Gesucht: Ein Depp vom Dienst

“Am Institut für Soziologie, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, ist ab sofort befristet bis 30. September 2015 die ganze Stelle einer

Depp vom Dienst Giessen

Lehrkraft für besondere Aufgaben

gemäß §§1 ff WissZeitVG zu besetzen. Bei Vorliegen der tariflichen Voraussetzungen erfolgt die Vergütung nach Entgeltgruppe 13 Tarifvertrag Hessen (TV-H).”

So beginnt eine Ausschreibung der Justus-Liebig-Universität in Giessen, der man entnehmen muss, dass Universitäten in Deutschland nicht nur zunehmenden infantilisiert und entprofessionalisiert werden, nein, sie werden auch zu Anstalten einer modernen Form des Sklavenhandels, in denen eine neue Stufe der Zusatzqualifikation eingeführt wird, die man getrost als Ausbeutung bezeichnen kann.

So soll die Lehrkraft für besondere Aufgaben, die an der Universität Gießen gesucht wird, 14 Lehrveranstaltungsstunden pro Woche leisten, und somit 6 mehr als ein ordentlicher Professor. 14 Lehrveranstaltungsstunden, das sind in der Regel 2 pro Seminar, was die Notwendigkeit mit sich bring, 7 Themen zu finden, auszuarbeiten, auf rund 12 Sitzungstermine und ihre Unterthemen zu verteilen, entsprechend Literatur zu suchen, Aufgabenstellungen zusammenzutragen, Themen für Referate oder sonstige studentische Beiträge zu bestimmen und, schließlich, Klausurfragen zusammenzutragen. Eine derartige Verpflichtung kann nur erfüllen, wer die quantitativen Ansprüche, die an ihn gestellt werden, mit einer geringeren Qualität als möglich oder notwendig, verbindet.

Deshalb: “Lehrkraft für besondere Aufgaben” – dass soll vermutlich wie eine Auszeichnung – “besondere Aufgaben” eben – klingen, damit der arme Schlucker, der sich davon blenden lässt, eine Möglichkeit hat, die kognitiven Dissonanzen, die sich angesichts seiner Ausbeutung bei ihm zwanglsäufig einstellen müssen, zu verarbeiten.

Gleichzeitig macht die enorme Anzahl an Lehrstunden, die die Lehrkraft für besondere Aufgaben zu leisten hat, einen Verfall der Bedeutung von Lehre deutlich, der zur Entprofessionalisierung passt, die an Universitäten allenthalben zu beobachten ist.

Eigentlich sind Professoren diejenigen mit der höchsten Lehrbelastung: 8 Semsterwochenstunden Lehre sieht ihr Deputat vor. Sie waren deshalb die am stärksten mit Lehrverpflichtung Belasteten, weil man davon ausging, dass ein Professor mehr von seinem Feld versteht, als ein wissenschaftlicher Mitarbeiter und insofern befähigter ist, Lehrveranstaltungen zu halten als ein wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Ob diese Annahme zutrifft, ist eine gänzlich andere Frage – zumal Programme wie das Professorinnenprogramm alles tun, um dafür Sorge zu tragen, dass Professoren die Unwissenheit ihrer Studenten weitgehend teilen, als Form intellektueller Gleichstellung gewissermaßen. Aber, angesichts von mehr Berufsjahren und entsprechend mehr Zeit, Erkenntnis zu sammeln, ist es auch derzeit noch nicht völlig abwegig davon auszugehen, dass Professoren in der Regel mehr Kenntnisse und Wissen haben als wissenschaftliche Mitarbeiter.

