Gesucht: Ein Depp vom Dienst

“Am Institut für Soziologie, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, ist ab sofort befristet bis 30. September 2015 die ganze Stelle einer

Depp vom Dienst Giessen

Lehrkraft für besondere Aufgaben

gemäß §§1 ff WissZeitVG zu besetzen. Bei Vorliegen der tariflichen Voraussetzungen erfolgt die Vergütung nach Entgeltgruppe 13 Tarifvertrag Hessen (TV-H).”

So beginnt eine Ausschreibung der Justus-Liebig-Universität in Giessen, der man entnehmen muss, dass Universitäten in Deutschland nicht nur zunehmenden infantilisiert und entprofessionalisiert werden, nein, sie werden auch zu Anstalten einer modernen Form des Sklavenhandels, in denen eine neue Stufe der Zusatzqualifikation eingeführt wird, die man getrost als Ausbeutung bezeichnen kann.

So soll die Lehrkraft für besondere Aufgaben, die an der Universität Gießen gesucht wird, 14 Lehrveranstaltungsstunden pro Woche leisten, und somit 6 mehr als ein ordentlicher Professor. 14 Lehrveranstaltungsstunden, das sind in der Regel 2 pro Seminar, was die Notwendigkeit mit sich bring, 7 Themen zu finden, auszuarbeiten, auf rund 12 Sitzungstermine und ihre Unterthemen zu verteilen, entsprechend Literatur zu suchen, Aufgabenstellungen zusammenzutragen, Themen für Referate oder sonstige studentische Beiträge zu bestimmen und, schließlich, Klausurfragen zusammenzutragen. Eine derartige Verpflichtung kann nur erfüllen, wer die quantitativen Ansprüche, die an ihn gestellt werden, mit einer geringeren Qualität als möglich oder notwendig, verbindet.

Deshalb: “Lehrkraft für besondere Aufgaben” – dass soll vermutlich wie eine Auszeichnung – “besondere Aufgaben” eben – klingen, damit der arme Schlucker, der sich davon blenden lässt, eine Möglichkeit hat, die kognitiven Dissonanzen, die sich angesichts seiner Ausbeutung bei ihm zwanglsäufig einstellen müssen, zu verarbeiten.

Gleichzeitig macht die enorme Anzahl an Lehrstunden, die die Lehrkraft für besondere Aufgaben zu leisten hat, einen Verfall der Bedeutung von Lehre deutlich, der zur Entprofessionalisierung passt, die an Universitäten allenthalben zu beobachten ist.

Eigentlich sind Professoren diejenigen mit der höchsten Lehrbelastung: 8 Semsterwochenstunden Lehre sieht ihr Deputat vor. Sie waren deshalb die am stärksten mit Lehrverpflichtung Belasteten, weil man davon ausging, dass ein Professor mehr von seinem Feld versteht, als ein wissenschaftlicher Mitarbeiter und insofern befähigter ist, Lehrveranstaltungen zu halten als ein wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Ob diese Annahme zutrifft, ist eine gänzlich andere Frage – zumal Programme wie das Professorinnenprogramm alles tun, um dafür Sorge zu tragen, dass Professoren die Unwissenheit ihrer Studenten weitgehend teilen, als Form intellektueller Gleichstellung gewissermaßen. Aber, angesichts von mehr Berufsjahren und entsprechend mehr Zeit, Erkenntnis zu sammeln, ist es auch derzeit noch nicht völlig abwegig davon auszugehen, dass Professoren in der Regel mehr Kenntnisse und Wissen haben als wissenschaftliche Mitarbeiter.

