Alles Rassisten in der Bürgerlichen Mitte – Die Sektion Frauen- und Geschlechterforschung der DGS klärt auf

Den Genderisten bläst der Wind ordentlich ins Gesicht, was auch kein Wunder ist, denn wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, dass der Kaiser nackt ist, nimmt die Zahl derer, die das kaiserliche Gewandt bewundern, rapide ab.

Achtung heftiger Gegenwind!Und so scheinen den Gender- und Geschlechterforschern und vor allem den “feministischen Gesellschafts- und Wissenschaftskritikern” die Felle davon zu schwimmen, und zwar in einer Geschwindigkeit, die ihnen außer Anomie wenig Zeit zur Reaktion lässt. Anomie beschreibt hier die Reaktion des Kaninchens vor der Schlange.

Und so hat uns gerade ein “Statement der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der DGS” erreicht, ein Statement zum “Ratschlag zum Umgang mit Anti-Feminismus”, das an Armseligkeit nicht zu überbieten ist. [Was Frauen- und Geschlechterforschung mit Feminismus zu tun hat, ob Frauen- und Geschlechterforschung überhaupt etwas mit Feminismus zu tun hat, das wäre übrigens noch zu klären. Es gibt genug Anlass anzunehmen, dass die Frauen, die Feminismus als emanzipatives Projekt begründet haben (z.B. Mary Wollstonecraft), beim Anblick der traurigen Gestalten, die heute von sich sagen, sie wären Feministen,  von einem heiligen Zorn erfasst würden.]

Vorab und zur Erinnerung: Bis heute hat es kein Lehrstuhlbesetzer für Gender, Geschlechter oder sonstige Zwischenbein-Forschung geschafft, einfache Fragen zu den Grundlagen, den Methoden, der Erkenntnistheorie seiner vermeintlich doch wissenschaftlichen Betätigung zu beantworten. Alle, die wir oder Günter Buchholz gefragt haben, schweigen beharrlich, was nurmehr den Schluss zulässt, dass sie nicht antworten können, weil sie keine wissenschaftlichen Grundlagen, keine wissenschaftlichen Methoden und keine Erkenntnistheorie haben.

Dafür haben sie einen ausgeprägten Opfersinn und eine ausgeprägte Lamentierfähigkeit, wie man dem Statement der Sektion Frauen und so weiter Forschung entnehmen kann.

Sie sehen sich umzingelt. Von Kritikern gejagt, die ihnen nun schon in der Wissenschaft auflauern und sie mit Fragen traktieren. Offensichtlich wird so langsam auch behäbigen Wissenschaftlern klar, dass sie Ideologen in ihren Reihen und an ihren Fördertöpfen haben (dazu unten mehr).

Dass die Frauen- und Geschlechterforscher_I_*innen Angst um ihre Pfründe haben, dass sie sich in der dummen Situation finden, sich erklären zu müssen, wird auch daran deutlich, dass sie, wie üblich, auf Kritik mit Diffamierung reagieren. So sehen sie eine “mediale Debatte”, die einen “Angriff” auf die “feministische Wissenschaftstradition” führt, was schon deshalb nicht möglich ist, weil es vermutlich eine feministische Tradition, aber eben keine feministische Wissenschaftstradition gibt. Gäbe es dieselbe, die Genderisten könnten die ihnen gestellten Fragen beantworten.

Die Angriffe werden sodann zu “Vorwürfen der Unwissenschaftlichkeit und der Ideologisierung”, um sich danach zu “polemischen Attacken” aufzubauen, die die  “De-Legitimierung des Feldes” anstreben (als müsste man das “Feld” de-legitimieren), den Genderisten die “Durchsetzung politischer Interessen” vorwerfen und die “Wissenschaftlichkeit der Genderforschung grundsätzlich in Abrede” stellen. Und diese Vorwürfe, Attacken und Angriffe, sie kommen auch aus dem “akademischen Feld”.

Ja, so ist das. Die Zeit des gemächlichen und ungestörten rent seeking ist vorbei.

DGSWer nun denkt, das Statement der XX-Sektion zeige die Unhaltbarkeit dieser “Angriffe”, “Attacken” und “Vorwürfen”, also in normaler Sprache: der Kritik an den Genderista auf, der irrt sich. Wo ein normaler Wissenschaftler mit Argumenten und dem Versuch, die Kritik zu widerlegen oder doch zumindst zu entkräften reagiert hätte, da reagieren die XX-Sektionalen mit … nichts.

Kein Argument, warum die Angriffe ungerechtfertigt sind.

Kein Beleg dafür, dass der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit falsch ist.

Kein Argument, das zeigt, dass keine Ideologisierung der Wissenschaft durch deren Infiltrierung mit Genderista erfolgt. Einfach nur nichts.

Einen klassischeren Beleg dafür, dass Frauen- und Geschlechterforscher eben keine Wissenschaftler, sondern Ideologen und politische Günstlinge sind, kann man sich kaum vorstellen.

Wir haben uns zwei Stellen aus dem “Statement” herausgegriffen, an denen die ganze Armseligkeit der Genderista deutlich wird:

“… wer anderen Normativität und politischen Etikettenschwindel vorwirft, bewegt sich vor allem selbst auf rhetorisch-ideologischem Glatteis. Der in diesem Zusammenhang geäußerte Vorwurf, kulturelle Aspekte des Geschlechterverhältnisses seien völlig unterforscht, demonstriert Unkenntnis”.

Diese Passage richtet sich gegen Stefan Hirschauer, der es gewagt hat, einen recht biederen und zurückhaltenden Beitrag mit dem Titel “Wozu Gender Studies?” zu verfassen. Wer die Passage gelesen hat, vermisst vermutlich den positiven Teil, wie Hans Albert immer gesagt hat und bis heute wohl sagt: Warum, so muss man die Genderista fragen, bewegt sich derjenige, der anderen Normativität und politischen Etikettenschwindel vorwirft, auf Glatteis? Warum demonstriert jemand, der behauptet, “kulturelle Aspekte des Geschlechterverhältnisses” seien “völlig unerforscht” Unkenntnis?