Nun scheint jedoch in der post-Bologna Ära  an Universitäten ein Lehr-Notstand eingetreten zu sein, der dazu geführt hat, dass man billige Arbeitskräfte, Lehrsklaven in diesem Falle, einsetzen muss, um den Lehrverpflichtungen, die eingegangen wurden, Herr zu werden. Lehrsklaven zeichnen sich dadurch aus, dass sie 75% mehr Lehrdeputat haben als Professoren und in der untersten Gehaltsstufe ihrer Gehaltsgruppe (E13) 65% weniger verdienen (Grundgehalt) als ein Professor mit W3 Besoldung, also 25.076 Euro netto pro Jahr (2009 Euro pro Monat) im Vergleich zu 49.142  Euro netto bzw. 49% weniger als ein Professor mit W2 Besoldung, d.h. 25.076 Euro netto im Vergleich zu 45.002 Euro netto pro Jahr.

Man sieht, für Verwaltungen ist der Depp vom Dienst, der nun als Lehrkraft für besondere Aufgaben bezeichnet wird, ein Segen, kann man doch die Anzahl der angebotenen Lehrveranstaltungen erhöhen und gleichzeitig die Kosten senken.

exploitation2Aber: Lehrsklave für besondere Aufgaben kann man nicht einfach so werden. Nein. Gesucht ist eine eierlegende Wollmilchsau, die (1) “pädagogisch geeignet” ist, (2) ein abgeschlossenes Hochschulstudium in Sozialwissenschaften oder Soziologie hat, (3) über mehrjährige universitäre Lehrerfahrung verfügt, (4) im Team arbeiten kann, (5) ein Interesse an Weiterqualifikation mitbringt und (6) “an die Themenfelder Migration, Finanzökonomie, Gender, Bildung, Medien oder Gewalt” anschlussfähig ist.

Wenn Sie also ein Studium abgeschlossen haben, sich für pädagogisch geeignet halten, bereits jahrelang an Universitäten gelehrt haben und in Migration, Finanzökonomie, Gender, Bildung, Medien oder Gewalt anschlussfähig sind, woran auch immer und wie auch immer, wenn Sie der Ansicht sind, dass Sie sich als Depp vom Dienst qualifizieren und es ihnen gegeben ist, diese Tatsache als “besondere Lehraufgabe” zu verfremden, dann bewerben sich sich bitte unter Angabe des Aktezeichens 382/78427/03 mit den üblichen Unterlagen und bis zum 14. August 2014 beim Präsidenten der Justus-Liebig-Universität Gießen, Erwin-Stein-Gebäude, Goethestraße 58, 35390 Gießen. Deppinnen vom Dienst und Kinderbesitzer werden natürlich bei gleicher Willigkeit, sich missbrauchen zu lassen, vorgezogen.

Wer nicht anschlussfähig ist und, wem mehr nach einem Jahresgehalt von 147.072 Euro der Sinn steht, der kann sich als Mitglied des Europäischen Parlaments bewerben. Bewerbungen nimmt jede Partei entgegen. Für die Migliedschaft sind keinerlei Kenntnisse, kein abgeschlossenes Studium, keine universitäre Lehrerfahrung und keinerlei Bereitschaft zur Weiterqualifikation erforderlich. Es genügt, den Mund aufreißen und Unsinn erzählen zu können.

Die Versklavung von Wissenschaftlern wäre doch nun wirklich etwas, um das sich Gewerkschaftler wie Herr Körzell kümmern müssten, schließlich behaupten die Körzells dieser Welt doch die Rechte der Arbeitnehmer zu vertreten, wenn sie nicht gleich die Rechte der Armen gegen die, wie sie sagen: Heuschrecken dieser Welt verteidigen. Doch: Man hört keinen Körzell sich gegen in seiner Diktion: Heuschrecken wenden, die arme wissenschaftliche Mitarbeiter ausbeuten. Kein Körzell regt sich darüber auf, dass die Ausbeutung mit einem fast sittenwidrig zu nennenden Entgelt einhergeht. Ob Herr Körzell einfach zu feige ist, hier die gleichen großen Töne anzuschlagen, die er anschlägt, wenn der Adressat seiner Ausfälle durch Landesgrenzen von ihm getrennt ist oder ist er einfach kein Vertreter deutscher Arbeitnehmer, so dass ihn die Ungerechtigkeiten des deutschen Entgeltsystems wie es derzeit an Universitäten herrscht, nicht interessieren.

