Soziologen, setzt Euch zur Wehr gegen systematische Diskriminierung!

Gestern haben wir die Ergebnisse der Unterschung von Mark Lutter und Martin Schröder  “Who Becomes a Tenure Professor, and Why?” dargestellt. Die Ergebnisse von Lutter und Schröder basieren auf einer Analyse aller Lehrstuhlbesetzungen für den Zeitraum 1980 bis 2013 für das Fach Soziologie und entsprechend auf Informationen über 1.260 Soziologen und 297 ordentliche Lehrstuhlbesetzungen.

PopitzSoziologen, das sind (oder waren einmal) WIssenschaftler, die sich unter anderem mit Fragen der sozialen Ungleichheit oder der Sozialstruktur befasst haben, die untersucht haben, wie vertikale Mobilität verhindert wird, also dafür gesorgt wird, dass Kinder aus Unterschichtsfamilien selbst Unterschichts- und nicht MIttelschichtsfamilien gründen, oder die die Mechanismen des alltäglichen Lebens untersucht haben, mit denen z.B. in Bildungsinstitutionen für soziale Segregation gesorgt wird. Entsprechend war Soziologie eine kritische Wissenschaft, die gesellschaftliche Prozesse analysiert und unerwünschte Entwicklungen aufgezeigt hat.

Zwischenzeitlich ist Soziologie in vielen Teilen zu einer Legitimationswissenschaft verkommen, d.h. Soziologen sehen es nicht mehr als ihre Aufgabe an, die Folgen politischer Entscheidungen auf die Gesellschaft zu analysieren. Die meisten Soziologen sehen es heute als ihre Aufgabe an, die nämlichen politischen Entscheidungen zu legitimieren.

Als Folge hat sich die Soziologie von einer empirischen zu einer Lehnstuhl-Wissenschaft entwickelt. An die Stelle der Analyse dessen, was ist, ist die mehr oder weniger gelangweilte Betrachtung darüber getreten, was man gerne hätte.

Diese Entwicklung von einer kritischen zu einer selbstgefälligen und langatmigen Wissenschaft, deren Vertreter der sie umgebenden Welt nichts mehr zu sagen haben, hat nach unserer Ansicht u.a. mit dem Staatsfeminismus zu tun, mit der Installation von Gender Studies in der Soziologie und mit einer systematischen Untergrabung der Standards der Soziologie dadurch, dass nicht mehr nach Leistung in Positionen berufen wird, sondern nach Geschlecht.

Das hat, wie Lutter und Schröder mit ihrer Untersuchung deutlich gemacht haben, dazu geführt, dass männliche Bewerber auf einen Lehrstuhl in Soziologie massiv und systematisch diskriminiert werden:

  • MPIfG_LutterWeibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.
  • Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.
  • Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Eine solche Situation in einem Fach, zu dessen wichtigsten Aufgaben einmal die Analyse sozialer Ungleichheitsstrukturen gehört hat und nach Anspruch der Soziologen, die von sich behaupten, sie würden nach wie vor soziale Ungleichheit oder gar Diskriminerung untersuchen, immer noch gehört, ist der Gipfel der Ironie. Sie wirkt auf uns als wäre ein Gärtner, dessen Aufgabe darin bestanden hat, Unkraut aus einem Park zu entfernen, dazu übergegangen, das Unkraut systematisch anzupflanzen.

Aber ganz davon abgesehen, dass es gerade für die Soziologie eine erstaunliche Transformation darstellt, vom Kritiker sozialer Ungleichheit und von Diskriminierung zum praktischen und Legitimations-Ort sozialer Ungleichheit und Diskriminierung geworden zu sein, ist Diskriminierung und soziale Ungleichheit, da wo sie nicht durch das meritokratische Prinzip gerechtfertigt ist, also dadurch, dass ein Bewerber, der einem anderen vorgezogen wird, nachvollziehbar besser ist als der Bewerber, dem er vorgezogen wurde, immer eine Frage von Moral und Anstand.

Moral insoweit, als es moralisch verwerflich ist, Dritte wegen Eigenschaften zu benachteiligen, die für die vorliegende Entscheidung irrelevant sind. Anstand insoweit, als ein anständiger Mensch sich nicht der Beihilfe zur Diskriminierung schuldig macht.

Deshalb haben wir die Ergebnisse von Lutter und Schröder zum Anlass genommen, um alle Mitglieder des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie anzuschreiben und zu fragen, wie sie zu der systematischen Benachteiligung von Männern in der Soziologie stehen, was sie jungen Männern, die die Soziologie als Ausbildungsfach gewählt haben, raten und welche Schritte sie einzuleiten gedenken, um die systematische Benachteiligung von Männern in der Soziologie zu beenden.

