Weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Bundeswehrposse

Eine Studie geht wieder einmal durch die Republik. “Truppenbild ohne Dame” heißt die Studie, und erstellt hat sie Gerhard Kümmel vom “Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr”. Kümmel nennt seine Studie, die im Wesentlichen aus Häufigkeitsauszählungen besteht, gar ein Gutachten, wobei diese Benennung mit der Unterüberschrift, in der das Gutachten zur “sozialwissenschaftlichen Begleituntersuchung” mutiert, im Streit liegt.

ZMSBwWie dem auch sei, die Studie, die Begleituntersuchung oder das Gutachten, was auch immer, basiert auf 4.887 ausgefüllten Fragebögen von 3.058 weiblichen und 1.771 männlichen Soldaten, denen der Fragebogen im August 2011 zugestellt wurde. Bis aus dem Fragebogen dann Daten wurden, hat es bis Mai 2012 gedauert, und bis aus den Daten ein lesbarer Text geworden ist, sind weitere 19 Monate vergangen – viel Zeit für doch nur deskriptive Befunde…

Und die Häufigkeitsverteilungen, die am Ende der rund 28 Monate Begleitforschung stehen, beschäftigen die Republik: “Soldaten: Frauen machen die Bundeswehr schlechter“, titelt Focus, “Soldaten machen Front gegen Frauen“, weiß die Tagesschau zu berichten, und die Welt weiß, dass jeder zweite Soldat keine Frauen in der Truppe haben will.

Furchtbar werden diese Ergebnisse, die man früher Meinungen genannt hat, erst, wenn man ihnen einen normativen Kontext verleiht, etwa so: “Seit mehr als einem Jahrzehnt steht die Bundeswehr auch Frauen vollständig offen, aber noch immer gibt es offenbar Problemne bei ihrer Integration in die Truppe” (Focus) – entscheidende Wendung: “noch immer”, zwei Wörtchen voller normativer Ladung, denn natürlich gibt es in fortschriftlichen Ländern, und Deutschland ist ein solches, keine Probleme in menschlicher Interaktion. In fortschriftlichen Ländern fassen sich die Menschen an den Händen und tanzen Ringelreihen, vor allem bei den Streitkräften.

bundeswehr-logo-karriere-mit-zukunftWenn es darum geht, Lesern normative Konzepte unterzuschieben, dann kann die Tageschau nicht fehlen: “Die Akzeptanz von Frauen in der Bundeswehr verschlechtert sich bei den männlichen Kollegen zunehmend. 2001 war die letzte Bastion gefallen: Frauen dürfen seitdem auch Dienst an der Waffe leisten, womit den Soldatinnen alle Laufbahnen in der Bundeswehr offen stehen. Inzwischen gibt es in der Truppe aber wachsende Vorbehalte vor allem der männlichen Soldaten”. Der Tenor ist mit dem Tenor aus dem Focus identisch, denn die letzte Bastion, die die Freiheit und Selbstenfaltung weiblicher Soldaten behindert hat und entsprechend gefallen ist, soll nun von männlichen Soldaten wieder errichtet werden. Suggestion ist eben alles und der Zweck, männliche Soldaten als die letzten Chauvinisten in Deutschland hinzustellen, die Bastionen wieder errichten wollen, heiligt eben die Mittel.

Wie gesagt, die Studie (oder war es ein Gutachten?) “Truppenbild ohne Dame?” ist eine rein deskriptive Studie. Berichtet werden ausschließlich Häufigkeiten von Antworten auf Fragen wie die folgende:

“Wie stehen Sie jeweils zu den folgenden Behauptungen, die in Gesprächen über die Öffnung der Bundeswehr für Frauen häufig genannt werden? 1 = Stimme voll zu, 2 = Stimme eher zu, 3 = Stimme eher nicht zu, 4 = Stimme gar nicht zu, 5 = Kann ich nicht sagen:

  • Streitkräfte, in denen Frauen in Kampffunktionen tätig sind, verlieren an Kampfkraft.
  • Die militärische Effektivität meiner Einheit war vor der Öffnung für Frauen größer.
  • Nach der vollständigen Öffnung der Bundeswehr für Frauen kann die Bundeswehr ihren militärischen Auftrag nicht mehr erfüllen.

