Bestellte Gutachten?

Dass Jungen bei der schulischen Bildung Nachteile haben, dazu habe ich schon wiederholt Beiträge veröffentlich. Die Fakten, so denkt man, sprechen ja auch für sich. Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts (Abgangsjahr 2009), die ich unten in eine Abbildung übertragen habe, weil mache ja Balken lieber mögen als Zahlen, sprechen wiederum eine deutliche Sprache. Die 893560 Schüler, die im Jahr 2009 die Schule verlassen haben, das heißt ALLE Schüler die 2009 eine allgemeinbildende Schule verlassen haben, verteilen sich abermals, wenn man nach Geschlecht kontrolliert, zum Nachteil von Jungen. Jungen machen 61% derjenigen aus, die keinen Schulabschluss erreichen, stellten 57% derer mit Hauptschulabschluss, 49% derjenigen, die einen Realschulabschluss erreichen und 44% der Studienberechtigten, die mit der Hochschulreife die Schule verlassen. Diese Ergebnisse stellen eine Vollerhebung dar, d.h. man kann nichts daran herumdeuteln oder heruminterpretieren. DAS IST SO.

Aber es gibt in Deutschland welche, die wollen das einfach nicht wahrhaben, dass das so ist und versuchen entsprechend, die Realität umzudeuten. Eine so genannte Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums ist ein solcher Fall. Diese Stellungnahme ist in vielerlei Hinsicht ein Beispiel für die Verzweiflung, mit der sich manche gegen die Wirklichkeit anstemmen. Ich habe mir nur 10 Highlights aus diesem Bericht herausgegriffen, um an Ihnen die wissenschaftliche Unhaltbarkeit der aufgestellten Behauptungen zu belegen:

(1)
Es beginnt bereits im Titel: “Schlaue Mädchen – Dumme Jungen?” ist das Werk des Kuratoriums überschrieben. Das legt nahe, dass das, was nun kommt, eine Diskussion über die Intelligenz von Jungen und Mädchen kritisch aufgreifen will (kritisch wegen dem Fragezeichen). Aber es geht nicht darum, dass irgendjemand Ernstzunehmendes behauptet hat, Jungen seien dümmer als Mädchen, sondern darum, dass Jungen in erheblichem Ausmaß bei den allgemeinbildenden Schulabschlüssen hinter Mädchen zurückbleiben. Urteil: Damit bleibt das Kuratorium hinter dem eigenen Anspruch, ein Thema nicht verkürzt zu betrachten, zurück.

(2)
Das Werk des Kuratoriums beginnt mit einem Vorwort, das mit Adjektiven wie “einseitig”, “vermeintlich” “verkürzt” oder “undifferenziert” arbeitet, offensichtlich in dem Bemühen, alles was nun berichtet wird, gleich vorweg zu entwerten. Urteil: Wenn man indoktrinieren will, dann muss man das geschickter machen.

(3)
Das erste Kapitel beschreibt angeblich die Ausgangslage. Dazu wird angeblich eine Diskursanalyse durchgeführt, die sich jedoch auf das Lesen von Zeitungsartikeln beschränkt und darauf, niederzuschreiben, wie einem die Zeitungsartikel vorkommen. Ich bin kein Freund von qualitativen Methoden, aber selbst die Diskursanalyse hat zumindest einen Korpus methodischen Vorgehens, mit dem sich etliche Wissenschaftler abgemüht haben. Ncht jeder, der etwas liest, macht damit eine Diskursanalyse, nicht einmal, wenn er sich damit ausgezeichnet fühlt, Mitglied eines Kuratoriums zu sein. Ganz nebenbei wird abermals der Diskurs verkürzt, denn die Autoren des Kuratoriumwerks vergessen zu berichten, dass sich die von Ihnen gelesenen Zeitungsberichte auf einen tatsächlichen Mißstand beziehen: Jungen haben Nachteile bei den Schulabschlüssen, daran lässt sich nichts deuteln. Urteil: Die nicht vorhandene Kenntnis darüber, was eine Diskursanalyse ist, lässt nur das Urteil zu, dass Kapitel 1 auf Dilettantismus basiert.

(4)
Seite 7 enthält mein Lieblingsbonmot, dort wird beklagt, dass “die These der Feminisierung der Pädagogik vertreten [wird]. Abgestellt wird auf die Dominanz von weiblichen Professionellen im Elementar- und Primarbereich”. Von Professionellen hat nach meiner Kenntnis außer dem Kuratorium niemand geschrieben. Die These der Feminisierung der Schule basiert auf der Tatsache, dass mittlerweile und über alle Schularten hinweg, 70,1% der Lehrer (in Grundschulen noch viel mehr) weiblich sind. Mit Professionalität hat das erst einmal nichts zu tun. Urteil: Hier schreibt das Autorenkuratorium gegen ein Thema an, das bislang niemand bearbeitet hat.

(5)
Auf Seite 10 kommt das, was jedem Wissenschaftler, der sich einigermaßen mit Daten und deren Auswertung auskennt, die Sprache verschlägt. Es wird lapidar und ohne irgendeinen Bezug festgestellt, dass es fraglich sei, “ob die Befunde empirischer Forschung jene Eindeutigkeit der Bewertung von Daten zulassen, die der mediale Diskurs suggeriert”. Die Autoren haben offensichtlich keine Ahnung davon, was eine Vollerhebung ist und dass die Zahlen des Statistischen Bundesamts, die den Anteil ALLER Schulabsolventen eines Jahrgangs nach Geschlecht abbilden, eine solche Vollerhebung darstellen. Das Schöne an einer Vollerhebung ist, dass man nicht zu interpretieren braucht, denn es gibt keine Unbekannte. Die Verteilung der männlichen und weiblichen Schulabgänger auf die einzelnen Schularten ist so, wie sie in den Daten abgebildet ist, deshalb gibt es nichts zu interpretieren. Urteil: Hier fehlt das Grundverständnis, das notwendig ist, um mit Daten zu arbeiten.

