Von der Lügenpresse

Da ist es wieder, das Unwort des Jahres.

Vier Germanisten, Linguisten oder Sprachwissenschaftler und ein Journalist haben es bestimmt – in Darmstadt bestimmt (Was für ein Name: Darm-Stadt – ob die Wahl des Bestimmungsortes auf die Qualität dessen schließen lässt, was dort hervorgebracht wird?).

Warum haben die Darm-Städter das Unwort des Jahres bestimmt?

Weil es ein jährliches Ritual ist, das Unwort des Jahres zu bestimmen. Manche Dinge haben eben keinen, über traditionales Handeln hinausgehenden und damit intersubjektiv bestimmbaren Sinn.

Unwort des JahresDas Motiv des traditionalen Handelns ist leichter zu bestimmen, geht es doch darum lehrsam und belehrsam zu wirken, die dummen Wortverwender, die Unworte in ihrem Wortschatz führen, mit der Keule der sprachlichen Rechtschaffenheit zu schlagen, und zwar so lange, bis sie geläutert und ihr Wortschatz von Unworten, also von den Worten, die die Darm-Städter zu Unworten erklärt haben, gereinigt ist.

Das Unwort des Jahres 2014 lautet: Lügenpresse.

Tara!

Und so wird die Wahl begründet:

“Das Wort „Lügenpresse“ war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien. Gerade die Tatsache, dass diese sprachgeschichtliche Aufladung des Ausdrucks einem Großteil derjenigen, die ihn seit dem letzten Jahr als „besorgte Bürger“ skandieren und auf Transparenten tragen, nicht bewusst sein dürfte, macht ihn zu einem besonders perfiden Mittel derjenigen, die ihn gezielt einsetzen. Dass Mediensprache eines kritischen Blicks bedarf und nicht alles, was in der Presse steht, auch wahr ist, steht außer Zweifel. Mit dem Ausdruck „Lügenpresse“ aber werden Medien pauschal diffamiert, weil sich die große Mehrheit ihrer Vertreter bemüht, der gezielt geschürten Angst vor einer vermeintlichen „Islamisierung des Abendlandes“ eine sachliche Darstellung gesellschaftspolitischer Themen und differenzierte Sichtweisen entgegenzusetzen. Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik
und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist.

Lügenpresse ist also ein Unwort,

  1. weil es bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff war.
  2. weil es den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien diente.
  3. weil es von fiesen Schweinen, die sich als besorgte Bürger maskieren, skandiert wird oder von Trotteln die sich als besorgte Bürger vor den Karren der fiesen Schweine spannen lassen, mitskandiert wird.
    1. Die fiesen Schweine sind fiese Schweine, weil sie wissen, dass Lügenpresse bereits im Ersten Weltkrieg und von den Nationalsozialisten benutzt wurde, und sie das Wort dennoch benutzen.
    2. Die Trottel sind Trottel, weil sie nicht wissen, dass Lügenpresse bereits im Ersten Weltkrieg und von den Nationalsozialisten benutzt wurde, und sie das Wort dennoch benutzen.
  4. weil die pauschale Bezeichnung “Lügenpresse” eine fundierte Medienkritik verhindert.
  5. weil die pauschale Bezeichnung “Lügenpresse” eine akute Bedrohung für die Pressefreiheit darstellt.

Diese Begründung muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen, nicht nur weil sie tautologisch ist. Da gibt es also fünf Gestalten in Darm-Stadt, die besorgte Bürger, die “Lügenpresse” skandieren oder auf Plakaten mit sich tragen, als Trottel bzw. als fiese Schweine klassifizieren. Erstere wissen nicht um die Verwendung von Lügenpresse im Ersten Weltkrieg und durch die Nationalsozialisten, Letztere wissen darum und nutzen Erstere, die Trottel, um das, was außer Ihnen und den meisten Teilnehmern der Demonstration niemand weiß, zu verbreiten, nämlich das Erste-Weltkriegs-Nazi-Wort “Lügenpresse”.

