Der andere Wahl-o-Mat: Behauptung und Wirklichkeit der Parteiendarstellung

Jeder kann auf Grundlage des Wahl-o-Mats, den die Bundeszentrale für politische Bildung bereitstellt, herausfinden, welche Partei in ihren Wahlaussagen am besten zu seinen eigenen Präferenzen passt. Bei uns ist das z.B. die Partei der Vernunft.

Wenig verwunderlich.

Mit Wahlaussagen verbindet sich jedoch dasselbe Problem, das sich mit anderen Werbeslogans verbindet. In wie weit man das, wofür man das Produkt „CDU“ wählt, nach der Wahl auch bekommt, ob die Qualität des Produkts „CDU“, die Grundlage der Kaufentscheidung für die CDU war, auch dem entspricht, was das Produkt „CDU“ nach der Wahl liefert, ist eine offene Frage und eine sehr bedeutende Frage, denn die Kaufentscheidung in der Wahlkabine kann man nicht rückgängig machen, gewählte Parteien, weil sie sich nach der Wahl als etwas entpuppen, das man, hätte man es vor der Wahl gewusst, nicht gewählt hätte, kann man nicht zurückgeben oder umtauschen, ja man hat nicht einmal Ansprüche auf Schadensersatz, wenn das Produkt „CDU“ oder das Produkt „SPD“ oder welches gewählte Parteiprodukt auch immer, sich im eigenen Leben durch Nachteile und Schäden im mehrstelligem Eurobereich niederschlägt.

Deshalb sollte man die Wahlentscheidung nie dem überlassen, was Parteien vor Wahlen behaupten, dass es wichtige Themen für sie seien, sondern dem, was für Parteien tatsächlich wichtige Themen sind. Wir haben uns die Webseiten der sieben Parteien, die den derzeitigen Bundestag bevölkern bzw. den nächsten bevölkern werden, vorgenommen und die dort gespeicherten Dateien Themenbereichen zugeordnet. Auf Grundlage dieser Analyse kann man ein klares Bild darüber gewinnen, welche Themen den entsprechenden Parteien wichtig sind, wichtiger als andere, welche gar keine Rolle spielen und entsprechend in Wahlprogrammen nur als Lippenbekenntnisse zu lesen sind.

Die folgenden Analysen basieren auf 106.120 Files, die auf den sechs Homepages zu finden sind. Für diese 106.120 Files haben wir untersucht, welche Themen sie behandeln und eine für jede Partei getrennte Rangreihe der 10 wichtigsten Themen berechnet. Der folgenden Tabelle kann also entnommen werden, welche Themen für die jeweiligen Parteien besonders wichtig sind. Hinter jedem Thema steht in Klammern eine Zahl, die die relative Bedeutung dieses Themas für die jeweilige Partei angibt. Die Analyse ist deskriptiv. Entsprechend muss bei der Interpretation berücksichtigt werden, dass z.B. mit dem Thema „Kapitalismus“ bei der FDP andere Aussagen verbunden sind als bei den Grünen. Man muss also die ideologische Ausrichtung in Rechnung stellen.

Hier also die Top Ten der Themen:

Wer hätte gedacht, dass die CSU sich als die Partei entpuppt, bei der dem Thema „Frauen“ die meiste Bedeutung zugemessen wird? Oder Bündnis90/Grüne als Partei, die Freiheit intensiv thematisiert. Man muss bei den Ergebnissen natürlich in Rechnung stellen, dass die Analyse deskriptiv ist. Dass die CSU das Thema „Frauen“ (hoffentlich) unter anderen Vorzeichen diskutiert als es z.B. die Grünen tun und dass die Grünen, wenn sie Freiheit thematisieren, anderes im Schilde führen als die FDP muss daher im Hinterkopf behalten werden.

Wenn man der Ansicht ist, dass Flüchtlinge und deren Integration zu den Themen gehören, die die größten Herausforderungen für die nächsten Jahren darstellen, dann ist es verblüffend, dass das Thema „Flüchtlinge“ überhaupt nur von vier der sieben Parteien (AfD, CSU, FDP und Bündnis90/Grüne) thematisiert wird. Alle anderen Parteien meiden das Thema oder sind wohl der Ansicht, die Angelegenheit könne ausgesessen werden oder erledige sich von selbst.