(6)
Und immer noch auf Seite 10 stehen einem dann die Haare zu Berge, wenn berichtet wird, dass mehr Jungen als Mädchen die Hauptschule ohne Abschluss verlassen und dann behauptet wird, dass die “schulischen Bildungsungleichheiten” dadurch relativiert werden können, dass der Vorsprung in der Lesekompetenz, den Mädchen vor Jungen haben, schmilzt. Wenn ein Vorsprung schmilzt, dann bleibt er dennoch ein Vorsprung und darüber hinaus hat das Individualdatum “Lesekompetenz” erst einmal nichts damit zu tun, dass Jungen in den allgemeinbildenden Schulabschlüssen hinter Mädchen zurückbleiben. Dieser Befund will einfach nicht weggehen. Urteil: Wer auch immer diesen Teil des Kuratoriumwerks zu verantworten hat, sollte einen Grundstudiumskurs in Methoden der empirischen Sozialforschung belegen, damit er beim nächsten Mal zumindest ansatzweise weiß, wovon er schreibt.

(7)
Dass mehr Jungen als Mädchen keinen Schulabschluss erreichen, so lernt man auf Seite 12, ist nicht schlimm, denn die meisten Jungen holen den Schulabschluss nach. Dass man zum Nachholen des Schulabschlusses Zeit braucht, scheint den Kuratoren noch nicht gekommen zu sein und dass diese Zeit dann später im Erwerbsleben fehlt auch nicht und dass ein nachgeholter Abschluß den Makel hat, eben ein nachgeholter Abschluss zu sein, ist den Kuratoren offensichtlich unvorstellbar. Der Beleg für die Behauptung, dass Jungen ihren nicht vorhandenen Schulabschluss nachholen, stammt aus einer Studie, die von Koch-Priewe et al. erstellt wurde und die auf 1635 in Dortmund befragten Jungen im Alter von 12 bis 19 Jahren basiert. Da der Hauptschulabschluss in der Regel mit 15 oder 16 Jahren erworben wird, stellt sich hier die Frage, wie aus der Querschnittsstudie von Koch-Priewe et al. die von den Kuratoren zitierten Ergebnisse, wonach Jungen ihre fehlenden Abschlüsse in der Regel nachholen, entnommen werden können. Urteil: Selbst wenn man die dubiosen Ergebnisse der Autoren anerkennt, ändert sich nichts daran dass ein bestehender Nachteil, nicht dadurch weggeht, dass man später einen fehlenden Abschluss nachholt.

(8)
Die schulischen Nachteile von Jungen sollen auf Seite 14 dadurch zum Verschwinden gebracht werden, dass behauptet wird, “dass junge Frauen mit einem Realschulabschluss mehr Probleme haben, einen Platz im Ausbildungssystem zu finden als junge Männer mit dem gleichen Abschluss”. Dazu ist festzustellen, dass die Kuratoren leider die Berücksichtigung der “gesellschaftlichen Komplexität” vermissen lassen, die sie auf Seite 9 so wortreich fordern. Die Nachteile von Jungen bestehen im Hinblick auf die Hochschulreife, bei Hauptschulabschlüssen und bei nicht erreichten Schulabschlüssen, der Realschulabschluss spielt nur eine untergeordnete Rolle. Urteil: willkürliche Behauptungen ändern nichts am grundlegenden Problem.

(9)
Auf Seite 16 findet sich ein geradezu närrischer Satz, denn da steht wörtlich: “dass das Konzept der ‘geschlechtsspezifischen Bildungsbenachteiligung’ hinterfragt werden muss, da mit diesem Konzept ein impliziter Vorwurf an das Schulsystem verbunden ist. Dabei wird vernachlässigt, dass die Konstruktion und Inszenierung von Männlichkeit und Weiblichkeit längst vor der Schulzeit … stattfindet”. Der Vorwurf ist nicht implizit, er ist explizit und lautet: Jungen werden im deutschen Bildungssystem aktiv benachteiligt. Indizien dafür können einer Studie des IAB entnommen werden, von der ich hier berichtet habe. Und die Tatsache, dass Männlichkeit und Weiblichkeit vor der Schule inszeniert wird, ändert nichts daran, dass Jungen bei allgemeinbildenden Schulabschlüssen Nachteile gegenüber Mädchen haben. Urteil: Da die Konstruktion von Geschlechtsrollen nichts mit der Fähigkeit, Rechnen zu erlernen, zu tun hat, hilft auch dieser aufgeregte Absatz der Kuratoren nicht darüber hinweg, dass die Verantwortung der Institution “Schule” genauer untersucht werden muss.

(10)
Es folgt die “Jungen-sind-selbst-schuld”-Argumentation, die ihren Gipfel auf Seite 27 in der offenen Forderung danach findet, Jungen zu einer neuen Männlichkeit zu erziehen, die mit der feminisierten Schule verträglicher ist. Dass man die Forderung auch in die andere Richtung stellen kann, merken die Kuratoren nicht. Entsprechend fordere ich, Lehrerinnen zu einer neuen Weiblichkeit umzuerziehen, die mit der traditionellen Männlichkeit von Jungen normal umgehen kann. Urteil: Wie deutlich wird, geht es nicht darum, den Schulerfolg von Jungen sicherzustellen, sondern darum sicherzustellen, dass nur eine bestimmte “Form von Junge” in der Schule erfolgreich ist. Totalitarismus fängt bei der Erziehung an!

