Das Elend der Almende: Wenn Soziologen die Lust verlieren

The Tragedy of the Commons“, das Elend der Almende, das Garrett Hardin 1968 beschrieben hat, besteht in aller Kürze zusammengefasst darin, dass immer mehr Menschen in immer kürzerer Zeit kollektive Güter zu Grunde richten, weil alle Angst haben, dass sie zu kurz kommen.

Das Elend der Almende gibt es auch in einer anderen Variante: Als Trittbrettfahrerproblem, das darin besteht, dass alle sich gütlich an einem kollektiven Gut tun wollen, aber keiner dafür Arbeit investieren will. Deshalb gehen gute Ideen, wenn sie von Institutionen und nicht von motivierten Einzelnen getragen werden, vor die Hunde. Deshalb sterben Projekte, die mit viel Aussicht auf Erfolg gestartet werden, langsame Tode, weil niemand etwas dafür tun will und man investieren müsste ohne sicher sein zu können, den daraus resultierenden Nutzen privilegiert für sich zu haben und nicht mit anderen (Trittbrettfahrern) teilen zu müssen.

Das Elend der Almende in der gerade dargestellten Form ist eine Beobachtung, die man auch unter Soziologen regelmäßig machen kann.

So hat man bei der Deutschen Gesellschaft für Soziologie einmal gehört, dass man mit der Zeit gehen und einen eigenes Blog, in dem Soziologen versuchen, mit ihrer menschlichen Umwelt in Kontakt zu treten, betreiben müsse. Die gute Idee wurde mit viele Elan in Angriff genommen, geriet schon nach kurzer Zeit in institutionelles Stottern, das nur durch das Herausdeuten von Blog-Autoren kurzzeitig behoben werden konnte und nun zum vollständigen Erliegen des „Soziologen-Blog“ geführt hat. Der letzte Eintrag stammt vom 18. Dezember 2017.

RIP- DGS-Blog. Dass man Arbeit investieren muss, um sich präsentieren zu können, hat den Soziologen niemand gesagt.

Auch die Abspaltung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die Akademie für Soziologie ist von den Problemen, die sich aus der Kombination von menschlicher Trägheit mit menschlichem Opportunismus ergeben, hart getroffen. Die Abspaltung war notwendig, um Soziologie vor den Genderfurien zu retten. Der Elan war da. Der Vorstand wurde gewählt, Pöstchen wurden vergeben und eine Webseite ins Leben gerufen, eine mit „aktuellen Meldungen“, um Außenwirkung und Transparenz und soziologisches Leben zu beweisen. Die letzte „aktuelle Meldung“ stammt aus dem März 2018.

Auch die Akademie der Soziologie scheint am Elend der Almende in seiner zweiten Variante verendet zu sein: Alle wollen sich im Glanz der neuen Idee, der Aufbruchsstimmung durch Abspaltung sonnen, ein Pöstchen ergattern und … ja, was dann? Nichts tun.

RIP – Akademie für Soziologie. Das Gastspiel dauerte nur ein Semester. Dass man Arbeit investieren muss, um etwas ans Laufen zu bringen, das hat man den Beteiligten wohl nicht gesagt. Sie haben – wie so oft – mimetische Isomorphie praktiziert, Anderer Ideen übernommen und dabei vergessen: Nicht nur von der Idee allein lebt der Soziologe: Er muss sie auch zu Papier bringen, sprich: Etwas tun, jenseits der Theorie der Handlung.

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Unbekömmlicher Irrsinn

Das Bier ist tief gesunken. Vom einstigen Nahrungsmittel, Grundnahrungsmittel, ist es zum Gefährder der Gesundheit geworden, zum unbekömmlichen Getränk.

Sie sind der Ansicht, Ihnen bekomme Bier gut. Sie meinen, Bier sei ihnen bekömmlich, sei verträglich für sie, habe keine negativen Auswirkungen auf ihren allgemeinen Zustand?

Sie täuschen sich.
Die EU und der Bundesgerichtshof wissen es besser als sie.

Die EU weiß, dass Alkohol ab 1.2 Promille generell nicht gesundheitsfördernd ist. Das steht in einem der Tausend Gebote, die die EU regelmäßig als Lebensnachweis der eigenen Bürokratie auswirft.

Artikel 4 Absatz (3) der VERORDNUNG (EG) NR. 1924/2006 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel, „besagt, dass Getränke mit einem Alkoholgehalt von mehr als 1,2 Volumenprozent … a) keine gesundheitsbezogenen Angaben … tragen“ dürfen.

Warum nicht?
Na weil z.B. Bier mit mehr als 1.2 Promille Alkohol der Gesundheit nicht zuträglich ist. Die EU hat es so verordnet. Wenn ihr subjektives Befinden davon abweicht, dann sind sie nicht EU-verordnungskonform und sollten sich schnellstens um eine Compliance-Abteilung bemühen, um ihr Leben in einer EU-konformen Weise ausrichten zu können.

Dass Deutschland EU-konform wird, dazu hat der BGH heute mit einem grundsätzlichen Urteil beigetragen, in dem er festgestellt hat, dass die Werbung für Bier mit „bekömmlich“, die eine Brauerei im Allgäu betreibt, unzulässig sei.