Gemessen an der Anzahl der Nennungen ist “Wirtschaft“ das wichtigste Thema der AfD und der LINKE. Es folgen Flüchtlinge und Freiheit bei der AfD als zweit- und drittwichtigste Themen und Kapitalismus und Arbeitslosigkeit bei der LINKE. Interessant an der Darstellung ist neben der relativen Wichtigkeit der Themen auch deren unterschiedlichen Verbreitung. So kommt Arbeitslosigkeit unter den Top-10 der Parteien nur bei der CDU (9) und der LINKE (3) vor. Für die SPD zeigt sich die hohe Bedeutung, die dem Themenkomplex Gleichstellung/Gerechtigkeit/Frauen zugewiesen wird. Die Bedeutung von Bildung und Rente ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Freiheit rangiert für die FDP und die Grünen an erster Stelle, wobei das Thema „Freiheit“ bei den Grünen häufig thematisiert wird, um Eingriffe in dieselbe zu rechtfertigen, während bei der FDP Freiheit zumeist als universeller Wert thematisiert wird. Vergleicht man die Bedeutung einzelner Themen über deren relative Wichtigkeit, dann ergibt sich eine weitere Ebene der Interpretation. So steht Bildung in der Hierarchie der AfD an vierter Stelle, in der der CSU an dritter Stelle. Dennoch ist die relative Wichtigkeit für beide Parteien (12,4 : 12,5) ungefähr gleich. Für die LINKE zeigt sich, dass Rechtsextremismus zwar nur Platz 8 der Rangliste belegt, aber mit einem Faktor von 4,7 weit wichtiger für die LINKE ist als dies Frauen auf Rang 4 als Thema für Bündnis90/Grüne sind.

Jeder Leser kann anhand der Top-10 entscheiden welche Partei mit der Bedeutung, die sie einzelnen Themen tatsächlich zuweist, seiner Hierarchie der Themen am nächsten kommt. Dabei ist es auch interessant zu berücksichtigen, welche Themen für alle Parteien so gut wie keine Rolle spielen. So sind Erwerbstätigkeit und Altenpflege keine Themen, die die Parteien interessieren. Der relative Wichtigkeitsscore, den wir berechnet haben, variiert bei der Altenpflege von 0,0 bis 0,3, bei der Erwerbstätigkeit zwischen 0,0 und 1,1. Es gibt eben eindeutige Präferenzen bei den einzelnen Parteien. Ob diese Präferenzen mit den Präferenzen übereinstimmen, die er als Wähler hat, muss jeder selbst entscheiden.

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Wahlbeeinflussung? Seltsame Systematiken bei Wahlbefragungen

Noch eine Beschwörungsformel: Die Ergebnisse der Umfrage basieren auf einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung.

Diese Beschwörungsformel, sie steht in dieser oder einer ähnlichen Variante unter einer Vielzahl von Meinungsumfragen zu jedem beliebigen Thema. Die Beschwörungsformel ist wichtig, denn welcher Auftraggeber gibt schon Umfragen in Auftrag und bezahlt viel Geld dafür, wenn er hinterher nicht behaupten kann, das Ergebnis, das bei seiner Umfrage herausgekommen ist, sei repräsentativ und deshalb könne man Aussagen für z.B. alle Deutschen oder einen bestimmten Teil der Deutschen machen. Etwa so:

Die tollen Ergebnisse, sie ließen sich nicht mehr so gut und so vollmundig verkaufen, wenn man kleinere Brötchen backen müsste, wenn man sagen müsste, von unseren 1000 Befragten glauben 354 an eine Integration von Flüchtlingen. Deutsche glauben an Flüchtlingsintegration klingt einfach deutlich besser.

Mit einer solchen Meldung kann man Leser beeindrucken, versuchen, sie zu manipulieren, vielleicht glauben sie es ja, und man kann seinen Auftraggeber schröpfen, als Meinungsforschungsinstitut, ihn so richtig satt zur Kasse bitten, für die angeblich repräsentativen Ergebnisse.

Wenn da nur nicht immer diese dummen Wahlen wären, bei denen deutlich wird, dass Meinungsforschung alles andere als repräsentativ ist, dass Meinungsforschung im Gegenteil ein Mittel der Manipulation (je nachdem, wer bezahlt) sein kann und dass Meinungsforschung Ergebnisse produziert, die man mit jedem Würfel besser erreichen könnte.

Wir haben die Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt zum Anlass genommen, um den Vorhersagefehler und das Manipulationspotential von Meinungsumfragen zu berechnen. Dazu haben wir für die Forschungsgruppe Wahlen (FGW), YouGov, Forsa und INSA die jeweils letzte Vorwahlumfrage und das darin prognostizierte Endergebnis mit dem vorläufigen Endergebnis verglichen, um ein Maß für die Akkuratheit der Meinungsumfragen zu erhalten.