Da die hier aufgeführten 10 Punkte alle gegen wissenschaftliche Methoden und die wissenschaftliche Redlichkeit verstoßen, habe ich die vier Professoren-Kuratoren mit ordentlichen Lehrstühlen angeschrieben und um eine Stellungnahme zu Ihrem Mitwirken an diesem Werk gebeten. Die Antworten werde ich, sofern und sobald sie eingehen, hier veröffentlichen. Bei den angeschriebenen Professoren handelt es sich um:

  • Prof. Dr. Franz Hamburger, Universität Mainz
  • Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu, Universität Bremen,
  • Prof. Dr. Joachim Merchel, Fachhochschule Münster
  • Prof. Dr. Thomas Olk, Universität Halle-Wittenberg

Anteile von Jungen und Mädchen an Schulabschlüssen im Abgangsjahr 2009
Schulabgänger 2009, Anteile nach Geschlecht

Nachtrag
MANNdat e.V. hat bereits im April 2010 eine Analyse der Stellungnahme des Bundesjugenkuratoriums vorgelegt, die den Titel trägt: “Gegen die Verharmlosung der Bildungsmisserfolge von Jungen”. Darin werden eine ganze Reihe wissenschaftlicher Ergebnisse den Mutmaßungen der Kuratoriums-Stellungnahme gegenübergestellt, wobei auf Seite 4 der MANNdat Analyse  die nach meiner Ansicht beste Zusammenfassung der Stellungnahme des Kuratoriums zu finden ist. Dort heißt es: “So kann man den Eindruck gewinnen, die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums bemüht sich um Rechtfertigung für die Vernachlässigung der Jungenbildungsförderung in den vergangenen Jahrzehnten und eine Relativierung der zunehmenden Bildungs- und Zukunftmisserfolge der Jungen. Die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums ist also weniger eine fachliche, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern mehr ein politischer Standpunkt.”
Ich denke, man kann die Relativierungen dieses Absatzes ruhigen Gewissens fallen lassen. Die Stellungnahme des Bundesjugenkuratoriums hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Der Zweck der Stellungnahme ist einzig eine Schuldzuschreibung an Jungen und eine Rechtfertigung bisheriger und zukünftiger Bildungspolitik. Das genau macht die Legitimierung dieser Stellungnahme durch Lehrstuhlinhaber so unerträglich.

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8 Responses to Bestellte Gutachten?

  1. AK-sieben says:

    Zu Punkt (4)
    Feminisierung bedeutet nicht ein Überhang von weiblichen Erziehern oder Lehrern (*) etc. sondern bedeutet eine Sanktionierung von weiblichen und männlichen Verhaltensweisen. Weibliche Verhaltensweisen werden belohnt, männliche bestraft. Hinzu gesellt sich noch eine Umgestaltung der “Lernumgebung”. So werden Pausenräume oder “Schulhöfe” mädchengerecht umgestaltet. Lerninhalte auf rein weibliche Themen getrimmt. Männliche werden ignoriert.
    Das ist Feminisierung der Kindergärten, Schulen …

    (*) Gab es nicht schon immer nahezu 100% KindergärtnerInnen und mehr als 50% LehrerInnen? Der Anteil der Frauen in diesen Berufen führte in der Vergangenheit nicht zu den Effekten, die man heute erkennt und beklagt.

  2. Andreas Rheinhardt says:

    Hallo,

    einige Anmerkungen von mir:
    1. Deine Abbildung ist irreführend, denn man erwartet, dass bei Gleichberechtigung die Abschlüsse 50:50 verteilt sind. Das ist jedoch nicht der Fall, denn es gibt mehr Jungen als Mädchen. Du solltest daher eher die Anteile von Abiturienten unter den jungen Männern und den unter den jungen Frauen angeben (in der Form: 28% aller jungen Männer machen Abitur; bei den Frauen waren es 36%). Dies zeigt besser auf, wie groß die Unterschiede wirklich sind, während sie bei deinen Angaben verschleiert werden (natürlich will ich dir keine Absicht unterstellen).

    2. Selbstverständlich wird bzgl. der Förderung von Mädchen und auch der Aufmerksamkeit, die Mädchen in den Medien erhalten, gegenüber den Anliegen von Jungen mit zweierlei Maß gemessen: Auf S. 8f (alle Seitenangaben beziehen sich nicht auf die pdf-Zählweise, sondern auf das, was in diesen blauen Kästen oben links und rechts steht) wird beklagt, dass Arbeitsmarktargumente vertreten werden; danach folgt eine Kritik daran, dass der Diskurs von “bipolaren” Vorstellungen geprägt sei. Wo bleibt der Aufschrei des Bundesjugendkuratoriums, wenn die These vertreten wird, dass man die Mädchen in den MINT-Fächern fördern muss, da ansonsten ein Fachkräftemangel droht und weil man nicht auf die “Hälfte der Talente” (gemeint ist natürlich die weibliche Hälfte) verzichten könne? * Wo bleibt der Aufschrei, wenn man beim Girls’ Day und anderen Mädchenveranstaltungen biologische Jungen nur aufgrund ihres Geschlechts ausschließt, obwohl das ja bipolar ist?

