Wissenschaftszentrum Berlin sucht nach neuer Benennung

“Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) betreibt problemorientierte Grundlagenforschung. Untersucht werden Entwicklungen, Probleme und Innovationschancen moderner Gesellschaften. Die Forschung ist theoriegeleitet, praxisbezogen, oft langfristig angelegt und meist international vergleichend.”

WZBDies ist die Selbstbeschreibung des WZB, des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, das aus Steuergeldern, 75% Bund, 25% Land Berlin oder über Drittmittel, zumeist über die Deutsche Forschungsgemeinschaft eingeworben, also ebenfalls Steuergelder, finanziert wird.

Die Selbstbeschreibung klingt nach Wissenschaft: theoriegeleitet meint: nicht willkürlich, praxisbezogen meint vermutlich: Sozialklempnerei, langfristig angelegt meint vermutlich: “Wenn wir keine Ergebnisse produzieren, dann liegt das daran, dass ihr uns zu früh nach Ergebnissen fragt!”. Langfristig werden also theoriegeleitet und praxisbezogen Entwicklungen, Probleme und Innovationschancen moderner Gesellschaften untersucht – so die Behauptung.

Um uns ein Bild davon zu machen, was sich hinter dieser als Wohlklang intendierten Beschreibung verbirgt, haben wir die Außendarstellung des WZB analysiert, die Art und Weise, wie das WZB wahrgenommen werden will.

Die Außendarstellung besteht aktuell aus sieben Themen. Aufmacher ist ein mit “Mehr väterlicher Familiensinn” überschriebener bebilderter Beitrag, der in den Kontext dessen, was wir gewöhnlich als Infantilisierung von Universitäten und Wissenschaft beschreiben, passt, den man jedoch nicht auf der Seite einer wissenschaftlichen Institution vermuten würde, die ernst genommen werden will.

Nebem dem “Mehr” an väterlichem Familiensinn (eine Überschrift, die darauf spekuliert, dass das “Mehr” bei Lesern aufgrund seiner Konnotation zu Familiensinn, einen positiven Affekt auslöst, weil Familiensinn doch gut ist), gibt es einen Hinweis darauf, dass das WZB als “familienfreundlicher Arbeitgeber bestätigt” wurde, einen Hinweis auf einen Beitrag über China, der sich mit den Kosten, nicht etwa mit dem Nutzen des Aufstiegs eines Landes beschäftigt, in dem noch vor wenigen Jahrzehnten Hungersnöte normal waren. Es gibt einen Hinweis auf den Jahresbericht 2013 und einen Aufreger, denn: “Nicht alle Geschwister beteiligen sich an der Pflege der Eltern”. Auf eine Plattform zum Thema Bildung wird verwiesen, und man kann die Behauptung bewundern, dass “Wer sich arm fühlt”, auch eher krank wird.

Klassifiziert man diese sieben Beiträge, dann muss man zunächst einmal feststellen, dass von theoriegeleiteter oder gar problemorientierter Grundlagenforschung weit und breit nichts zu sehen ist, was natürlich daran liegen kann, dass beides langfristig angelegt ist. Da es das WZB erst seit 1969 gibt, ist es vielleicht noch zu früh, die Ergebnisse der problemorientierten Grundlagenforschung zu publizieren. Nein, das ist ungerecht, schließlich haben wir nur eine Querschnittsanalyse ausgeführt, so dass wir nur irritiert feststellen können, dass die Betonung beider, der theoriegeleiteten Forschung und der problemorientierten Grundlagenforschung sich nicht im Beobachtungszeitraum niederschlägt.

WZB PresseAllerdings kann man der Querschnittsanalyse eine klare Schwerpunktsetzung der Außendarstellung entnehmen: Vier soziale Themen, stehen einem Beitrag über China, der der Transformationsforschung zuzurechnen ist, und zwei Hinweisen auf einmal einne Plattform zum Thema Bildung und den Jahresbericht 2013 des WZB gegenüber.

Die vier sozialen Themen widmen sich ausnahmslos Themen, die der politisch korrekte Zeitgeist vorgibt, wobei man nicht genau weiß, ob man lachen oder weinen soll, wenn die “WZB-Ökonomin Maja Adena” erklärt, dass “[w]er wenig Geld hat”, eher krank wird und dann weiß, dass als “arm … aber auch gelten [kann], wer sich arm fühlt”.