Bekömmlich, so die Karlsruher Bundesrichter, verweise auf eine Verbesserung des Gesundheitszustands durch hier den Genuss von Bier oder zumindest darauf, dass vom Genuss des Bieres keine schädlichen Wirkungen auf die Gesundheit ausgingen, dass das Bier „leicht verdaulich“, „zuträglich“ sei. Die EU hat jedoch verordnet, dass Alkohol ab 1.2 Promille weder leicht verdaulich noch zuträglich und schon gar nicht bekömmlich für die Gesundheit sein kann.

Also ist Bier nicht bekömmlich, leicht verdaulich, zuträglich, egal, was Sie denken. Dass Sie der Meinung sind, dass ihnen Bier bekommt, für sie bekömmlich sei, liegt an ihrer erhöhten Alkoholtoleranz, die mit Sicherheit gegen eine andere EU-Norm verstößt, die wir derzeit aber nicht parat haben (aber wir finden sie!) und zeigt, dass sie in Gefahr oder jenseits der Gefahr sind, alkoholabhängig zu werden, denn nur Alkoholabhängige finden Bier bekömmlich.

Falls Ihr Leben und Ihr subjektives Befinden nach dem Trinken (NICHT: Genuss, das verstößt gegen EU-Richtlinien) von Bier immer noch nicht mit der VERORDNUNG (EG) NR. 1924/2006 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel vereinbar ist, raten wir ihnen, ihren Lebenswandel dringend und gemeinsam mit einem Lebenswandelberater, der von der EU zertifiziert und vom BGH gesegnet wurde, zu überdenken. Das lohnt sich, denn nichts ist wichtiger, als mit den zig-tausend EU-Regulationen im Einklang zu leben.

VSW – Mitgliedschaft: Teuer und ein Mittel, Konkurrenten abzumahnen.

Dass Bier nicht mehr „bekömmlich“ sein darf, verdanken Sie übrigens den Gutmenschen vom Verband Sozialer Wettbewerb. Der Verband, der – wie könnte es anders sein – ein eingetragener Verein ist, und dessen Finanzen mit keiner Transparenzrichtlinie in Einklang zu bringen sind, ganz einfach, weil sie in keiner Weise veröffentlicht werden, scheint einer der Vertreter einer neuen Unternehmensform, nämlich der sozialen Unternehmer zu sein, deren Ziel darin besteht, anderen zu helfen, und zwar dadurch, dass sie vermeintlich in deren Namen gegen dies und jenes klagen, von dem sie denken, es würde Verbraucher schädigen und natürlich schädigt uns die Werbung aus dem Allgäu, in der Bier als bekömmlich bezeichnet wird, in hohem Maße – oder etwa nicht!

Die Unternehmensidee entspricht der Idee großer Abmahnvereine, die das Netz mit dem Ziel durchsuchen, kleinere abmahnfähige Unterlassungen oder Versäumnisse zu finden, mit denen man dann Reibach machen kann. Reibach wollen wohl auch die Berliner von Verband Sozialer Wettbewerb machen, wie ein Blick auf ihre Jahresbeiträge zeigt. Dazu benötigt man Presse und Publicity. Das Verklagen kleiner Gegner, kleiner Brauereien scheint hier ein erfolgversprechender Weg zu sein, um diese neue Form des Unternehmertums, von der wir alle profitieren, weil Bier jetzt nicht mehr als bekömmlich bezeichnet werden darf, zu einem profitablen Geschäft zu entwickeln.

Es soll jedoch immer mehr Bürger geben, die sich die Einmischung derartiger Busybodies in ihr Leben verbieten, die bekömmliches Bier trinken wollen, egal, ob die EU verordnet hat, dass Bier nicht bekömmlich zu sein hat. Wir haben den Selbstversuch gemacht:

Clemens ohne Filter – das Bier zum Bügeln

Das Original von Clemens Härle: prachtvoll in der Farbe, einzigartig im Geschmack. Gebraut aus einer besonderen Mischung oberschwäbischer Gerstenmalze.
Unfiltriert wird dieses Bier direkt vom Lagertank auf Flaschen gezogen, deshalb auch sein Name: ohne Filter.

Und was dieses außergewöhnliche Bier zu einem echten Erlebnis werden lässt: die urige Bügelflasche und der originelle, handwerklich gefertigte Holzkasten.

Sein Alkoholgehalt liegt bei 5,4%.”

Sehr bekömmlich.
Prüfen Sie es.
Trinken Sie es.
Und wenn Sie es bekömmlich finden, dann schreiben sie es quer durch das Internet.

Härle Clemens ohne Filter ist:

B E K Ö M M L I C H.

Fakt!

Der ganze Irrsinn gehört einmal mehr in den Bereich der Einschränkung von Bürgerrechten unter dem Mantel der angeblichen Harmonisierung des Rechts der Mitgliedsstaaten der EU. Die Harmonisierung, die allein bei Verordnung (EG) NR.. 1924/2006 17 engbedruckt Seiten füllt, dient nicht der Harmonisierung, sondern der Beschaffung von Profitmöglichkeiten für Sozialunternehmer, die die vielen Verordnungen, die kein Mensch kennen kann, ausnutzen, um gegen all diejenigen vorzugehen, die noch nichts von Artikel 4 Absatz 3 in Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 gehört haben. Das Geschäft dieser sozialen Unternehmer ist ein lohnendes, sonst würden die verbraucherschützenden Wohltäter nicht wie Fliegenpilze aus dem Boden schießen. Es schafft Stellen für die vielen mittelmäßigen bis schlechten Absolventen der Juristerei, die sonst nirgends unterkommen und sorgt dafür, dass Verbrauchern unter dem Vorwand, man wolle ihre Interessen schützen, einmal mehr die Mündigkeit abgesprochen wird, selbst und für sich zu entscheiden, ob sie ein bestimmtes Bier bekömmlich finden oder nicht.

