Im Zweifel ist der Markt schuld: Europa, Ukraine, Russland und Verantwortung

AepfelMarkt und Marktwirtschaft haben in Deutschland einen schweren Stand, und zwar aus mindestens zwei Gründen: Die allgegenwärtige Rede der Ökonomisierungen von dies und jenem vermittelt den Eindruck, alles werde von Marktgesetzen, von Angebot und Nachfrage geregelt, eine Annahme, die sehr leicht als Unsinn auszuweisen ist. Wären es Marktregeln, die umfassend gelten würden, dann gäbe es keine Genderlehrstühle an Universitäten, dann gäbe es kein Berufsbeamtentum, dann gäbe es keine Subventionierung von Kinderbesitz, dann gäbe es Wettbewerb zwischen Schulen, und zwar darum, wer die beste Bildung bereit stellt, es gäbe Wettbewerb zwischen Pflegeheimen darum, wer die beste Pflege bereit stellt, und vor allem gäbe es keine Finanzierung politischer Institutionen, deren einziger Zweck darin besteht, die Bevölkerung zu indoktrinieren, unter dem Deckmantel der politischen Bildung und in der Verkleidung einer angeblichen politischen Stiftung.

Der zweite Grund dafür, dass Markt und Marktwirtschaft in Deutschland einen schweren Stand haben, besteht darin, dass es bei Politikern Mode geworden ist, die Verantwortung für ihr Handeln auf den Markt abzuschieben. Das ist sehr wirkungsvoll, denn es gibt eine Reihe Leichtgläubiger, die nur zu gerne den Markt verantwortlich machen – ohne in der Regel zu wissen, was der Markt eigentlich ist.

Wer hat sich jemals überlegt, ob das, was er unter Markt versteht, auch das ist, was der nächste, der über den Markt spricht, unter Markt versteht? Markt ist vielleicht der Begriff, der heute am meisten missbraucht wird, um alles, was einem nicht passt, zu subsumieren, als neoliberale Marktpolitik zu diskreditieren.

Hayek fuer jedernammDabei beschreibt das Wort Markt in seiner ökonomischen Bedeutung ein Ordnungsprinzip, das darin besteht, wie es z.B. Hayek ausgeführt hat, dass der Preis eine Funktion von Angebot und Nachfrage ist und beide, Angebot wie Nachfrage über die Katallaxie des Marktes reguliert werden. Sprich: Wenn ein Kilo Äpfel mehr Gewinn einbringt als ein Kilo Kartoffeln, dann werden mehr Äpfel angebaut. Wenn als Folge zu viele Äpfel angebaut werden, sinkt der Preis, sofern die Nachfrage nicht im selben Maße wie das Angebot steigt, und es werden wieder weniger Äpfel angebaut. Die historische Bedeutung von Markt verweist auf dieses Ordnungsprinzip, denn ein Markt bezeichnet einen Ort, an dem Anbieter und Nachfrager zusammenkommen, um miteinander zu handeln.

Mehr bezeichnet Markt nicht, aber es reicht ja auch, denn: Das Ordnungsprinzip des Marktes ist im täglichen Leben, selbst in den Bereichen, in denen niemand auf die Idee käme, einen Markt zu vermuten, allgegenwärtig. Nehmen wir z.B. den Markt für Nachwuchs und hier vor allem die Möglichkeit der In-vitro-Fertilisation (ivF): Ärtze bieten das Produkt der künstlichen Benachwuchsung gegen hohe Gebühren an, was eigentlich eine geringe Nachfrage und fallende Preise zur Folge hätte, gäbe es nicht Krankenkassen, die bereit sind, die hohen Gebühren für die desperat-Kinderlosen zu übernehmen und auf diese Weise die Kosten hochzuhalten.

Das Beispiel von Krankenkassen, die Märkte und deren Ergebnisse beeinflussen und das Regulationsprinzip von Märkten, den Preis, dabei zerstören, was letztlich auch den Markt zerstört, lässt sich beliebig fortsetzen. Vor allem die Landwirtschaft ist ein Beispiel dafür, wie man Marktmechanismen beseitigt und über Subventionen bewirkt, dass landwirtschaftliche Produkte zu weit höheren Preisen gekauft werden müssen, als sie es müssten, gäbe es einen Markt. Und die Landwirtschaft ist das Beispiel, an dem der Missbrauch des Begriffs “Markt” besonders deutlich gemacht werden kann.