“Ältere Menschen, die sich selbst als arm einschätzen, erkranken deutlich häufiger (38 Prozent) und erleiden eher einen gesundheitlichen Rückschlag (48 Prozent). Auch die Wahrscheinlichkeit, früher zu sterben, ist bei ihnen weitaus höher – bei Männern dieser Altersgruppe um 40 Prozent.”

Nun wissen Wissenschaftler schon seit vielen Jahren, dass subjektive Einschätzungen eher ungeeignet sind, um Lebensereignisse wie Krankheit und Tod zu erklären (so wie sie wissen, dass relative Armut und bestimmte körperliche Tätigkeiten, die auf die Gesundheit gehen, mit einander verwoben sind), denn irgendwie hat man Probleme, sich einen Menschen vorzustellen, der sich z.B. angesichts einer Lungenentzündung für gesund erklärt. Zudem stellt sich die Frage, was man eigentlich misst, wenn man Menschen ihre Armut einschätzen lässt. Einschätzungen sind eben subjektiv, und selbst Dagobert Duck war zeitlebens der Ansicht, arm zu sein.

Insofern sind die angeblichen Ergebnisse so nutzlos wie die Prozentzahlen, die so verloren im obigen Zitat stehen und die besonders einsam sind, weil ihnen keine Bezugsgruppe gegönnt wurde: Diese soziale Kälte gegenüber Prozentzahlen hat uns veranlasst die Aktion: “Jede Prozentzahl hat eine Recht auf eine Basis” ins Leben zu rufen. Wer allein umher irrende Prozentzahlen findet, kann sie in Zukunft bei uns abgeben, wir fahnden denn nach der zugehörigen Basis.

Wer sich bislang noch nicht schlecht fühlt, angesichts der problemorientierten Grundlagenforschung, dem kann geholfen werden, z.B. durch die Raben-Kinder, denen ein weiterer Beitrag politischer Korrektheit gewidmet ist. Die bei deratigen Themen resultierende Entrüstung wird von Marcel Raab, Henriette Engelhardt und Thomas Leopold wie folgt verbalisiert:

“Die Mütter werden in erster Linie von den Töchtern gepflegt. Söhne sind nach wie vor seltener bereit, die Pflegearbeit allein zu leisten. In Familien ohne Töchter teilen sich mehrere Brüder die Pflege häufig untereinander auf.”

ideology of social problemsDie operativen Worte hier lauten: “nach wie vor”, sind diese Söhne also seltener bereit, die Pflegearbeit alleine zu leisten. Vielleicht denken diese Söhne, sie seien dazu nicht qualifiziert. Vielleicht denken sie, sie müssten ihren Lebensunterhalt verdienen. Wir werden es nicht erfahren, denn derartige, nach unserer Ansicht intersektional inspirierte und noch dazu naheliegende Erwägungen wurden in der nicht problemorientierten nicht-Grundlagenforschung nicht berücksichtigt. Statt dessen trifft das Risiko, pflegen zu müssen, das im Text in ironischen Anführungszeichen steht, Geschwister, die näher bei den zu Pflegenden leben. Besonders schlechte Karten haben Kinder, die im Haushalt der zu Pflegenden leben und diejenigen, die von ihren Eltern als potenzielle Pfleger benannt wurden.

Und so lernen wir aus dieser nicht-problemorientierten nicht-Grundlagenforschung, dass es besser ist, so weit wie möglich vom Wohnort der Eltern entfernt zu leben, um Pflegeverpflichtungen, wie sie die neue politische Korrektheit für Kinder postuliert, zu entgehen.

Ein besonderes Kleinod politisch korrekter Forschung liefert Mareike Brünning, die herausgefunden hat, dass schon zwei Monate Elternzeit bei Vätern dazu führen können, dass sie ihre Arbeitszeit nach Ende der Elternzeit um eine Stunde pro Werktag reduzieren, ja selbst ihre Freizeit. Die selbst-nach-zwei-Monaten-Elternzeit-Legitimations-Forschung ist notwendig geworden, weil Väter sich bislang mehrheitlich weigern (75% aller Väter, die Elternzeit nehmen, nehmen die Minimumzeit von 2 Monaten), mehr als zwei Monate ihrer Arbeit fern zu bleiben. Alle Propaganda scheint der Tatsache, dass Männer in der Regel die Hauptverdiener sind und ihre Frauen das ratioanler Weise auch so sehen, machtlos gegenüber zu stehen.