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8 Responses to Gesucht: Ein Depp vom Dienst

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  2. A.S. says:

    Wenn die Stelle als Tätigkeit nur die Lehrverpflichtung enthält weiß ich nicht, was an 14 Wochenstunden problematisch sein soll. Professoren haben 8 und sollen eigentlich ihre Haupttätigkeit ja bei der Forschung haben und nicht in der Lehre. Wenn 8 Stunden nebenbei möglich sind sollten 14 St. Vollzeit auch machbar sein.
    Lehrer in den Schulen haben z.B. deutlich mehr. Da ist der Stoff zwar (meist) weniger komplex, aber das Können des Personals auch…..

  3. Daniel says:

    Vielen Dank für diesen Aufschlag…jeden Satz kann ich nur unterstreichen!

    Als noch recht junger Absolvent der Soziologie (sind nun auch schon fast vier Jahre her…) war ich zu Beginn meiner Stellensuche überrascht, vereinzelt Ausschreibungen als “Lehrkräfte für besondere Aufgaben” zu finden – überrascht, weil das “angebotene” Lehrdeputat deutlich höher war, als mir dies von meinen Professoren aus dem Studium bekannt war.
    Meine “präkere” Berufssituation an der Hochschule – wenn auch keine “Lehrkraft für besondere Aufgaben” – macht es jedoch erforderlich, den Stellenmarkt im Auge zu behalten. Mein rein subjektiver Eindruck – dies zu quantifizieren wäre höchst Interessant! – ist, dass in den letzten Jahren der Anteil an Stellenausschreibungen mit der Suche nach “Lehrkraft für besondere Aufgaben” deutlich zugenommen hat.
    Seit kurzem bin ich an der FH beschäftigt und kannte bisher noch die Situation an der Uni. Der Anteil der Lehrkräfte für besondere Aufgaben – vermutlich an fast allen FH – macht fast die Hälfte der Mitarbeiter in der Lehre aus – auch wenn diese unterschiedlich Lehrdeputats haben. Erschreckend ist jedoch, dass keine geringe Menge an Lehrkräfte für besondere Aufgaben mit einem Stellenumfang von 20 SWS haben, worunter 16 bis max. 18 SWS für Lehrveranstaltungen verplant sind – 2 SWS für Verwaltungsaufgaben. Es ist mir unbegreiflich, wie man 8-9 Lehrveranstaltungen im Semester anbieten kann – ganz klar ist aber – so auch die Aussage der Kollegen/innen – das nicht nur die Qualität darunter stark leidet, sondern damit auch jede Menge Mehrarbeit verbunden ist ….Sklavenarbeit ist wohl die passende Bezeichnung dafür. Schizophren ist doch, dass aus dem Wissenschaftsbereich vielfach mit dem Finger auf die Beschäftigungsverhältnisse in der “freien” Wirtschafts gezeigt wird, wir aber im eigenen Laden unzumutbare Zustände haben!

  4. Ich mag keinen Hass says:

    Ich hoffe Sie haben nichts dagegen wenn ich ihre Veröffentlichungen als Legitimationsgrund für Kündigungen u.s.w. nutze (Gewerkschaften). Alles gute für die weitere Zukunft.

  5. @A.S.

    Versuchen Sie es einmal, dann wissen Sie bescheid! Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich Ihnen vielleicht einen kleinen Eindruck davon vermitteln, was das normalerweise bedeutet.

