Nun würde man erwarten, dass Arbeitslose mobil sind und sich nach einem Arbeitsplatz umsehen, selbst wenn derselbe mehrere hundert Kilometer von ihrem derzeitigen Wohnsitz entfernt ist, selbst wenn er in einem anderen Land der Europäischen Union liegt. Diese Mobilität des Faktors Arbeit sagt zumindest die reine ökonomische Lehre voraus und diese Hoffnung, dass Arbeiter zu den Arbeitsplätzen kommen, weil die Arbeiter im Vergleich zu den Arbeitsplätzen mobiler sind, hat die Harmonisierung des Binnenarbeitsmarkts und die Freizügigkeitsregelungen innerhalb der EU getrieben. Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Die Arbeitsplätze bleiben ungefüllt und die meisten Arbeitslosen bleiben stationär.
Die Immobilität von Arbeitslosen, die durch den Sozialstaat begünstigt, wenn nicht befördert wird, ist für Gewerkschaften natürlich von Nutzen, gibt sie den Gewerkschaftsfunktionären doch die Möglichkeit, die Arbeitslosen als Beleg für die Schlechtigkeit „des Kapitals“ anzuführen und gleichzeitig die eigene Verantwortung dafür zu leugnen, dass Arbeitslose arbeitlos bleiben, weil gewerkschaftliche Tarifpolitik die Möglichkeit für z.B. ungelernte Arbeiter auf gering bezahlten Stellen einen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden, weitgehend vernichtet. Aber das nur nebenbei.
Das neustes Steinchen im Mosaik der Wettbewerbsfähigkeit, an dem die EU-Kommission bastelt, wurde gerade im Rahmen des 4th Annual Report on Immigration and Asylum (2012) vom 17. Juni 2013 gelegt. Die Ergebnisse des Reports, der wieder einmal zeigt, dass die EU für Fachkräfte aus Übersee, aus Indien oder Asien nicht sonderlich attraktiv ist (im Report hat dies die folgende euphemistische Formulierung gefunden: „The EU has increasingly to compete with, for example Canada, the US and Switzerland, to attract talent“), haben die EU-Kommission dazu veranlasst, die Mitgliedsstaaten zu einer zukunftsorientierten Migrationspolitik aufzurufen.
Dieser Aufruf umfasst zum einen die alten Hüte, die bereits in der Vergangenheit ihren Niederschlag in der Blue Card Directive gefunden haben, mit der es Unternehmen erleichtert werden soll, Fachkräfte aus Drittstaaten anzuwerben und mit der es diesen Fachkräften erleichtert werden soll, in die EU einzureisen, sich in der EU niederzulassen, in der EU zu arbeiten und zu leben. Zum anderen hat sich die EU etwas Neues einfallen lassen, das aufgrund seiner Trivialität fast schon als revolutionär zu bezeichnen ist.
Den verantwortlichen Mitgliedern der EU-Kommission ist nämlich aufgefallen, dass in der EU bereits eine große Anzahl von Fachkräften lebt, oftmals hochgebildete Fachkräfte, wie Ärzte, Computerspezialisten, Mathematiker uvm., die gewöhnlich als Asylbewerber oder Geduldete geführt werden. Allein im Jahre 2011 haben rund 330.000 Personen in der EU um Asyl nachgesucht. Tun sie dies in Deutschland, dann werden sie in einem entsprechenden Heim geparkt und harren dort oft jahrelang oder jahrzehntelang aus, bis es einem Verwaltungsrichter einfällt, dass er ein Asylverfahren ansetzen könnte.
„We are about to establish a common European asylum system that ensures protection of and solidarity with the most vulnerable ones. Many of these people are highly skilled and must be given the possibility to realize their full potential in their new countries“.
Dies sind zumindest neue Töne aus Brüssel, und man darf gespannt sein, mit welcher Reaktion dieser Vorstoß in Deutschland aufgenommen wird. Ich halte schon jetzt die Wette, dass von Gewerkschaften und von all denjenigen, die sich angeblich so sehr um Arbeitslose kümmern, Widerstand zu erwarten ist. Das Argument, das kommen wird: Aber wir haben doch selbst so viele Arbeitslose. Genau! Und deshalb braucht es jemanden, der den Arbeitslosen, die sich lieber einrichten und darauf warten, dass die Arbeit zu ihnen kommt, in den Hintern tritt, damit sie sich bewegen. Es braucht niemanden, der ihnen jahrzehntelang vorlügt, sie müssten nur warten und alles werde von selbst gut.
Brücker, Herbert (2012). The Labour Market Impact of Immigration and its Policy Consequences. Migration Policy Center MIC.
