Bestellte Gutachten?

Dass Jungen bei der schulischen Bildung Nachteile haben, dazu habe ich schon wiederholt Beiträge veröffentlich. Die Fakten, so denkt man, sprechen ja auch für sich. Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts (Abgangsjahr 2009), die ich unten in eine Abbildung übertragen habe, weil mache ja Balken lieber mögen als Zahlen, sprechen wiederum eine deutliche Sprache. Die 893560 Schüler, die im Jahr 2009 die Schule verlassen haben, das heißt ALLE Schüler die 2009 eine allgemeinbildende Schule verlassen haben, verteilen sich abermals, wenn man nach Geschlecht kontrolliert, zum Nachteil von Jungen. Jungen machen 61% derjenigen aus, die keinen Schulabschluss erreichen, stellten 57% derer mit Hauptschulabschluss, 49% derjenigen, die einen Realschulabschluss erreichen und 44% der Studienberechtigten, die mit der Hochschulreife die Schule verlassen. Diese Ergebnisse stellen eine Vollerhebung dar, d.h. man kann nichts daran herumdeuteln oder heruminterpretieren. DAS IST SO.

Aber es gibt in Deutschland welche, die wollen das einfach nicht wahrhaben, dass das so ist und versuchen entsprechend, die Realität umzudeuten. Eine so genannte Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums ist ein solcher Fall. Diese Stellungnahme ist in vielerlei Hinsicht ein Beispiel für die Verzweiflung, mit der sich manche gegen die Wirklichkeit anstemmen. Ich habe mir nur 10 Highlights aus diesem Bericht herausgegriffen, um an Ihnen die wissenschaftliche Unhaltbarkeit der aufgestellten Behauptungen zu belegen:

(1)
Es beginnt bereits im Titel: “Schlaue Mädchen – Dumme Jungen?” ist das Werk des Kuratoriums überschrieben. Das legt nahe, dass das, was nun kommt, eine Diskussion über die Intelligenz von Jungen und Mädchen kritisch aufgreifen will (kritisch wegen dem Fragezeichen). Aber es geht nicht darum, dass irgendjemand Ernstzunehmendes behauptet hat, Jungen seien dümmer als Mädchen, sondern darum, dass Jungen in erheblichem Ausmaß bei den allgemeinbildenden Schulabschlüssen hinter Mädchen zurückbleiben. Urteil: Damit bleibt das Kuratorium hinter dem eigenen Anspruch, ein Thema nicht verkürzt zu betrachten, zurück.

(2)
Das Werk des Kuratoriums beginnt mit einem Vorwort, das mit Adjektiven wie “einseitig”, “vermeintlich” “verkürzt” oder “undifferenziert” arbeitet, offensichtlich in dem Bemühen, alles was nun berichtet wird, gleich vorweg zu entwerten. Urteil: Wenn man indoktrinieren will, dann muss man das geschickter machen.

(3)
Das erste Kapitel beschreibt angeblich die Ausgangslage. Dazu wird angeblich eine Diskursanalyse durchgeführt, die sich jedoch auf das Lesen von Zeitungsartikeln beschränkt und darauf, niederzuschreiben, wie einem die Zeitungsartikel vorkommen. Ich bin kein Freund von qualitativen Methoden, aber selbst die Diskursanalyse hat zumindest einen Korpus methodischen Vorgehens, mit dem sich etliche Wissenschaftler abgemüht haben. Ncht jeder, der etwas liest, macht damit eine Diskursanalyse, nicht einmal, wenn er sich damit ausgezeichnet fühlt, Mitglied eines Kuratoriums zu sein. Ganz nebenbei wird abermals der Diskurs verkürzt, denn die Autoren des Kuratoriumwerks vergessen zu berichten, dass sich die von Ihnen gelesenen Zeitungsberichte auf einen tatsächlichen Mißstand beziehen: Jungen haben Nachteile bei den Schulabschlüssen, daran lässt sich nichts deuteln. Urteil: Die nicht vorhandene Kenntnis darüber, was eine Diskursanalyse ist, lässt nur das Urteil zu, dass Kapitel 1 auf Dilettantismus basiert.

(4)
Seite 7 enthält mein Lieblingsbonmot, dort wird beklagt, dass “die These der Feminisierung der Pädagogik vertreten [wird]. Abgestellt wird auf die Dominanz von weiblichen Professionellen im Elementar- und Primarbereich”. Von Professionellen hat nach meiner Kenntnis außer dem Kuratorium niemand geschrieben. Die These der Feminisierung der Schule basiert auf der Tatsache, dass mittlerweile und über alle Schularten hinweg, 70,1% der Lehrer (in Grundschulen noch viel mehr) weiblich sind. Mit Professionalität hat das erst einmal nichts zu tun. Urteil: Hier schreibt das Autorenkuratorium gegen ein Thema an, das bislang niemand bearbeitet hat.

