Akzeptanz ist eine Frage der Strategie oder: Windkraft ist doch schön

Kennen Sie die A9, vor allem den sächsischen Teil davon, eine schier endlos öde Strecke, Felder an Felder, es wachsen weder Hügel noch Bäume, das einzige, was es zu sehen gibt, sind Windräder, massive Stahlkonstruktionen in schmutzigem Weiß, die an Hässlichkeit kaum zu überbieten sind.

windkraft_pamsendorfWindkraft ist ein zentraler Bestandteil der Energieversorgung der Zukunft. Seit die Bundesregierung beschlossen hat, dass Atomkraft zu gefährlich ist, wird in erneuerbare Energien investiert und den Deutschen der zweithöchste Strompreis in Europa abverlangt. Aber was tut man nicht alles, um die Umwelt zu schützen und der Metallindustrie neue Absatzmärkte zu erschließen und – natürlich – die furchtbar gefährliche Kernenergie loszuwerden. Denn seit das Kernkraftwerk Kahl 1962 als erstes deutsches Kernkraftwerk in Betrieb genommen wurde, lebt Deutschland in Angst. Nicht nur das, wie die Vergangenheit zeigt, ist den rund 110 Kernkraftwerken, die in Deutschland bis 2004 in Betrieb genommen wurden, nicht zu trauen. Naturkatastrophen, Erdbeben und Tsunamis machen sie zu einer Hypothek, die man besser früher als später loswerden muss, ganz zu schweigen von der allgegenwärtigen Kernschmelze, die seit 1962 mit zunehmender Wahrscheinlichkeit erwartet werden muss, und irgendwann in den nächsten Jahrtausenden eintreten wird.

Also besser man trennt sich von Kernkraft und setzt auf so schöne und saubere Energieformen wie Windenergie. Windenergie im Besonderen schont nicht nur die Umwelt, sie hat auch andere Vorzüge: Windparks werden über kurz oder lang zu Attraktionen für Touristen und machen bis dato durch Bäume verunstaltete Bergrücken zum Anziehungspunkt der touristischen Pauschalreise, so dass auch noch der letzte Fleck in Deutschland, wie z.B. der Hinterwald um die Gemeinde Annweiler, die außer dem Trifels und seinen Sagen kaum etwas zu bieten hat, über die Grenzen der Täler des Pfälzer Waldes hinaus bekannt wird. Windkrafträder sorgen auch für Gleichgewicht unter den Spezies, die fliegen können. Windräder unterstützen die natürliche Dezimation von Vögeln, die ansonsten aufgrund der seit dem Ausstieg aus der Kernkraft erhöhten Sauberkeit der Umwelt der unkontrollierten Vermehrung preisgegeben wären.

Kurz: Windkraft hat ausschließlich Vorzüge, ist zentraler Bestandteil der Energie-Strategie der Zukunft und, ja, seltsamerweise, und dennoch gibt es Akzeptanzprobleme. Es gibt Bürger, die mögen keine Windkraft, Bürger, die sich zusammengeschlossen haben, um sich gegen Windkraftanlagen in ihrer Nähe zu wehren, sie zu bekämpfen und nach Möglichkeit zu verhindern. So gibt es “erbitterten Widerstand gegen Windkraft im Pfälzer Wald“, der zuweilen zu “Zoff im Pfälzerwald” wird, bei dem in “zahlreichen Beiträge aus den Reihen der Zuhörer” deutlich wird, “dass das Thema Windkraft die Gemüter erhitzt. Viele sprachen sich für den Erhalt der einmaligen Schönheit des Pfälzerwaldes aus und befürchten eine Verspargelung und Verschandelung der Landschaft. Andere stellen die Windhöffigkeit der Region in Frage und vermuten, dass bei den Kommunen lediglich der Kommerzgedanke im Vordergrund stehe.”

Kurz: Windkraft hat ein Akzeptanzproblem.

Das muss man sich einmal vorstellen: saubere, erneuerbare, von der Bundesregierung und den Grünen für gut befundene Energieformen wie die Windkraft, Energie, die auf grazilen Pfeilern, die z.B. im Pfälzerwald markant wie eine der vielen Burgen wirken und die noch dazu den Vogelbestand hegen, diese Windkraft wird von Bürgern nicht akzeptiert. Wo sind wir in Deutschland nur hingekommen?

bi_windkraftAkzeptanz ist eines dieser Buzzwörter, wie Toleranz. Und wie Toleranz so ist auch Akzeptanz ein eindimensionales Wort: Akzeptanz ist nichts, was man angesichts einer anderen Meinung übt, nein, Akzeptanz ist etwas, was man einfordert, wie Toleranz. Man fordert Akzeptanz für Schwule und Lesben und Toleranz für andere Meinungen, allerdings nur so lange, so lange sie nicht Strategien der Bundesregierung oder Einnahmen in Gewerbesteuer für Verbands- oder Ortsgemeinden gegenüberstehen.