Den rhetorischen Trick, der hier zur Anwendung kommt, könnte man als offensive Armseligkeit bezeichnen, denn die fehlenden eigenen Belege und Argumente sollen durch einen Angriff auf den Kritiker übertüncht werden. Ein Trick, der unter Genderista klappen mag, nicht jedoch unter Wissenschaftlern, denn Wissenschaftler sind nicht so dumm, als dass sie glauben würden, ein argumentum ad hominem sei gültig.

Wissenschaftler arbeiten an einem kumulativen Projekt . Und ein kumulatives Projekt setzt es voraus, dass man Argumente, nachvollziehbare und nachprüfbare Aussagen aufstellt. Wer nichts anderes kann, als Dritte abzukanzeln, der ist ein Ideologe und hat in der Wissenschaft nichts zu suchen. Ergo haben Genderista und ihre Vasallen in der Wissenschaft nichts zu suchen.

Genderista sind auch gar nicht in der Wissenschaft, um Wissenschaft zu betreiben oder Erkenntnis zu gewinnen, nein, sie sind politische Überzeugungstäter, Ideologen, die an einer sozialistischen Gesellschaft bauen wollen:

windbeutel“Dabei sind der sich artikulierende Antifeminismus sowie Trans- und Homophobie kein singuläres Phänomen. Die Diffamierung von Genderforscher_innen und die Verunglimpfung der Gleichstellungspolitik stehen u.a. im Zusammenhang mit kulturellem Rassismus, der sich zunehmend in Hassreden und Praktiken der Abwertung äußert. Europaweit zeigen mediale Debatten und Demonstrationen im öffentlichen Raum, dass die bürgerliche Mitte zunehmend ein ‚Unbehagen‘ artikuliert, das in der Ungleichheitsforschung u.a. auf die Neoliberalisierung und Vermarktlichung der Gesellschaft zurückgeführt wird; aus modernitätstheoretischer Sicht geht dieses ‚Unbehagen‘ mit antiemanzipatorischen und anti-aufklärerischen, d.h. reaktionären Impulsen einher. In diesem Zusammenhang werden kategorial abwertende Zuschreibungen, wie etwa Fremdenfeindlichkeit, immer vehementer artikuliert.”

Die bürgerliche Mitte ist aus Sicht der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung der DGS also Hort von Rassimus, Homophobie, Antifeminismus und “Neoliberalisierung” bzw. kurz. von kulturellem Rassismus. So einfach denken die Gender-Sektionalen, ist es, Kritik vom Tisch zu wischen und Kritiker als kultur-rassistische Bourgeois zu diffamieren, die es im neuen Klassenkampf, in dem die gelangweilten Günstlinge öffentlicher Förderprogramme sich nunmehr mit denen konfrontiert sehen, die diese Förderprogramme finanzieren, quasi als Verkehrung dessen, was Marx einst am Werk sah und vielleicht auch als neue Fassung dessen, was er einst als Lumpenproletariat bezeichnet hat, zu bekämpfen gilt.

Die modernen Klassenkämpfer haben jedoch im Vergleich zu ihren Vorgängern ein Handicap: Sie verfügen über keinerlei Produktivkraft. Sie sind vollständig vom Wirt, der sie bedient, abhängig, und das scheint ihnen auch vollkommen bewusst zu sein. Anders ist dieses Mahnmal genderistischer Armseligkeit kaum zu erklären.

Siegwart Lindenberg hat einmal sinngemäß gesagt, dass dann, wenn die Mittel knapp werden, wenn ökonomische Zwänge die Ausgaben determinieren, Rationalität als Kriterium bei den entsprechenden Entscheidungen über die Verwendung begrenzter Ressourcen wieder Einzug hält. Insofern sind wir auf dem besten Weg, Genderista loszuwerden.

Dass nichts verloren ist, wenn wir Genderista von Hochschulen entfernen und im Gegenteil viel gewonnen ist, zeigt die folgende Passage aus dem Statement der Gender-Sektionierten ganz deutlich:

“Die Einsicht in Prozesse der Vergeschlechtlichung der Wissenschaftsorganisation und des wissenschaftlichen Denk- und Begriffsapparats war für die Ausdifferenzierung des Forschungsfeldes zentral; die erkenntnistheoretisch motivierten Debatten der 1990er Jahre um das Verhältnis von sex und gender stellen eine paradigmatische Erweiterung dar und sind Ausdruck eines Selbstverständnisses als emanzipatorischer Wissenschaft, die immer wieder offen über das Verhältnis von Standortgebundenheit, Erkenntnis und Normativität in Verhandlungen getreten ist.”

Wie es sich mit einer angeblich emanzipatorischen Wissenschaft vereinbaren lässt, dass Kritiker der Genderista durch die Bank diffamiert und als Rassisten beschimpft werden, ist eine Frage, die die Schreiber des Statements vielleicht beantworten können, wenn sie demnächst von dem emotionalen Hoch, das ihre Hysterie ihnen verschafft hat, auf den Boden der Realität zurückkehren, sofern Hysterie bei ihnen kein Dauerzustand ist, quasi eine Grundqualifikation zum Genderista.

Inhaltlich hat die zitierte Passage wenig zu bieten und lässt sich unter Auslassung sämtlicher Füll- und Leerwörter wie folgt zusammenfassen: Die genannte Einsicht war wichtig, um zusätzliche Stellen für Gender-XX zu schaffen, und die Debatten der 1990er Jahre haben gezeigt, dass eine emanzipatorische Wissenschaft sich mit sich selbst beschäftigen muss. Die Maxime der feministischen Erkenntnis lautet demnach: “Beschäftige Dich mit Dir selbst und schaffe Stellen für andere, die sich mit sich selbst beschäftigen wollen!”

Zeit, an unsere Petition gegen Genderismus an Schulen und Hochschulen zu erinnern. Sie kann immer noch unterzeichnet werden.

Davon abgesehen, brauchen Stefan Hirschauer und Günther Buchholz Solidaritätsbekundungen, denn die beiden wurden von den Genderista als neue Feinde ins Visier genommen – wie man beim Lesen des Statements und vor allem der Fußnoten schnell bemerkt..

Soziologen, setzt Euch zur Wehr gegen systematische Diskriminierung!