Holm_Offensichtlich sind im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr nicht nur multivariate Analysetechniken unbekannt, auch Methodenbücher scheint man dort nicht zu kennen. Wie anders ist die Suggestivfrage zu erklären, die bereits im Einleitungstext vorgibt, dass alles, was jetzt kommt, relevant sei, weil in Gesprächen über die Öffnung der Bundeswehr häufig genannt. Aber vielleicht ist des dem ein oder anderen der Befragten ja seltsam vorgekommen, dass in “Gesprächen über die Öffnung der Bundeswehr” häufig über die militärische Effektivität seiner Einheit diskutiert wird. Vielleicht auch nicht.

In jedem Fall haben die Befragten geantwortet, und die Antworten wurden behandelt, und zwar so: 19,9% (25,3% in 2005) der befragten Männer im Jahr 2011 stimmen der Aussage zu, dass die eigene Einheit ohne Frauen militärisch effektiver wäre, 35,8% der befragten männlichen Soldaten sind der Meinung, die Bundeswehr verliere an Kampfkraft (32,7% in 2005) und 15,6% der befragten männlichen Soldaten sind der Ansicht, dass die Bundeswehr ihren militärischen Auftrag nicht mehr erfüllen kann (14,7% in 2005). Diese Ergebnisse finden sich in dieser Form auf Seite 26 der Studie. Wer eine gewisse Diskrepanz, zwischen dem, worauf die Befragten geantwortet haben, und dem, was in der Studie daraus gemacht wurde, feststellt, der hat aufmerksam gelesen (z.B. die Mutation von war zu wäre).

Aber warum soll der Autor des Gutachtens oder der Begeleituntersuchung genauer sein als die Medien. So weiß die Welt, dass “Jeder zweite Soldat … keine Frauen in der Truppe” will und bezieht sich damit offensichtlich auf das Ergebnis, nachdem 57% der befragten männlichen Soldaten angeben, Soldatinnen würden die Lage der Bundeswehr verschlechtern. Tatsächlich haben 57% der männlichen Befragten auf die Frage. “Hat sich die Bundeswehr Ihrer Meinung nach durch die Öffnung aller Laufbahnen für Frauen verändert?” gesagt: “Ja, und zwar zum Schlechteren”. Phantasie ist offensichtlich die Qualität, die den modernen Journalismus auszeichnet. An die Stelle der eigenen Recherche scheint das Fabulieren getreten zu sein.

Wo wir gerade beim Thema Fabulieren sind, darf natürlich die Verteidigungsministerin, die ihr Engagement als Ministerin für Arbeit und Soziales beendet hat, nicht fehlen. Frau von der Leyen, weiß zu der Untersuchung oder dem Gutachten, Folgendes zu sagen:

BmV„Die Daten aus dem Jahr 2011 zeigen, dass die Bundeswehr mit der gestarteten Attraktivitätsoffensive auf dem richtigen Weg ist und wir an vielen Punkten anzusetzen haben. Wir müssen die Karrierepfade für Frauen gangbarer machen, die Vereinbarkeit von Dienst und Familie zügig vorantreiben und auch besser sichtbar machen, wie sehr die Bundeswehr von der wachsenden Zahl Frauen in der Truppe profitiert. Die Bundeswehr braucht die fähigsten Köpfe und davon sind ebenso viele weiblich wie männlich“, so Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen.”