So tut sich Landwirtschaftsminister Christian Schmidt derzeit als Apfel-Botschafter hervor, der kauend durch die Lande zieht und andere zum Genuss von Äpfeln, von mehr, am besten von vielen Äpfeln anregen will. Warum? Darum:

“Unser Ziel mus es sein, den Schaden für die Betroffenen in Grenzen zu halten und zugleich neue Märkte und neue Absatzregionen zu erschließen, damit Marktrisiken künftig noch besser abgefedert werden”.

Marktrisiken sind nämlich, das will uns Christian Schmidt hier glauben machen, dafür verantwortlich, dass Apfelbauern vorhersehbar auf einem Teil der für 2014 erwarteten, guten Ernte sitzen bleiben. Marktrisiken sind etwas, was immer in Mehrzahl, nie in Einzahl auftritt. Das Marktrisiko findet sich bestenfalls in ökonomischen Texten, nicht jedoch in Aussagen von Politikern, deren Ziel wohl darin besteht, den Markt als Ausgeburt von Risiken darzustellen.

Dabei kennt der Markt nur ein einziges Risiko: Anbieter verschätzen sich mit Blick auf die Höhe der Nachfrage, produzieren entsprechend zu viel und müssen ihre Produktion zu geringeren Preisen als kalkuliert abgegen oder, wenn es ganz schlecht läuft: Sie bleiben auf einem Teil ihrer Produktion sitzen (oder umgekehrt: Nachfrager verschätzen sich im Hinblick auf eine Preisentwicklung).

Genau dieses Risiko ist in der Landwirtschaft, in der die EU die Abnahme dessen garantiert, was angebaut wird, ausgeschlossen. Entsprechend gibt es in der Landwirtschaft im Allgemeinen und beim Apfelanbau im Speziellen keinen Markt. Wenn es keinen Markt gibt, von welchen Risiken fabuliert dann Christian Schmidt.

Deceibe infeigle obfuscateDie Marktrisiken von Christian Schmidt sind “Auswirkungen des russischen Importembargos für Agrarprodukte”. Schmidts Marktrisiken sind also Ergebnis politischer Entscheidung, eine Sicht der Dinge, die ihn als entweder bar jeglicher Kenntnis, selbst rudimentärer Kenntnis über das Ordnungsprinzip Markt und Märkte ausweist, was nicht schlimm ist, ihn aber davon abhalten sollte, sich zu Dingen zu äußern, von denen er so gar keine Ahnung hat. Oder Schmidt will gezielt sein Auditorium täuschen und so tun, als wären die Absatzprobleme der Apfelbauern nicht das Ergebnis politischer Entscheidungen, sondern das Ergebnis des bösen Marktes, der sich neuerdings gegen die Apfelbauern verschworen hat.

Wir sind uns nicht sicher, ob Schmidt mit seinem Versuch, die Verantwortung von Politikern eben einmal auf den Markt zu verlagern, eine große Zahl von Bürgern täuschen kann, in jedem Fall hier die Kausalitätskette in aller Kürze:

Irgend etwas, was niemand so richtig überblickt, was aber viele Experten auf den Plan gerufen hat, die genau zu wissen meinen, was vor sich geht, geht derzeit in der Ukraine vor sich. Die Europäische Union, vermutlich in ihrer Funktion als Träger des Friedensnobelpreises, weiß, wer für die unübersichtliche Lage verantwortlich ist und hat Sanktionen gegen Russland verhängt. Der Präsident Russlands, den man auch vor den Sanktionen als Mann der Tat gekannt hat, hat dies zum Anlass genommen, seinerseits ein Importembargo auf Agrarprodukte, vornehmlich Äpfel und Kohl legen zu lassen.

Das beschreibt “die Marktrisiken”, von denen Landwirtschaftsminister Schmidt spricht. Wir lernen: Wenn Politiker etwas entscheiden, was positive Effekte hat, dann sind das positive Effekte einer Entscheidung durch Politiker. Wenn Politiker etwas entscheiden, was negative Effekte hat, dann sind die negativen Effekte das Ergebnis von Marktrisiken.

Wie viele Dumme und Leichtgläubige mag es wohl geben, die sich nur zu gerne von Politikern wie Herrn Schmidt täuschen lassen?