Gestern haben wir die Ergebnisse der Unterschung von Mark Lutter und Martin Schröder  “Who Becomes a Tenure Professor, and Why?” dargestellt. Die Ergebnisse von Lutter und Schröder basieren auf einer Analyse aller Lehrstuhlbesetzungen für den Zeitraum 1980 bis 2013 für das Fach Soziologie und entsprechend auf Informationen über 1.260 Soziologen und 297 ordentliche Lehrstuhlbesetzungen.

PopitzSoziologen, das sind (oder waren einmal) WIssenschaftler, die sich unter anderem mit Fragen der sozialen Ungleichheit oder der Sozialstruktur befasst haben, die untersucht haben, wie vertikale Mobilität verhindert wird, also dafür gesorgt wird, dass Kinder aus Unterschichtsfamilien selbst Unterschichts- und nicht MIttelschichtsfamilien gründen, oder die die Mechanismen des alltäglichen Lebens untersucht haben, mit denen z.B. in Bildungsinstitutionen für soziale Segregation gesorgt wird. Entsprechend war Soziologie eine kritische Wissenschaft, die gesellschaftliche Prozesse analysiert und unerwünschte Entwicklungen aufgezeigt hat.

Zwischenzeitlich ist Soziologie in vielen Teilen zu einer Legitimationswissenschaft verkommen, d.h. Soziologen sehen es nicht mehr als ihre Aufgabe an, die Folgen politischer Entscheidungen auf die Gesellschaft zu analysieren. Die meisten Soziologen sehen es heute als ihre Aufgabe an, die nämlichen politischen Entscheidungen zu legitimieren.

Als Folge hat sich die Soziologie von einer empirischen zu einer Lehnstuhl-Wissenschaft entwickelt. An die Stelle der Analyse dessen, was ist, ist die mehr oder weniger gelangweilte Betrachtung darüber getreten, was man gerne hätte.

Diese Entwicklung von einer kritischen zu einer selbstgefälligen und langatmigen Wissenschaft, deren Vertreter der sie umgebenden Welt nichts mehr zu sagen haben, hat nach unserer Ansicht u.a. mit dem Staatsfeminismus zu tun, mit der Installation von Gender Studies in der Soziologie und mit einer systematischen Untergrabung der Standards der Soziologie dadurch, dass nicht mehr nach Leistung in Positionen berufen wird, sondern nach Geschlecht.

Das hat, wie Lutter und Schröder mit ihrer Untersuchung deutlich gemacht haben, dazu geführt, dass männliche Bewerber auf einen Lehrstuhl in Soziologie massiv und systematisch diskriminiert werden:

  • MPIfG_LutterWeibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.
  • Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.
  • Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Eine solche Situation in einem Fach, zu dessen wichtigsten Aufgaben einmal die Analyse sozialer Ungleichheitsstrukturen gehört hat und nach Anspruch der Soziologen, die von sich behaupten, sie würden nach wie vor soziale Ungleichheit oder gar Diskriminerung untersuchen, immer noch gehört, ist der Gipfel der Ironie. Sie wirkt auf uns als wäre ein Gärtner, dessen Aufgabe darin bestanden hat, Unkraut aus einem Park zu entfernen, dazu übergegangen, das Unkraut systematisch anzupflanzen.

Aber ganz davon abgesehen, dass es gerade für die Soziologie eine erstaunliche Transformation darstellt, vom Kritiker sozialer Ungleichheit und von Diskriminierung zum praktischen und Legitimations-Ort sozialer Ungleichheit und Diskriminierung geworden zu sein, ist Diskriminierung und soziale Ungleichheit, da wo sie nicht durch das meritokratische Prinzip gerechtfertigt ist, also dadurch, dass ein Bewerber, der einem anderen vorgezogen wird, nachvollziehbar besser ist als der Bewerber, dem er vorgezogen wurde, immer eine Frage von Moral und Anstand.

Moral insoweit, als es moralisch verwerflich ist, Dritte wegen Eigenschaften zu benachteiligen, die für die vorliegende Entscheidung irrelevant sind. Anstand insoweit, als ein anständiger Mensch sich nicht der Beihilfe zur Diskriminierung schuldig macht.

Deshalb haben wir die Ergebnisse von Lutter und Schröder zum Anlass genommen, um alle Mitglieder des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie anzuschreiben und zu fragen, wie sie zu der systematischen Benachteiligung von Männern in der Soziologie stehen, was sie jungen Männern, die die Soziologie als Ausbildungsfach gewählt haben, raten und welche Schritte sie einzuleiten gedenken, um die systematische Benachteiligung von Männern in der Soziologie zu beenden.

Sehr geehrter …

dgs2

Mark Lutter und Martin Schröder vom Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln haben eine Vollerhebung der Berufungen auf Lehrstühle der Soziologie, die im Zeitraum von 1980 bis 2013 besetzt wurden, durchgeführt und auf Grundlage dieser Daten, für 1.260 Soziologen die Variablen bestimmt, die einen Effekt auf die Besetzung eines Lehrstuhls haben (Veröffentlicht als MPIfG Discussion Paper 14/19 unter dem Titel: “Who Becomes a Tenure Professor, and Why”).

Dabei haben sie eine systematische Diskriminierung von männlichen Soziologen festgestellt, die jedem Wissenschaftler, der sich mit Diskriminierung oder mit sozialer Ungleichheit oder mit der Erforschung von Stereotypen, Vorurteilen und darauf basierenden Ismen, wie Rassismus oder Sexismus beschäftigt, den blanken Schrecken ins Gesicht treiben muss.

Hier ein Auszug der wichtigsten Ergebnisse.

  • Weibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.
  • Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.
  • Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Diese Ergebnisse beschreiben eine unhalbare Situation systematischer und insofern wohl institutioneller Diskriminierung von männlichen Bewerbern. Dass eine solche Situation ausgerechnet in der Soziologie mit ihrer Tradition der Erforschung von Diskriminierung und sozialer Ungleichheit eingetreten ist, kann man wohl nur als Ironie der Geschichte bezeichnen.

