Kultur der Boshaftigkeit – Don Alphonso über seine Freunde, die das Denunzieren zu lieben lernten

NetzDG oder wie Freunde lernten, das Denunzieren zu lieben“, so lautet der Titel des neuesten Beitrags, den Don Alphonso bei der FAZ veröffentlicht hat. Darin berichtet er von zwei guten Bekannten, die „immer das richtige gesagt haben“, aber einmal das falsche gesagt haben. Sie haben es zur falschen Zeit am falschen Ort gesagt und … Basta. Das war es mit dem Job.

Es geht, wie könnte es anders sein, um das NetzDG, das Denunziationsdurchsetzungsgesetz, das Heiko Maas nach wie vor stolz verteidigt, vermutlich mit der selben Verve, mit der Arthur Seyß-Inquart seine Unterschrift unter das „Anschlussgesetz“ verteidigt hätte, hätte man ihn 1938 zur Verantwortung gezogen. Zum NetzDG, das zwei seiner Bekannten ihren Job gekostet hat, äußert sich Don Alphonso als der Historiker, der er qua Ausbildung ist: Die Möglichkeit zur Denunziation werde genutzt, wenn man sie schaffe, so schreibt er. Von Der „banalen Mentalität der kleinen Anschwärtzung“ schreibt er und davon, dass die Denunzianten dann, wenn ihre „Anschwärtzung“ Erfolg hatte, dies „auch stolz mitteilen“ werden. Mit dem NetzDG, so kann man sein Argument zusammenfassen, wurde ein gesetzliches Vehikel geschaffen, das es jedem kleinen Denunzianten erlaubt, sein schmutziges Geschäft auszuüben und sich dafür von seinem Staat auch noch auf die Schulter klopfen zu lassen. Und damit endet bei Don Alphonso die Diskussion dessen, was wir für die größte mit dem NetzDG assoziierte Katastrophe halten, denn das NetzDG ermöglicht und verstärkt eine Kultur der Boshaftigkeit, die es in Deutschland, vor allem auf Seiten der politischen Linken gibt.

Es gehört zur Uniform eines Linken, sich als Intellektueller und als denen überlegen zu fühlen, die er für ideologisch und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch menschlich inferior ansieht. Intellektuelle Superiorität kann man sich entweder zugestehen, weil man sich in einer rationalen Argumentation mit seinen Argumenten durchgesetzt hat. Das erfordert Wissen, Kompetenz und Lernen. Drei Qualitäten, die man nur noch bedingt auf der linken Seite des politischen Spektrums vorfindet. Statt dessen findet man den Anspruch, moralisch überlegen zu sein, ein besserer Mensch zu sein, aus dem dann eine intellektuelle Überlegenheit gegenüber all denen abgeleitet wird, die man als ideologische Feinde ansieht, mit denen man sich nicht mehr auseinandersetzt, die man im wahrsten Sinne des Wortes bekämpft. Da wo der wirklich intellektuell Überlegene seine Überlegenheit mit der Wucht seiner Argumentation unter Beweis stellt, da kneifen moderne Linke. Sie suchen nach Surrogaten und die Surrogate, die ihnen angeboten werden, enthalten u.a. die Möglichkeit, sich als Denunziant zu betätigen und dadurch, wie sie glauben, eine moralische Erhöhung zu erfahren. Das aus ihrer Sicht ideologische Ungeziefer, das sie denunzieren, macht sie zu Helden, Volkshelden im Kampf gegen den Hass und die Hetze, Begriffe, hinter denen sich in der Regel einfach nur eine andere Meinung verbirgt.

Die Sozialpsychologie kennt diese Methoden, mit denen kleine Geister versuchen, sich zu großen und überlegenen Menschen zu stilisieren. Von Sherif bis Tajfel, von Turner bis Milgram reichen die klassischen Experimente, mit denen gezeigt wurde, dass kleine Menschen Halt in der Gruppe suchen, dass sie ihre fehlende Urteilsfähigkeit und ihren fehlgeschlagenen Versuch, eine eigenständige Persönlichkeit zu entwickeln, durch Zuordnung zu einer Gruppe zu ersetzen bzw. kaschieren suchen und dass sie, als nunmehr soziale Persönlichkeit ohne eigene Idee, freudig bereit sind, sich zum Helfershelfer einer Ordnungsmacht zu machen, deren Ziel darin besteht, Abweichung zu bestraften. Gerade die Experimente von Stanley Milgram zeigen, wie schnell der kleine Geist, der die soziale Surrogat-Persönlichkeit an die Stelle eigener Urteilsfähigkeit gesetzt hat, bereit ist, Dritte, die ihm als abweichend bedeutet wurden, zu bestrafen, hart zu bestrafen und dabei auch deren Tod in Kauf zu nehmen.

Die gesellschaftliche Katastrophe die Gesetz, die NetzDG geworden ist, sie schafft Randbedingungen, unter denen die Denunziation blüht, unter denen Boshaftigkeit und Niedertracht belohnt werden, unter denen der kleine Denunziant mit stolz geschwelter Brust zum verdienten Helden des Volkes im Kampf gegen die Hassrede avancieren kann – wie er glaubt.

Aber es kommt noch schlimmer.