Nun scheint jedoch in der post-Bologna Ära  an Universitäten ein Lehr-Notstand eingetreten zu sein, der dazu geführt hat, dass man billige Arbeitskräfte, Lehrsklaven in diesem Falle, einsetzen muss, um den Lehrverpflichtungen, die eingegangen wurden, Herr zu werden. Lehrsklaven zeichnen sich dadurch aus, dass sie 75% mehr Lehrdeputat haben als Professoren und in der untersten Gehaltsstufe ihrer Gehaltsgruppe (E13) 65% weniger verdienen (Grundgehalt) als ein Professor mit W3 Besoldung, also 25.076 Euro netto pro Jahr (2009 Euro pro Monat) im Vergleich zu 49.142  Euro netto bzw. 49% weniger als ein Professor mit W2 Besoldung, d.h. 25.076 Euro netto im Vergleich zu 45.002 Euro netto pro Jahr.

Man sieht, für Verwaltungen ist der Depp vom Dienst, der nun als Lehrkraft für besondere Aufgaben bezeichnet wird, ein Segen, kann man doch die Anzahl der angebotenen Lehrveranstaltungen erhöhen und gleichzeitig die Kosten senken.

exploitation2Aber: Lehrsklave für besondere Aufgaben kann man nicht einfach so werden. Nein. Gesucht ist eine eierlegende Wollmilchsau, die (1) “pädagogisch geeignet” ist, (2) ein abgeschlossenes Hochschulstudium in Sozialwissenschaften oder Soziologie hat, (3) über mehrjährige universitäre Lehrerfahrung verfügt, (4) im Team arbeiten kann, (5) ein Interesse an Weiterqualifikation mitbringt und (6) “an die Themenfelder Migration, Finanzökonomie, Gender, Bildung, Medien oder Gewalt” anschlussfähig ist.

Wenn Sie also ein Studium abgeschlossen haben, sich für pädagogisch geeignet halten, bereits jahrelang an Universitäten gelehrt haben und in Migration, Finanzökonomie, Gender, Bildung, Medien oder Gewalt anschlussfähig sind, woran auch immer und wie auch immer, wenn Sie der Ansicht sind, dass Sie sich als Depp vom Dienst qualifizieren und es ihnen gegeben ist, diese Tatsache als “besondere Lehraufgabe” zu verfremden, dann bewerben sich sich bitte unter Angabe des Aktezeichens 382/78427/03 mit den üblichen Unterlagen und bis zum 14. August 2014 beim Präsidenten der Justus-Liebig-Universität Gießen, Erwin-Stein-Gebäude, Goethestraße 58, 35390 Gießen. Deppinnen vom Dienst und Kinderbesitzer werden natürlich bei gleicher Willigkeit, sich missbrauchen zu lassen, vorgezogen.

Wer nicht anschlussfähig ist und, wem mehr nach einem Jahresgehalt von 147.072 Euro der Sinn steht, der kann sich als Mitglied des Europäischen Parlaments bewerben. Bewerbungen nimmt jede Partei entgegen. Für die Migliedschaft sind keinerlei Kenntnisse, kein abgeschlossenes Studium, keine universitäre Lehrerfahrung und keinerlei Bereitschaft zur Weiterqualifikation erforderlich. Es genügt, den Mund aufreißen und Unsinn erzählen zu können.

Die Versklavung von Wissenschaftlern wäre doch nun wirklich etwas, um das sich Gewerkschaftler wie Herr Körzell kümmern müssten, schließlich behaupten die Körzells dieser Welt doch die Rechte der Arbeitnehmer zu vertreten, wenn sie nicht gleich die Rechte der Armen gegen die, wie sie sagen: Heuschrecken dieser Welt verteidigen. Doch: Man hört keinen Körzell sich gegen in seiner Diktion: Heuschrecken wenden, die arme wissenschaftliche Mitarbeiter ausbeuten. Kein Körzell regt sich darüber auf, dass die Ausbeutung mit einem fast sittenwidrig zu nennenden Entgelt einhergeht. Ob Herr Körzell einfach zu feige ist, hier die gleichen großen Töne anzuschlagen, die er anschlägt, wenn der Adressat seiner Ausfälle durch Landesgrenzen von ihm getrennt ist oder ist er einfach kein Vertreter deutscher Arbeitnehmer, so dass ihn die Ungerechtigkeiten des deutschen Entgeltsystems wie es derzeit an Universitäten herrscht, nicht interessieren.

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