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Im Lebensstilghetto der Gesinnungsklone

Es hat uns früher amüsiert, wenn wir mit Deutschen konfrontiert waren, die viel Wert darauf gelegt haben, dass man zusammenpasst, wobei zusammenpassen bedeutet, dass diejenigen, die in den erlauchten Freundes- oder Bekanntenkreis oder in den Kreis derer, mit denen man sich gerne identifiziert oder schmückt, aufgenommen werden, in allen Punkte übereinstimmen müssen, von der politischen Einstellung über den Lebensstil bis zur Frage, was man Freitagsabends denn so macht.

darwin-greatDas Amüsement hat in der Weise nachgelassen, in der wir festgestellt haben, dass es Deutsche gibt, die das tatsächlich ernst meinen, die zu Leuten, die in einem Punkt nicht ihrer Meinung sind oder ihr Verhalten nicht teilen, jeglichen Kontakt abbrechen oder ihn zukünftig verweigern. Ob man zusammenpasse, das wollten Wissenschaftlerinnen aus Oldenburg prüfen, um zu entscheiden, wer in ein Graduiertenkolleg aufgenommen wird, für das sie eine Förderung durch die DFG beantragt hatten. Zum Glück war Dr. habil. Heike Diefenbach Mitglied der Kommission, die über die Förderung zu befinden hatte. Das Oldenburger Gesinnungs-Ghetto wurde verhindert.

Die Erlebnisse der Art, dass Deutsche, mit denen man gestern noch gute Kontakte hatte und mit denen man in einem Punkt verschiedener Meinung ist, diese Meinungsverschiedenheit so unerträglich finden, dass sie alle Gemeinsamkeiten der Vergangenheit über Bord werfen und sich in die vermeintliche Behaglichkeit ihrer Schmollecke zurückziehen, sie reichen bis in dieses Blog, in dem uns immer einmal wieder ein enttäuschter Kommentar eines Lesers erreicht, der bislang, ja über Jahre immer gerne ScienceFiles gelesen hat, bis der eine Artikel kam, der nicht seiner Meinung entsprochen hat, und deshalb hat ist er jetzt tief verletzt und verstört darüber, dass er sich in der Heiligsprechung von ScienceFiles so getäuscht hat.

Witzigerweise sind die Begründungen immer dieselben: empfundene Kälte, das Bild vom kalten rationalen Wissenschaftler, der keine Rücksicht auf die Herzleiden seiner Leser und ihre Befindlichkeit nimmt, sondern sein Argument macht. Schrecklich, vor allem dann, wenn man sich auf der falschen Seite dieses Arguments wiederfindet und in seiner Hilflosigkeit nur für sich reklamierte Gutheit ins Feld führen kann.

Wir fragen uns dann regelmäßig, ob es möglich ist, dass man z.B. unsere Beiträge über Gutmenschen gelesen haben und dennoch nicht in der Lage sein kann, zu verstehen, dass wir formale und keine inhaltlichen Argumente machen? Wir haben an Gutmenschen vor allem auszusetzen, dass sie sich formal zu mehrwertigen Menschen erklären, die notwendig von ihnen zu minderwertigen Menschen erklärten Menschen sagen wollen, was richtig für sie ist. Diese brummend primitive Form versuchter Herrschaft ist unabhängig vom Inhalt brummend primitiv. Offensichtlich sind manche Leser der Ansicht, dass wir an Gutmenschen vor allem die Inhalte bemängeln und stimmen uns, weil sie dieselben Inhalte gerade bemängeln, aus ganzem Herzen zu.

Popper objektive ErkenntnisUns sind die Inhalte aber weitgehend wurscht. Zur Erinnerung: Wir sind ein Wissenschaftsblog und wir argumentieren formal, z.B. am Konzept der prozeduralen Gerechtigkeit entlang, und aus Sicht prozeduraler Gerechtigkeit gibt es an der Feststellung, dass es einen Verstoß gegen die Regeln der Gerechtigkeit darstellt, wenn Personen, die nicht oder nur wenig oder gar nichts in eine Versicherung eingezahlt haben, genauso oder besser behandelt werden, wie Personen, die über Jahre eingezahlt haben.

Das ist eine logische Konsequenz, die man akzeptieren muss, wenn man am Konzept der Gerechtigkeit, der prozeduralen Gerechtigkeit festhalten will. Es wäre jedem Kommentatoren, der sich darüber echauffiert hat, dass wir z.B. bemängeln, wenn Kindererziehungszeiten aus Beiträgen zur Rentenversicherung honoriert werden, möglich festzustellen, dass es ihm nicht darum geht, prozedurale Gerechtigkeit herzustellen, sondern darum, Kinderbesitzer anderen gegenüber zu bevorteilen. Seltsamerweise legen aber gerade diejenigen, die reagieren, wie ein Hühnerhaufen, wenn man sie mit logischen Schlussfolgerungen ihrer Haltung konfrontiert, einen besonders großen Wert darauf, als herzensgut und natürlich gerecht zu erscheinen.