Um 1901 hat Jerome K. Jerome mit seinem Buch „Three Men on the Bummel“ eine humoristische Reisebeschreibung gegeben, in deren Mittelpunkt Deutsche und ihre Eigenarten stehen, wie sie dem britischen Reisenden der damaligen Zeit aufgefallen sind. Das lustige und liebenswürdig gehaltene Buch kommt dennoch an vielen Stellen auf die Eigenschaft der oder mancher Deutschen zurück, die Jerome K. Jerome als die seltsamste, die am wenigsten normale anzusehen scheint: Die Bereitschaft der Deutschen, sich ihrer Obrigkeit freiwillig und in vorauseilendem Gehorsam zu fügen. Dieselbe Mentalität des Untertanen beschreibt Heinrich Mann in seinem gleichnamigen Buch, und sie findet sich nach dem zweiten Weltkrieg in der von Gabriel Almond und Sidney Verba unternommenen Vierländerstudie zur politischen Kultur wieder. Nein, sie findet sich nicht wieder, denn in Deutschland fehlt das, was Almond und Verba eine „Civic Culture“ genannt haben, also letztlich das Bewusstsein, dass Bürger gemeinsam gegen ihren Staat stehen, dass sie nur als freie Bürger überleben können, wenn sie ihren Staat und seine Macht beschränken, beschneiden und notfalls diejenigen, die sich als Staatsdiener verdingen, zum Teufel jagen.

Die entsprechende Civic Culture gibt es in Deutschland nicht. In Deutschland gibt es heute vor allem Linke, die sich zum Diener ihres Staates erklären. Ihnen liegt es näher, ihre Mitbürger zu bekämpfen und bei ihrem Staat anzuschwärzen, als dass sie gemeinsam mit Mitbürgern die Freiheit, die sie teilen oder eben nicht teilen, gegen den Staat und seine Tendenz, Freiheit einzuschränken und vor allem durch die Gewährung von Rechten zu zerstören, verteidigen [Wem bei der Formulierung “Gewährung von Rechten durch den Staat” nicht das Messer in der Tasche aufgeht, der hat die Transformation zum Untertanen bereits erfolgreich hinter sich gebracht.].

Das NetzDG macht sich diese Tendenz, der Obrigkeit dienlich zu sein, die sich vor allem bei Linken findet, ganz einfach deshalb, weil die Linken die größten Nutznießer des Staates sind, zunutze und schafft ein Klima, schafft Randbedingungen, in denen die Denunziation rehabilitiert wird. Denunziation gilt nicht mehr als boshafte Niedrigkeit, zu der man sich als Mensch nicht herunterziehen lässt, sie wird zu einer Form der Selbsterhöhung stilisiert, die dem Denunzianten einen warm glow verspricht, in dem er sich zu sonnen können glaubt.

Das ist für diejenigen, denen die Fähigkeit, sich eine eigene Persönlichkeit mit Urteilsfähigkeit und Menschenverstand zu geben, fehlt, ein Angebot, das sie nicht ausschlagen können. Ohne Leistung, ohne Können, ohne Kompetenz und ohne Wissen werden sie einfach nur dadurch, dass sie ein Tweet bei Twitter melden oder einen Post bei Facebook, zum Helden. Sie mutieren in ihren Augen zum Verteidiger der Demokratie und oft genug auch der Meinungsfreiheit, obwohl sie beider Totengräber sind. Sie fühlen sich plötzlich als wer, besser als der, den man denunziert hat. Und wo ganz wenig ist, gilt eben wenig viel.

Heiko Maas kommt das Verdienst zu, Randbedingungen geschaffen zu haben, die das wieder ermöglichen, was Historiker wie Richard Evans und Robert Gellately in ihren Arbeiten umfangreich beschrieben haben. Evans ist einer der besten Kenner der Geschichte des Dritten Reiches. Beide, Evans wie Gellately, haben die Idee, dass die Deutschen ein Volk der von Hitler Verführten und von der Gestapo Überwachten waren, zurückgewiesen und in vielen Beiträgen als falsch belegt. Gellately hat dies am Beispiel der Gestapo-Akten u.a. aus Würzburg getan, die sehr deutlich zeigen, dass nicht die Gestapo Ausgangspunkt eines Klimas war, in dem Deutsche des Deutschen Wolf wurden, dass vielmehr die Gestapo von einer Welle der Denunziation getrieben, ja fast weggeschwemmt wurde. Gesetze, die Juden im Dritten Reich zu Aussätzigen erklärt haben, schufen die Grundlage, auf der die Denunziation von Deutschen geblüht hat. Der Grundstock der Boshaftigkeit, er scheint in Deutschland 1933ff in gleicher Weise vorhanden gewesen zu sein, in der er heute vorhanden ist. Viele kleine Denunzianten, die die schmitzige Arbeit des Staates voller Freude erledigen.