(5)
Auf Seite 10 kommt das, was jedem Wissenschaftler, der sich einigermaßen mit Daten und deren Auswertung auskennt, die Sprache verschlägt. Es wird lapidar und ohne irgendeinen Bezug festgestellt, dass es fraglich sei, “ob die Befunde empirischer Forschung jene Eindeutigkeit der Bewertung von Daten zulassen, die der mediale Diskurs suggeriert”. Die Autoren haben offensichtlich keine Ahnung davon, was eine Vollerhebung ist und dass die Zahlen des Statistischen Bundesamts, die den Anteil ALLER Schulabsolventen eines Jahrgangs nach Geschlecht abbilden, eine solche Vollerhebung darstellen. Das Schöne an einer Vollerhebung ist, dass man nicht zu interpretieren braucht, denn es gibt keine Unbekannte. Die Verteilung der männlichen und weiblichen Schulabgänger auf die einzelnen Schularten ist so, wie sie in den Daten abgebildet ist, deshalb gibt es nichts zu interpretieren. Urteil: Hier fehlt das Grundverständnis, das notwendig ist, um mit Daten zu arbeiten.

(6)
Und immer noch auf Seite 10 stehen einem dann die Haare zu Berge, wenn berichtet wird, dass mehr Jungen als Mädchen die Hauptschule ohne Abschluss verlassen und dann behauptet wird, dass die “schulischen Bildungsungleichheiten” dadurch relativiert werden können, dass der Vorsprung in der Lesekompetenz, den Mädchen vor Jungen haben, schmilzt. Wenn ein Vorsprung schmilzt, dann bleibt er dennoch ein Vorsprung und darüber hinaus hat das Individualdatum “Lesekompetenz” erst einmal nichts damit zu tun, dass Jungen in den allgemeinbildenden Schulabschlüssen hinter Mädchen zurückbleiben. Dieser Befund will einfach nicht weggehen. Urteil: Wer auch immer diesen Teil des Kuratoriumwerks zu verantworten hat, sollte einen Grundstudiumskurs in Methoden der empirischen Sozialforschung belegen, damit er beim nächsten Mal zumindest ansatzweise weiß, wovon er schreibt.

(7)
Dass mehr Jungen als Mädchen keinen Schulabschluss erreichen, so lernt man auf Seite 12, ist nicht schlimm, denn die meisten Jungen holen den Schulabschluss nach. Dass man zum Nachholen des Schulabschlusses Zeit braucht, scheint den Kuratoren noch nicht gekommen zu sein und dass diese Zeit dann später im Erwerbsleben fehlt auch nicht und dass ein nachgeholter Abschluß den Makel hat, eben ein nachgeholter Abschluss zu sein, ist den Kuratoren offensichtlich unvorstellbar. Der Beleg für die Behauptung, dass Jungen ihren nicht vorhandenen Schulabschluss nachholen, stammt aus einer Studie, die von Koch-Priewe et al. erstellt wurde und die auf 1635 in Dortmund befragten Jungen im Alter von 12 bis 19 Jahren basiert. Da der Hauptschulabschluss in der Regel mit 15 oder 16 Jahren erworben wird, stellt sich hier die Frage, wie aus der Querschnittsstudie von Koch-Priewe et al. die von den Kuratoren zitierten Ergebnisse, wonach Jungen ihre fehlenden Abschlüsse in der Regel nachholen, entnommen werden können. Urteil: Selbst wenn man die dubiosen Ergebnisse der Autoren anerkennt, ändert sich nichts daran dass ein bestehender Nachteil, nicht dadurch weggeht, dass man später einen fehlenden Abschluss nachholt.

(8)
Die schulischen Nachteile von Jungen sollen auf Seite 14 dadurch zum Verschwinden gebracht werden, dass behauptet wird, “dass junge Frauen mit einem Realschulabschluss mehr Probleme haben, einen Platz im Ausbildungssystem zu finden als junge Männer mit dem gleichen Abschluss”. Dazu ist festzustellen, dass die Kuratoren leider die Berücksichtigung der “gesellschaftlichen Komplexität” vermissen lassen, die sie auf Seite 9 so wortreich fordern. Die Nachteile von Jungen bestehen im Hinblick auf die Hochschulreife, bei Hauptschulabschlüssen und bei nicht erreichten Schulabschlüssen, der Realschulabschluss spielt nur eine untergeordnete Rolle. Urteil: willkürliche Behauptungen ändern nichts am grundlegenden Problem.