Dieser scheinbar innere Zwang, sich als Anhänger bestimmter Konzepte zu beschreiben, gut, gerecht, herzlich, was auch immer, er entspricht der Manie, die Genderisten an den Tag legen, die partout als Wissenschaftler gelten wollen. Sie machen zum Teil erbarmungswürdige Verrenkungen, um sich als andere Art von Wissenschaftler zu inszenieren und zeigen mit jeder Verrenkung nur ein weiteres Mal, wie wenig Ahnung und Kenntnis sie von Wissenschaft doch haben. Auch Genderisten könnten sich aus ihrer peinlichen Lagen einfach befreien, wenn sie sagen würden, was sowieso jeder Wissenschaftler weiß, dass sie nämlich keine Wissenschaftler, sondern Ideologen sind, die Vorteile für sich erheischen wollen. Aber aus irgendwelchen nicht nachvollziehbaren Gründen, wollen Genderisten als Wissenschaftler erscheinen.

Es ist, als wäre die Persönlichkeit mancher, selbst mancher ScienceFiles-Leser davon abhängig, eine bestimmte Wertigkeit für sich in Anspruch nehmen zu können, sich z.B. als gut, gerecht, lieb, nicht kalt und nicht rational zu inszenieren. Derartige Surrogatidentitäten bringen es mit sich, dass man in höchst ungesunder Weise von dem Bild abhängig ist, das man nach außen abgibt. Zudem haben Surrogatidentitäten die unangenehme Konsequenz, nicht aus eigener Kraft aufrechterhalten werden zu können, denn sie leben von der Bestätigung durch andere, eine Bestätigung, die man sich einfach und häufig durch soziale Zuordnung holen kann.

Deshalb ist es für manche Deutsche so unglaublich wichtig, sich gegen jede Form der Kritik und jede Form von Meinung, die nicht der ihren entspricht, zu versichern, sich in einem Lebensstil-Ghetto einzumauern, in dem alle Bezugspersonen so leben wie man selbst, sich mit Facebook-Freunden zu umgeben, die nichts anderes „liken“ als man selbst, und wehe dem, der aus versehen bei der AfD Sachsen-Anhalt ein „Like“ geklickt hat, sich in einer Sprechblase von Worthülsen wiederzufinden, die alle dem entsprechen, was man selbst sagen würde, wenn man etwas unabhängig formulieren könnte, sich zum Gesinnungsklon derer zu machen, die man anhimmelt: Den Gesinnungsheiligen bzw. denen, die man irrtümlich dafür hält. Aber wehe, der zum Gesinnungsheiligen Auserwählte sagt etwas, was nicht der Selbstinszenierung entspricht, von der die Möchte-Gern Gesinnungsklone so massiv abhängig sind.

Northampton.pngSchluss ist mit dem Gesinnungsheiligen. Die Gefolgschaft wird ihm aufgekündigt. Er wird vom Heiligen zum Teufel transformiert. Die langen Jahre, in denen man sich in trauter Gesinnungseintracht wähnte, sie werden zu Jahren der Täuschung umgedeutet, in denen man nicht wusste und vor allem nicht bemerkt hat, was das für einer ist. Dass die Jahre, in denen man nicht bemerkt hat, was das für einer ist, die Jahre waren, in denen man sich mit seiner Freundschaft oder in der Gesinnungs-Heiligkeit, die man ihm zugesprochen hat gesonnt hat, ist schnell vergessen: Die Not, sich zu klonen und keine andere als die eigene Gesinnung und keinen anderen als den eigenen Lebensstil zuzulassen, sie ist überwältigend.

Und deshalb scheitern in Deutschland Versuche, einen rationalen öffentlichen Diskurs aufzubauen und Versuche, eine demokratische Kultur, eine civic culture zu etablieren.

Es gibt Tonnen von Papier, die mit Forschung zu Kooperation und zu den Voraussetzungen von Kooperation beschrieben wurden. Das markanteste Ergebnis, das immer wieder zu Tage tritt, ist: Man muss sich mit gutem Willen begegnen, um eine Kooperation initiieren und aufrecht erhalten zu können. Kooperation, auch als Arbeitsteilung, ist der Mechanismus, der Gesellschaften zusammen- und am Laufen hält. Kooperation verspricht den Kooperierenden eine Auszahlung, die sie alleine nicht erreichen können, um nur einen Nutzen von Kooperation zu nennen. Da Kooperationen oftmals damit verbunden sind, dass ein Partner eine Vorleistung bringt, der andere nachzieht, ist guter Wille, mit dem man sich gegenübertritt, so wichtig, denn warum soll man mit jemandem kooperieren, dem man nicht zugute hält, dass er sich an Absprachen hält und seinen Teil zur Kooperation beiträgt.

Wer sich etwas näher mit alltäglichen Situationen der Kooperation auseinandergesetzt hat, der sieht schnell, wie unmöglich eine Kooperation ist, wenn der gute Wille fehlt: Wer von Euch steigt ohne darüber nachzudenken, wer die U-Bahn fährt, in den Zug ein? Was, wenn der Fahrer die Kooperation aufkündigt und die Bahn im Tunnel stehen lässt? Offensichtlich denken das nur ganz wenige. Alle anderen treten dem Bahnfahrer, den sie in der Regel nicht einmal kennen, mit gutem Willen gegenüber und vertrauen sich ihm für kurze oder längere Strecken an. Was wäre wohl los, wenn jeder Fahrgast sich erst davon überzeugen wollte, dass der Bahnfahrer auch die richtige Gesinnung hat, ein Gesinnungsklon seiner selbst ist. Die Frage ist leicht beantwortbar: Nichts. Es führen keine U-Bahnen mehr.