Dass die politische Kultur in Westdeutschland auch nach dem Zweiten Weltkrieg keine grundlegend andere geworden ist, dass Untertänigkeit immer noch höher im Kurs stand als Solidarität mit Mitbürgern, das wissen wir aus der Studie von Almond und Verba. Dass die SED in Ostdeutschland die Kultur der Untertänigkeit, die immer eine Kultur der Boshaftigkeit und Missgunst war, für sich ausgenutzt hat und mit dem Ministerium für Staatssicherheit eine Institution zur Beschnüffelung der eigenen Bürger geschaffen hat, die der Gestapo kaum, wenn überhaupt, nachstand, eine Institution, die auf mehr als eine Million Inoffizielle Mitarbeiter zurückgreifen konnte, die eifrig, wie z.B. der Führungsoffizier von Anetta Kahane es ausgeführt hat, am sozialistischen Heil gearbeitet haben und damit das sozialische Heil auch erreicht wird, Mitbürger bespitzelt und denunziert haben, ist ebenfalls bekannt.

Man muss also feststellen, dass es in Deutschland eine Kultur der Boshaftigkeit gibt, die man anzapfen kann, wie dies Heiko Maas getan hat, um Bürger gegen Bürger in Stellung zu bringen, um diejenigen sich mit der Obrigkeit solidarisieren zu sehen, die zu den kleinen unter den Lichtern gehören und es nötig haben, durch ihren unermüdlichen Kampf für eingebildete Konzepte und gegen konkrete Mitbürger, Surrogat-Selbstwert zu kaufen. Wie gesagt, Tajfel, Turner, Milgram und Sherif, sie haben die sozialpsychologische Ärmlichkeit beschrieben, auf denen ein Denunziant wächst und gezeigt, wie einfach es ist, aus einem schüchternen Bürger einen brutalen Verteidiger von Konzepten zu machen, die er nicht einmal kennt.

Heiko Maas wird von nachfolgenden Generationen für sein NetzDG gescholten werden. Historiker werden es anführen, wenn sie die Brutalisierung und Entmenschlichung des öffentlichen Diskurses, wie sie unter Merkel stattgefunden hat, erklären wollen. Andere werden wieder einmal auf die Banalität des Bösen verweisen, die mit Gesetzen wie dem NetzDG losgelassen und tausendfach in Aktion gesetzt wurde. Wieder andere werden einen neuen Anwendungsfall von Stanley Milgrams Erkenntnissen darüber sehen, wie leicht es doch ist, ein kleines Menschlein, das nicht weiß, was es ist und keine Leistung erbracht hat, um eine Persönlichkeit darauf zu bauen, mit einem Ersatz für beides zu versorgen, der es dazu motiviert, nun, da es etwas ist, andere, die eben anders sind, zu denunzieren und zu bestrafen.

Heiko Mass ist der Ausgangspunkt eines neuen Kapitels im Buch, das der deutschen Kultur der Boshaftigkeit gewidmet ist. Die Geschichte wird ihm dafür den Platz einrichten, der ihm gebührt.

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Boykottiert Ben und Jerry’s und Unilever! Gelebte Konsumentenmacht

Ein Leser von ScienceFiles hat auf die Zusammenarbeit (oder soll man nicht besser sagen: Konspiration) von Ben und Jerry’s, also von Unilever, mit der Amadeu Antonio Stiftung auf eine – wie wir finden – sehr konstruktive Art und Weise reagiert.

War es nicht ein besonderes Lieblingskind der Linken, über Boykotte zu versuchen, auf Unternehmen Einfluss zu nehmen oder Unternehmen wie BP dafür abzustrafen, dass ihnen eine Bohrinsel in die Luft geflogen ist?

Arbeitet nicht Greenpeace bis heute mit dem Drohmittel “Boykott”, um gegen Unternehmen vorzugehen, die die Ideologie von Greenpeace nicht teilen?

Nun, es ist Zeit, eine neue Seite aufzuschlagen und darauf hinzuweisen, dass diejenigen, die von Ben und Jerry’s gemeinsam mit der Amadeu Antonio Stiftung im besten Fall erzogen und im schlechtesten Fall verleumdet werden, über Konsumentenmacht verfügen. Da mit einer nicht-linken politischen Einstellung einhergeht a) seltener von Hartz-Iv zu leben, b) häufiger einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, c) regelmäßig ein über dem Durchschnitt liegendes Verdienst sowie d) eine höhere Bildung und e) eine höhere Kaufkraft zu haben als mit einer linken Einstellung, ist es an der Zeit, diese Markt- und Konsumentenmacht auch zu nutzen.

Ben und Jerry AAS

Deshalb unterstützen wir die Initiative unseres Lesers Andreas Damm: Boykottiert Ben und Jerry’s Eis, so lange das Unternehmen versucht, wie ein verhinderter Social Justice Warrior seine Konsumenten zu erziehen und solange das Unternehmen mit der Amadeu Antonio Stiftung konspiriert und erweitert den Boykott gleich auf Unilever, for good measure, also den Hersteller von Lipton Tea, von Dove, Bertolli, Carte d’Or, Knorr, Magnum, Coral und so weiter.

Nutzen Sie, was in der Forschung als six-degree of Separation bekannt ist. Sechs Bekannte reichen, um einen Brief in den USA über Bekannte von der Ost- and die Westküste zu übermitteln. Das klassische Experiment von Stanley Milgram zeigt, wie gut vernetzt Menschen sind und wie weit die Kreise sind, die ein Aufruf wie der von Andreas Damm in kurzer Zeit ziehen kann!