(9)
Auf Seite 16 findet sich ein geradezu närrischer Satz, denn da steht wörtlich: “dass das Konzept der ‘geschlechtsspezifischen Bildungsbenachteiligung’ hinterfragt werden muss, da mit diesem Konzept ein impliziter Vorwurf an das Schulsystem verbunden ist. Dabei wird vernachlässigt, dass die Konstruktion und Inszenierung von Männlichkeit und Weiblichkeit längst vor der Schulzeit … stattfindet”. Der Vorwurf ist nicht implizit, er ist explizit und lautet: Jungen werden im deutschen Bildungssystem aktiv benachteiligt. Indizien dafür können einer Studie des IAB entnommen werden, von der ich hier berichtet habe. Und die Tatsache, dass Männlichkeit und Weiblichkeit vor der Schule inszeniert wird, ändert nichts daran, dass Jungen bei allgemeinbildenden Schulabschlüssen Nachteile gegenüber Mädchen haben. Urteil: Da die Konstruktion von Geschlechtsrollen nichts mit der Fähigkeit, Rechnen zu erlernen, zu tun hat, hilft auch dieser aufgeregte Absatz der Kuratoren nicht darüber hinweg, dass die Verantwortung der Institution “Schule” genauer untersucht werden muss.

(10)
Es folgt die “Jungen-sind-selbst-schuld”-Argumentation, die ihren Gipfel auf Seite 27 in der offenen Forderung danach findet, Jungen zu einer neuen Männlichkeit zu erziehen, die mit der feminisierten Schule verträglicher ist. Dass man die Forderung auch in die andere Richtung stellen kann, merken die Kuratoren nicht. Entsprechend fordere ich, Lehrerinnen zu einer neuen Weiblichkeit umzuerziehen, die mit der traditionellen Männlichkeit von Jungen normal umgehen kann. Urteil: Wie deutlich wird, geht es nicht darum, den Schulerfolg von Jungen sicherzustellen, sondern darum sicherzustellen, dass nur eine bestimmte “Form von Junge” in der Schule erfolgreich ist. Totalitarismus fängt bei der Erziehung an!

Da die hier aufgeführten 10 Punkte alle gegen wissenschaftliche Methoden und die wissenschaftliche Redlichkeit verstoßen, habe ich die vier Professoren-Kuratoren mit ordentlichen Lehrstühlen angeschrieben und um eine Stellungnahme zu Ihrem Mitwirken an diesem Werk gebeten. Die Antworten werde ich, sofern und sobald sie eingehen, hier veröffentlichen. Bei den angeschriebenen Professoren handelt es sich um:

  • Prof. Dr. Franz Hamburger, Universität Mainz
  • Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu, Universität Bremen,
  • Prof. Dr. Joachim Merchel, Fachhochschule Münster
  • Prof. Dr. Thomas Olk, Universität Halle-Wittenberg

Anteile von Jungen und Mädchen an Schulabschlüssen im Abgangsjahr 2009
Schulabgänger 2009, Anteile nach Geschlecht

Nachtrag
MANNdat e.V. hat bereits im April 2010 eine Analyse der Stellungnahme des Bundesjugenkuratoriums vorgelegt, die den Titel trägt: “Gegen die Verharmlosung der Bildungsmisserfolge von Jungen”. Darin werden eine ganze Reihe wissenschaftlicher Ergebnisse den Mutmaßungen der Kuratoriums-Stellungnahme gegenübergestellt, wobei auf Seite 4 der MANNdat Analyse  die nach meiner Ansicht beste Zusammenfassung der Stellungnahme des Kuratoriums zu finden ist. Dort heißt es: “So kann man den Eindruck gewinnen, die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums bemüht sich um Rechtfertigung für die Vernachlässigung der Jungenbildungsförderung in den vergangenen Jahrzehnten und eine Relativierung der zunehmenden Bildungs- und Zukunftmisserfolge der Jungen. Die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums ist also weniger eine fachliche, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern mehr ein politischer Standpunkt.”
Ich denke, man kann die Relativierungen dieses Absatzes ruhigen Gewissens fallen lassen. Die Stellungnahme des Bundesjugenkuratoriums hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Der Zweck der Stellungnahme ist einzig eine Schuldzuschreibung an Jungen und eine Rechtfertigung bisheriger und zukünftiger Bildungspolitik. Das genau macht die Legitimierung dieser Stellungnahme durch Lehrstuhlinhaber so unerträglich.

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8 Comments

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