Was sie davon haben, einen Begriff aus der Zeit des Ersten Weltkriegs zu entlehnen, der auch von den Nationalsozialisten gebraucht wurde, ist nicht ganz klar, da die meisten ja Trottel sind und nicht wissen, dass der Begriff in der Zeit des Ersten Weltkriegs schon einmal verwedent wurde und auch die Nationalsozialisten (also alle, oder handelt es sich hier um eine grobe Pauschalisierung der Darm-Städter?) ihn nicht verschmäht haben.

Diese Verwendung eines Begriffes, den die Nationalsozialisten verwendet haben (und der in der Zeit des Ersten Weltkriegs verwendet wurde), diskreditiert die Verwender und beschert ihnen ironische Anführungszeichen als: “besorgte Bürger”, was natürlich meint, dass die besorgten Bürger, nur von sich behaupten, besorgt zu sein, denn tatsächlich sind sie fiese Schweine, die ganz bewusst Begriffe, die zur Zeit des Ersten Weltkriegs und von den Nationalsozialisten (also von allen) verwendet wurden, verwenden oder Trottel, weil sie Begriffe benutzen, von denen sie nicht wissen, dass sie von den Nationalsozialisten und während der Zeit des Ersten Weltkrieges verwendet wurden.

Und diese Verwendung macht angeblich Medienkritik unmöglich und gefährdet Meinungsfreiheit, so die Darm-Städter. Hier kann man eigentlich nur “Ha” sagen, denn: Der Begriff “Lügenpresse” ist Medienkritik, eine ziemlich pauschale, sofern er sich auf alle Medien richtet, eine ganz konkrete, wenn er z.B. die ARD oder andere politisch beeinflussbare öffentliche Sender meint. Wieso es die Meinungsfreiheit gefährden soll, dass jemand seine vielleicht pauschale Meinung (was zu klären wäre) kundtut, er also von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch macht, das ist ein Geheimnis, für das die Darm-Städter auch bei langem Nachdenken keine Begründung finden werden, die auch nur ansatzweise mit Logik und Denken vereinbar ist.

Lügenpresse?
Lügenpresse?

Auf die Behauptung, dass es die Freiheit der Presse gefährden soll, wenn der Wahrheitsgehalt der täglich verbreiteten Meldungen geprüft und bewertet wird, ob die Bezeichnung Lügenpresse zu allgemein, nur in Teilen oder gar nicht gerechtfertigt ist, kann nur jemand kommen, der die Prämisse hat, dass Kritik an der Presse, in welcher allgemeinen Form auch immer, sie geäußert wird, an sich schädlich ist.

Das wiederum ist entweder eine Kritikfeindlichkeit, die die Frage aufkommen lässt, was die entsprechenden Kritikfeinde an Universitäten zu suchen haben. Oder es ist Ausdruck eines erhabenen, prätentiösen Elitegefühls, das man vielleicht am besten als Bewusstsein einer sprachlichen Vorhut der Schwallerklasse bezeichnen kann, abermals ist es nicht mit der Position eines Wissenschaftlers an einer Universität zu vereinbaren.

Entsprechend hat man wieder einmal, wie so oft, wenn das Unwort aus Darm-Stadt auf uns niederkommt, das begründete Gefühl, dass hier politische Animositäten, im vorliegenden Fall gegen die Teilnehmer von Pegida Märschen, ausgelebt und als Wahl zum Unwort des Jahres maskiert werden sollen, was vollkommen unnötig ist, denn es ist hinreichend bekann, und zwar auch außerhalb der Lügenpresse, dass die Darm-Städter Wortwächter dem linken politischen Spektrum zuzuordnen sind.

Wäre es nicht Zeit, diesem paternalistischen, manipulativen, arroganten, antidemokratsichen, unsinnigen Unwort-Spuk ein für alle Mal Ende zu setzen?

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