Axelrod1Oder wie ist das in privaten Beziehungen? Die Männerbewegung beklagt seit Jahren, dass durch Gesetze asymmetrischen Bedingungen zu Gunsten von Frauen geschaffen werden. Die Gesetze und die Infiltration der Öffentlichkeit durch das Propagandaministerium führen dazu, dass Männer, wenn es zum Konflikt kommt, immer die schlechteren Karten haben und im Stereotyp immer die Täter, nie die Opfer sind. Trotzdem gibt es private gegengeschlechtliche Beziehungen. Warum? Wegen Goodwill, weil niemand, der eine Beziehung eingeht, an die Folgen denkt, die sie haben könnte, wenn sich sein Gegenüber als fieses Schwein erweist.

Ohne guten Willen gibt es keine Gesellschaft.

Und ohne guten Willen gibt es keine Demokratie. Demokratie lebt vom Streit der Gegensätze, davon, dass alle ihre Ideen und Argumente einbringen und sich gegenseitig daran messen können: Konkurrenz der Argumente, nicht Einheitsfront der Gesinnung ist der Nährboden, auf dem Demokratie wachsen kann. Das setzt aber voraus, dass man miteinander spricht und streitet, sich nicht in sein eigenes Gesinnungsghetto einschließt, in dem man Gesinnungsgleichschaltung betreibt und alle, die sich nicht als eigener Gesinnungsklon erweisen, ausschließt. Eine solche Vorgehensweise macht auf Dauer schnell einsam, was psychologisch betrachtet dazu führen muss, dass die entsprechenden Gesinnungsfetischisten zu Gesinnungsfanatikern werden, denn mit jedem, den man wegen einem Punkt, in dem man nicht übereinstimmt, aus der eigenen Bezugsgruppe geworfen hat, wird nicht nur die Bezugsgruppe kleiner, es wird auch die Notwendigkeit größer, die eigene Meinung als Walhalla der richtigen Ansicht zu feiern, was zwangsläufig wieder dazu führen wird, dass kleine Abweichungen vom Gesinnungsmainstream, wie sie Mitglieder der Bezugsgruppe aufweisen, abermals mit dem Kappen aller Gemeinsamkeiten beantwortet werden.

Was man individuell vielleicht noch als Manie ansehen und als Gegenstand einer entsprechenden Therapie behandeln könnte, wird dann, wenn es endemisch wird, zu einer Gefahr für die Gesellschaft, denn Letztere zerfällt zwangsläufig in eine Anzahl von Gesinnungsghettos, in denen Gesinnungsheilige verehrt werden, die wiederum die Gesinnungsgleichschaltung propagieren und den Kontakt mit Abweichlern abbrechen. Da kein Gesinnungsghetto die Meinung, die in anderen Gesinnungsghettos als richtig angesehen wird, auch nur akzeptiert, hat man sich gegenseitig immer weniger zu sagen und wenn man nicht mehr miteinander spricht, dann gibt es immer weniger Kooperation und immer weniger Möglichkeiten, Gemeinsamkeiten zu entdecken. Es folgen Radikalisierung und Fanatismus und alles nur, weil es für manche unerträglich ist, dass es Menschen gibt, die in dem einen oder anderen Punkt anderer Meinung sind.

Die Politikwissenschaft kennt eine Vielzahl politischer Systeme neben der Demokratie, die Diktatur, die Autokratie, den Totalitarismus. Wir möchten an dieser Stelle die Infantilokratie ergänzen, die direkt in den Gesinnungsfanatismus führt, dessen politische Ausdrucksform der Faschismus ist.


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Menschen sind weder sozial noch altruistisch – Beides muss gelernt werden

Menschen sind weder Herdentiere noch verhinderte Mütter Theresa, die anderen ihren Altruismus aufzwingen.

Die Forschungsergebnisse, die diese Aussage belegen, sie werden immer zahlreicher.

Egal, was Politiker sich wünschen, egal, wie versucht wird Menschen zu manipulieren, sie sind zweierlei nicht: altruistisch von Haus aus und sozial per Geburt.

Altruismus muss man sich leisten können. Denn um selbstlos zu geben, muss man etwas haben, das man z.B. aus Mitleid geben kann: Ohne Mantel kein St. Martin sozusagen.

Und sozial sind Menschen nicht von Geburt an. Das Soziale, es verlangt von Menschen, dass sie zusammenleben, dass sie sich miteinander arrangieren und vor allem: dass sie miteinander kooperieren.

self helpGerade Kooperation ist schwierig und wie eine Untersuchung von Valerio Capraro und Giorgia Cococcini zeigt, Kooperation ist erlernt und nicht angeboren. Und weil Kooperation gelernt werden muss, ist das Ausmaß an Kooperationsbereitschaft das Ergebnis individueller Erfahrungen. Individuelle Erfahrungen wiederum macht man in einem Kontext.