    3. Auf S. 11 verkünden sie ex cathedra, dass es einen Entwicklungsvorsprung von Mädchen gegenüber “den” gleichaltrigen Mädchen gibt: “Interessanterweise wird in diesem Zusammenhang der durchschnittliche Entwicklungsvorsprung von Mädchen gegenüber gleichaltrigen Jungen kaum diskutiert, der in der Vorpubertät noch deutlicher sichtbar wird als in der frühen Kindheit.” Danach benutzen sie dies als biologischen Fakt, obwohl sie doch diskutieren müssten, ob dies nicht Jungen vielmehr von der Schule und restlichen Umwelt eingeimpft wurde. (Meiner Meinung nach handelt es sich bei dem gesamten “Mädchen sind reifer”-Gerede um nichts weiter als eine Ideologie, mit der die Benachteiligung von Jungen in der Schule biologisiert und legitimiert wird und welche darüber hinaus auch noch den Charakter einer selbsterfüllenden Prophezeihung hat. Für letzteres siehe http://webjungs.de/forum/eltern-lehrer-15-19/jungenprobleme-selbsterfullende-prophezeiung/) Gleichzeitig schreiben sie an den Seitenrand: “Es gibt keine uneingeschränkten Belege für Entwicklungsunterschiede zugunsten von Mädchen im Kindergartenalter”. Ja, wenn das so ist, ist es dann nicht eine Benachteiligung von Jungen, dass sie häufiger bei der Einschulung zurückgestellt werden und seltener vorzeitig eingeschult werden?
    Hier zeigt sich übrigens eine klassische Lobby-Argumentation: Z.B. rechnet sich die Solarlobby gerne groß (nänlich dann, wenn sie betonen will, wie viele Arbeitsplätze an ihr hängen und wie wichtig deshalb die Förderung ist) und auch gerne klein (wenn sie bestreitet, dass Strompreiserhöhungen etwas mit ihr und den Einspeisevergütungen, die man für Solarstrom erhält, zu tun haben). Hier wird einerseits Entwarnung gegeben (“Es gibt keine uneingeschränkten Belege für Entwicklungsunterschiede zugunsten von Mädchen im Kindergartenalter”), andererseits aber nicht die Konsequenzen daraus gezogen (nämlich dass die derzeitige Einschulungspraxis dann diskriminierend ist).**
    Beachtet man letztgenanntes, dann wird klar, dass der auf S. 12 erhobene Vorwurf an die Medien, sie wählen selektiv Daten aus, um eine gute Story zu bekommen, in Wirklichkeit auf die AutorInnen zutrifft. Schließlich zeigt es, dass die AutorInnen eine Stoßrichtung haben.

    4. Auf Seite 13 beklagen sie den Mangel an Studien über Jungen und dass man ja eigentlich noch viel zu wenig über sie wisse. Hierbei vergessen sie ganz, wer dafür verantwortlich ist, dass es so sehr viel mehr Studien über Mädchen als über Jungen gibt, und sie vergessen zu erwähnen, dass sie nicht nur “Studien” haben wollen, sondern bestimmte Studien, nämlich solche, die ihr schon im Vorfeld gewünschtes Ergebnis stützen. Alle anderen würde man doch sowieso als “einseitig”, “nicht differenziert genug”, “bipolar”, “biologistisch” etc. ablehnen.

    5. Bei Abschnitt 3.2 wird so getan, als wäre es ein Vorteil an sich, dass männliche Jugendliche ein breiteres Spektrum von Ausbildungsberufen einnehmen. Aber gerade die Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit unter männlichen Heranwachsenden größer ist, widerlegt das doch.
    Danach wird behauptet, dass das duale System (in dem männliche Jugendliche häufiger anzutreffen sind) ein Vorteil aufgrund der Bezahlung sei und es wird behauptet, dass Jungen mit Realschulabschluss bessere Chancen als Mädchen mit Realschulabschluss haben, wozu eine Studie der FES verwiesen wird (hier einsehbar: http://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/04258/studie.pdf). Dazu ist Folgendes zu sagen:
    a) Es wird hier sehr selektiv zitiert. Die Information zu den geschlechtsspezifischen Realschulanteilen im Übergangssystem ist eine Fußnote auf Seite 46f; diese Fußnote ist Teil eines die Seiten 44 bis 50 einnehmenden Unterabschnitts, der mit “Geschlechtsspezifische Disparitäten – Das
    »Elend der jungen Männer«” überschrieben wird und in dem die These einer Benachteiligung der jungen Männer vertreten wird; außerdem wird hier verdeutlicht, dass das duale System eben nicht nur Vorteile hat, so dass der höhere Anteil von Männern darin nicht wirklich ein Vorteil ist, denn das verschafft den im Schulberufssystem dominierenden Frauen eine größere Konjunkturunabhängigkeit und mithin eine geringere Arbeitslosigkeit (Punkt “Zweitens” auf S. 47). In der FES-Studie wird übrigens ganz klar davon gesprochen, dass inzwischen die Arbeitslosigkeit von jungen Männern wesentlich höher ist als die von jungen Frauen.
    b) Die Information zu den geschlechtsspezifischen Realschulanteilen lautet bei der FES-Studie:
    “Damit haben 71 % der Männer und 63 % der Frauen im Übergangssystem maximal einen Hauptschulabschluss. Der Vergleich dieser Anteile zeigt gleichwohl, dass die »alten« Geschlechterdisparitäten nicht vollkommen umgekehrt worden sind, denn Mädchen mit höheren Schulabschlüsse landen damit häufiger als Jungen im Übergangssystem.”
    und beim Bundesjugendkuratorium:
    “Zudem ist nachgewiesen, dass junge Frauen mit einem Realschulabschluss mehr Probleme haben, einen Platz im Ausbildungssystem zu finden als junge Männer mit gleichem Abschluss. Die Quote der jungen Männer mit Realschulabschluss im Übergangssystem beträgt 29%, die der jungen Frauen hingegen 37%.”
    Angesichts der Tatsache, dass bei Jungen das Verhältnis Hauptschüler zu Realschüler größer ist als bei Mädchen (mit Hauptschüler meine ich hier: höchstens Hauptschüler, d.h. Schulabbrecher sollte man dazuzählen), ist es aber überhaupt nicht verwunderlich, dass der Anteil von Realschülerinnen an den weiblichen Jugendlichen im Übergangssystem höher ist als der Anteil von den Realschülern an den männlichen Jugendlichen im Übergangssystem. Das ist überhaupt keine Benachteiligung von Frauen, sondern einfach nur unwissenschaftlich, also ein Thema für dein Blog. Ob junge Frauen mit Realschulabschluss tatsächlich mehr Probleme haben, einen Ausbildungsplatz zu finden als junge Männer, ergibt sich aus diesen Daten überhaupt nicht, obwohl in der “Stellungnahme” andernweitiges behauptet wird (und das auch noch durch ein “Zudem ist nachgewiesen”). Übrigens sollte man an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass z.B. die Hamburger LAU-Studie gezeigt hat, dass Jungen (zumindest in einem Jahrgang in Hamburg) für gleiche Leistungen schlechtere Noten und bei gleichen Noten seltener Gymnasialempfehlungen erhalten als Mädchen, so dass man davon ausgehen kann, dass die jungen (in allen Schulformen) intelligenter sind als die Mädchen in den jeweiligen Schulformen (dass sich das in den Noten nicht zeigt, spricht eher gegen unser gegenwärtiges Schulsystem als gegen die Jungen).