Wir nehmen diese Situation zum Anlass, um Sie als Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zu bitten, die folgenden Fragen zu beantworten:

  1. War Ihnen bekannt, dass männliche Bewerber auf eine Professur in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?
  2. Halten Sie die systematische Diskriminierung von männlichen Bewerbern im Verlauf einer universitären Karriere für hinnehmbar?
  3. Wenn ja, warum?
  4. Wenn nein: Was gedenken Sie dagegen zu unternehmen?
  5. Was raten Sie männlichen Abiturienten, die sich mit dem Gedanken tragen, Soziologie zu studieren?
  6. Was raten Sie männlichen Absolventen, die sich mit dem Gedanken tragen, eine wissenschaftliche Karriere in der Soziologie anzustreben?
  7. Was halten Sie von der Tatsache, dass männliche Bewerber in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?

Wir bedanken uns für Ihre Antworten und verbleiben mit kollegialen Grüßen,

Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein
ScienceFiles.org

Die eMail ging an:
Peter Berger, Universität Rostock;
Nicole Burzan, Technische Universität Dortmund;
Stephan Lessenich, Ludwig-Maximilians-Universität München;
Michaela Pfadenhauer, Universität Wien;
Uwe Schimank, Universität Bremen;
Paula Irene Villa, Ludwig-Maxilimians-Universität München;
Georg Vobruba, Universität Leipzig;

Endlich: Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist mit Gerhard Amendt solidarisch

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist solidarisch. Das hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie gerade in einer Erklärung des Vorstands verlautbart. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hat also entschieden, dass die Deutsche Gesellschaft für Soziologie solidarisch ist, und zwar mit Soziologen, was schon einmal sehr erfreulich ist, denn in der Vergangenheit hat sich die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und ihr Vorstand nicht unbedingt dadurch ausgezeichnet, solidarisch mit Soziologen zu sein.

Amendt1Solidarisch ist der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der für alle Soziologen spricht, mit Soziologen, die sich mit Themen der “Geschlechter- oder Sexualitätsforschung beschäftigen” und die sich “immer öfter mit sogenannten Hasskampagnen konfrontiert sehen”. Derzeit, so heißt es weiter, “werden einzelne Kollegen und Kolleginnen in sozialen Medien wie Facebook, in Blogs und mit E-Mails persönlich attackiert, verunglimpft und z.T. sogar bedroht”.

Was der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der für alle Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hier seine Empörung und Solidarität zum Ausdruck bringen will, leider verschweigt, sind die Namen der Angegriffenen, was schade ist, denn die Solidarisierung hätte mehr Nutzen gebracht, wenn sie offen und nicht hinter einem Mantel aus Angst und Misstrauen erfolgt wäre. Also ist es wieder an uns, über Ross und Reiter zu spekulieren.

Aber lange spekulieren muss man nicht, denn: kein anderer Soziologe wird seit Jahren derart angefeindet, wie Gerhard Amendt. Die Solidarität des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie kann daher eigentlich gar keinem anderen als Gerhard Amendt gelten. Fast dass man sagen könnte, es wird langsam Zeit, denn kaum ein Soziologe hat sich im Verlauf der letzten Jahre mit giftigeren Hasstiraden, Verunglimpfungen oder Versuchen, ihn zu diskreditieren, konfrontiert gesehen, wie Gerhard Amendt, der von Feministen mit wüsten sexistischen Beschimpfungen und Hasskommentaren überzogen worden ist.

An der Technischen Universität Berlin hat man Gerhard Amendt zur unerwünschten Person erklärt, weil er es wagt, den Feminismus zu kritisieren. Gerhard Amendt ist Ziel einer Diffamierungskampagne, die ihn regelmäßig zum Hassobjekt in so genannten Studien macht, die von politischen Vereinen wie der Heinrich-Böll-Stiftung oder der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert werden und deren Inhalte regelmäßig und postwendend, von überraschend schnell informierten Mitarbeitern bei Wikipedia in die entsprechenden Hassbeiträge eingepflegt werden. Die Hasskampagne gegen Gerhard Amendt geht soweit, dass man ihn mit Anders Breivik und Akif Pirincci vermengt, um ihn zu diskreditieren. Die Liste derer, die sich Gerhard Amendt zur Zielscheibe auserkohren haben, ist zu lang für diesen post, weshalb wir es hier bei aus Steuergeldern bezahlte Reputations-Killer wie dem Bundesforum für Männer und die Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich z.B. mit diffamierenden Behauptungen wie der folgenden hervortut, belassen wollen:

“Zumindest ein Teil der Beiträge treibt im Fahrwasser der Männerrechtler, die von der „Machtergreifung der Frau“ und einem „neuen Tugendstaat“ fabulieren. Autoren wie Arne Hoffmann, der in seinem Blog Genderama gegen alles Feministische hetzt, oder auch Gerhard Amendt, der Opfererfahrung von Frauen als „fantasiertes Leid“ denunziert und eine (weibliche!) „Sehnsucht nach traditioneller Männlichkeit“ ausmacht – was die kirchliche Männerstudie von Rainer Volz und Paul Zulehner gerade empirisch widerlegt hat – sind alles andere als geschlechterdialogisch orientiert” (17).

Es freut uns, dass der Vorstand der DGS sich dazu entschlossen hat, nach Jahren der Tatenlosigkeit, Gerhard Amendt solidarisch zur Seite zu stehen, und wir können uns der Feststellung des Vorstandes der DGS, wonach “einzelne Wissenschaftler … in einer Weise attackiert werden, die völlig unsachgemäß ist und in ihrem mehr als fragwürdigen Stil letztlich auf die Urheber selbst zurückfällt”nur anschließen.

Wie gesagt, wir hätten uns gewünscht, dass der Vorstand der DGS den Mut hat, Gerhard Amendt beim Namen zu nennen, aber wir sind uns natürlich im Klaren darüber, dass sich der nämliche Vorstand damit zur Zielscheibe feministischer Hasstiraden gemacht hätte, am Ende in die nächste aus Steuergeldern finanzierte Studie über “den Maskulismus” oder “den Antifeminismus” aus, turnusmäßig dieses Mal wieder der Heinrich Böll Stiftung aufgenommen worden wäre und vielleicht sogar seine finanzielle Unterstützung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung verloren hätte.