Das ist das Interessante an Akzeptanz, wenn jemand z.B. im Pfälzerwald Bäume fällen und an ihrer Stelle Stahlmasten mit drei anmontierten Flügeln aufstellen will, und er trifft auf Bürger, die das nicht wollen, dann ist es nicht etwa so, dass er die Ablehnung der Bürger akzeptiert oder gar toleriert, nein, dann folgt daraus, dass er von diesen Bürgern Akzeptanz und Toleranz dafür fordert, dass er nun seine Interessen, und zwar gegen ihren Willen durchsetzt. Wann immer Interessen betroffen sind, die gerade als politisch korrekt gelten, die gerade von der Bundesregierung als die ihren angesehen werden, wann immer sich Interessenverbände gebildet haben, die eine Chance sehen, sich zu bereichern, dann wird der Widerstand von Bürgern, von Bürgervereinigungen zu einem Ärgernis, zu einem Akzeptanzproblem.

Und dieses Akzeptanzproblem ist beleibe nichts, was man tolerieren oder gar akzeptieren kann, sondern etwas, das man lösen muss, schließlich wird keinerlei Widerstand, keinerlei Nichtakzeptanz gegen die eigenen Pläne geduldet. Wie gesagt, wo kämen wir hin, wenn beschlossen ist, Windräder auf Bergrücken zu stellen und dagegen würde Widerstand und nicht-Akzeptanz zugelassen?

Aus diesem Grund werden die Bürger bearbeitet, was schon deshalb geboten ist, weil der Widerstand aus keiner anderen Quelle als der der Nichtinformation stammen kann. Der informierte Bürger, der weiß, dass das, was andere in seinem Namen für ihn beschließen, gut für ihn ist, der weiß um die Wertsteigerung der Landschaft durch Windkrafträder, die Hege der Natur und die durch Windkrafträder sprunghaft steigenden Tourismuszahlen. Gerade in Gebieten wie dem Pfälzer Wald, in dem Tourismus eine wichtige Einnahmequelle ist, sind Windkrafträder also das Mittel der Wahl, das Mittel, um Touristen anzuziehen. Nur uninformierte Bürger wissen das nicht.

Wie man mit uninformierten Bürgern umgeht, lässt die Bundesregierung dann wissenschaftlich untersuchen, und natürlich finden sich Wissenschaftler, die sich zum Büttel der Regierung machen und Empfehlungen geben, wie der “Ausbau der Windenergienutzung möglichst konfliktarm” gestaltet werden kann, und zwar mit “Strategien und Handlungsempfehlungen zur Konfliktvermeidung und -lösung sowie zur Akzeptanzsteigerung” (Hübner & Pohl, 2014: 1).

Die Aufgabenstellung, der sich die angeblichen Wissenschaftler unterworfen haben, sieht also in keiner Weise vor, die Bedenken und den Widerstand von Bürgern gegen Windkrafträder ernst zu nehmen. Die Vorgabe für die angeblichen Wissenschaftler lautet: Methoden finden, die das Durchsetzen der Windkraft auch gegen lokalen Widerstand ermöglichen. Und das machen die Gundula Hübner und der Johannes Pohl von der Universität Halle-Wittenberg, wo man vermutlich über Drittmittelprojekte auch dann froh ist, wenn sie von der Bundesregierung über das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie finanziert werden, dann auch.

windkraftgegenerSie empfehlen die Bevölkerung, der ein paar grazile Winkraftmasten vor den Ausblick gesetzt werden sollen, “frühzeitig umfassend über die Projektplanungsabsichten” zu informieren und in die Planung einzubinden. Dabei sollten die “Grenzen und Möglichkeiten einer öffentlichen Beteiligung klar” offengelegt werden und keine Unklarheiten über die “Grenzen  der Mitentscheidung” gelassen werden (Hübner & Pohl, 2014: 8). Und so geht es weiter unter der Prämisse, dass nur dumme Bürger Widerstand gegen kluge Politiker und Verwaltungsbeamte und ihre Pläne, den Wert der Landschaft durch Windkraft zu steigern, leisten.

Der Paternalismus, der aus Arbeiten wie der von Hübner und Pohl trieft, ist nicht auszuhalten, ebenso wenig wie die Heuchelei, die eine frühzeitige Beteiligung der Bürger fordert, allerdings ausschließt, dass diese Beteiligung dazu führen kann, dass von einmal getroffenen Plänen, Windkraftanlagen zu errichten, Abstand genommen wird. Bürger sollen also im Beteiligungsverfahren vorgeführt und beschwatzt werden, sie sollen als Legitimationsgeber missbraucht werden, damit man sagen kann, es habe eine Bürgerbeteiligung stattgefunden, nur eines soll nicht erfolgen: Eine Akzeptanz ihrer Bedenken, eine Toleranz gegenüber ihrem Widerstand ist nicht vorgesehen, hier verlaufen eben die “Grenzen der Beteiligung”. Beteiligung besteht im Abnicken, nicht im Kopfschütteln.

P.S.

Gegen Windräder im Pfälzer Wald streitet übrigens die Initiative Pro Pfälzer Wald.

 

 

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