Sehr geehrter …

dgs2

Mark Lutter und Martin Schröder vom Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln haben eine Vollerhebung der Berufungen auf Lehrstühle der Soziologie, die im Zeitraum von 1980 bis 2013 besetzt wurden, durchgeführt und auf Grundlage dieser Daten, für 1.260 Soziologen die Variablen bestimmt, die einen Effekt auf die Besetzung eines Lehrstuhls haben (Veröffentlicht als MPIfG Discussion Paper 14/19 unter dem Titel: “Who Becomes a Tenure Professor, and Why”).

Dabei haben sie eine systematische Diskriminierung von männlichen Soziologen festgestellt, die jedem Wissenschaftler, der sich mit Diskriminierung oder mit sozialer Ungleichheit oder mit der Erforschung von Stereotypen, Vorurteilen und darauf basierenden Ismen, wie Rassismus oder Sexismus beschäftigt, den blanken Schrecken ins Gesicht treiben muss.

Hier ein Auszug der wichtigsten Ergebnisse.

  • Weibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.
  • Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.
  • Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Diese Ergebnisse beschreiben eine unhalbare Situation systematischer und insofern wohl institutioneller Diskriminierung von männlichen Bewerbern. Dass eine solche Situation ausgerechnet in der Soziologie mit ihrer Tradition der Erforschung von Diskriminierung und sozialer Ungleichheit eingetreten ist, kann man wohl nur als Ironie der Geschichte bezeichnen.

Wir nehmen diese Situation zum Anlass, um Sie als Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zu bitten, die folgenden Fragen zu beantworten:

  1. War Ihnen bekannt, dass männliche Bewerber auf eine Professur in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?
  2. Halten Sie die systematische Diskriminierung von männlichen Bewerbern im Verlauf einer universitären Karriere für hinnehmbar?
  3. Wenn ja, warum?
  4. Wenn nein: Was gedenken Sie dagegen zu unternehmen?
  5. Was raten Sie männlichen Abiturienten, die sich mit dem Gedanken tragen, Soziologie zu studieren?
  6. Was raten Sie männlichen Absolventen, die sich mit dem Gedanken tragen, eine wissenschaftliche Karriere in der Soziologie anzustreben?
  7. Was halten Sie von der Tatsache, dass männliche Bewerber in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?

Wir bedanken uns für Ihre Antworten und verbleiben mit kollegialen Grüßen,

Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein
ScienceFiles.org

Die eMail ging an:
Peter Berger, Universität Rostock;
Nicole Burzan, Technische Universität Dortmund;
Stephan Lessenich, Ludwig-Maximilians-Universität München;
Michaela Pfadenhauer, Universität Wien;
Uwe Schimank, Universität Bremen;
Paula Irene Villa, Ludwig-Maxilimians-Universität München;
Georg Vobruba, Universität Leipzig;

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11 Responses to Soziologen, setzt Euch zur Wehr gegen systematische Diskriminierung!

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  2. sagichnicht@fu-berlin.de says:

    ich als männlicher Postdoc mache mir keine Sorgen.

    Im Übrigen sollte man vielleicht zu der Studie vielleicht noch die Absoluten Zahlen der bestehenden Professuren ergänzen. Ich habe keine Zahlen zur Hand, habe einen Zweifel daran dass unter den bestehenden Professuren der Frauenanteil >50% ist.

    • sagichnicht@fu-berlin.de says:

      ich hatte keine Zeit das genau durchzugehen, aber sehen Sie hier mal auf S.15.

      Tabelle 2: Soziologie-Professorinnen und Professoren nach Geschlecht und Alter (2009)
      Anteil in % je Altersgruppe
      (N)
      Männer Frauen
      Gesamt (301) 75.1 (226) 24.9 (75)
      56-65 Jahre (136) 83.1 (113) 16.9 (23)
      46-55 Jahre (112) 75.9 (85) 24.1 (27)
      Bis 45 Jahre (53) 52.8 (28) 47.2 (25)
      Juniorprofessuren (16) 31.2 (5) 68,8 (11)
      Eigene Daten und Berechnungen.

      Sie werden sicherlich das genau durchgehen und belegen, dass die Studie Mist ist, da bin ich gespannt drauf.

      • Warum sollten wir das durchgehen?

        Wir, im Gegensatz zu ihnen, können zwischen einer Verteilung, wie sie derzeit gegeben ist und der aktiven Diskriminierung von Männern unterscheiden.

        Dazu ist im übrigen nicht viel Zeit notwendig. Wer hier behauptet, er habe zu wenig Zeit, um ein Argument zu formulieren, der hat offensichtlich andere als Zeitdefizite.

        Aber es ist gut zu wissen, dass Sie Verteilungen als Rechtfertigung für Diskriminierung akzeptieren.

        Derzeit sind rund 8% der Studenten aus der Arbeiterschicht. Das wird dem Anteil der Kinder aus der Arbeiterschicht an der Bevölkerung in keiner Weise gerecht. Ich schlage deshalb vor, dass ab sofort ein Stopp eingeführt wird, d.h. Kinder aus Mittelschichtsfamilien werden erst dann wieder zum Studium zugelassen, wenn der Anteil der Kinder aus der Arbeiterschicht dem Anteil von Kindern aus der Mittelschicht entspricht. Und da sie kein Problem mit individueller Diskriminierung haben, schlage ich zudem vor, sie räumen ihre post-doc Stelle zu Gunsten eines Absolventen, der aus der Arbeitschicht stammt.

      • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

        Ich kann Michael Klein nur zustimmen. Sie können anscheinend nicht verstehen, dass diese Zahlen völlig irrelevant sind. Noch einmal: Ergebnisgleichheit ist der ungleichen Verteilung, die sich aufgrund ungleicher Leistungen ergibt, entgegengesetzt! Was Sie propagieren, ist Diskriminierung von Leuten, die etwas leisten, um der Durchsetzung von Ergebnisgleichheit willen, die ihrerseits keinerlei vernünftige Begründung hat (weder bildungspolitisch noch philosophisch noch wirtschaftpolitisch ….).

    • Auf diesen Post habe ich gewartet. Dass weniger Frauen in Professuren sind, das rechtfertigt die Diskriminierung von Männern. Ich gratuliere Ihnen zu ihrer Logik. Sie haben also kein Problem damit, einem Bewerber gegenüber zutreten und ihm ins Gesicht zu sagen: Du bist zwar der am besten geeignete Bewerber, aber Du hast das falsche Geschlecht. Was kann man dazu noch sagen außer: Ich hoffe, Sie machen genau diese Erfahrung im weiteren Verlauf ihrer Karriere. Manche müssen eben ins Wasser fallen, bevor sie einsehen, dass man davon nass wird.

      • Aber Herr Klein,
        was haben Sie dagegen, wenn Leute ohne Verständnis für einfache logische Zusammenhänge freiwillig von Professorenstellen fern bleiben?

        Carsten

        mal ‘ne lustige false flag zur Thema Terrorgefahr:
        http://www.taz.de/!41618/

        • Herr Thumulla, da haben Sie natürlich recht, und ich könnte jetzt sogar ein Argument aus der Sozio-Biologie, eines mit der Selbstselektion und so, machen, aber das lasse ich lieber, schon weil ich die Präferenz von Akteuren für wichtiger halte und wenn es die Präferenz von X ist, sehenden Auges in den Abgrund zu laufen, dann kann ich nur sagen: X, beeil Dich!

    • “sagichnicht”,

      Ihr Pseudonym scheint für Sie Programm zu sein :-), und insofern müssen Sie sich bis auf Weiteres vielleicht wirklich keine Sorgen machen, sofern Sie die brav die Rhetorik der Gleichstellungsideologie nachplappern. Aber da Ideologien doch recht kurzlebing sind und es sein könnte, dass Ihre Studenten Sie demnächst fragen, nach welchen Kriterien sie von Ihnen bewertet werden, wenn Sie selbst mit der Verletzung des meritokratischen Prinzips keine Schwierigkeiten haben, könnte mir vorstellen, dass Sie in absehbarer Zukunft noch merken werden, warum Sie sich vielleicht besser bei Zeiten Sorgen gemacht hätten.

      Aber davon abgesehen sehe ich nicht, was Ihr Zweifel daran, “dass unter den bestehenden Professuren der Frauenanteil >50% ist” mit der Verletzung des meritokratischen Prinzips zu tun hat:

      Das ist ja gerade der Witz, dass jede Aufrechnung von prozentualen Anteilen auf ERGEBNISGLEICHHEIT abzielt, die Bildungsinstitutionen in Deutschland aber nach wie vor – zumindest formal – dem meritokratischen Prinzip verpflichtet sind, das ungleiche Ergebnisse für Individuen aufgrund ihrer ungleichen Leistungen produziert und eben nicht irgendeine kollektive Anteilsergebnisgleichheit aufgrund irgendwelcher irrelevanter Größen wie Geschlecht, Schuhgröße oder Augenfarbe. Bewerber um Stellen an deutschen Hochschulen haben jahrelang unter der Annahme, dass Leistung gewürdigt würde, in ihre Karriere investiert, und sie gehen bei Bewerbungen davon aus, dass ihre Leistung für die Berufungskommissionen oder sonstige akademische Arbeitgeber relevant sein wird.

      Und das ist eben Betrug an Individuen: sie werden aufgrund schwachsinniger Kollektiv-Merkmale diskriminiert, wobei so getan wird, als sei genau dies nicht der Fall, sondern man würde sich selbstverständlich an das Leistungsprinzip halten.

      Wenn man an deutschen Universitäten so wenig vom Leistungsprinzip hält, dann verstehe ich ncht, warum man an denselben Universitäten nicht dazu steht, dass man auf die Leistungen von Leuten keinerlei Wert legt und lieber irgendwelche Gurken auf Stellen hievt – hauptsache, man hat irgendeinen Anteil erreicht; dann kann man sich auch den Aufwand sparen, der eine Berufungskommission für alle Beteiligten bedeutet.

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