Ergebnis: Die Meinungsumfragen sind nicht akkurat. Tippen Sie in Zukunft und Sie haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, richtig zu liegen als Meinungsforschungsinstitute mit ihren angeblich repräsentativen Befragungen.

Landtagswahlen Vorhersagefehler

Die Abbildung zeigt, um wie viele Prozentpunkte die Vorhersagen der vier Meinungsforschungsinstitute daneben lagen. Die Abweichung in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz beträgt dabei (mit der Ausnahme er FGW in Rheinland-Pfalz) regelmäßig mehr als 10 Prozentpunkte, d.h. die Wahrscheinlichkeit, dass die angeblich repräsentative Umfrage ein korrektes Ergebnis ergibt, ist mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit belastet, die man in keiner statistischen Analyse dulden würde. Verheerend wird das Ergebnis in Sachsen-Anhalt. Hier liegen FGW, Forsa und INSA um 20 Prozentpunkte daneben. Wer würde ein Medikament nehmen, dessen Nebenwirkungen in 20% der Fälle eintreten?

Und doch gibt es Parteien, Verbände; Zeitungen und andere Medien, die Unsummen für Meinungsumfragen auf den Tisch legen.

Warum?

Weil Meinungsumfragen ein Manipulationspotential haben, das beträchtlich ist. Um dieses Manipulationspotential zu zeigen, haben wir ausgerechnet, wie sich die Vorhersagefehler die in der Abbildung dargestellt sind, prozentual auf die Parteien auswirken, die zu den Landtagswahlen angetreten sind.

Landtagswahlen.Manipulation

Die Tabelle gibt das prozentuale Ausmaß und die Richtung des Vorhersagefehlers an. Ein positiver Wert sagt aus, dass der Anteil der entsprechenden Partei überschätzt wurde, ein negativer Wert zeigt an, dass der Anteil der entsprechenden Partei unterschätzt wurde.

Die Ergebnisse der Tabelle kann man wie folgt zusammenfassen:

  • Die AfD wurde in allen Bundesländern erheblich schlechter prognostiziert als sie letztlich abgeschnitten hat. Der Anteil am Vorhersagefehler, der auf die AfD entfällt, beträgt zwischen 25,49% und 40,91%. Das ist erheblich und kann entweder dadurch erklärt werden, dass die Ergebnisse für die AfD von den vier Meinungsforschungsinstituten im Vorfeld heruntergewichtet wurden (Zum Hexenwerk der Gewichtung haben wir uns hier bereits geäußert) oder es bedeutet, dass die Meinungsforschungsinstitute viel zu wenige Befragte mit einer Wahlabsicht für die AfD in ihren Stichproben hatten, was wiederum heißt: Die Stichproben sind nicht zufällig, sondern systematisch gezogen und entsprechend systematisch verzerrt.
  • In Baden-Württemberg wurden die Grünen von allen Meinungsforschungsinstituten überschätzt, dabei fällt der Wert von INSA (31,37%) besonders auf und legt die Frage nahe, wie diese extreme Überschätzung des Wahlanteils, die dreimal so hoch ausfällt als bei anderen Meinungsforschungsinstituten zu erklären ist. Normal ist sie nicht. Es sei denn, man nimmt an, die Stichprobe von INSA sei erheblicher verzerrt als die anderer Meinungsforschungsinstitute.
  • In Rheinland-Pfalz ist das Abschneiden der CDU von allen Meinungsforschungsinstituten erheblich überschätzt worden. Der Einklang des Ausmaß’ der Überschätzung ist insbesondere erstaunlich, so dass man sich abermals fragt, ob hier alle Stichproben verzerrt waren oder ob es andere Gründe gibt, auf die man die Abweichungen zurückführen muss, z.B. Gefälligkeitsgewichtung?
  • In Sachsen-Anhalt gilt, was gerade für die CDU in Rheinland-Pfalz festgestellt wurde, für SPD und LINKE. Die Fragen, die sich stellen, sind dieselben.
  • Schließlich drängen sich die beiden hohen Wert bei FORSA und der SPD in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt in den Vordergrund. In beiden Fällen wird das Abschneiden der SPD so stark überschätzt (30,56% bzw. 30,77%), dass man sich fragt, ob hier die Parteimitgliedschaft von Forsa-Chef Güllner mit ihm durchgegangen ist.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Landtagswahlen zeigen, dass Meinungsforschungsinstitute im Dunkeln stochern, wenn es darum geht, Wahleergebnisse zu prognostizieren, sie entsprechend nicht über repräsentative Stichproben verfügen können, dafür aber ein erheblicher Spielraum für Manipulation vorhanden ist, der auch genutzt zu werden scheint.

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