    Da fällt mir z.B. mein kombinierter Statistik & Methoden-Kurs ein: das war ein Pflichtkurs im Grundstudiium, und weil Professoren von der Stellenhierarchie her die Lehre im Hauptstudium zukommt, war es unsere Aufgabe als wissenschaftliche Mitarbeiter, diese Pflichtkurse anzubieten – das bedeutet: planen, wobei keineswegs nur die Inhalte dessen geplant werden müssen, was ich in den einzelnen Sitzungen zu erzählen gedenke, sondern ich auch diejenige bin, die mit dem Hausmeister die Funktion der notwendigen technischen Geräte sicherstellt, jeweils vorher prüft, ausprobiert, ob die Folien laufen und wie sie aussehen und ob sie so aus der letzten Reihe im Vorlesungssaal lesbar sind – ein Vorlesungssaal ist notwendig, weil die großen Pflichtkurse im Grundstudium durchaus von einhundert oder zweihundert Studierenden absolviert werden müssen. A propos “müssen”: weil die Studierenden diesen Kurs als Pflichtkurs absolvieren müssen, müssen sie auch einen Schein erwerben, und das heißt, eine Prüfung am Ende des Kurses ablegen. Bei so vielen Studierenden ist das kaum anders als durch eine Klausur zu machen. Die Klausur entwerfe ich entsprechend dem, was ich im Verlauf der Sitzung gelehrt habe. Die Durchführung der Klausur organisiere ich teilweise in Absprache mit den Zuständigen vom Prüfungsamt, teilweise “frei”, aber in jedem Fall bin ich es, die während der Klausurzeit da sitzt und aufpasst, dass niemand sein Lehrbuch herausholt und sich dort Hilfestellung holt, die die Klausuren einsammelt, den Stoß irgendwie versucht, ins Büro zu wuchten (sagen wir: 180 x 15 Seiten – das ergibt einiges an Gewicht; oft genug hat mein Lebenspartner mich vom Klausurort abgeholt und die Klausuren in mein Büro transportiert), und jede Klausur liebevoll durchkorrigiert und benotet – nach einem vorher genau festgelegten Notenverteiler, den ich selbst entworfen habe. Für die Klausurbewertungsarbeit geht gewöhnlich ein nennenswerter Teil der vorlesungsfreien Zeit drauf, weswegen man normalerweise nicht gut beraten ist, mehrere Kurse durch Klausuren abzuschließen. Also muss man für andere Kurse andere Lösungen finden.

    Wie z.B. mein Kurs in Bildungssoziologie: in diesem Kurs hatte ich es normalerweise mit 40 bis 60 Studierenden zu tun. (Das war die Normalität; nur sehr selten hatte ich nette, kleinere Kurse, die anscheinend viele mit dem Uni-Lehre verbinden.) Für diesen Kurs wollte ich an der guten alten Idee des Lesens und Erarbeitens durch die Studierenden festhalten (statt ihnen die vorgefertigten Weisheiten einfach nur vozusetzen), und deshalb habe ich jeweils Texte lesen lassen und dazu ein paar Fragen entworfen, die beantwortet werden sollten. In den Veranstaltungen selbst wurden diese Fragen bzw, die Antworten, die die Studierenden gegeben haben, diskutiert, wobei Missverständnisse und Fehlrezeptionen korrigiert werden konnten, aber eben auch genuine Diskussionspunkte besprochen werden konnten. Diese Vorgehensweise setzt voraus, dass die Antworten der Studierenden bis zwei, drei Tage vor der nächsten Veranstaltung vorliegen .- ein bisschen Zeit für die Bearbeitung brauchen die Studierenden ja schon. Für mich bedeutete das, dass ich, sobald die Papiere der Studierenden da waren (40 x etwa 5 Seiten) das alles las und notierte, wen ich worauf zur Erläuterung ansprechen wollte etc. Dieses “Exzerpte-Verfahren” wie ich es nannte war an den Unis, an denen ich jeweils tätig war, oder jedenfalls in den jeweiligen Fachbereichen unbekannt, so dass ich stolz vermelden darf, dass das meine eigene Erfindung war, und erstaunlicherweise wurde sie von vielen Mittelbau-Kollegen übernommen, wahrscheinlich aus derselben Überlegung heraus, dass man eine halbwegs qualitätvolle Lehre auf diese Weise durchführen könnte, ohne mit den “großen” Veranstaltungen und Klausuren zu kollidieren, aber als “first mover” hätte ich ihnen sagen können, dass das Verfahren zwar wirklich recht gut in der Lehre funktioniert, also die Studierenden etwas lehrt, aber unter den an der Uni herrschenden Umständen einfach langfristig nicht praktikabel ist bzw. nur in den guten alten kleinen Studierendengruppen praktikabel ist, wenn der Aufwand in vernünftigen Grenzen gehalten werden soll.