Auch dem Brünningschen Beitrag fehlt nicht die vorgegebene Entrüstung, denn: Männer, die zwei Monate in Elternzeit gehen, beteiligen sich anschließend nicht intensiver an Hausarbeiten als davor. Ob sich Frauen nach einer kurzen Phase der Erwerbstätigkeit intensiver an der Pflege und Wartung des eigenen Autos, an kleineren Reparaturen, wie sie im Haus anfallen oder am Schleppen von Wasserkästen beteiligen, wurde in dieser ideologiegeleiteten Forschung nicht erforscht. Das war auch nicht zu erwarten, denn der sozialen Kälte, die einsamen und ohne Bezugsgruppe verbleibenden Prozentzahlen entgegen gebracht wird, entspricht die abweisende Haltung gegenüber sozialen Beziehungen wie sie z.B. zwischen Ehepartnern bestehen und  generell nicht berücksichtigt werden. Beide, Prozentzahlen und soziale Beziehungen, sind somit Objekte, die man in wissenschaftliche Pflege nehmen und denen man mit viel psychiologischem Aufwand über das Leid ihrer Vernachlässigung, ja Diskriminierung hinweghelfen muss.

In einer Hinsicht ist die ideologiemotivierte Auftragsforschung von Brünning jedoch wichtig. Wenn zuftreffen sollte, dass Männer bereits nach zwei Monaten Elternzeit mit dem Virus außerberuflicher Trägheit infiziert sind und ihre Anstrengungen am Arbeitsplatz reduzieren, dann wird es für Arbeitgeber notwendig, den Fortpflanzungswunsch bei Einstellung zu berücksichtigen. Denn es macht betriebswirtschaftlich keinen Sinn, dieselben Ressourcen und Mittel in Bildung und Weiterbildung von Mitarbeitern zu investieren, die planen, sich in Elternzeit zu verabschieden und anschließend nicht mehr mit voller Kraft zu arbeiten, die in Mitarbeiter investiert werden, die dies nicht planen.

Die Außendarstellung des WZB ist, so kann man diese kurze Analyse zusammenfassen, von politischer Korrektheit geprägt. Man hat den Eindruck, es handle sich beim WZB um eine Außenstelle des Ministeriums für FSFJ, denn die behandelten Themen sind weitgehend identisch: Jammern über die vermeintliche Doppelbelastung von Frauen, das Anpreisen staatlicher Angebote, die dazu dienen, Menschen in vorgegebene Lebensstile einzuweisen, und der Grundtenor, dass Männer ohne staatliche Bemaßnahmung zu wenig Hausarbeit, zu wenig Kinderbetreuung, zu wenig Vatersinn, zu wenig Pflegebereitschaft haben, überhaupt alles zu wenig sind und haben, was politisch korrekter Weise als wertvoll erachtet wird, ist beiden gemeinsam. Was in beiden Fällen fehlt, ist die Klage über die fehlende Bereitschaft vieler Frauen, sich ein ganzes Arbeitsleben lang ihrem Beruf in Vollzeit zu widmen, Überstunden zu machen, um die eigene Familie zu unterhalten oder gar den Wunsch, sich als Mutter zu verwirklichen auf den Zeitpunkt zu vertagen, ab dem sie  es sich aus eigener Kraft leisten können – aber auf einen solchen Gedanken kann man natürlich nur kommen, wenn man theoriegeleitet und wertfrei vorgeht.

Seit Jutta Allmendinger das WZB leitet, ist es mehr und mehr zu einer ideologischen Anstalt im Dienste der Bundesregierung verkommen. Problemorientierte Grundlagenforschung ist weit und breit nicht zu sehen. Was innovativ an Forschung sein soll, die ein Pflegerisiko für Kinder berechnet und bei der herauskommt, dass diejenigen, die den größten Teil zum Einkommen ihrer Familien beitragen, nämlich die Söhne, in der Regel nicht bereit sind, die wirtschaftliche Existenz ihrer Familien für die Pflege ihrer Eltern zu opfern, ist nicht klar.

