen im Fach Mathematik mehr als drei Schuljahre hinter einem durchschnittlichen Schüler aus Sachsen hinterher hinkt. Mit anderen Worten, würde ein Schüler der 9. Klasse aus Bremen nach Sachsen wechseln, dann würde er in Sachsen auf Grundlage seiner Kompetenzen in die 6. Klasse eingeschult.

Aber, wie gesagt, Kultusminister verwalten ihr Bildungsprotektora,t und deshalb erhält ein Schüler in Bremen trotz erheblich geringeren Wissens und trotz weit geringerer Fähigkeiten den gleichen Abschluss, den auch ein Schüler in Sachsen erhält. Dass sich hinter dem gleichen Abschluss riesige Unterschiede in Kompetenz und Fähigkeit verbergen, wäre entsprechend das, was unter Kultusministern als „Bildungsgerechtigkeit“ gehandelt wird. Gerecht ist anscheinend, dass ein schlechterer Schüler aus Bremen z.B. denselben Abschluss erhält, wie ein besserer Schüler aus Sachsen. Gerecht ist, dass in Bremen Schüler mit einem Abitur ausgestattet werden, die in Sachsen Mühe hätten, die Mittlere Reife zu erreichen.

Bildungsferne, Bildungsnahe und Bildungseingebildete

Seit Jahren geistert der Begriff “bildungsfern” durch die Lande und Teile der Bildungsforschung. Bildungsferne, so besagt der Begriff, das sind Menschen, die der Bildung fern geblieben sind, und wenn Menschen der Bildung fern geblieben sind, dann sind sie ihr nicht nur fern, dann sind sie ohne Bildung geblieben, ungebildet, dumm, Idioten halt, kurz: Der Begriff “bildungsfern” ist die Standardvariante, mit der Personen, die sich für Bildungsforscher halten, Politiker oder andere Überhebliche, Dritte beleidigen wollen, sie als geistig minderwertig hinstellen wollen.

So heißt es in Wikipedia, die wir immer wieder gerne zitieren, wenn wir Beispiele für Halbwissen suchen:

BpB bildungsfern1“Bildungsferne in diesem Sinne bedeutet, dass die betreffende Person über keinen oder nur einen niederen Schulabschluss verfügt und folglich auch keine Kenntnis des Lehrstoffs besitzt, der an Hochschulen unterrichtet wird, in der Konsequenz also weder in der Lage ist, ihren Kindern das für das „höhere“ Bildungssystem nötige Wissen zu vermitteln, noch die dort herrschenden Möglichkeiten und Praktiken.”

Man fragt sich, wozu es überhaupt einer Schule oder einer Hochschule bedarf, wenn nicht-bildungsferne, also bildungsnahe Personen, schon den Lehrstoff kennen, der an Hochschulen unterrichtet wird und ihren Kindern das “nötige Wissen” vermitteln können?

Ist man bildungsfern, wenn man keinen Hochschulabschluss besitzt?“, so fragte schon im Jahre 2008 ein Blogger im Leserblog der Zeit. Nun, dem Blogger kann geantwortet werden, denn seit heute ist ganz klar, wer bildungsfern ist, DIW-klar:

“Für Kinder aus bildungsferneren Familien – das sind Familien, in denen weder Vater noch Mutter Abitur haben – verringert eine Trennung der Eltern die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Gymnasium besuchen, um fast 15 Prozentpunkte.”

Also Ihr alle, die ihr einen Realschulabschluss, eine Meisterprüfung nach Hauptschulabschluss oder eine nur minderwertige Fachhochschulreife habt: Ihr seid bildungsfern! Ihr könnt Euren Kindern keine Bildung vermitteln, und wenn Ihr Euch scheiden lasst, dann könnt Ihr Euren Kindern noch weniger Bildung vermitteln als Ihr es sowieso schon nicht könnt.

Das ist jetzt wissenschaftlich, sozialwissenschaftlich, mit SOEP-Daten und somit “repräsentativ” belegt, wenn nicht bewiesen. So wie bewiesen ist, dass im DIW die Gralshüter einer in monolithischer Struktur vorhandenen Wahrheit sitzen, die doch tatsächlich der Meinung sind, ein formaler Bildungsabschluss gebe Auskunft über ausgerechnet Bildung.

Haben die Herrschaften, die alle ein Abitur und einen Hochschulabschluss erreicht haben, die sich deshalb einbilden dürfen, sie seien bildungsnah, keinen Spiegel zuhause, wollen sie nicht von der heimischen Couch aus Millionär werden und scheitern regelmäßig an den wenigen naturwissenschaftlichen Fragen?

BpB bildungsfern2In jedem Fall haben sie keinerlei Konzept von Bildung als dynamischem und damit veränderlichem Konzept und das im angeblichen Zeitalter des lebenslangen Lernens (der anderen offensichtlich). Vielmehr haften Sie dem Irrglauben, der von entsprechender Bildung unberührten Mythologie an, ein Bildungsabschluss, einmal erworben, sei für alle Ewigkeit ein Ausweis von Bildung. Bildung ende mit dem Abitur. Wer ein Abitur erreicht, der ist gebildet, der Bildung nahe, wer nicht, ist dumm, der Bildung fern.