    Anyway- da auch diese Studierenden einen Schein machen wollten, habe ich zunächst damit experimentiert, die Textchen zu bewerten und am Ende einen Durchschnitt zu bilden, Das klappte unter höchsten Einsatz (inkl. Lesen und Bewerten in der S-Bahn, abends, am Wochenende), aber nur unter diesem. Die alternative Klausur wäre den Klausuren aus den “großen” Pflichtkursen ins Gehege gekommen –

    In jedem Fall mussten die Studierenden aus den “normalen” Kursen länger warten, bis sie ihre Scheine bekamen als die anderen, und in jedem Fall fanden alle, dass das viel zu lange dauerte. Das stimmte. Ich war oft noch nicht mit dem Korrigieren und Bewerten fertig, wenn ich die Veranstaltungen für das neue Semester planen musste.

    Und ich habe ihnen jetzt nur von ZWEI Veranstaltungen im Semester erzählt – multiplizieren Sie das Ganze jeweils nach Stellenausschreibung!

    Die Belastung lässt sich natürlich reduzieren, wenn man die Thematik der anzubietenden Veranstaltungen entsprechend hinbiegt oder von Anfang an für etwas zuständig ist, das absehbar nur von wenigen besucht wird, sofern es sich um freiwillige Veranstaltungen handelt. Man könnte z.B. “Informationsaufnahme aus Neuen Medien aus Gender-Perspektive” anbieten und damit einen Schein in Mediensoziologie vergeben, und dann könnte man ein Seminar zum Thema “Umgang von Jungen und Mädchen mit Neuen Medien in der Schule” anbieten, um Bildungssoziologie abzubilden, etc. Ich fürchte, das werden insbesondere diejenigen jungen Kollegen tun, die aus Graduiertenkollegs zu den entsprechenden Themen, hier: Gender, kommen und gegenüber den “traditionellen” Mittelbaulern noch viel weniger Erfahrung mit dem Uni-Alltag haben und dementsprechend noch viel stärker überfordert sind. Weil absehbar immer nur dieselben wenigen Hanseln in solchen Veranstaltungen auftauchen, hat man damit sowohl seinen inhaltlichen als auch seinen verwaltungstechnischen Aufwand grandios reduziert. Und obwohl das für mich keine akzeptable Lösung ist, sehe ich ein, dass das – jenseits der persönlichen Ideologie, die an der Uni nichts verloren hat, – eine Art Notwehr ist, die gerne geduldet wird, steht sie doch im Einklang mit dem, was bildungspolitisch und ideologisch gerade en vogue ist und Förderungschancen hat (fragt sich nur, wie lange – ich wollte meine Zukunft nicht auf diese Weise auf Sand bauen).

    Wer diese Art der Notwehr nicht mittragen will, ist sozusagen selbst schuld und kann seine Ansprüche an qualitätvolle Uni-Lehre aus praktischen Gründen einfach nicht verwirklichen (und vielleicht den exit suchen). Was das für die Lehrqualität an deutschen Hochschulen bedeutet, ist leicht abzusehen.