    Ohne irgendwelche Quellenangabe wird danach behauptet, dass davon auszugehen ist, dass junge Männer in Zukunft mehr verdienen werden als junge Frauen. Wenn ich mir aber ansehe, welche Klimmzüge man machen muss, um das Ergebnis, dass Frauen benachteiligt sind, zu bekommen (siehe z.B. http://genderama.blogspot.com/2009/08/lesermail-dgb-studie.html), glaube ich daran nicht.
    Danach sorgen sich die Studienautoren darum, ob die Mädchen in Zukunft ihren Vorsprung aus der Schule auch im Beruf behalten können; hierbei schreiben sie:
    “Weiterhin wäre in Studien zu untersuchen, ob der in Teilen belegte Vorsprung der Mädchen und jungen Frauen innerhalb des Bildungssystems in späteren Lebensabschnitten auch eingelöst werden kann, ob also bessere Leistungen und höhere Abschlüsse zukünftig zu entsprechenden beruflichen Karrieren führen.”
    Anstatt sich also darüber zu freuen, dass junge Männer ein bisschen aufholen (nicht alles — sie sind schließlich noch immer häufiger arbeitslos), will man den Vorteil der jungen Frauen zementieren. Übrigens ist es aufgrund der Befunde der erwähnten LAU-Studie und anderer Studien einfach nur unredlich, Frauen “bessere Leistungen” zu attestieren. Abgesehen davon fragt man sich natürlich, was das mit der Frage, ob Jungen in der Schule benachteiligt werden zu tun hat.***

    6. Erweiternd zu den gerade schon genannten Punkten möchte ich noch auf die “Analyse des Arbeitsmarkts für Frauen und Männer” der Bundesagentur für Arbeit verweisen (http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistische-Analysen/Analytikreports/Zentral/Monatliche-Analytikreports/Analyse-Arbeitsmarkt-Frauen-Maenner-nav.html). Laut dieser gibt es im März 2011 122.484 arbeitslose Frauen im Alter von 15-25, aber 177.136 Männer derselben Altersklasse (und das trotz “Aufschwung XL”). Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise waren die Verhältnisse noch extremer: Im März 2009 gab es 150.081 arbeitslose junge Frauen, aber 247.593 junge Männer. (Das ist ein Männeranteil von mehr als 62%, also mehr als 24% Unterschied zu den Frauen!) Wenn man also behauptet, dass das geringere Bildungsniveau der Jungen nicht auf den Arbeitsmarkt durchschlägt, dann lügt man; das findet sich übrigens auch in der FES-Studie. Eine “patriarchale Dividende” existiert nicht.

    7. Neben dem, was du schon zu der S. 16 geschrieben hast, möchte ich noch einmal darauf hinweisen, wie lächerlich es ist, die geschlechtsspezifischen Bildungsungleichheiten wegdiskutieren zu wollen, indem man behauptet, dass z.B. Migrationshintergrund einen größeren Einfluss auf den Bildungsverlauf hat als Geschlecht (was ich übrigens nicht einmal abstreiten will). Und wieder einmal zeigt sich ein Doppelstandard: Wenn Migrationshintergrund und die soziale Lage einen größeren Einfluss haben als das Geschlecht, warum gibt es dann tausende Aktionen nur für Mädchen, durch die Professorentöchter gefördert und Arbeitersöhne ausgeschlossen werden? Warum hat man dann 2001 mit dem Girls’ Day angefangen und nicht mit einen Tag nur für Arbeiterkinder? (Übrigens nehme ich an, dass der Girls’ Day, was Universitäten und Forschungszentren betrifft, überwiegend von Töchtern aus gutem Hause wahrgenommen wird und daher zur sozialen Spaltung beiträgt. Hast du hierzu zufälligerweise Zahlen?)