Das moderne Herdenzeitalter hat dazu geführt, dass man anderen und dem, was sie sich als Regeln, Normen und Übergriffen überlegt haben, kaum mehr aus dem Weg gehen kann, entsprechend reden Soziologen und Psychologen davon, dass individuelle Erfahrung in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet ist.

Kurz: Die Kooperationsbereitschaft eines Individuums hängt von der Erfahrung ab, die dieses Individuum in der Vergangenheit gemacht hat, und sie hängt vom gesellschaftlichen Kontext ab: Herrscht Vertrauen in einer Gesellschaft, weil z.B. gesellschaftliche Institutionen Vertrauen befördern, etwa dadurch, dass Transparenz herrscht, Korruption kaum bis gar nicht vorhanden ist und dem Einzelnen mit Wertschätzung begegnet wird, dann ist Kooperation eine Voreinstellung, denn der gute Wille, den man anderen entgegenbringen muss, um mit ihnen zu kooperieren, dieser gute Wille wird durch die gesellschaftliche Umgebung befördert.

Anders in Gesellschaften, in denen Nepotismus und Korruption herrschen, in denen Individuen relativ sicher sein können, dass versucht wird, sie in Kooperationen zu lullen und dann übers Ohr zu hauen. Dort lernen Individuen, dass es besser ist, nicht zu kooperieren.

Dies ist in Kurz die Idee, die hinter der Social Heuristics Hypothesis (SHH) steht, und es ist die  Idee, die in einer Reihe von Untersuchungen bestätigt wurde (z.B. Rand, Green & Nowak, 2012 bzw. Rand et al., 2014). Und es ist die Idee, die Capraro und Cococcioni (2015) abermals bestätigt haben.

449 Inder wurden von Capraro und Cococcioni vor einen Computer gesetzt und mit einer Situation konfrontiert, die in der Spieltheorie als Gefangenen-Dilemma bekannt ist. Hier die Anweisung für die Teilnehmer an der Untersuchung:

“You and the other participant are both given $0:20 US dollars. You and the other participant can transfer, independently, money to the each other. Every cent you transfer, will be multiplied by 2 and earned by the other participant. Every cent you do not transfer, will be earned by you. How much do you want to transfer?” [Sie und der andere Teilnehmer haben beide 0,20 US Dollar. Sie und der andere Teilnehmer können unabhängig voneinander Geld zueinander transferieren. Jeder Cent, den Sie transferieren, wird mit 2 multipliziert und dem anderen Teilnehmer gutgeschrieben. Jeder Cent, den Sie nicht transferieren, wird ihnen gut geschrieben. Wieviel wollen Sie transferieren?”]

Diese Versuchsanordnung wurde unter Zeitdruck (Entscheidung innerhalb von 10 Sekunden) und unter relativer Entscheidungsruhe (Entscheidung innerhalb von 30 Sekunden) gespielt. Im Ergebnis haben sich die Teilnehmer in beiden Versuchsanordnungen entschieden, im Durchschnitt 28% ihres Guthabens zu transferieren.

Damit liegt der Anteil des transferierten Einkommens weit unter dem Anteil, der bei den gleichen Experimenten z.B. in den USA transferiert wird und der dort bei durchschnittlich rund 50% liegt. Capraro und Cococcioni führen den Unterschied auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexte zurück: Einerseits sei Indien ein Land, in dem Nepotismus und Korruption für jeden sichtbar endemisch sind, andererseits gelten die USA als “hight-trust culture”, d.h. als Land, in dem kleinräumige Communities, in denen sich die Individuuen bewegen, Kooperation befördern.

Ob Menschen kooperieren, ob sie altruistisch sind, hängt demnach vom gesellschaftlichen Kontext ab. Menschen ist Sozialität und Altruismus nicht angeboren.

Wenn man sich etwas zurücklehnt und dieses Ergebnis, das in einer Reihe entsprechender Ergebnisse steht, wirken lässt, kommt man schnell zu dem Punkt, an dem man sagt: Wie anders sollte es sein?

Throng of peopleWie kann man annehmen, Menschen würden sich im Rudel wohlfühlen und gerne von dem, was sie haben, andere durchfüttern? Entsprechende Annahmen sind nur denen möglich, die davon profitieren, dass sie anderen einreden, es wäre so.

Menschliches Leben ist in erster Linie darauf gerichtet, sich selbst zu erhalten. Selbsterhalt kann man durch Tausch und Kooperation befördern. Voraussetzung dafür: Es gibt etwas zu tauschen, und es gibt die Sicherheit, dass man im Rahmen einer Kooperation nicht ausgenutzt wird.

Erst dann, wenn etwas zu tauschen da ist und wenn Sicherheit besteht, dass der Versuch, mit X zu tauschen, nicht dazu führt, dass man von X bestohlen wird, gibt es Kooperation und als Folge institutionalisierter Tauschbeziehungen Sozialität.

Nun kann man sich fragen, warum es eine recht stattliche Anzahl von Leuten gibt, die das Gegenteil erzählen, die behaupten, Menschen wollten anderen mehr geben als sich selbst, seien sozial Tiere, die nur in der Herde ihr Glück finden, seien von Geburt an kooperativ? Und man kann sich selbst zur Antwort geben, dass diese Erzählung denen, die sie erzählen, einen Vorteil verschaffen muss, da man Menschen, die meinen, sie seien altruistisch, prima ausnutzen kann und Menschen, die meinen, die ständigen Übergriffe anderer seien das Soziale, sich nicht wehren.