    Aber zurück zu den Ihrer Meinung nach im Uni-Alltag nicht besonders belasteten Mittelbaulern: Nicht zu vergessen sind die gesamten Funktionen der Mittelbauler in der Selbstverwaltung, ihr mangelnder Zugriff auf Sekretärinnen (die netterweise oft trotzdem geholfen haben und z.B, die dauernden, aber durchaus verständlichen, Drängeleien durch Studierende “bearbeitet” haben), ihr nur teilweiser Zugriff auf Hilfskräfte, die gerade an den Tagen nicht da sein können, an denen man sie am besten brauchen könnte, und die oft genug in den eigenen Veranstaltungen sitzen, so dass es keine gute Idee ist, sie mit dem Kopieren der Klausuren zu beauftragen. Bücher besorgen, wenn man Glück hat, die Hilfskräfte. Aber gewöhnlich hat man kein Glück, weil die Aufträge des Profs Vorrang haben und man Hiwis für die Mittelbauler mit anderen Mittelbaulern teilt, so dass dummerweise gerade jemand anders “dran” ist oder der Hiwi nicht da ist, wenn man ihn braucht. Und so ist es Normalität, dass man die notwendigen Bücher eben doch lieber selbst aus der Bibliothek holt, schnell noch bevor sie schließt und bevor die Institutssitzung am Abend beginnt, auf der man dann, wenn alles gut gelaufen ist, wie alle anderen stolz berichten darf, dass es mit der Lehre keine Probleme gibt. Allerdings ist man manchmal auch froh, wenn man keinen Hiwi hat, denn oft sind das neue Leute, die man erst einmal selbst durch die Bibliothek führen muss etc.,. so dass man für alles doppelt so lange braucht wie man brauchen würde, wenn man es selbst tun würde. Der hehre Anspruch ist ja, dass Hiwis nicht nur einfache Handreichungen übernehmen, sondern in ihrer Tätigkeit selbst etwas lernen sollen. Und so ließen sich noch tausend andere Dinge aufzählen, aber mein Kommentar gerät in gefährliche Nähe dazu, das anständige Ausmaß zu sprengen.

    Naja, ich mache trotzdem weiter – vielleicht interessiert ja noch andere Leute dieser Einblick in den Uni-Alltag des durchschnittlichen Mittelbaulers:

    Und fast vergessen hätte ich die Auflagen, die normalerweise mit Mittelbaustellen verbunden sind, nämlich sich an der Betreuung von Drittmittelprojekten zu beteiligen, wenn nicht, selbst welche zu beantragen und durchzuführen, und – natürlich – die eigene Qualifikation voranzutreiben, also irgendwann nachts die Dissertation zu verfassen, wofür natürlich wieder viel, viel Vorarbeit notwendig ist (wenn sie diese Qualifikation auch wirklich verdienen soll).

    Einer meiner Chefs hat es einmal -. empirisch vollkommen zutreffend – auf den Punkt gebracht: “Wann Sie Ihre Dissertation schreiben, ist mir egal – das ist Ihr Privatvergnügen”. Er hatte Recht: ich habe meine Diss ausschließlich abends, nachts und am Wochenende geschrieben, und ich muss zugeben, dass es dennoch ein Vergnügen war. Und ich habe aus den Umständen das Beste machen müssen und dabei ziemlich viel gelernt; auch das muss ich zugeben.

    Die Lehre kann hingegen konnte schwerlich als ein Vergnügen bezeichnet werden, und man lernt aus Belastung zwar sehr viel. aber an einem bestimmten Punkt, wird sie einfach erdrückend. Wer meint, dass Uni-Lehre – gerade für Mittelbauler oder für die meisten Mittelbauler – darin besteht, ab und an einmal in einem Saal zu erscheinen, wo er mit ein klein wenig Vorbereitung und leicht handhabbarer Nachbereitung sein Wissen oder auch nur seine persönlichen Überzeugungen weitergibt, und ansonsten seinen Interessen und seiner eigenen Weiterbildung oder der Forschung frönen kann, der ist ziemlich stark auf dem Holzweg. Diese Situation mag normalerweise für Leute in oder aus Graduiertenkollegs zutreffen, die diesen Luxus damit bezahlen, wenig Ahnung vom allermeisten und etwas Ahnung von einem sehr eng gefassten Thema zu haben noch weniger Erfahrung mit dem Uni-Alltag zu haben, die aber wegen dieses Luxus und ihrer Stromlinienförmigkeit häufig schneller formal qualifiziert sind – und sich schneller auf Stellen oder um Funktionen bewerben können: Auftragsstudienschreiber, Juniorprofessor, Professor, was weiß ich. Aufgrund ihrer mangelnden Erfahrung kommen ihnen diese Jobs wahrscheinlich attraktiv vor.