    8. Ich finde es schon sehr interessant, erwähnenswert und erschreckend, dass im BJK lediglich Genderist(inn)en vertreten sind, wie auf S. 17 sogar eingestanden wird. Auch wenn ich selbst kein Biologist bin, gibt es dort niemanden, der biologischen Thesen nahesteht; ganz im Gegenteil, das BJK “vertritt” (S. 17) sogar ein “doing gender”-Konzept.

    9. In Abschnitt 4.2 wird berichtet, dass die gegenwärtigen Männlichkeitsstereotype nicht gerade schulangepasst sind. Was sie aber auslassen, ist, warum sie es sind. (Der nächste Absatz ist, wenn man deine Kriterien anlegt, als Spekulation zu bezeichnen.) Sie stellen sich gar nicht erst die Frage, woher dieses Neandertaler-Männerbild kommt, welches inzwischen das vorherrschende Männerbild in Deutschland und (soweit ich das von hier aus beurteilen kann) der gesamten westlichen Welt ist. Dabei sind Männer triebgesteuerte Machos, die außer Zerstörung, Vergewaltigung, Sex, Besäufnisse, Fußball (und andere Sportarten) und schnellen Autos nichts im Sinn haben, insbesondere lehnen sie die Schule und alle anderen kulturelle Leistungen ab, die sie tendenziell als weiblich einstufen. Diese Klischees durchziehen quasi das gesamte Fernsehen und andere Medien (wenn auch natürlich eine Person, die alle Merkmale aufweist, sehr ungewöhnlich wäre), man denke nur an die Simpsons, die ganzen anderen Sitcoms oder die Teenie/Highschool-“Komödien”. Wenn ich mir feministische Behauptungen so durchlese***** und das auch mit älteren Männerbildern vergleiche (in den 60ern waren einmal Winnetou und Old Shatterhand die Vorbilder für Jungen, welche dann auch im Spiel nachgeahmt wurden), komme ich zu dem Schluss, dass hier sehr viel Misandrie in alle Ritzen der Gesellschaft eingedrungen ist, und zwar von feministischer Seite her und dass Männer dieses Männerbild übernommen haben (zumindest bestimmte Männer; man denke an Mario Barths: “Männer sind primitiv, aber glücklich”). Ein gutes Beispiel für dieses Männerbild findet sich im folgenden Zitat aus dem FAZ-Artikel “Die Frauenfalle” (ein weiteres Beispiel ist die Behauptung, Mädchen wären “reifer”):
    “Köpfchen zählt am Arbeitsplatz, nicht Muskelkraft. Die Drecksarbeit machen heutzutage Maschinen, dafür braucht man keine starken Männer. ´Humankapital` indes muss flexibel, multitasking- und teamfähig sein, mit anderen Worten: weiblich.”
    Die Werbung für den Girls’ Day baut übrigens häufig auf solchen Aussagen auf, d.h. beim Girls’ Day geht es nicht nur darum, den Mädchen etwas Gutes zu tun, sondern auch den Jungen etwas Schlechtes. Beim Boys’ Day fehlt diese Komponente vollständig.

    10. Das letztgenannte bringt uns auch gleich zu einem weiteren Punkt, der in der Stellungnahme fehlt, nämlich der bisherigen Jungenpolitik, welche meistens nicht vorhanden ist und wo sie vorhanden ist, meistens schlecht ist, wie der Boys’ Day.
    Auch wenn das gerne behauptet wird, geht es beim Boys’ Day nicht wirklich darum, Jungen in von Frauen dominierte Berufe zu bringen; es geht im Wesentlichen nur um folgende Berufe: Erzieher, Krankenpfleger, Altenpfleger, Hauswirtschaftler und auch noch ein bisschen Grundschullehrer. Dadurch wird (bewusst!) der Eindruck erweckt, dass es keine andersartigen Frauenberufe gäbe. Was beim Boys’ Day fehlt, sind so ziemlich alle Veranstaltungen an Universitäten und Forschungszentren, die es beim Girls’ Day zuhauf gibt. Da nämlich die Hälfte aller Studenten weiblich sind, gibt es genauso Fächer, in denen Frauen die eklatante Mehrheit der Studenten stellen und die dennoch prestigeträchtig und gut bezahlt sind, z.B. Psychologie, Medizin, Veterinärmedizin, Zahnmedizin, Journalismus, Sprachen, Biologie. Auch z.B. alles, was mit Familienrecht zu tun hat (Familiengerichte, entsprechende Lehrstühle) müssten einbezogen werden; und der öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch.
    Hierzu noch etwas aus dem bereits erwähnten Vorwärts-Interview (http://www.vorwaerts.de/artikel/wir-haben-das-problem-fuer-die-maedchen-noch-nicht-geloest):
    Laut http://girlsday.fu-berlin.de/2011/faecher.html gibt es einen Girls’ Day in der Klassischen Philologie und selbstverständlich keine Veranstaltung für Jungen in diesem Fachbereich. Aber laut dem Frauenförderplan des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften (http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/administration/fachbereichsverwaltung/frauenbeauftragte/frauen_in_der_wissenschaft/frauenfoerderplan08.pdf) gibt, obwohl insgesamt in diesem Bereich einen Frauenanteil von 62,5% gibt. Wie begründen Sie das? Wieso gibt es keine Veranstaltungen in der Slavistik mit einem Frauenanteil von 71,58%, bei der Deutschen und Niederländischen Philologie mit 75,35%, bei der Romanischen Philologie mit 84,66%, bei der Englischen Philologie mit 79,32%, bei den Theaterwissenschaften mit 71,66 oder beim Kultur- und Medienmanagment mit 74%? Wieso gibt es keinen Boys’ Day in den Rechtswissenschaften (z.B. im Familienrecht, aber auch anderes), obwohl doch hier die Geschlechterverteilung der Student(inn)en ausgeglichen ist und es auch eine Mädchenveranstaltung gibt? Wieso gibt es keine Jungenveranstaltungen in Biologie und dem Botanischen Garten?