Dies muss man gewichten, wenn man den Schlusssatz der Solidaritätsadresse liest, der darauf verweist, dass “eine zivilisierte öffentliche Debatte über gesellschaftlich relevante Themen” nicht möglich ist, wenn man die Debatte nicht zivilisiert führt. Man sieht, auch Solidarität ist in sich tautologisch und vielleicht sogar selbstreferentiell, denn, und damit kommen wir zu einer eigenen Sache, manche im Vorstand der DGS haben sich  selbst schon dadurch hervorgetan, dass sie “Hetze” in die öffentliche Diskussion eingebracht und damit die zivilisierte Auseinandersetzung über gesellschaftliche relevante Themen wie die Frage, ob man Studenten die Möglichkeit geben sollte, ihren Studienort, an dem sie Soziologie studieren wollen, auf Grundlage einer bundesweiten Bewertung der enstprechenden Institute zu wählen, unmöglich gemacht hat.

Man kann sich daher fragen, ob wir es bei der Solidaritätsadresse des Vorstands der DGS in Teilen mit einer Form “Selbstkritik” zu tun haben, auf einer Transformation vom Saulus zum Paulus und ob der Aufruf, eine zivilisierte öffentliche Debatte zu führen, sich auch auf Wissenschaftler erstreckt, die sich in der Vergangenheit dadurch hervorgetan haben, dass sie die Arbeiten anderer für ihre eigenen Zwecke entstellt und missbraucht haben.

Solidarität-der-UneinsichtigenBislang hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ja beide Augen gegenüber Mitgliedern zugedrückt, die die Grundlage wissenschaftlicher Lauterkeit, nämlich das Zitieren(überhaupt) und das korrekte Zitieren nicht beherrschen oder nicht beherrschen wollen, so dass man hier eine Offensive nicht nur zur zivilisierten Debatte, sondern auch zur Rettung wissenschaftlicher Standards unter Soziologen sehen kann, vielleicht sogar ein sich entwickelndes Unwohlsein gegenüber öffentlichen Institutionen, die sich in der Vergangenheit allzu oft auf Soziologen verlassen konnten, wenn es darum ging, die eigene ideologische Suppe nicht nur anzurühren, sondern auch unter Studenten zu verteilen. Sehen wir also so etwas wie den Advent eines selbstreflexiven Kantschen Instrumentalisierungsverbots, das lautet: Du sollst Dich als Soziologe nicht vor den Karren ideologischer Indoktrinierer, wie Heinrich-Böll-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Attac oder BMBF spannen lassen?

Was abschließend die Frage aufwirft, was diese Veränderung im Denken des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie bewirkt hat. Hier können wir nur spekulieren und auf Beispiele verweisen, in der die Veränderung in einem Bereich mit personellen Veränderungen oder mit Veränderungen in den Umständen bestimmter Personen einhergehen, wie sie z.B. ein Umzug von einer roten an eine weiß-blaue Universität darstellt oder in den Worten von Stephan Lessenich, dem derzeitigen Vorsitzenden der DGS:

Mein Jenaer Jahrzehnt war wunderbar und ich danke allen, die dies ermöglicht und dazu beigetragen haben; die kommenden Jahre werden hoffentlich ähnlich schön – die Zeichen dafür stehen eindeutig gut. (Und um allfälligen Nachfragen vorzubeugen, darf ich hier einmal zustimmend zitieren: „Das will ich nur mal klarstelln, damit man mich richtig versteht: ich habe nichts gegen München, ich würde nur nie zu den Bayern gehn.“ Der Alarm ist also doch eher, wie einst bei Falco, rot.)

Wie heißt es doch: Wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören und sich verändern, zum zivilisierten Debattierer, zum nicht-Hetzer, ja vielleicht sogar zum Wissenschaftler.

Nachtrag:

Arne Hoffmann weist darauf hin, “dass Professor Amendt, vermutlich als Folge der Hetze gegen ihn, auf Anraten der Kriminalpolizeit auf mehreren Veranstaltungen nur noch mit Leibwächtern erscheinen konnte”. Das darf an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben.

Die soziale Konstruktion sozialer Probleme und die Entnormalisierung von Meinungsvielfalt durch Soziologen

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Der folgende Text von Dr. habil. Heike Diefenbach ist eine Form unentgeltlicher Nachhilfe für die Initiatoren einer ad-hoc Gruppe auf dem 37. Soziologentag der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in Trier im Oktober diesen Jahres. Der mit: "Genderismus - Der Umbau der Gesellschaft. Annäherung an einen aktuellen Krisendiskurs" überschriebene Antragstext ist ein Mahnmal für den derzeitigen Zustand der Soziologie. Wer, wenn nicht Dr. habil. Heike Diefenbach, die im Gegensatz zu vielen, die soziologische Lehrstühle besetzen, eine uneingeschränkte Venia Legendi für Soziologie hat, nur keine Lust, ihre vielen Talente an den deutschen Staat zu verkaufen, wäre besser dazu geeignet, den soziologischen Dilet-Tanten Nachhilfe in Soziologie zu geben?

GarfinkelBereits seit den 1970er- und 1980er-Jahren, in denen Autoren wie Erving Goffman (1990) und Harold Garfinkel (1996, besonders S. 35-75) durch Fallstudien und Erschütterungsexperimente demonstriert haben, dass Normalität eine fragile Sache ist, die hergestellt und aufrechterhalten werden muss und sich keineswegs von selbst aufdrängt, gilt es als eine Binsenweisheit in der Soziologie und in ihren benachbarten und mit ihr verbundenen Fachdisziplinen (wie z.B. Soziale Arbeit), dass Normalität sinnvoll nur als statistische Normalität verstanden werden kann oder genauer: als Modalwert auf einer Verteilung, während jedes Verständnis von Normalität als Soll- oder Muss-Norm für menschliches Verhalten, d.h. als konventionelles Verhalten, unweigerlich zu den Fragen führt, wer die Norm aus welchem Interesse setzt, wer ihr mit welchem Gewinn zu folgen bereit ist und wer durch die Normsetzung als Abweichler gebrandmarkt und ggf. negativ diskriminiert werden soll oder kann (vgl. hierzu Foucault 2004; 2003 sowie Taylor 2009; mit Bezug auf Normalisierungsprozesse in fachwissenschaftlichen Disziplinen: Luke 1999).

