Krieg als Mittel gegen Alkoholmissbrauch

Selbstverständlich ist die Überschrift eine pointierte Aussage, die wir auf Grundlage eines in der Juniausgabe der Zeitschrit “Drug and Alkohol Dependence” veröffentlichten Beitrages gemacht haben. Selbstverständlich wird die WHO ihren Kampf gegen den Akolholmissbrauch nun nicht neu orientieren, obwohl man bei der WHO eigentlich über nichts richtig sicher sein kann, wie auch immer: die Untersuchung von Russell, Russell, Riviere, Thomas, Wilk und Bliese (2014) kommt zu einem eindeutigen Ergebnis:

Soldaten, die im Kampfeinsatz einen Feind erschoßen haben, haben nach dem Kampfeinsatz weniger getrunken als vor dem Kampfeinsatz.

Es ist eben nichts so schlecht, als dass es nicht für etwas gut ist, und selbst die Untersuchung von Russell et al (2014) hat noch ein Ergebnis erbracht und dies, obwohl der Beitrag der sechs Autoren mit einer klassischen Tautologie beginnt. Ein traumatisches Ergebnis, so schreiben die Autoren, kann auf den, der es hat, negative, positive und keine Folgen haben (47).

Tautology clubDiese Tautologie bringt das ganze Elend induktiver Datenhuberei sehr gut auf den Punkt, denn das einzige, was die entsprechenden Forscher wissen, ist was sie gerne als Ergebnis hätten, nicht, was man theoretisch erwarten kann. Entsprechend hat ein traumatisches Erlebnis negative Folgen zu produzieren, denn ein traumatisches Erlebnis ist negativ und kann entsprechend nichts Positives zur Folge haben, wäre dem so, man würde alle Fördermittel zur Bekämpfung der Folgen traumatischer Erlebnisse verlieren. Deutlich macht man diese Erwartung, von der man nicht so recht weiß, warum man sie hat, mit dem Zusatz: potentiell. Ab sofoert gibt es nur noch potentiell traumatische Erlebnisse, so wie es z.B. nur potentiell fähige Lehrer gibt. Und wenn etwas potentiell ist, man also nicht weiß ob dieses etwas tatsächlich ist, muss man forschen bzw. hat man einen guten Vorwand, zu forschen (Und wer weiß, vielleicht kommt ja etwas dabei heraus, etwas, das man in eine entsprechende Forderung nach Therapie, Unterstützung, Hilfsangeboten und sonstigem mehr umsetzen kann.).

Wo wir gerade bei traumatischen Erlebnissen sind: Was ist eigentlich ein potentiell traumatisches Erlebnis? Ein Krieg ist ein potentiell traumatisches Erlebnis. Ein Kampfeinsatz, so schließen die Autoren, ist ein potentiell traumatisches Erlebnis, bietet ein Kampfeinsatz doch die Möglichkeit, zu kämpfen, zu töten, in Gefahr zu geraten, den Tod oder die Verletzung anderer zu sehen und die Möglichkeit, positive Erfahrungen zu machen (48). Deshalb ist er potentiell traumatisch, etwa in der Weise, in der die Beteiligung an einer Antifa-Demonstration potentiell traumatisch ist, z.B. für diejenigen, deren Eigentum zerstört wird oder diejenigen, die vor dem schwarzen Mob um ihr Leben laufen. Dagegen hat eine Antifa-Demonstration für die Mitglieder der Antifa wohl eher positive Erlebnisqualitäten, die z.B. aus der Zerstörung fremden Eigentums resultieren.

National Guard Combat UnitDie Welt ist eben komplex, zu komplex, als dass es gerechtfertigt wäre, einen Kampfeinsatz als traumatisches Erlebnis zu klassifizieren, das entsprechend dazu führen muss, dass diejenigen, die ihn erlebt haben, dieses traumatische Erlebnis in Alkohol ertrinken. Eine solche Vorstellung von Forschern an Soldaten herangetragen, sagt eigentlich schon alles, macht die Entfremdung zwischen denen, die das Idyll der guten Menschen bewohnen und denen, die in der wirklichen Welt unterwegs sind, sehr deutlich. Erstere verniedlichen einen Krieg, reduzieren ihn zu einer Art Erlebnisurlaub, in dessen Verlauf es passieren kann, dass man Zeuge schlimmer Dinge wird oder gar töten muss. Die entsprechenden Erfahrungen werden dann zum Betriebsunfall, dem eine Horde von shrinks, wie man im Englischen sagt, zu Leibe rücken muss, damit die negativen Folgen beseitigt werden, es zu keinem Alkoholmissbrauch kommt.

Gepaart wird diese Verniedlichung von Kriegen, in denen es in erster Linie für Soldaten um das eigenen Überleben geht, was mit dem Abenteuerurlaub, der manchen Forschern vorzuschweben scheint, recht wenig gemein hat, mit der Überzeugung, dass bestimmte Handlungen von Menschen nicht willentlich erfolgen, sondern durch eine geheime Macht der Sucht geleitet werden, so als wäre der Griff zum Alkohol dann irgendwann keine Entscheidung mehr sondern eine Art der Fernsteuerung, durch z.B. die Alkoholindustrie, die ihren Flaschen süchtigmachende Attribute beigibt, auf die man nicht anders reagieren kann als dadurch, die Flasche zu öffen und leer zu trinken. Eine Handlung, von der dann wiederum eine Vielzahl anderer ein gutes Auskommen hat, denn was täten all die Psychiater und Psychologen, die sich darauf spezialisiert haben, anderen einzureden, sie wären dem Teufel, Dämon, Willenbeseitiger Alkohol ausgeliefert und bräuchten Hilfe, um wieder davon loszukommen, wenn es niemanden gäbe, der Alkohol trinkt und der sich bereitwillig entsprechendes einreden lässt?