    Angesichts solcher Geschlechterpolitik ist es doch wirklich kein Wunder, dass Jungen nicht so motiviert sind zu lernen — sie sehen doch, dass die Oberen sie für Neandertaler halten. Und wenn sie den Fernseher anmachen, sehen sie auch, dass Mädchen einfach reifer und klüger sind. Schließlich gibt es einen Bart Simpson und eine Lisa Simpson, aber keine Bartine und keinen Lisus/Linus (?)****. Auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist das so. Und auch darüber verliert das BJK kein Wort.

    11. Auf S. 24 wird eingestanden, dass Lehrkräfte männliche Angehörige ethnischer Minderheiten abwerten. Weiß man eigentlich, wie sich so ein Verhalten auf die Leistungsbereitschaft auswirkt? Da ich (irgendwo) einmal gelesen habe, dass Lehrer(inn)en Jungen eher mit “Störer” assoziieren als mit anderen Eigenschaften. Weiß man etwas darüber, ob das Jungenbild der Lehrkraft Einfluss auf die Motivation und die Leistungen der Schüler hat? Bisher kenne ich nur dazu nur das hier: http://webjungs.de/forum/eltern-lehrer-15-19/jungenprobleme-selbsterfullende-prophezeiung/
    Aus diesem Grunde bin ich übrigens auch gegen einen undifferenzierten Ruf für mehr Männer im Lehramt — wenn das Dissens-Pädagogen sind, wird es doch nur noch schlimmer. Und außerdem sehe ich überhaupt nicht ein, warum Lehrerinnen davon verschont bleiben sollen, ihre Vorurteile über Jungen zu reflektieren und ihr Verhalten ihnen gegenüber zu ändern. (Ich glaube übrigens, dass die Vorurteile der Lehrkraft wesentlich wichtiger sind als ihr Geschlecht und halte deshalb auch nichts von einer Abwertung aller Lehrerinnen und einer Heiligsprechung aller Lehrer.)

    12. Auf S. 26 steht: “Durch die Erfolge der Mädchenförderung ermutigen lassen!” Warum erzählt das BJK das nicht der Frauenbeauftragte der FU (“Wir haben den Girls’Day mit bestimmten Zielen konzipiert. Etwa die, dass Wissenschaftlerin eine Berufsperspektive für Mädchen wird. Wir können das Konzept nicht einfach auf Jungs umlegen, wo wir doch ohnehin – selbst in den Erziehungswissenschaften – einen hohen Männeranteil bei den Professoren haben. Das konterkariert den Girls’Day und das finde ich hochproblematisch.” — siehe http://www.vorwaerts.de/artikel/wir-haben-das-problem-fuer-die-maedchen-noch-nicht-geloest)

    13. Auf S. 28 soll wieder einmal das Individuum in den Mittelpunkt gestellt werden. Wann ändern sie denn nun endlich den Girls’ Day?

    MfG
    Andreas Rheinhardt

    *: Klaus Kinkel, der Vorsitzende der Deutschen Telekom-Stiftung (ja, die Stiftung des Frauenquotenkonzerns), nennt sie in einem Interview mit der TAZ (http://www.taz.de/1/zukunft/bildung/artikel/1/die-schulen-stehen-in-flammen/) sogar die “bessere Hälfte des Teams”: Wir sollten “uns jener Gruppe widmen, die hochmotiviert ist: den Mädchen. Wir lassen die bessere Hälfte unseres Teams auf der Ersatzbank schmoren.” Wenn diese Gruppe doch so hochmotiviert ist, warum braucht sie dann so viele Sondereinladungen? Warum muss man dann so viele hochmotivierte Jungen von Veranstaltungen ausschließen? Erscheinen die Mädchen vielleicht einfach nur deshalb als die “bessere Hälfte”, weil die Jungen aufgrund der vielen Sachen, aus denen man sie ausschließt, ihre Motivation verloren haben?
    **: Etwas ähnliches gibt es beim Girls’/Boys’ Day: Jungen wird davon abgeraten, etwas technisches zu machen, indem man darauf hinweist, dass in diesem Bereich in den letzten Jahrzehnten hundertausende Stellen weggefallen seien. Mädchen hingegen wird explizit dazu geraten, da ja in diesem Bereich mit einem Fachkröftemangel zu rechnen ist, den die Mädchen beheben sollen. Da zurzeit Feminist(inn)en die Diskurshoheit haben, wird dieser Widerspruch in den veröffentlichten Medien nicht erwähnt.
    ***: Dass man sich laut diversen Feminist(inn)en erst dann mit den Problemen von Jungen beschäftigen darf (und selbst dann natürlich nur in einer dem Feminismus genehmen Art und Weise), sieht man z.B. in diesem Interview http://www.vorwaerts.de/artikel/wir-haben-das-problem-fuer-die-maedchen-noch-nicht-geloest des Vorwärts mit Mechthild Koreuber, der Frauenbeauftragten der FU Berlin. (“Wir haben den Girls’Day mit bestimmten Zielen konzipiert. Etwa die, dass Wissenschaftlerin eine Berufsperspektive für Mädchen wird. Wir können das Konzept nicht einfach auf Jungs umlegen, wo wir doch ohnehin – selbst in den Erziehungswissenschaften – einen hohen Männeranteil bei den Professoren haben. Das konterkariert den Girls’Day und das finde ich hochproblematisch.”) — Ich habe bereits einen von ihr nicht beachteten Kommentar dazu geschrieben.
    ****: Das geht übrigens so weit, dass man die Charaktere nicht einfach einer Geschlechtsumwandlung unterziehen kann; denn ein männlicher Lisa Simpson würde wegen des gegenwärtigen Männerbildes nicht als authentisch wahrgenommen und umgekehrt.
    *****: Man denke an die Publikationen von der Alten Molkerei Frille u.ä..