Und hier die Initiative von Andreas Damm, die wir zur Nachahmung empfehlen, im Original:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie machen jetzt gemeinsame Sache mit der Amadeu-Antonio-Stiftung?

Mit diesem Stasi-Verein?

Dann habe ich das letzte Mal Ihr Eis gegessen.
Denn davon bekomme ich jetzt nur noch Brechreiz.

Um zu verstehen, warum das jetzt so ist, untersuchen Sie mal, was die Amadeu-Antonio-Stiftung genau macht, und mit wem sie gemeinsame Sache macht, und wer ihr vorsteht:

Fragen Sie sich doch einmal, ob Meinungen, die vom Mainstream (was ist das eigentlich in Deutschland? Das sind von der Regierung ausgegebene Parolen, mit denen der gemeine Bürger nicht immer in Übereinstimmung stehen muß, die aber über die Staatssender ARD/ZDF/DLF und fast alle Print-Medien in Deutschland als die “EINZIGE” Wahrheit ausgegeben werden) abweichen, sofort pauschal als “rechtsextremistisch” kategorisiert werden und deren Urheber als “Nazis” verunglimpft und beleidigt werden.

Im Gegenzug dazu werden Autos und Eigentum der Menschen, welche sich als Bürgerliche “outen” und sich dazu bekennen, daß sie nichts mit linken Werten anfangen können, von linksextremen Antifa-Mitgliedern abgebrannt und zerstört.

Unter diesen bürgerlichen “Abweichlern” (von linkem Gedankengut) macht sich mittlerweile Verunsicherung und Angst breit. – Wollen Sie das???
Dazu hört man von der Amadeu-Antonio-Stiftung NICHTS!

Solange Sie also diese unsägliche Organisation weiter unterstützen, werde ich meine Familienmitglieder, meine Freunde, Verwandten und Kollegen bitten, keine Eiskrem aus Ihrem Haus mehr zu konsumieren.

In der vagen Hoffnung, daß Sie es sich noch einmal überlegen und sich umorientieren,

verbleibe ich

mit freundlichem Gruß,

Andreas Damm

Die kleine Welt der Genderisten – Netzwerkforschung auf ScienceFiles

von Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Six Degrees of Separation

Jeder Mensch hat Bekannte, Leute die er besser kennt und solche, die er vielleicht lieber nicht kennen würde. Sozialwissenschaftler nennen die Menge von Bekannten ein soziales Netzwerk. Wie groß ist ein soziales Netzwerk, und wie sehr ist es in sich geschlossen? Diese Fragen haben sich die amerikanischen Sozialpsychologen Jeffrey Travers und Stanley Milgram bereits in den 1960er Jahren  gestellt und beantwortet. Dazu benötigten sie einen Börsenmakler aus Boston und Personen, die diesen nicht kannten und so weit wie möglich von ihm entfernt waren, sozial wie räumlich. Travers und Milgram fanden diese Personen in Nebraska und gaben ihnen eine Aufgabe. Sie sollten einen Brief zum Bostoner Börsenmakler befördern. Allerdings nicht per Post, sondern durch ihre Bekannten: “Geben Sie den Brief an einen ihrer Bekannten, den sie mit dem Vornamen anreden und von dem sie glauben, er könne den Brief selbst oder über einen weiteren Bekannten dem Börsenmakler übergeben.” Die Bedingung lautete auch hier: Derjenige, der letztlich den Brief übergibt, muss den Börsenmakler mit dem Vornamen anreden. Tatsächlich kam eine erkleckliche Anzahl von Briefen in Boston an. Erstaunlicher war jedoch, was Travers und Milgram in der Folge herausfanden: Im Durchschnitt ging ein Brief lediglich durch sechs Hände, ehe er am Ziel ankam. Ein erstaunliches Ergebnis angesichts von 250 Millionen US-Amerikanern.

Die Welt ist ein Dorf

WattsIm Jahr 1998 haben die Physiker Duncan Watts und Steven Strogatz eine Renaissance von Travers und Milgrams alter Forschung bewirkt und zu hektischer Betriebsamkeit unter Wissenschaftlern Anlaß gegeben. Die Betriebsamkeit, die bis heute anhält, hat den “small-world-effect” zum Gegenstand. Ist dieser am Werk, dann wird aus einer unüberschaubaren Menge von Menschen, die nichts mit einander zu tun zu haben scheinen, eine kleine Welt, in der jeder mit jedem verbunden werden kann. So zeigten Watts und Strogatz, dass es durchschnittlich nur dreier Bekannter bedarf, um jeden der 200.000 Schauspieler, die in der Movie-Data-Base abgelegt sind, mit jedem anderen zu verbinden. Doch nicht nur beim Film gibt es kleine Welten, auch in der Wirtschaft: Die Ökonomen Bruce Kogut und Gordon Walker (1999) haben für Deutschland gezeigt, wie klein die Welt der 500 größten Unternehmen ist: Fünf Bekannte sind im Schnitt notwendig, um jedes beliebige deutsche Großunternehmen mit jedem anderen zu verbinden.