Doch zurück zur Untersuchung von Russell et al. (2014). Ihre Ergebniss basieren auf den Angaben von irgendwo zwischen 273 und 1868 Soldaten (genau kann man das den Angaben der Autoren nicht entnehmen) einer Kampfeinheit der National Guard der US Army, die im Irak zum Einsatz gekommen sind. Sie wurden vor ihrem Einsatz und nach ihrer Rückkehr, sofern sie zurückgekehrt sind, gefragt, ob sie gekämpft oder getötet habe, in Gefahr geraten sind, Opfer gesehen haben oder positive Erfahrungen gemacht haben. Darüber hinaus wurden sie gefragt, ob sie nie oder bis zu vier- oder mehrmals in der Woche trinken und ob sie dann, einen oder zwei oder bis zu 10 und mehr Gläser Alkohol zu sich nehmen. Die Kombination beider Fragen ergab einen Index mit einem Wertebereich von 0 “Abstinenter” bis 20 “Säufer”. Der Mittelwert der Trinkerskala, wie wir sie einmal nennen wollen, den die Autoren aus welchen Gründen auch immer, nirgends thematisieren, liegt bei 1,55 vor dem Einsatz bzw. 4,08 nach dem Einsatz, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass vor dem Einsatz Abstinente nach dem Einsatz Alkohol trinken. Die Menge des durchschnittlich getrunkenen Alkohols entspricht dabei im Durchschnitt dem Trinken von vier Mal in der Woche einem einzigen Glas Alkohol.

Vor dem Hintergrund dieser Verteilung Aussagen über Alkoholmissbrauch machen zu wollen, grenzt an Datenfälschung und so ist es gut für die Autoren, dass ihre Analysen keine der Ergebnisse erbringen, die sie erwartet haben. Im Gegenteil: Ein Kampfeinsatz steht nicht nur nicht in Zusammenhang mit einer nachfolgenden Zunahme von Akoholkonsum, Soldaten, die während des Kampfeinsatzes einen Feind getötet haben, haben nach dem Einsatz weniger getrunken als davor. Ein Krieg, so könnte man formulieren, ist eine ernüchternde Erfahrung selbst für Soldaten, die darauf trainiert werden, zu töten.

junk scienceNun haben die Autoren ein ganz anderes Ergebnis von ihren Daten erwartet oder erhofft und entsprechend geht es nicht, die eigenen Prämissen in Frage zu stellen: “Clearly”, so schreiben sie, “combat is a potentially stressful experience. … Of particular interest is the finding that killing CEs [combat experiences] are inversely related to alcohol misuse. This is an unexpected finding and suggests that the relationship between exposure to potentially traumatic events and alcohol use is complex, particularly when modelled and conceptualized for changes over time.” (50-51)

Und schon hat man weitere Forschung legitimiert und die Notwendigkeit, der Finanzierung weiterer Forschung begründet und dies, ohne die offensichtlichen Schlüsse zu ziehen, die da lauten:

  • Entweder ist ein Kampfeinsatz im Allgemeinen und das Töten im Rahmen eines Kampfeinsatzes im Besonderen kein traumatisches Erlebnis oder,
  • wenn man dann daran festhalten will, dass ein Kampfeinsatz ein traumatisches Erlebnis ist, dann sind die Folgen dieses traumatischen Erlebnisses, sofern sie den Missbrauch von Alkohol betreffen, nicht relevant bzw. nicht vorhanden.

Beide Fälle haben natürlich zur Folge, dass eine Vielzahl von Hilfs- und Therapieprogrammen eingestellt und viele Trauma-Folgen-Bekämpfer als Traumtänzer anzusehen wären, was der Nestbeschmutzung gleichkäme. Und weil Krähen untereinander keine Augen aushacken, wird ein komplexes Verhältnis zwischen traumatischem Kampfeinsatz und Alkoholmissbrauch herbeiphantasiert – wohlwissend, dass ein Blick auf Mittelwert und Standardabweichung der Variable, die Alkoholmissbrauch misst, nur den Schluss zulässt, dass Alkoholmissbrauch unter den befragten Soldaten ein extrem seltenes Ereignis ist, wenn es ihn überhaupt gibt.

Wir haben es wieder einmal mit einem Beispiel für Junk Science zu tun.

Russell, Dale W., Russell, Cristel Antonia. Riviere, Lyndon A., Thomas, Jeffrey L., Wilk, Joshua E. & Bliese, Paul D. (2014). Changes in Alcohol Use After Traumatic Experiences: The Impact of Combat on Army National Guardsmen. Drug and Alcohol Dependence 139(4): 47-52.

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2 Responses to Krieg als Mittel gegen Alkoholmissbrauch

  1. C says:

    In Unkenntnis einer sauberen Definition eines Traumas (gibt es da überhaupt eine?) assoziiere ich mit “Trauma” immer das Erleben einer Art subjektiver Hilflosigkeit. Das Töten eines Gegners im Gefecht sehe ich als den empirischen Beleg des Gegenteils, nämlich auch in Extremsituationen bestehen zu können, und erwarte hier eine Steigerung des Selbstbewußtseins. Folglich finde _ich_ das gar nicht überraschend.

  2. Andreas H. says:

    Hallo liebes sciencefiles-team,

    jetzt berichtet der Spiegel über das Professorinnenprogramm und Männerdiskriminierung und es ist ein Fall, genau wie ihr ihn vorhergesagt habt. Der Bewerber ist extra aus dem Ausland angereist und hatte sich Hoffnungen gemacht, finanziellen Schaden durch Stellenverzicht.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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