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6 Responses to Im Zweifel ist der Markt schuld: Europa, Ukraine, Russland und Verantwortung

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  2. Meier, Hans (Kempten says:

    “Markt und Marktwirtschaft haben in Deutschland einen schweren Stand, und zwar aus mindestens zwei Gründen:”

    Ein weiterer Grund, der einmal einer eingehenden Analyse bedürfte: Die Verwechslung bzw. Gleichsetzung von Markt und Kapitalismus.

    Markt beruht auf Wettbewerb und bedarf eines Mediums, mit dessen Hilfe Wettbewerbs- bzw. Leistungsunterschiede vermittelt werden. Das kann Geld sein, das kann Gold sein, das können Leistungspunkte sein, Kaffeebohnen oder “likes” in sozialen Netzwerken.

    Kapitalismus ist (historisch betrachtet) zunächst marktkompatible Form des Wettbewerbs im Vergleichsmedium Geld.

    Aber es kann in jedem Markt zu Verzerrungen und Monopolbildungen kommen, wenn die Marktregeln nicht klug genug verfasst sind oder beachtet werden – der Markt ist nämlich zugleich ein höchst fragiles, artifizielles Gebilde, das vom good will aller Beteiligten lebt und davon, dass nicht einer plötzlich zur Kalaschnikow greift, weil ihm eine Tomate zu teuer ist. (Allen Kritikern des Marktes ins Ohr geflüstert: Funktionierender Markt ist das Gegenteil von Anarchie.) Zur Logik jedes Marktes gehört es, dass viele Teilnehmer versuchen, möglichst viel Marktmacht zu akkumulieren. Ausgeglichen wird dies durch die Konkurrenz, der Wettbewerb der Konkurrenten ist Motor des Fortschritts.

    Nun kann aber ein Marktteilnehmer auch versuchen, Marktmacht mit unlauteren Mitteln zu gewinnen. Das erfolgt dann womöglich gar nicht durch agieren auf dem Markt, sondern am Markt vorbei durch Manipulation des Vergleichsmediums. Historisch betrachtet ergibt sich folgendes Bild: Das natürlich vorhandene Vergleichsmedium Gold wird ersetzt durch ein Kunstmedium (Geld), dessen Produktion Monopol des Staates ist, was vom Staat verlangt, sich absolut marktneutral zu verhalten. in dem Moment freilich, in dem der Staat beginnt, selbst auf dem Markt zu agieren, in dem er Schulden aufnimmt, ist er selbst schon Partei auf dem Markt. Dass historisch Münzverschlechterung (16./17. Jahrhundert) und Inflation (20. Jahrhundert) vopn den Staaten ausgingen ist deshalb logisch: Sie entwerteten die Guthaben ihrer Gläubiger, manipulierten den Markt also massiv.

    Damit aber war ein neues Geschäftsfeld geboren, die Finanzwirtschaft, die zwischen den verschiedenen staatlichen Währungen vermittelt und es ermöglicht, dass Geld investiert werden kann in die Zukunft von Staaten (Staatsanleihen) wie von Firmen (Aktien). Während Aktien in der Regel den Regeln des Marktes unterworfen bleiben, eignen sich Staatsanleihen für Manipulationen in diversester Richtung. Heikel wird dieses Spiel dadurch, dass die Finanzwirtschaft zugleich abhängig gehalten wird von der staatlichen Geldproduktion und damit Regeln unterworfen werden kann, die zur Finanzierung der Staaten beitragen (z.B. wenn Kapitallebensversicherungen einen bestimmten Prozentsatz an Staatsanleihen im portfolio haben müssen) – die Euro-Krise beruht exakt auf dieser Vermengung.

    Die Staaten belohnen die Akteure im Feld der Finanzwirtschaft im Gegenzug mit außerordentlichen Gewinnmöglichkeiten, die es diesen wiederum ermöglichen, als nicht explizit kenntlich gemachte Agenten des Staates einerseits auf dem Markt zu operieren und andererseits zugleich das Medium des Marktes, das Geld, zu monopolisieren. Wer als mittelständischer Unternehmer keinen Kredit bekommt, weiß, wovon ich rede. Dass die Eurorettung großen Teils Bankenrettung ist und zwar Rettung von Banken, deren Geschäftsbasis zu erheblichem Teil die Finanzierung der Staaten ist, die das Geldmonopol besitzen (oder an die ihnen gehörenden Zentralbanken bzw. neuerdimgs die EZB ausgelagert haben), ist das absehbar paradoxe Ergebnis solcher Entwicklung. Nicht umsonst tritt der EZB-Präsident mittlerweile für eine Lockerung der Schuldenkriterien, sprich: eine völlige Entfesselung der Geldproduktion ein.