Das ist ein beredtes Beispiel dafür, dass die Wahrnehmung von manchen weniger von der Beobachtung als von dem angeleitet wird, was sie sich einbilden (um fair zu sein, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde natürlich auch in der Studie oder dem Gutachten von Herrn Kümmel untersucht. Wie könnte es auch anders sein in einer Untersuchung (oder war es ein Gutachten), die in einem vereinbarkeitsmanischen politischen Klima durchgeführt wird). Die Aussage von Frau vdLeyen ist darüber hinaus ein herausragendes Beispiel dafür, dass einem die eigene Manie zuweilen die Sicht für das, was wirklich ist, verstellt. Wir zitieren Ergebnisse aus der Studie oder Untersuchung, die mit Fragen übereinstimmen, die gestellt wurden:

“– Die männlichen Soldaten glauben stärker, dass Frauen dem harten Leben im Feld nicht gewachsen sind. 2005 taten dies 28 Prozent, 2011 34 Prozent.
– Dass Frauen körperlich anspruchsvollen Funktionen nicht gewachsen sind, glauben nun 52 Prozent, vorher 44 Prozent.
[..]
– Die Meinung, man könne mit Frauen gut zusammenarbeiten, wird nun von 77 Prozent der Männer im Vergleich zu 83 Prozent in 2005 vertreten.
Die Skepsis der Männer gegenüber Frauen in Vorgesetztenfunktionen ist gewachsen. 2005 hielten 15 Prozent der Männer Frauen für Vorgesetztenfunktionen für ungeeignet, 2011 22 Prozent.
– Das Gerechtigkeitsempfinden der männlichen Soldaten ist noch stärker sensibilisiert als dies vorher der Fall war. Dass Frauen zu positiv bewertet werden, glauben nun 51 statt vorher 39 Prozent; bessere Karrierechancen werden ihnen von 62 Prozent statt vorher 53 Prozent attestiert; dass von Frauen weniger erwartet wird, glauben nun 49 statt vorher 45 Prozent; und 33 Prozent statt vorher 15 Prozent sehen Frauen durch militärische Vorgesetzte besser behandelt.

CombatDas Spannende an den berichteten Ergebnissen ist, dass man annehmen kann, die Aussagen, die hier getroffen werden, basieren auf Erfahrungen der männlichen Soldaten, Erfahrungen mit weiblichen Soldaten im Feld, Erfahrungen mit körperlich anspruchsvollen Funktionen und der entsprechenden Leistungsstärke weiblicher Soldaten und vor allem Erfahrungen in Equität. Ja, da ist sie wieder, die gute alte Equität, die von George C. Homans populär gemacht wurde. Equität, die besagt, dass Gerechtigkeitsempfinden daraus erwächst, dass die Belohnung für die eigenen Anstrengungen im Vergleich zu den Belohnungen, die andere für ihre Anstrengungen erhalten, als angemessen angesehen wird. Und hier gibt es in der Tat Handlungsbedarf, denn die männlichen Soldaten sehen sich ungerecht behandelt, sind der Ansicht, im Vergleich zu weiblichen Soldaten nicht fair behandelt zu werden, mehr leisten zu müssen und dennoch geringere Belohnungen dafür zu erhalten.

Hat sich das Empfinden unfair behandelt zu werden, erst einmal festgesetzt, dann ist der nächste Schritt ein Exit und tatsächlich haben 54,1% der befragten männlichen Soldaten einen Wechselwunsch, wollen sie zu einem anderen Arbeitgeber als der Bundeswehr (Was woll bei Bayer los wäre, wenn mehr als die Hälfte der Belegschaft sich mit Abwanderungsgedanken tragen würde?).

Zuende gedacht könnte Frau von der Leyen mit ihrer Mission wirklich erfolgreich sein und eine Bundeswehr schaffen, in die sich keine Männer mehr verirren oder in die sich Männer nur noch kurzzeitig verirren, denn Unfairness und Ungerechtigkeit lässt sich niemand lange bieten – was das für die Kampfkraft der Bundeswehr bedeutet, kann man sich aufgrund der auf Erfahrung basierenden Antworten männlicher Soldaten leicht vorstellen.

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