Im Zuge dieser Ausweisung von tatsächlichen oder vermeintlichen Selbstverständlichkeiten als eben nicht selbstverständlich fand auch das naive Verständnis von sozialen Problemen als objektiv beschreibbaren Mißständen ein Ende, denn

Mooney_Understanding social problems“[i]ndividuals and groups frequently disagree about what constitutes a social problem. For example, some Americans view the availability of abortion as a social problem, whereas others view restrictions on abortion as a social problem. Similarly, some Americans view homosexuality as a social problem, whereas others view prejudice and discrimination against homosexuals as a social problem. Such variations in what is considered a social problem are due to differences in values, beliefs, and life experiences” (Mooney, Knox & Schacht 2013: 3).

Dementsprechend könnte man eine soziologische Definition von “sozialen Problemen” vorschlagen, die wie folgt lautet: Soziale Probleme sind das, was bestimmte Gruppen von Menschen dafür halten. Allerdings ist dies aus verschiedenen Gründen wenig hilfreich, vor allem deshalb, weil diese Definition zu einer völligen Entleerung des Begriffs durch Inflationierung führen würde: fast alles dürfte irgendwann von irgendjemandem als soziales Problem gewertet werden. Damit wäre der Begriff für Ideologien aller Art zwar nützlicher denn je, aber für Sozialwissenschaftler gänzlich unbrauchbar.

Brauchbar für Sozialwissenschaftler ist ein Konzept nämlich nur dann, wenn es mehr ist als eine intellektuell klingende Metapher und ihnen irgendwelche Aufschlüsse über die Funktionsweise der sozialen Welt gibt, und diese wird gewöhnlich nicht durch die Betrachtung irgendwelcher Inhalte – die z.B. als soziale Probleme gelten mögen oder auch nicht – erkennbar, sondern durch eine Betrachtung von Formen, z.B. von Regelmäßigkeiten, nach denen sich bestimmte Prozesse vollziehen (in diesem Zusammenhang ist Hackings Diskussion von Idee und Begriff der sozialen Konstruktion nützlich: Hacking 2001).

Aus dieser Erkenntnis heraus haben Spector und Kitsuse ihre Auffassung davon, was soziale Probleme seien, bereits im Jahr 1977 wie folgt beschrieben:

Constructing Social problems“Our definiton of social problems focuses on the process by which members of society define a putative condition as a social problem. Thus we define social problems as the activities of individuals or groups making assertions of grievances and claims with respect to some putative conditions” (Spector & Kitsuse 1977: 75; Hervorhebung im Original).

Auch in Deutschland sind diese Erkenntnisse angekommen wie z.B. die Definition von Andreas Pfeuffer zeigt, die im online-Wörterbuch der Sozialpolitik SOCIALinfo zu lesen ist:

“Als Konstruktion sozialer Probleme bezeichnet man den Prozess, im Zuge dessen Umstände oder Ereignisse, die bestimmte Gruppen oder ganze Gesellschaften in ihrer Lebenssituation beeinträchtigen (etwa Armut, Kriminalität, Gewalt, Drogenkonsum, Umweltprobleme), in der Öffentlichkeit bzw. in Teilen derselben kollektiv als veränderungsbedürftig definiert, skandalisiert und zum Gegenstand politischer Programme und Maßnahmen gemacht werden.
Blumer (1975) schlägt zur Beschreibung des Konstitutionsprozesses sozialer Probleme ein fünfstufiges Modell vor, das folgende Phasen umfasst: 1. das Auftauchen des sozialen Problems bzw. seine Wahrnehmung und Benennung; 2. die öffentliche Anerkennung (Legitimierung) als soziales Problem; 3. die Mobilisierung von Handlungsstrategien in politischen Auseinandersetzungen; 4. die Erstellung eines offiziellen Handlungsplanes zur Regulierung des Problems; 5. die Transformation dieses Handlungsplans in seiner tatsächlichen Ausführung.
Dass soziale Probleme einer kollektiven Definition unterliegen, das heißt, dass ihre Konstitution als Prozess kollektiven Handelns aufgefasst wird, darüber besteht in der Forschung Konsens. Strittig hingegen ist, ob diese Definitionen auf konkrete gesellschaftliche Bedingungen aufbauen, was dann die Untersuchung der Bedingungen ihrer Wahrnehmung erfordert, oder ob sie unabhängig davon sozial konstruiert werden, was impliziert, dass ihnen kein anderer Sinn zukommt als der ihnen von den Gesellschaftsmitgliedern in interaktiven Prozessen zugeschriebene …”.

Aber sie sind offensichtlich nicht bei all denen, die die deutschsprachige Sozialwissenschaft bestücken, angekommen. So liest man im “Grundkurs Soziologie” von Hans Peter Henecka, der im Jahr 2009 erschienen ist, dass

“[e]in soziales oder gesellschaftliches Problem […] meist dann vor[liege], wenn eine Diskrepanz (Widerspruch) zwischen den gesellschaftlichen Normen und Zielvorstellungen und dem tatsächlichen Verhalten der Menschen besteht (z.B. im Falle von Devianz und Kriminalität) oder wenn eine unvorhergesehene oder unvorhersehbare Situation eintritt, die in der Gesellschaftsordnung (noch) nicht geregelt ist (wie beispielsweise Massenarbeitslosigkeit in Deutschland und gleichzeitige Verlagerung von Arbeitsplätzen durch inländische Unternehmen in Billiglohnländer)” (Henecka 2009: 29).

Während für Henecka ein soziales Problem also dann besteht, wenn Menschen sich nicht hinreichend stark an normative Vorgaben halten oder jemand einen Regelungsbedarf sieht, dem noch nicht abgeholfen ist, und Henecka sich ansonsten vollständig darüber ausschweigt, wer mit welchem Recht normative Vorhaben macht oder Regelungsbedarf einfordert, würden Spector und Kitsuse genau diese Fragen stellen, also fragen, wer wie und warum bestimmte Umstände als Mißstände auszuweisen und ggf. Regelungen, die für andere bindend sein sollen, herbeizuführen versucht.