Kann man so wenig über Bildung wissen? So wenig darüber, dass man täglich Neues erfährt, täglich dazu lernt, täglich Informationen verarbeitet und seine Überzeugungen modifiziert.

Man kann.

Dann nämlich, wenn man sich einbildet, gebildet zu sein, sich einbildet, weil man ein Abitur zertifiziert hat, sei man nicht bildungsfern, sondern wissend, kenntnisreich und deshalb brauche man nicht mehr zu lernen, nicht mehr Neues zu verarbeiten und vor allem keine Überzeugungen zu modifizieren, denn man weiß ja schon alles, man ist bildungsnah – jedenfalls bildet man sich ein, bildungsnah zu sein, man ist eben bildungseingebildet.

100% Studenten?

Es ist an der Zeit, dem OECD-Irrsinn, dessen Ziel darin besteht, die Quote derer, die studieren, zu erhöhen, ein Ende zu setzen.

OECDAusgangspunkt für diesen Irrsinn ist die Beobachtung von u.a. Theodore Schultz aus den 1960er Jahren, dass im Aggregat betrachtet, Bildungsniveau der Bevölkerung und Wirtschaftswachstum einander bedingen: Je formal gebildeter eine Bevölkerung ist, desto mehr Wachstum gibt es.

Daraus hat man bei der OECD geschlossen, dass die Wirtschaft wächst, wenn man das Bildungsniveau der Bevölkerung erhöht, ein Schluss, der, wenn er richtig wäre, zur Konsequenz hätte, dass das höchste Wirtschaftswachstum dann erreicht wäre, wenn 100% der Bevölkerung eine Hochschule absolviert haben.

Offensichtlich ist diese Prämisse kompletter Unsinn, so dass man sich fragt, wo der Hype mit der formalen Bildung herkommt.

Dazu muss man zunächst einmal feststellen, dass formale Bildung nicht unbedingt Bildung bedeutet. Es mag eine Korrelation zwischen formaler Bildung und Bildung geben, aber ein Abitur sagt nichts über die Bildung dessen, der es hat, aus. Ein Abitur gibt bestenfalls eine erhöhte Wahrscheinlichkeit dafür an, dass ein Träger des Abiturs mehr Wissen hat als ein Hauptschulabsolvent, ein Schluss, der sich schnell als falsch erweisen kann, wenn – wie in der PISA-E Studie, die Leistungen von Abiturienten aus Bremen hinter denen von Hauptschülern aus Bayern zurückbleiben.

Wenn formale Bildung keine Synonym für Bildung als solche ist, was ist sie dann?

Wir schlagen vor, formale Bildung als Maß der Anpassungsbereitschaft an institutionelle Vorgaben anzusehen mit der Konsequenz, dass der Anteil der Angepassten unter den formal Höhergebildeten größer sein muss als unter den formal Niedriggebildeten.

Diese Definition hat zudem zur Konsequenz, dass formale Bildung nicht per se der Olymp dessen ist, was Menschen erreichbar ist. Und die Definition macht den Weg frei, um die soziale Konstruktion dessen, was formale Bildung ist und was angeblich mit Bildung übereinstimmt, deutlich zu machen.

Ein Professor für Kunstgeschichte mag es unglaublich finden, wenn einer seiner Studenten nicht weiß, wer den Holzsockel von Rodin’s Denker geschnitzt hat.

Ein Professor der Gender Studies mag mit dem Kopf schütteln, wenn die Mehrheit der Menschen seine Einsicht nicht teilt, dass es 100e von Geschlechtern gibt.

Aber: Ein Arbeiter wird mit dem Kopf schütteln, wenn er den “Studierten” dabei beobachtet, wie er völlig unbeholfen versucht, einen Randstein zu setzen oder eine Wand zu streichen.

Und ein Elektriker wird Lachkrämpfe entwickeln, wenn er den Professor der Kulturwissenschaften, der sich damit gebrüstet hat, keine Glühbirne in die Fassung zu drehen, bei eben diesem komplizierten Unterfangen beobachtet (der entsprechende Kulturwissenschaftler ist zwei Redaktionsmitgliedern von ScienceFiles namentlich bekannt).

Kurz: Wissen ist relativ und wird erst dann zu relevantem Wissen, wenn es einer nützlichen Verwendung zugeführt werden kann.

Dies ist der Grund dafür, warum formale Bildung von manchen so überstilisiert, so hochgejubelt wird, denn sie haben nur ihre formale Bildung, den (Hochschul-)Abschluss oder Titel, der ihnen für Wohlgefälligkeit verliehen wurde, der formale Bildungstitel, der ihnen oft genug den Zugang in die Welt des Geschwätzes und der öffentlichen Verwaltung ebnet.