Schnittstellen und Inhalte

Die beschriebenen Forschungen sind ähnlich und doch trennt sie ein entscheidender Punkt. Travers und Milgram waren an der generellen Durchlässigkeit der Sozialstruktur, der generellen Verknüpfung der amerikanischen Gesellschaft interessiert und wählten nicht umsonst die größtmögliche räumliche Entfernung und variierten nicht umsonst die soziale Position ihrer  Ausgangspersonen im Vergleich zum Börsenmakler. Watts und Strogatz oder Kogut und Walker beschäftigen sich mit insofern “geschlossenen Gesellschaften” als die Gruppen, die sie untersuchen, ein gemeinsames Merkmal aufweisen, das sie bereits innerhalb der Struktur ihrer Gesellschaft verortet. Sie geben somit das soziologische an der Forschung von Milgram auf und interessieren sich nur noch für den Verknüpfungsgrad.

New Beginning

SciencefilesWir auf ScienceFiles wollen die Forschung von Travers und Milgram wieder beleben, und zwar in ihrer ursprünglichen Version. Wir gehen davon aus, dass die Methode von Travers und Milgram eine geeignete Methode ist, um Netzwerke unterschiedlicher sowohl räumlicher als auch sozialer Distanz/Nähe aufzuspüren, Netzwerke ersten, zweiten und x-ten Grades. Wenn z.B. ein Angestellter im Bauamt der Stadt X, dem Schreiner Y, der ihm persönlich bekannt ist, einen Hinweis auf eine Ausschreibung gibt, dann ist dies ein Netzwerk ersten Grades. Wenn der Schreiner einem bekannten Maler den Tipp des Angestellten im Bauamt weitergibt, dann ist dies ein Netzwerk zweiten Grades usw. Wenn ein Leiter eines Fachbereichs einer politischen Stiftung einem Bekannten einen Tipp auf eine Veröffentlichung in seinem Fachbereich gibt, in der Erwartung, der Bekannte werde die Veröffentlichung weitertragen, sich, wie Dr. habil. Heike Diefenbach dies nennt, als Multiplikator betätigen, dann ist dies ein Netzwerk ersten Grades. Unsere Modellierung  hat zudem den Vorteil, dass man unabhängig von der Gradierung des Netzwerks, “Gedankenwelten” erforschen kann, also nicht nur soziale und räumliche, sondern auch die Nähe im Hinblick auf das, was Philip E. Converse (1964) Überzeugungssysteme (belief systems) genannt hat.

Während die Bestimmung des Grades der Nähe zum Ausgangspunkt in einem Netzwerk ab einem bestimmten Punkt in der Zeit, problematisch wird, weil die Komplexität der Geflechte so groß geworden sein kann, dass man keine klare Trennung mehr zwischen den einzelnen Entfernungsgraden zum Ausgangspunkt herstellen kann, so kann man doch sagen, dass alle, die sich dem Netzwerk anschließen oder anschließen lassen, eine gewisse Gedankenwelt teilen.

Die Gedankenwelt der Genderisten und der Gender-Kritiker

Die letzte Veröffentlichung aus der ideologischen Schmiede der Heinrich-Böll-Stiftung (HB-Stiftung), dem Gunda-Werner-Institut, ist perfekt geeignet, um unsere neue Methode deutlich zu machen.

Die Veröffentlichung des Werkes:

Frey, Regina, Gärtner, Marc, Köhnen, Manfred & Scheele, Sebastian (2013). Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie. Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung, Gunda-Werner Institut.

hat eine Reihe von Reaktionen nach sich gezogen, und es hat auf Seiten der Genderismus-Kritiker eine recht schnelle Verbreitung gefunden.

Beiträge, die auf eine Vernetzung ersten Grades schließen lassen und einer gemeinsamen Gedankenwelt der Gender-Kritik entspringen, finden sich auf

  1. Alles Evolution
  2. Genderama
  3. ScienceFiles
  4. Danisch
  5. Zettels Raum
  6. Feuerbringer-Magazin
  7. Spiegel Online
  8. Telepolis

Die Blog-Betreiber und Redakteure finden sich in einer gemeinsamem Gedankenwelt zusammen und sind miteinander über bestimmte moralische Vorstellungen, wissenschaftliche Standards und methodische Kenntnisse verbunden. Wer sich die Mühe macht, die Links oben zu klicken, wird feststellen, dass alle Kritiker sich mit dem Werk aus der HB-Stifung argumentativ auseinandersetzen und in zumeist elaborierter Weise auf die vielen Fehler, Auslassungen und Fehlschlüsse im Werk der HB-Stiftung hinweisen. Ein deutlicher Beleg, der wissenschaftlichen Standards verpflichteten Gedankenwelt, die sie teilen.