The battered womanDer grundlegende Unterschied in der Sicht auf das Konstrukt “soziale Probleme”, der durch die Definitionen von Henecka einerseits und Spector und Kitsuse andererseits illustriert wird, hat erhebliche Auswirkungen auf das, was Soziologen meinen, als Erklärungsproblem formulieren oder hinterfragen zu müssen. So ist in der englischsprachigen sozialwissenschaftlichen Welt prinzipiell kein Inhalt davor sicher, daraufhin untersucht zu werden, wie er als soziales Problem gerahmt wird und in wessen Interesse das ist, auch dann nicht, wenn es sich um einen ideologisch stark aufgeladenen Inhalt handelt, der im Übrigen auf der Agenda der derzeit herrschenden politischen Ideologie steht. Beispiele hierfür bieten die Arbeiten von Ronald Weitzer (2007) über “The Social Construction of Sex Trafficking: Ideology and Institutionalization of a Moral Crusade” und von Donileen R. Loseke (1992) über “The Battered Woman and Shelters: The Social Construction of Wife Abuse”, die gleichermaßen nicht nur den Konstruktionscharakter der in Frage stehenden Phänomene aufzeigen, sondern auch die Instrumentalität der Konstruktionen.

Eine solche kritische Haltung gegenüber sozialen Phänomenen ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt Sozialwissenschaft betrieben werden kann und ist letztlich neben dem Kriterium der verwendeten Methodologie das Kriterium, das Sozialwissenschaft von Sozialagitation und Ideologie unterscheidet. Und wenn man in die Texterzeugnisse derer schaut, die die deutschsprachige Sozialwissenschaft derzeit bestücken, dann hat man den Eindruck, dass tatsächlich ein starkes Bewusstsein für die Notwendigkeit von Reflexionsprozessen vorhanden ist. Gleichzeitig scheint sich die allerorts betonte und geforderte Reflexion aber so gut wie nie auf die Form der Selbstreflexion zu erstrecken, die einen interessanten Einblick darein geben könnte, wie sich Sozialwissenschaftler als Konstrukteure sozialer Probleme gerieren.

Ein sehr deutliches Beispiel hierfür bietet der Antrag, den Paula-Irene Villa von der LMU München und Sabine Hark von der TU Berlin auf Genehmigung einer ad hoc-Gruppe auf dem DGS-Kongress im Oktober 2014 gestellt haben und der den Titel trägt: “Genderismus – Der Umbau der Gesellschaft. Soziologische Annäherung an einen aktuellen Krisendiskurs”.

Goffman StigmaBehauptet wird von den Autorinnen die Existenz eines “Krisendiskurses”, in dessen Mittelpunkt “Sexualität und Geschlecht” stünden und dass der Genderismus als “hoch-gefährliche Ideologie und ‘staatlich verordnete[s] Umerziehungsprogramm’ im Zentrum jener Krisendiskurse [die inzwischen im Plural und nicht mehr wie zu Anfang des Textes im Singular konstatiert werden]” stünde. An dieses von den Autorinnen vorgestellte Szenario schließen sie die These an, nach der sich in den von ihnen behaupteten Krisendiskursen “womöglich nicht nur Unsicherheiten und Abwehrreaktionen gegenüber gesellschaftlichen Emanzipations- und Reflexivierungs[!]prozessen artikulieren, sondern vor allem die erneute “Befestigung der heteronormativen Geschlechterordnung auf der Agenda steht”. Wie sie eine solche These aus von ihnen konstatierten Krisendiskursen über “Tugendterror”, “repressive ‘Political Correctness'” u.ä. ableiten, bleibt ihr Geheimnis und für den uneingeweihten Leser unnachvollziehbar. Jedenfalls schließen sich für die Autorinnen an das von ihnen entworfene Szenario
“eine Reihe von Fragen an: Auf welche als ‘Problem’ definierten gesellschaftlichen Dynamiken antwortet der Krisendiskurs des (Anti-)Genderismus? Weshalb und wie genau stehen ausgerechnet Sexualität und Geschlecht im Mittelpunkt eines breiteren […] und breit anschlussfähigen (Krisen-)Diskurses, der sich anti-etatistisch und vordergründig [!] liberal/libertär geriert (etwa in den Unterstellungen [!] gegenüber der EU oder der ‘Denk- und Sprachverbote’ durch Medien) und dabei u.U. zentrale Institutionen des demokratischen Rechtsstaats anzweifelt?”

Während die Autorinnen für sich bzw. ihre ad hoc-Gruppe eine “forschungsbasierte soziologische Reflexion zu einem europaweiten Krisendiskurs” in Anspruch nehmen wollen, scheitern sie an der Selbstreflexion im Vorfeld vollständig, obwohl eine solche äußerst aufschlussreich hätte sein können: Sie scheinen sich nämlich in keiner Weise bewusst zu sein, dass sie mittels ihrer Themen- und Ausdruckswahl ein soziales Problem (mit)konstruieren, das bereits seit einiger Zeit durch Positionsinhaber in der öffentlichen Verwaltung zu konstruieren versucht wird, um Kritik am von ihnen favorisierten, aber (zumindest auf der Ebene der EU) in keiner Weise demokratisch legitimierten Gesellschaftsentwurf, wie er beispielhaft im Genderismus zum Ausdruck kommt, zu delegitimieren, nämlich die massenhafte Existenz von Menschen mit so genannten rechten Einstellungen, die in der Empirie zwar nicht existiert, aber zu konstruieren versucht wird, indem alle möglichen Weltanschauungen, Argumentationen, Meinungen, Überzeugungen und Äußerungen ein- und zusammengeklammert werden, die nur eine einzige Gemeinsamkeit haben, nämlich von Vertretern des Genderismus als anti-genderistisch eingeordnet zu werden. Nur vor diesem – im Text der Autorinnen implizit gebliebenen – Hintergrund und des in ihm verankerten Bedrohungsdiskurses innerhalb der Gruppe der Genderisten ist nachvollziehbar, wie die Autorinnen zu ihrer These von der “erneute[n] Befestigung heteronormativer Geschlechterordnung” kommen, konstruieren die Genderisten die heteronormative Geschlechterordnung doch unablässig selbst mit, um einen benennbaren Feind zu haben, gegen den sich der Genderismus richten kann.