  3. Andreas Rheinhardt says:

    Was ich noch vergessen habe: Es wird zwar mehrmals behauptet, dass die Themen Geschlecht und soziale Lage/Migrationshintergrund/Ethnizität miteinander beim Bildungserfolg verschränkt sind (mit der Behauptung, dass v.a. die jungen Männer aus gewissen Zuwanderermilieus und ähnliche sozial benachteiligte Jungen im Schulsystem aussortiert werden), aber Zahlen dazu kriegt man eigentlich keine. Wo kann man denn einmal Zahlen zum Verhältnis von Jungen zu Mädchen mit Abitur/Realschulabschluss/Hauptschulabschluss, die aus der Oberschicht/Mittelschicht/Unterschicht (jeweils nach Migrationshintergrund differenziert) stammen, nachlesen? In der Stellungnahme auf jeden Fall nicht. Das beste Substitut dafür scheinen mir Abbildungen wie Abbildung 3.10 auf Seite 44 der FES-Studie http://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/04258/studie.pdf: Laut den dortigen Daten haben bei männlichen Deutschen der Jahrgänge 18 bis 21 26,3%, bei den deutschen Frauen 34,9%, bei den männlichen Ausländern 8,1%, bei den weiblichen Ausländern 10,3%. Das heißt, auf einen männlichen Ausländer mit Abitur kommen 1,27 Ausländerinnen mit Abitur; auf einen männlichen Deutschen mit Abitur kommen 1,33 weibliche Deutsche mit Abitur (wobei ich vereinfachend davon ausgegangen bin, dass das Geschlechterverhältnis wirklich 50:50 ist, was es natürlich nicht ist). Da bekanntermaßen Ausländer in Deutschland eher den unteren sozialen Schichten angehören und eher bildungsfern sind (was sich ja auch an diesen Abiturzahlen ablesen lässt), müsste also doch gemäß der üblichen, verführerischen Theorie hier der Unterschied am größten sein. Ist er aber nicht. Oder hat jemand gegenteilige Zahlen? (Alleine schon die Tatsache, dass die Stellungnahme keine Zahlen nennt, zeigt doch, dass es keine wirklich aussagekräftigen, zitierbaren Zahlen dazu gibt, die ihr Weltbild untermauern — ansonsten hätten sie es doch getan.)

    Die Frage mit dem Realschulanteil im Übergangssystem glaube ich inzwischen lösen zu können: Laut der Abbildung 3.11 auf Seite 47 gibt es in absoluten Zahlen etwa gleich viele Realschüler wie Realschülerinnen im Übergangssystem (jeweils ca. 70.000). Da es ja auch ungefähr gleich viele Realschülerinnen wie Realschüler gibt, ist das auch nicht weiter überraschend.

  4. Andreas Rheinhardt says:

    Was mir gerade noch einfällt: Zwar wird vom BJK Differenzierung angemahnt, aber dennoch sprechen auch sie von dem “traditionellen Ernährerbild” (sie verwenden selber schon den direkten Artikel).

    (Genau dasselbe passiert übrigens auch im ganzen Rest des ganzen Genderdiskurses, auch dort gibt es ein “traditionelles Männerbild”, welches als ein monolithischer Block gezeichnet wird und mit Eigenschaften belegt wird, die heutzutage (und zu großen Teilen auch damals) keineswegs das Idealbild von Männlichkeit ausmachten (auch damals gab es übrigens schon mehrere Idealbilder von Männlichkeit) und heutzutage eigentlich ausschließlich negativ gesehen werden. (Hierbei bezeichnet die jeweilige Genderforscherin gerade Eigenschaften, die im gerade untersuchten Bereich schlecht sind, als Teil der “traditionellen Männlichkeit”.) Meistens kommt dann ein gewalttätiger Neandertaler und Vergewaltiger als Quintessenz dabei raus, während die positiven Eigenschaften, die man Männern zugeschrieben hat, über die sie sich definiert haben und z.T. noch tun (z.B. Einfallsreichtum), meistens keine Erwähnung finden (und wenn, dann nur unter dem Punkt “Abwertung von Frauen” — da ja eine positive Zuschreibung an Männern so etwas ist). Wer heutige Geschlechterstudien durchliest, muss annehmen, dass Winnetou und Old Shatterhand für absolut unmännliche Gestalten gehalten wurden, denn sie passen nicht ins “traditionelle Männerbild”. Der (kommerzielle) Erfolg dieser Filme (und auch die Nachahmung insbesondere durch Jungen) zeigt anderes).

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