Und welche Theorie kann wohl hinter einer Forschung stehen, die untersucht, welche Konsequenzen sich einstellen, wenn Väter zwei Monate in Elternzeit gehen? Eine Humankapitaltheorie, die den Zerfall des Humankapitals bei den entsprechenden Vätern vorhersagt und prüft? Eine Equity-Theorie, aus der folgt, dass Männer, wenn sie erst einmal gesehen haben, dass es mit der behaupteten Doppelbelastung nicht weit her ist, selbst auch weniger bereit sind, in Arbeit zu investieren und sich ausnutzen zu lassen? Selbstverständlich wurde keine dieser Theorien geprüft, sie würden dem von Brünning phantasierten “väterlichen Familiensinn” widersprechen. Und dieser “väterliche Familiensinn”, der als positiver Wert am Ende der Forschung stehen soll, zeigt auch, dass es sich nicht um theorie- sondern um ideologiegeleitete Forschung handelt – Forschung, die sich im WZB unter Allmendinger leider in ständig steigender Penetranz findet.

Dazu passt, dass man beim WZB nun stolz ist, als familienfreundlicher Arbeitgeber bestätigt zu werden. Einst war man froh, einen Sir Ralf Dahrendorf als Gastwissenschaftler gewonnen zu haben. Heute ist man froh, familienfreundlich zu sein. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ist zum Verweilzentrum Berlin für Kinderbetreuung geworden. Gesucht ist daher eine Bezeichnung, die den irreführende Zusatz Wissenschaftszentrum” beseitigt.

Vielleicht findet ja einer unserer Leser eine bessere Bezeichung für das WZB.

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5 Responses to Wissenschaftszentrum Berlin sucht nach neuer Benennung

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Wissenschaftszentrum Berlin sucht nach neuer Benennung | netzlesen.de

  2. Chaeremon says:

    Mein Vorschlag zur Benennung: Authentic Source for Interdisciplinary Research on Agnotology (Authentische Quelle für interdisziplinäre Agnotology).

  3. Leonard says:

    Meine strategische Empfehlung lautet:

    “Wenn Du eine Organisation ruinieren willst, dann fördere ihre Feminisierung!”

  4. lernender says:

    “Die Mütter werden in erster Linie von den Töchtern gepflegt. Söhne sind nach wie vor seltener bereit, die Pflegearbeit allein zu leisten. In Familien ohne Töchter teilen sich mehrere Brüder die Pflege häufig untereinander auf.”

    Ich forsche nach dem “Warum” jetzt zwei Minuten und benutze nur gesunden Menschenverstand, Erfahrungen und Bobachtungen.

    Mütter werden in erster Linie von Töchter gepflegt, wenn das zu pflegende Elternteil auch eine Tochter hat, die das macht. Ansonsten sorgen “Söhne” für eine professionelle Pflege, die auch auf das Schamgefühl bei der Pflege Rücksicht nimmt. Gibt es kein professionelle Pflege, putzen auch die “Söhne” den Hintern ab, baden und waschen die Mutter etc.. machen deswegen aber keinen auf Hero.

    Wenn jemand pflegebedürftig ist, ist diese Person im sehr fortgeschrittenen Alter. Demnach ist der “Sohn” auch in einem Alter, in dem nicht nur eine “Sohn/Mutter” Beziehung das Maß aller Dinge ist, sondern auch die “Ehemann/Ehefrau” und “Papa/Kind” sind auch nicht zu verachten.
    Weitere Konstellationen sind “Arbeitgeber/Angestellter” als auch “Kreditgeber/Kreditnehmer” bei einer Bank,wo das Eigenheim finanziert wurde.

    Genau deswegen pflegen die Töchter die Mütter, weil sie keine Lust haben vorzeitig noch den Ehemann zu pflegen, den “Superpapa”, das “Karrierebiest” und den Latinlover in Peronalunion.

    Bekomme ich jetzt auch eine Anstellung als Professor bei dem Verein?

  5. Theresia Schmelzer says:

    In diesem Wissenschaftszentrum sitzen für einen solch unausgegorenen Schmarren, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, “Beamte”. Das WZB ist für mich wieder ein schwarzes Loch mehr, in das Steuergelder verschwinden. Diese Forschung braucht kein Mensch.

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