Anders formuliert: Eine Reihe von Inhabern formaler Bildungstitel bleibt, wenn es um die Nützlichkeit des Wissens, das die entsprechenden Inhaber haben, geht, deutlich hinter dem Wissen von Müllfahrern, Maurern, Kanalarbeitern, Tischlern und anderen zurück, die die entsprechenden Inhaber dann regelmäßig als bildungsfern diskreditieren.

Und, nicht zu vergessen, um die sie sich sorgen, weil ihre Kinder in vermeintlich zu geringem Anteil an Hochschulen ankommen. Warum nur, ist das so, so fragen sie sich in aller Heuchelei, denn natürlich sind sie nicht bereit, die steuerzahlerfinanzierten Stellen, die sie sich geschaffen haben, zu teilen.

Überhaupt stellt sich die Hochschullandschaft vor allem in den Sozialwissenschaften mehr und mehr wie ein Wurmfortsatz der Verwaltung dar. Wir haben gestern über ein Forschungsprojekt berichtet, das mit 532.167,60 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, also aus Steuergeldern gefördert wird, und dessen einziger Zweck darin besteht, Fördertöpfe zu indentifizieren und eine Art “best practice des Gefördertwerdens” zu entwickeln. Wohlgemerkt es geht darum, gefördert zu werden, nicht darum, für eine sinnvolle Idee gefördert zu werden.

Hochschulen werden daher immer mehr zum Ort, über den der Zugang in die öffentliche Verwaltung stattfindet und hier in Positionen, deren Nutzen erst noch zu zeigen wäre. Konsequenterweise entstehen an Hochschulen Fächer, deren Nutzen einzig darin besteht, Personal für den öffentlichen Bereich zu rekrutieren und mit Abschlüssen und Titeln auszustatten, Personal, das dann seinerseits Tätigkeiten ausführt, deren Effekt auf das Bruttosozialprodukt im besten Fall nicht vorhanden, im schlechtesten Fall negativ ist. Personal, das in seiner gesellschaftlichen Nützlichkeit weit hinter der eines Müllfahrers und eines Maurers zurückbleibt. Aber: Personal, das auf die angeblich Bildungsfernen herabblicken zu können glaubt, so sehr, dass manche es sich zur Aufgabe machen, den armen Bildungsfernen helfend unter die Arme greifen zu wollen, damit z.B. der Anteil der Studenten aus der Arbeiterschicht größer wird.

Aber vielleicht entspricht die Anzahl der Kinder aus Arbeiterfamilien, die an Universitäten studieren, ja den Präferenzen in der Arbeiterschicht. Vielleicht ist es der Anteil der Kinder aus der Mittelschicht, der verändert werden muss, der reduziert werden muss, weil viele studieren, die nicht die Fähigkeit zum Studieren mitbringen und die dies in Fächern tun, die keinerlei Nutzen für die Steuerzahler mit sich bringen.

Und ist es nicht moralisch verwerflich, etwas Sinnloses wie Gender Studies zu studieren und sich dieses Studium von denen, die man als bildungsfern diskreditiert und die seit ihrem 16. Lebensjahr Steuern zahlen, finanzieren zu lassen?

does education matterDas bringt uns zurück zum OECD Irrsinn. Es mag in den 1960er Jahren und in den Entwicklungsländern, die Theodore Schultz untersucht hat, so gewesen sein, dass mit einem zunehmenden Bildungsniveau das Wachstum gestiegen ist. Es ist für moderne Industrienationen nicht der Fall. Das zeigt Alison Wolf in ihrem Buch “Does Education Matter”. In Industrienationen sind diejenigen mit hoher Bildung nicht vornehmlich diejenigen, die zum Bruttosozialprodukt beitragen. Ökonomisches Wachstum wird getragen von all den Arbeitern, den Selbständigen im Mittelstand, denen, die täglich Produktives tun, und zwar ganz ohne Abitur oder Hochschulstudium.

Dagegen werden die Studierten zunehmend zur Last für eine Gesellschaft, zu Nutznießern der Produktivkraft von Arbeitern und Handwerkern, die den Überschuss erwirtschaften, den Hochschullehrer wie das Profx dann durch angebliches Denken verbrauchen.

Insofern ist es Zeit, die Geschichte vom Kopf auf die Füße zu stellen und die Frage danach, was die vielen angeblich Bildungsnahen, die sich an Hochschulen herumdrücken, denjenigen, die sie finanzieren, für einen Nutzen bringen.

Das ist eine Frage, die die Mehrzahl derer in natur- und ingenieurswissenschaftlichen Fächern nicht fürchten wird. Anders sieht es in Teilen der Sozialwissenschaften aus, wo die Normalität, sich von Arbeitern durchfüttern zu lassen, auf keinerlei empfundene moralische Verpflichtung trifft, etwas anderes als Worte, deren Bezug zur Realität ungeklärt ist, zurückzugeben.

©ScienceFiles, 2015

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