Der Gedankenwelt der Kritiker der neuesten Veröffentlichung aus dem Hause Heinrich-Bölls, stehen diejenigen gegenüber, die das Werk nicht wegen seiner Mängel kritisieren, sondern im Gegenteil, die die darin vertretene Gedankenwelt teilen. Die Liste der Bekanntschaften ersten Grades, die eine gemeinsame Gedankenwelt teilen, ist jedoch recht kurz. Trotz einer intensiven Recherche ist es uns nicht gelungen, mehr als drei Bekannte ersten Grades zu finden, die mit dem Werk aus der HB-Stiftung in Verbindung gebracht werden wollen:

  1. GZ Uni PaderbornAuf der Seite des Zentrum für Geschlechterstudien der Universität Paderborn findet ich ein Verweis auf das Werk aus der HB-Stiftung als “Tipp der Woche”. Warum der Tipp der Woche, Tipp der Woche ist, wird nicht begründet. In der Gedankenwelt der Genderisten kommen Argumente und Begründungen nicht vor, sie werden durch affektive Bindungen, Emotionen und “Argumentationshilfen” ersetzt.
  2. Legal Gender HBAuf den Seiten der Legal Gender Studies , die der Universität Hamburg zugeordnet sind, weist Dr. jur. Ulrike Lembke, Juniorprofessorin für Öffentliches Recht und Legal Gender Studies an der Universität Hamburg, auf die “lesenswerte Argumentationshilfe” aus der HB-Stiftung hin und behauptet, die “lesenswerte Argumentationshilfe” würde zeigen, wie sehr die Kritik des Genderismus als unwissenschaftlich auf “einem Doppelstandard” basiere. Der Doppelstandard wird  leder nicht näher spezifiziert , ein Doppelstandard halt (Die Wirkung von Doppelstandard soll nach Ansicht von Juniorprofessorin Lembke wohl über die affektive Konnotation “Doppelstandard = schlecht” erfolgen).
  3. neue WegeHBDie letzte Nennung des Werkes aus der HB-Stiftung, die letzten Bekannte ersten Grades der HB-Stiftung findet sich – ausgerechnet – auf den Seiten von neue Wege für Jungs.. Dort heißt es: “Die Publikation geht dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit nach und gibt Argumente für eine Auseinandersetzung an die Hand. Im Schlagwort “Genderismus” zum Beispiel werden unterschiedlichste Sachverhalte aus Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik vermischt. Mit dieser Publikation möchten wir OrganisationsvertreterInnen und AktivistInnen sowie Institutionen, die in diesem Bereich unterwegs sind, dabei unterstützen, in Kampagnen gegen (pro)feministische Veröffentlichungen die entsprechenden Anwürfe zu verorten und sachbezogen zu reagieren.” Das sachliche Reagieren auf Anwürfe wäre sicher glaubwürdiger, wenn Kritik am Genderismus nicht generell als Anwürfe bezeichnet würde. Man kann eben nicht verbergen, wes’ Geistes Kind man ist, und totalitäre Geister oder closed minds können eben nicht anders als Kritik am eigenen Glaubenssystem, eben weil sie affektiv und nicht rational daran hängen, als “Anwurf” abzuwehren. Und wes’ Geistes Kind hinter der Seite “Neue Wege für Jungs” steht, wird auch mehr als deutlich. Fragt sich nur, wer hier wen bezahlt…

Die Liste derjenigen, die öffentlich mit der Gedankenwelt der HB-Stiftung in Verbindung gebracht werden wollen, ist nicht lang, aber die Gemeinsamkeiten sind offensichtlich: Keine Argumente und weil man keine Argumente hat, erwartet man sich Hilfe von einer “Argumentationshilfe”  (oder wie Heike Diefenbach sagt: “Wer etwas argumentieren will, wofür ihm eine Argumentationshilfe zur Verfügung gestellt werden muss, dem ist  nicht mehr zu helfen), und weil man keine Argumente hat, gibt es nur affektive und keinerlei rationale Reaktionen oder den schlichten “Tipp”. Kurz: Genderisten zeigen wieder einmal deutlich, dass sie eine Sekte und nicht anderes als eine Sekte sind, die sich um einen gemeinsamen emotionalen Kern reiht, der vielleicht gefühlt wird, aber eines sicher nicht: rational argumentiert.

©ScienceFiles, 2013

Literatur

Converse, Philip E. (1964). The Nature of Belief Systems in Mass Public. In: Apter, David E. (ed.). Ideology and Discontent. London:  Free Press, pp.206-261.

Kogut, Bruce & Walker, Gordon (1999). The Small World of Firm Ownership in Germany. Social Capital and Structural Holes in Large Firm Acquisition – 1993-1997.

Travers, Jeffrey & Milgram, Stanley (1969). An Experimental Study of the Small World Problem. Sociometry 32(4): 425-443.

Watts, Duncan J. & Strogatz, Steven H. (1998). Collective Dynamics of ‘Small-World’ Networks. Nature 393: 440-442.

“Sind wir alle Nazis?”