    Und nun können Sie sich fragen, welche Lehre diese Leute machen. Ich frage mich das jedenfalls, und ich gebe mir selbst eher ernüchternde Antworten. Aber über eines bin ich sicher: mit dem Lehr- und Universitätsalltag sind auch diese Leute hinreichend für eventuelle frühere Verfehlungen gestraft, und vermutlich wird es ihnen sehr entgegenkommen, wenn sie auf eine Halbtags-Stelle + Transferleistungen ausweichen können – Transferleistungen für irgendwelche Privatunternehmungen wie z.B. Familiengründung, die im Gegensatz zur Dissertation bei Akademikern staatlich und auch an und durch Unis gefördert wird, u.a. durch Kinderbetreuung, wenn man sich nichts so sehnlich wünscht wie längere Öffnungszeiten der Uni-Bibliothek, die jedoch prinzipiell außerhalb des Budgets zu liegen scheinen!

    Wenn man an der Uni jemandem begegnet, der 14 SWS oder mehr anbietet und behauptet, das würde ihn nicht überlasten oder er könne in diesen SWS gleichermaßen halbwegs gute Lehre anbieten, dann würde ich diese Person umgehend entlassen, wenn ich könnte, denn das würde entweder bedeuten, dass diese Person unterirdische Maßstäbe an ihre Lehre anlegt oder dass sie immer dasselbe anbietet wie oben illustriert (Gender in Diesem, Gender in Jenem, Genderperspektive an und für sich …).

    Der Punkt ist: egal, wie man sich anstrengt, egal, wie kreativ man ist, egal, ob man dem Uni-Job 24-6 (Schlaf-) Stunden opfert – Lehre kann in diesem Ausmaß nicht sinnvoll und für Lehrende und Studierende befriedigend funktionieren.

    • A.S. says:

      Vielen Dank für ihren engagierte Beschreibung.
      Dass eine qualitativ hochwertige Lehre enormen Aufwand bedeuten kann, ist mir aus der eigenen Praxis durchaus bekannt. Allerdings kenne ich die Situation von Lehrenden nur in Schulen und privaten Nachhilfeinstituten (die die vielen Fehler der Schulen auf Kosten der Eltern ausbügeln müssen), aber nicht an Universitäten. Die dort neben der Lehre noch anfallenden Aufgaben kenne ich natürlich nicht, mein Kommentar lief aber unter der Annahme, dass die ausgeschriebene Stelle nahezu nur Lehrtätigkeiten umfasst und zum Ausgleich der höheren Lehrverpflichtung eben andere Verpflichtungen wegfallen. Das kann etwas naiv gedacht sein (zumindest wenn die Unis intern ähnlich funktionieren wie Schulen), aber unter dieser Annahme schienen mir 6 St. mehr schon möglich.

    • Liebe Frau Diefenbach,

      Vielen vielen Dank für Ihre wunderbare Zusammenfassung (die den oben beschriebenen Artikel um eine wertvolle Perspektive ergänzt). Ich würde Sie am liebsten in unsere heimischen Instituts- oder Fakultätsratssitzungen entführen, um meinen hauseigenen Obrigkeiten die Chance zu geben, doch noch einzusehen, dass Hochdeputatsverträge (momentan beliebt: 13SWS, Jahresverträge, eine Sekretärin für 27 Kolleginnen und Kollegen… ) nicht nur bei uns ‘irgendwie unbeliebt’ sind. Im übrigen gibt es bei uns nun BA-Absolventen, die als WiMi beschäftigt werden (und gleichzeitig im MA studieren), so ist das wohl, wenn man meint, Lehrerbildung betreiben zu können, ohne die Lehrerbildung zu finanzieren. Siehe auch hier: http://catnamedvogel.wordpress.com/2014/05/31/16/

      Viele Grüße und weiterhin viele gute Nerven und viel Erfolg!

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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