Capraro, Valerio & Cococcioni, Giorgia (2015). Social Setting, Intuition, and Experience in Lab Experiments Interact to Shape Cooperative Decision-Making.

Rand, David G., Greene, Joshua D. & Nowak, Martin A. (2012). Spontaneous Giving and Calculated Greed. Nature 489: 427-430.

Rand, David G., Peysakhovich, Alexander, Kraft-Todd, Gordon T., Newman, George E., Wurzbacher, Owen, Nowak, Martin A. & Greene, Joshua D. (2014). Social Heuristics Shape Intuitive Cooperation. Nature Communications April 2014.

Ungleiche Einkommensverteilung befördert Kooperation

reichtum fuer alleGleichheit ist ein Fetisch, der in den verschiedensten Kontexten gewedelt wird. Die Gleichheit der Geschlechter, die als Köder ausgelegt wird, um die Anbeißenden dann mit Ergebnisgleichheit zu überraschen, ist ein Beispiel; die Gleichheit in Einkommen, der Reichtum für alle, den linke Ideologen immer für die jeweilige Gesellschaft gefordert haben, von dem sie sich selbst aber regelmäßig, ob in Babelsberg oder in Moskau und Pjöngjang ausgenommen haben, ein anderes. Im Anschluss an das gestrige Post könnte man sagen, dass Gleichheit das Opium ist, mit dem die besitzlose Klasse oder, heute vermutlich richtiger, die weniger besitzende Klasse so lange benebelt wird, bis sie dem Neidmotiv, das den Gleichheitsfetisch immer begleitet, zum Opfer fällt und nach Reichtum für alle ruft, was regelmäßig mit der Forderung höherer Abgaben und Steuern für alle “Reichen” und größerer Kontrolle und damit geringerer Freiheit für alle einhergeht (In der Umsetzung entpuppen sich die Reichen, dann regelmäßig als Durchschnittsverdiener…).

Eine österreichische Studie, durchgeführt von Ádàm Kun und Ulf Dieckmann, beide am International Institute for Applied Systems Analysis beschäftigt, hat den Fetisch der Gleichheit mit wissenschaftlichen Ergebnissen ramponiert, wissenschaftliche Ergebnisse, die zeigen, dass Kooperation in lokalen Gruppen dann wahrscheinlicher ist, wenn Einkommen unter den Gruppenmitgliedern ungleich verteilt ist. Dagegen führt in lokalen Gruppen eine Gleichheit der Verteilung von Einkommen dazu, dass Defektion an die Stelle der Kooperation tritt.

“Resource heterogeneity [ungleiche Einkommensverteilung] allows cooperation to persist even when the temptation to defect is so high that full defection is observed in the homogeneous case [gleiche Einkommensverteilung]. This key finding of our study is broadly related to an earlier research, demonstrating that asymmetries among players can facilitate the spread of cooperation. … Interpreting our results in a wider context, it is tempting to ask whether they might contribute an explanatory facet to the scientific understanding of more or less egalitarian social norms. Our results suggest that the level of cooperation can be managed by changing the distribution of wealth” (7) [Hervorhebung durch mich].

Warum steht am Ende von wirklich guten Forschungsarbeiten in vielen Fällen die Ableitung von Konsequenzen, die einem das Gruseln lehren? Warum gefallen sich viele Wissenschaftler heute in einer Rolle des Sozialklempners, dessen Aufgabe darin besteht, die richtigen Bedingungen und Überzeugungen bei Mitmenschen herzustellen, damit das herauskommt, was der jeweilige Sozialklempner gerade für gut befindet, seine Form der Kooperation in diesem Fall?

Die Evolution der KooperationDoch zunächst zum Ergebnis. Das Ergebnis basiert auf einer Computersimulation, in der ein so genanntes Public Good Game gespielt wird, bei dem es darum geht, vorhandene Ressourcen in Güter zu investieren, die allen zu Gute kommen (Kooperation) oder die entsprechenden Ressourcen für sich zu behalten (Defektion). Public Good Games sind so etwas wie der Nukleus, auf dessen Grundlage Wissenschaftler seit Jahrzehnten versuchen, die Bedingungen, unter denen Kooperation zwischen Akteuren zu Stande kommt bzw. nicht zu Stande kommt, auszuloten. Die Grundlagen für diese Forschung wurden bereits vor Jahrzehnten gelegt, z.B. durch Robert Axelrods Forschung zur Kooperation oder durch Mancur Olsons Untersuchung über die Logik des kollektiven Handelns.

Während Mancur Olson u.a. gezeigt hat, dass die Herstellung öffentlicher Güter als eine Form von Kooperation freiwillig erfolgt, wenn selektive Anreize vorhanden sind, die es für manche Akteure interessant machen, ein öffentliches Gut, von dem alle einen Nutzen haben, bereit zu stellen, hat Robert Axelrod gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit in einer Kooperation nicht ausgenutzt zu werden und somit die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Kooperation zwischen Akteuren kommt, dann am höchsten ist, wenn Folgendes gilt:

„Soll sich Kooperation als stabil erweisen, dann muss der Schatten der Zukunft hinreichend groß sein. Das bedeutet, dass das Gewicht der nächsten Begegnung zweier Individuen groß genug sein muss, um Defektion für den Fall zu einer unprofitablen Strategie zu machen, dass der andere Spieler provozierbar ist. … Es muss also ein bestimmtes Maß an Gruppierungen von Individuen geben, die Strategien mit zwei Eigenschaften verwenden: die Strategien werden zuerst kooperieren, und sie werden diskriminieren zwischen denjenigen, die auf Kooperation reagieren und denen, die es nicht tun” (Axelrod, 1995, S.157-158)

Kombiniert man die Ergebnisse von Olson und Axelrod dann zeigen sich Kooperationen dann als wahrscheinlich und stabil, wenn Ressourcen ungleich verteilt sind (die Konsequenz aus den selektiven Anreizen bei Olson, denn wenn Ressourcen gleich verteilt sind, gibt es keine selektiven Anreize) und ein “Goodwill”, eine grundsätzliche Bereitschaft zur Kooperation besteht. Beides wird man in einer ungleichen Gesellschaft finden, in der die verschiedenen Mitglieder ihre jeweilige Situation dadurch verbessern können, dass sie miteinander kooperieren. Beides wird man in einer gleichen Gesellschaft nicht finden, denn eine Verbesserung der eigenen Situation durch Kooperation ist ausgeschlossen, da Kooperationspartner nichts zu bieten haben, was man selbst nicht bereits hätte.

Olson Logik kollektiven HandelnsEntsprechend sind gleiche Gesellschaften nicht die Utopie, zu der linke Ideologen sie so gerne stilisieren. In Wirklichkeit sind gleiche Gesellschaften eine Dystopie. Sie sind Gesellschaften, in denen die Akteure atomisiert und für sich den Kampf führen, den Hobbes bereits beschrieben hat: homo homini lupus. Da mit Kooperation nichts zu erreichen ist, muss auf Defektion zurückgegriffen werden, um sich vermeintlich besser zu stellen. Erste Ansätze davon zeigen sich z.B. wenn in Deutschland eine Jagd auf Steuerverweigerer stattfindet oder gefordert wird, Reiche besonders stark zu besteuern. In beiden Fällen treibt der Neid die Zustimmung, denn niemand hat direkt einen Nutzen, wenn Reiche höher besteuert werden bzw. wenn Steuerverweigerer Steuern nachzahlen müssen. Von den Geldern, die “der Staat” einnimmt, kommt nichts bei denjenigen an, die am lautesten danach schreien, “Reiche” zur Kasse zu bitten.

Es geht demnach darum, zu defektieren und anderen zu schaden, denn Kooperation würde Bürger sich gegen ihren Staat verbünden und z.B. fragen sehen, was mit all den Steuergeldern geschieht und ob es nicht zunächst das Beste wäre, die Finanzierung von politischen Stiftungen und weitere Formen der Selbstbedienung durch politische Parteien zu beenden, bevor man Bürger weiter zur Kasse bittet. Dass eine deratige Kooperation nicht zu Stande kommt, ist Ergebnis einer Gleichheitskultur, die – wenn man so will – ein intellektuelles Dasein führt und Basis einer Kultur der Nichtkooperation zwischen Bürgern ist.

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als bedauerlich, wenn Kun und Dieckmann ihr Ergebnis dadurch entwerten, dass sie danach rufen, das richtige Ungleichheitslevel quasi am Ungleichheitsregler einzustellen, um ein gesellschaftliches Optimum an Kooperation herbeizuführen. Es ist nicht nur bedauerlich, es ist absurd und überschreitet die Grenze zum Unsinn, und es stellt ein weiteres wichtiges Ergebnis der Untersuchung von Kun und Dieckman in den Schatten:

“Our results show that cooperation can be maintained in a heterogeneous environment [ungleiche Einkommensverteilung] when this is impossible in the corresponding homogeneous environment [gleiche Einkommensverteilung]. So far, however, we have assumed that players either always cooperate or always defect. In an attempt to encompass more real-world complexity, we now extend our model by allowing gradual evolution in the individual-level probability of players to cooperate. We can thus show that cooperation is not only maintained, but can also emerge from scratch through gradual evolution…” (6).

Mit anderen Worten: Kooperation ist ein evolutionäres Ergebnis ungleicher Einkommensverteilung. bzw. ungleicher Ressourcenverteilung. Es bedarf demnach keiner regulativen Eingriffe, um Kooperation zwischen Menschen herzustellen. Um Kooperation zu ermöglichen, ist es somit nicht notwendig, Gesetzeswerke von mehreren Tausen Seiten zu erlassen, die in sich widersprüchlich und selbstreferentiell sind, wie das Sozialgesetzbuch, das schon vor Jahren Landrichter Manfred Ommeln in Leipzig ob seiner Fehler zur Verzweiflung brachte. Es ist vielmehr notwendig, sich der regulativen Eingriffe zu enthalten. Das allerdings sorgt dafür, dass Horden von Juristen und Sozialdienstleistern, von Politikern und politischen Beratern arbeitslos werden. Aber das macht nichts: In einer unregulierten Welt haben selbst sie eine gute Chance, einen Kooperationspartner zu finden.

Axelrod, Robert (1995). Die Evolution der Kooperation. München: Oldenbourg.

Kun, Ádám & Dieckmann, Ulf (2013). Resource Heterogeneity Can Facilitate Cooperation. Nature Communications.

Olson, Mancur (1992). Die Logik des kollektiven Handelns. Tübingen: Mohr Siebeck.

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