Stellen Sie sich vor, Sie haben sich freiwillig gemeldet, um an einem Experiment teilzunehmen. Sie treffen vor Ort den Leiter des Experiments, einen jungen ernsthaften Mann in weißer Laborkleidung und einen anderen Teilnehmer am Experiment, Herrn Schmidt, ein Verwaltungsangestellter in mittlerem Alter, etwas untersetzt und übergewichtig, mit bereits hoher Stirn. Der Leiter des Experiments erklärt Ihnen beiden, dass das Ziel des Experiments darin besteht, die Wirkung zu untersuchen, die von Bestrafung auf die Fähigkeit, zu lernen ausgeht. Durch Los wird entschieden, dass Sie die Rolle des Lehrers einnehmen, während Herr Schmidt die Rolle des Lernenden ausfüllen soll. Sie erfahren nun, dass ihre Aufgabe darin besteht, das Gedächtnis von Herrn Schmidt zu trainieren und ihm immer dann, wenn er einen Fehler macht, einen elektrischen Schock zu verpassen, um sein Lernen zu motivieren. Sie beobachten, wie der Leiter des Experiments die Arme von Herrn Schmidt an den Stuhllehnen und seine Beine an den Stuhlbeinen festschnallt, ihm die Ärmel seines Hemdes aufkrempelt, um Elektroden anzubringen, und zwar nicht ohne zuvor eine “Salbe” aufzubringen, die verhindern soll, dass Herr Schmidt Verbrennungen erleidet. Nebenbei hören Sie mit, dass Herr Schmidt, dem Leiter des Experiments sagt, er habe ein Herzproblem. Der Leiter des Epxeriments versichert Herrn Schmidt, dass das Experiment bei ihm keine bleibenden Schäden hinterlassen wird. Damit Sie eine Vorstellung von den Schmerzen haben, die Herr Schmidt durch die elektrischen Schocks erleiden wird, gibt Ihnen der Leiter des Experiments einen leichten Stromschlag. Er führt Sie anschließend in den Kontrollraum, in dem Sie vor dem Schock-Generator Platz nehmen. Die Maschine hat 30 Schalter die von 15 Volt bis 450 Volt reichen, über dem Schalter für 15 Volt steht: “leichter Schock” über dem Schalter für 450 Volt steht “XXX”.

Ihre Aufgabe besteht nun darin, Herrn Schmidt eine Reihe von Multiple-choice Fragen zu stellen. Beantwortet Herr Schmidt eine Frage richtig, dann fahren Sie mit der nächsten Frage fort. Beantwortet Herr Schmidt eine Frage falsch, dann geben Sie ihm die richtige Antwort und einen Stromstoß. Wenn Sie einen Schalter umlegen und damit (vermeintlich) Herrn Schmidt einen  Stromstoß geben, flackern rote Lichter, sie hören ein summendes Geräusch im Raum, in dem sich Herr Schmidt befindet. Nach jedem Fehler, so wird Ihnen gesagt, sollen Sie die Stromstärke um 15 Volt erhöhen. Und während das Experiment seinen Lauf nimmt, hören Sie Herrn Schmidt immer häufiger aufschreien und in immer dramatischeren Worten zunächst darum bitten, dann zu fordern, das Experiment abzubrechen (die Antworten der originalen Herrn Wallace sind in der Textbox zusammengestellt).

Reaktionen von Mr. Wallace im ursprünglichen Experiment von Milgram

Mit zunehmender Stärke der Stromschläge wächst Ihr Unwohlsein. Sie suchen Versicherung beim Leiter des Experiments, der auf Ihre Rückfragen antwortet, in dem er Sie auffordert, mit dem Experiment fortzufahren, Sie darüber aufklärt, dass es für das Gelingen des Experiments wichtig ist, dass Sie fortfahren, dass es grundlegend wichtig ist, dass Sie fortfahren und Ihnen, wenn all das  nichts nutzt, sagt, Sie hätten keine andere Wahl als fortzufahren.

Wie hätten Sie sich verhalten?  Stanley Milgram hat eine Reihe von Experten gefragt, was sie glauben, wie Sie sich verhalten werden. Keiner der Experten war der Ansicht, Teilnehmer des Experiments würden Herrn Schmidt Stromstöße geben, deren Stärke 135 Volt (moderater Stromschlag) übersteigt. Tatsächlich haben die Experimente von Stanley Milgram ergeben, dass 65% der Teilnehmer am geschilderten Experiment bereit waren, die ganze Strecke zu gehen und Herrn Schmidt tödliche Stromstöße von 450 Volt zu geben. Dieses Ergebnis hat Stanley Milgram zu der Frage veranlasst, die den Titel dieses posts ausmacht: “Sind wir alle Nazis?”

Kaum ein Ergebnis sozialpsychologischer Forschung hat solche Wellen geschlagen, wie die Ergebnisse der Experimente von Milgram. Bis heute versuchen Wissenschaftler aus aller Herren Länder mit den Resultaten zu Rande zu kommen und die grundlegende Frage danach zu beantworten, wann Menschen aus Gehorsam für eine Autorität bereit sind, andere Menschen zu töten. Stephen Reicher und S. Alexander Haslam (2011) haben einen der neuesten Versuch unternommen, mit den Ergebnissen der Experimente von Milgram zu Rande zu kommen.

Ausgangspunkt der beiden Autoren ist die große Vielzahl von weiteren Experimenten, die Milgram nach dem oben geschildetern Basisexperiment unternommen hat. In diesen weiteren Experimenten hat Milgram die Nähe zwischen dem Leiter des Versuches und demjenigen, der die Rolle des Lehrers einnimmt, variiert, er hat die Experimente aus den autoritätsträchtigen Hallen der Univerity of Yale in ein Bürogebäude verlegt und das Erscheinungsbild des Leiters der Experimente verändert. Dabei hat sich gezeigt, dass die Bereitschaft der “Lehrer”, Herrn Schmidt Stromstöße zu verpassen, mit der Umgebung (Bürogebäude anstelle einer Universität), mit der Distanz zum Leiter der Experimente (anwesend bzw. nur telephonisch erreichbar) und mit der autoritären Ausstrahlung des Leiters der Experimente (Laborkleidung versus normaler Straßenanzug) gesunken ist.