    Was anderes aber ist Kapitalismus?

    Liebe Kapitalismus-Kritiker: geht dem Kapitalismus nicht auf den Leim! Der wahre Kapitalist ist der Staat, der wahre Kapitalismus ist Staatswirtschaft.

    Alles andere ist manipulative Augenwischerei mit dem Ziel, Euch den wahren Kapitalismus zu verbergen.

    Deshalb: wir brauchen DIESEN Kapitalismus nicht. Wir brauchen stattdessen möglichst viel Markt!

    • SH001 says:

      Sie haben sich da eine Interessante Definition von Kapitalismus zusammengebastelt.

      Wie eigenen sich den Staatsanleihen für Manipulationen in verschiedene Richtungen?
      Was sind das für Manipulationen?

      • Marcel Elsener says:

        Ich zähle nachfolgend mal zwei Möglichkeiten der Manipulation durch Staatsanleihen auf – oder allgemeiner: durch Staatsschulden, denn traditionelle Staatsanleihen machen schon lange nicht mehr den Hauptteil staatlicher Verschuldung aus. Anstatt Staatsanleihen verwende ich nachfolgend deshalb den allgemeineren Begriff Staatsschulden, der auch nichtöffentliche Anleihen, Bankkredite an den Staat und staatliche Geldmarktpapiere (z.B. Treasury Bills) umfasst.

        Staatschulden eignen sich beispielsweise für die Finanzierung sozialer Wohltaten, um so die wahren Kosten der Wohlfahrt temporär zu verschleiern; so kann man zumindest vorübergehend die Steuersätze künstlich tief belassen und stattdessen Staatsschulden äufnen. Ein klassischer Fall war hier die Volksheimideologie in Schweden, die in den 70er Jahren beinahe zum schwedischen Staatsbankrott geführt hätte.

        Es wird dann behauptet, dass es sich bei den aufgenommenen Staatsschulden sozusagen um Investitionen handelt, die den Konsum und das Wirtschaftswachstum erhöhten und somit auch zu höheren Steuereinnahmen führten, wodurch die Staatsanleihen wiederum (theoretisch) zurückgezahlt werden könnten. In der politischen Praxis nennt man das dann ‘Ankurbelung der Wirtschaft’. Den Beleg für die Richtigkeit dieser Behauptung bleibt man in der Realität jedoch immer schuldig.

        Die Abgabenlast wird man zu einem späteren Zeitpunkt trotzdem erhöhen müssen, kann es dann aber auf den bösen Kapitalismus schieben anstatt auf die Anfixung weiter Bevölkerungsteile durch kreditfinanzierte soziale Wohlfahrt, die man dann natürlich nicht mehr zurückfahren kann, wenn sie erst einmal eingeführt ist. Eine schlaue Taktik, die aber irgendwann im Staatscrash enden muss.

        Die Staatsschulden kennen sowieso nur immer eine Richtung: nämlich nach oben. Man möge hierzu einmal die Verschuldung der BRD in der Nachkriegszeit studieren. Sie weist nahezu ein exponentielles Wachstum aus, während die Wirtschaft bestenfalls linear wächst. Selbst wenn die zunehmende Staatsverschuldung tatsächlich einen kleinen positiven Effekt auf die Wirtschaft hätte (Konjunktiv!), wäre dieser Effekt viel zu teuer erkauft. Auch die Abgabenlast ist in der Nachkriegszeit kontinuierlich gestiegen, wobei hier eine theoretische Grenze von 100 % der Wertschöpfung existiert. Die Staatsschulden kann man theoretisch jedoch unendlich hoch wachsen lassen.

        Desweiteren kann man durch Staatsschuldenmonetarisierung auch die Geldmenge selbst manipulieren, was das FED eindrücklich vorexerziert, indem es US-Schatzanweisungen in grosser Zahl aufkauft und im Gegenzug US-Dollars auf den Markt wirft; das FED ist der grösste Gläubiger der USA, noch vor China. Die EZB treibt es nicht ganz so offensichtlich und schüttet Kredite gegen die Verpfändung von Staatspapieren aus. Im Grunde genommen macht die EZB jedoch dasselbe wie das FED: Monetarisierung von Staatsschulden.

        Die grössten Geldmengenmanipulateure und damit Wettbewerbsverzerrer sind die Zentralbanken. Gemäss Kartellgesetzgebung müssten die Zentralbanker eigentlich allesamt als Wirtschaftskriminelle in den Knast wandern. Aber dass sich staatliche und staatsbegünstigte Institutionen nicht an die Gesetze halten müssen, ist ja nichts neues.

        • SH001 says:

          Einer Schuld steht immer ein Guthaben in gleicher Höhe gegenüber.
          Das Aufkauf von Schuldtitel durch Zentralbanken nicht sinnvoll aber da ist es egal ob diese Schuldtitel von Unternehmen, Banken, oder dem Staat stammen.

          Für das Wirtschaftswachstum ist es auch ziemlich Irrelevant ob die Investitionen durch den Staat getätigt werden der dafür einen (zentral)Bankkredit in Anspruch nimmt oder ob eine Privatperson diese Investition Tätigt und dafür einen Bankkredit aufnimmt.

          Alle Argumente bzw. die daraus resultierenden Probleme, die sie hier vorbringen hängen Primär nicht mit dem Zentralbankensystem oder unserem Geldsystem zusammen sondern sind in erster Linie das Resultat von “Bad Governance” der Regierungen und Parlamente.

          • Marcel Elsener says:

            Ihre ursprüngliche Frage war, wie sich Staatsanleihen zur Manipulation eignen. Diese Frage habe ich auch (begründet durch zwei Beispiele) beantwortet.

            Dass es um ‘Bad Governance’ geht, ist schon klar. Das ist ja nicht zuletzt auch eines der zentralen Themen in diesem Blog, welches immer wieder aufpoppt. Aber wie die Blogbetreiber richtigerweise einfordern, sollte man seine Argumentation auch begründen. Wenn man also einer Regierung das Etikett ‘Bad Governance’ anklebt, dann sollte man auch sagen, warum man das tut. Das blosse Behaupten reicht nicht aus, auch wenn die Behauptung an sich stimmt.

            Die Regierung wird meines Erachtens dann zu einer schlechten Regierung, wenn sie schlechte Instrumente beim Regieren benutzt. Ungedeckte Staatsanleihen zu emittieren, mit denen Wohlfahrtsversprechen finanziert werden sollen, ist ein solches schlechtes Instrument, denn der Wohlfahrtsfinanzierung steht in der Realität keinerlei adäquate Wertschöpfung gegenüber. Die Staatsanleihe jedoch bleibt als von der Wertschöpfung losgelöster Schuldtitel trotzdem bestehen und muss irgendwann wieder zurückbezahlt werden. Womit? Laut Ansicht der Emittenten wohl mit neuen Staatsanleihen – also nie.

            Echtes Geld hat die Eigenschaft ein knappes Gut zu sein. Bei Geld auf Gold- oder Silberbasis ist das trivial, denn es wird nur eine bestimmte Menge an Gold bzw. Silber pro Jahr gefördert; die Produktion dieser Form von Geld ist nur in sehr engen Grenzen steigerbar. Bei Geld, welches mit wirtschaftlicher Wertschöpfung unterlegt ist, ist dasselbe zu vermerken, denn auch die Wertschöpfung ist nicht beliebig vermehrbar.

            Kredit hingegen ist beliebig vermehrbar. Ich kann beliebig hohe Kreditbeträge aus dem Nichts generieren. Der wichtigste marktwirtschaftliche Faktor dieser Form von (Schein-)Geld ist damit beseitigt, nämlich die Knappheit des Gutes. Ich kann also eine beliebig hohe Nachfrage nach Krediten stets mit beliebig hohen generierten Kreditbeträgen abdecken; der Kredit hat somit einen Preis, der gegen null strebt – exakt das, was wir bei den zentralbanklich diktierten Leitzinssätzen jetzt feststellen. Der Zinssatz ist ja nichts anderes als der Preis für Kreditgeld; Kreditgeld und echtes Geld unterscheiden sich in einem wesentlichen Faktor (Knappheit des Gutes) und sind somit nicht gleich. Unser heutiges ‘Geldsystem’ (Fiat-Money-System) funktioniert exakt nach den Prinzipien der unbegrenzten Kreditgeldschöpfung und verdient eigentlich die Bezeichnung Geldsystem gar nicht mehr.