Reicher und Haslam erklären diese differenzielle Bereitschaft Stromstöße auszuteilen, mit einer Theorie sozialer Zuordnung, die zu eher beunruhigenden Konsequenzen führt. Die “Lehrer”, so Reicher und Haslam, geraten im Verlauf des Experiments in ein Dilemma, denn Sie sind auf der einen Seite mit der Notwendigkeit, das Experiment fortzusetzen, konfrontiert und hören auf der anderen Seite die Reaktionen von Herrn Schmidt. In dieser Situation suchen die “Lehrer” sich rückzuversichern, sie versuchen letztlich die Verantwortung für Ihr Verhalten an den Leiter der Experimente weiterzugeben. Je (räumlich) näher sich nun der Leiter des Experiments und der “Lehrer” sind, desto eher gelingt es den “Lehrern”, mit dem Leiter der Experimente eine vermeintlich gemeinsame soziale Identität aufzubauen, eine Gruppenidentität “Wir die Lehrenden” aufzubauen. Die “Lehrer” sehen sich selbst als “sharing a common social identity with the experimenter” (Reicher & Haslam, 2011, S.167). Die Etablierung dieser gemeinsamen oder sozialen Identität durch die “Lehrer” ist umso einfacher, je mehr Autorität der Leiter der Experimente z.B. durch seine Kleidung ausstrahlt. Anders formuliert: Wenn sich die “Lehrer” in autoritärer Geborgenheit wähnen und ihre eigene Verantwortung an eine Person abschieben können, der sie eine hierarchisch höhere Position einräumen, dann sind die entsprechenden “Lehrer” zu extremen Handlungen bereit, um den entsprechenden “Autoritäten” zu Willen zu sein.

Diese Interpretation der Ergebnise der Experimente von Milgram, die von Reicher und Haslam mit einer Reihe von Belegen untermauert wird, ist erschreckend und treibt einem den kalten Schauer über den Rücken, denn, was bedeuten diese Ergebnisse für die heute so hoch geprießene soziale Intelligenz, für die angeblich so wichtige soziale Einbindung? Was haben die Ergebnisse für Konsequenzen in einer Gesellschaft, die Zugehörigkeit über soziale Identitäten beschafft. Die Reaktionen auf den letzten “Unsinn der Woche”, die in erster Linie aus Anfeindungen und in zweiter Linie aus Ärger bestehen, haben mich dazu veranlasst, die entsprechend Reagierenden als Mitglieder eines Kults zu sehen, Personen also, die eine gemeinsame soziale Identität teilen, zu deren Verteidigung sie zumindest nicht vor Beleidigungen und Anfeindungen zurückschrecken. Diese Reaktionen sind, so schätze ich, vergleichbar mit 150 Volt auf dem Schock-Generator. Was kommt als nächstes?

Reaktionen wie die berichteten sind kein Einzelfall. Genderisten werden nicht müde, die schulischen Nachteile von Jungen entweder weg reden zu wollen oder als gerechte Strafe für die vermeintliche, Jahrhunderte lange Unterdrückung von Frauen zu rechtfertigen. Auch hier opfern Mitglieder eines Glaubenskults, der von einer gemeinsamen sozialen Identität zusammen gehalten wird, eben einmal die Lebenschancen von 10000en von Menschen. Ich schätze, diese Reaktion wäre bei rund 270 Volt. Soziale Identität, das Unterordnen der eigenen pseudo-Identität unter ein größeres Ganzes scheint auch das zu sein, was Demonstranten zu militantem Verhalten motiviert. Der gemeinsame Protest gegen eine Startbahn, einen Bahnhof, die Banker, die G20-Führer usw. stiftet einen gemeinsamen Sinn, eine gemeinsame Identität, von der aus es nur ein kleiner Schritt ist, bis die Autos von Unbeteiligten zerstört werden und die Fensterscheiben der Läden kleiner Händler eingeworfen werden. Vermutlich sind wir hier bei 285 Volt auf der Milgram-Skala.

Angesichts der destruktiven Wirkung sozialer Identität, die sich vor allem dann einstellt, wenn die soziale Identität als  Ersatz für eine personale Identität fungiert, ist es einfach nur erschreckend zu sehen, wie entindividualisierende Ideologien wie Sozialismus und Kommunitarismus in Mode kommen. Es fühlt sich an, wie das Warten auf eine angekündigte Katastrophe.

Epilog

Ein Ergebnis der Studien von Milgram, das geeignet sein sollte, die unsägliche Diskussion darüber, ob Frauen zur Gewalt fähig sind oder nicht doch als Gewalt empfangendes Opfer geboren werden, zu beenden, besteht darin, dass sich keinerlei Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Versuchspersonen in der Rolle des “Lehrers” ergaben. In beiden Gruppen gingen 65% bis zum Äußersten.

Reicher, Stephen & Haslam, S. Alexander (2011). After Shock? Towards a Social Identity Explanation of the Milgram ‘Obedience’ Studies. British Journal of Social Psychology 50(2): 163-169.

Bildnachweis:
Hamburger Abendblatt

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