            Ich bin der Meinung, dass unser Fiat-Money-System und auch unser Zentralbanksystem (beides hängt untrennbar zusammen) ebenfalls schlechte Instrumente sind. Warum? Weil durch die Manipulierung des Geldes auch unsere ganze Wirtschaft manipuliert und damit der Marktmechanismus ausgehebelt wird. Die willkürlich festgelegten und mittels Geldschöpfung aus dem Nichts tief gehaltenen Zinssätze verleiten Unternehmer zu kreditfinanzierten (Fehl-)Investitionen, die sie bei einem marktwirtschaftlichen (höheren) Zinssatz niemals tätigen würden. Solange die Zinssätze tief bleiben, merken sie aber davon nichts.

            Der Konsument wiederum wird verleitet, seine Wertschöpfung zu verkonsumieren anstatt sie in einer wertschöpfenden Geldanlage zu investieren. Noch schlimmer: der Konsument verschuldet sich für den Konsum. Solange die Inflation höher ist als das Zinsniveau lohnt sich der sofortige Konsum, denn wenn er mit seiner Wertschöpfung in eine Geldanlage investiert hätte er später bei der Rückzahlung inkl. erwirtschafteter Zinsen kaufkraftmässig weniger als vor dem Tätigen der Geldanlage. Die Schuld inkl. gezahlten Zinsen ist bei der Schuldenrückzahlung ebenfalls kaufkraftmässig tiefer, weshalb es sich sogar lohnt einen Kredit aufzunehmen, die hohe Kaufkraft sofort zu nutzen und hinterher bei tieferer Kaufkraft die Schulden wieder zurückzuzahlen – wenn der Schuldner seinen Kredit nie zurückzahlt hat er den Anfangsbetrag sogar geschenkt bekommen, denn die Kaufkraft eines bestimmten Kreditgeldbetrages strebt aufgrund der fortwährenden Geldschöpfung in der fernen Zukunft gegen null. Auch hier gilt: solange die Zinssätze tief bleiben, kann der Konsument seine Schuldzinsen ohne Probleme bedienen.

            Beim Staat, der ähnlich wie der Konsument Schulden anhäuft, geschieht dasselbe; solange die Zinssätze tief bleiben, kann er die Schuldzinsen bedienen. Die Rückzahlung der angeäufneten Schulden ist (wie man in der Realität unschwer erkennen kann) offensichtlich nicht vorgesehen.

            Damit ist der Zinssatzmanipulator Zentralbank in seiner eigenen Falle gefangen. Er ist dazu verdammt, die Zinssätze permanent tief zu halten, d.h. die Marktmechanismen dauerhaft auszuhebeln. Schon eine kleine kurzzeitige Zinssatzerhöhung würde das ganze Fiat-Money-System zum Einsturz bringen. Schlagartig würde eine kritische Menge von Schuldnern zahlungsunfähig, weil sie ihre Zinsen nicht mehr bedienen kann, was sich wie fallende Dominosteine in der gesamten Wirtschaft ausbreiten würde. Ein hochinstabiles System! Die Immobilienkrise in den USA 2007 war Folge einer kurzzeitigen Schwankung des Zinssatzes nach oben und führte in die Beinahe-Katastrophe.

            Im Gegensatz zu Ihnen, werter SH001, halte ich unser System der Kreditgeldschöpfung ohne unterlegte reale Wertschöpfung (=Fiat-Money-System) und die tief darin verwickelten Zentralbanken für primär verantwortlich für unsere jetzige Wirtschaftskrise. Der Staat (bzw. die darin bestimmenden Machthaber) bedient sich dieser sehr schlechten Instrumente ‘Fiat-Money’ und ‘Zentralbank’ zur eigenen Machtkonsolidierung und sogar Machterweiterung, denn durch die Gewährung von sozialen Wohltaten kauft er sich die Wähler. Gerade durch die Installierung und Nutzung des Fiat-Money-System betreiben die Machthaber ‘Bad Governance’. Wenn sie bessere Instrumente (z.B. wertschöpfungsbasiertes Geldsystem) zum Regieren benutzten, hätten wir vielleicht eine ‘Good Governance’. Am besten wäre freilich, wenn diese machtgierigen staatlichen Monopolisten ihre Pfoten ganz aus dem Markt heraushielten. ‘Best Governance’ ist also gleichbedeutend mit (beinahe) ‘No Governance’.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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