Dies alles würde ihnen vielleicht bewusst, wenn sie statt andere Menschen als Andere zu konstruieren und ihnen Motive zu unterstellen, die die Genderisten mit einem sozialen Problem versorgen könnten, selbstreflexiv tätig würden. Aber dass Reflexivität mit dem Nachdenken über das eigene Tun und die eigenen Motive beginnt, ist ihnen entweder unbekannt oder zu unangenehm, um es zu praktizieren, denn die Trennung von Wir (Genderisten und anderen guten Menschen, die zumindest keine Kritik an ihm üben) und den Anderen, d.h. den Kritikern des Genderismus, die von den Autorinnen zu einer homogenen Masse verschmolzen werden und die in den Augen der Autorinnen z.B. bloß “vordergrüngig [aber keinesfalls tatsächlich] liberal” sein können, diese Trennung, die keine Grautöne zulässt, sondern nur Schwarz und Weiß kennt, steht im Zentrum der Konstruktion eines Bedrohungsszenarios, für das das diskursive Phantasma einer Masse von Unsicheren und in Abwehrreaktionen von “Emanzipations- und Reflexivierungsprozessen” Befindlichen ersonnen wurde.

Dieses diskursive Phantasma spricht allen Bürgern, die nicht derselben Auffassung sind wie die Autorinnen bzw. Genderisten jegliche Kompetenz ab, sich eigene Urteile zu bilden, und verkehrt außerdem die Bemühungen von Bürgern um Emanzipation von den Vorgaben des Genderismus aufgrund eigener Reflexionen in Emanzipations- und Reflexionsunwilligkeit. Emanzipation und Reflexion sind für die Autorinnen bzw. Genderisten als Begriffe und Ideen nämlich exklusiv für das eigene Gedankengut reserviert. Sie verfügen also über keine formale Definition dieser Begriffe und Ideen, was bei Sozialwissenschaftlern – in britischer Untertreibung formuliert – als beklagenswerter Zustand bezeichnet werden muss.

Diese Strategie der sprachlichen Verkehrung von Emanzipationsbestrebungen in Emanzipationsabwehr hat immerhin den Vorteil, Genderisten von der Begründung ihrer Position scheinbar (und nur bis auf Weiteres) zu entheben und es ihnen zu ermöglichen, sich statt dessen der Diskreditierung ihrer Kritiker zu widmen. Und diese Diskreditierung ist anscheinend das Grundanliegen im Antrag der Autorinnen auf Genehmigung der ad hoc-Gruppe; anders lässt sich kaum verstehen, warum Kritiker von ihnen uneingeschränkt als nur “vordergründig” liberal bezeichnet werden, Kritik an der EU als “Unterstellungen” und Kritik an einseitiger Berichterstattung und Zensur in den Medien als “‘Denk- und Sprechverbote'”.

Klemperer LTIAnders lässt sich auch kaum nachvollziehen, warum die Probleme, von denen die Autorinnen behaupten, dass Kritiker des Genderismus sie sehen würden, von den Autorinnen in Anführungszeichen gesetzt werden: es soll kundgetan werden, dass es sich nicht wirklich um Probleme handelt – wirkliche soziale Probleme definieren nur die Autorinnen, sonst niemand! Die Verwendung des “ironischen Anführungszeichens”, das “[…] Zweifel in die Wahrheit des Zitierten [setzt]”, hat übrigens der Philologe Victor Klemperer als Charakteristikum der LTI, d.h. der Sprache des Dritten Reiches, der “Neutralität … zuwider ist” identifiziert (Klemperer 2007: 99). Man kann (und vieleicht: muss) sich fragen, ob die neuerdings wieder auffällig häufige Verwendung des ironischen Anführungszeichens in den Medien, aber auch in Texterzeugnissen, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, Ausdruck einer totalitären Geisteshaltung ist, die der Sprache des Dritten Reiches zugrunde lag. Kaum anders als durch die Absicht, Kritiker des Genderismus zu diskreditieren, kann auch erklärt werden, dass die Autorinnen es als eine Art Verfehlung dauerhaft Uneinsichtiger auslegen, wenn diese “zentrale Institutionen des demokratischen Rechtsstaates anzweifel[n]”.

Die Reflexivität der Autorinnen reicht nicht so weit, dass sie erkennen könnten, dass vielleicht nicht die Institutionen als solche in der Kritik stehen, sondern die Art und Weise, wie sie derzeit funktionieren bzw. instrumentalisiert werden, um bestimmte ideologische Inhalte zu kolportieren, die in der Bevölkerung aus den verschiedensten Gründen auf Widerstand stoßen. Die Reflexivität der Autorinnen ist überhaupt kein
Nachdenken über die Motive und Prämissen der von ihnen konstruierten Anderen, weil sie deren Auffassungen und Motive ja bereits im ihrem Text u.a. durch die ironischen Anführungszeichen als falsch und unbegründet ausgewiesen haben, sondern es soll lediglich der Schein von Reflexivität erweckt werden, denn die so genannte Reflexivität der Autorinnen beschränkt sich – zumindest im vorliegenden Text – auf das unablässige Wieder-Aktualisieren von Gedanken, an die sie sich affektiv gebunden fühlen.

Wenn Reflexivität schon etwas ist, von dem sie meinen, es bezeichne die Unterstellung, dass Überzeugungen und Motive anderer Menschen nicht ernst zu nehmen und unbegründet seien, so ist Selbstreflexivität für sie ein völlig unbekanntes Konzept. Wäre es bekannt, dann wäre es z.B. möglich gewesen, Fragen danach aufzuwerfen, (1) welche Aspekte ihrer Sozialisation und ihrer Biographie diejenigen, die sich in der ad hoc-Gruppe zusammenfinden (sollen), in die Lage gebracht haben, auf Kritik an Ideen, mit denen sie sich identifizieren, an denen sie selbst aber keinerlei schöpferischen Anteil haben, in der auf Überidentifikation beruhenden Weise zu reagieren, in der sie reagieren, und die zumindest dem durch Sigmund Freud vorgeprägten Betrachter hysterisch vorkommen könnte, (2) wo der Zusammenhang zwischen diesen Ideen und Sozialwissenschaft bestehen soll oder kann und (3) – und besonders wichtig – welche Verantwortung Sozialwissenschaftlern bei der Trennung der Bevölkerung in Wir und die Anderen durch die Konstruktion von Meinungsvielfalt als soziales Problem zukommt. (Ich hoffe, damit Impulse für die Diskussion in der ad hoc-Gruppe gegeben zu haben!)

Was hier nur bruchstückhaft und ad hoc entwickelt wurde, ist eine soziologische Annäherung an den aktuellen Bedrohungsdiskurs, den Genderisten, die die Sozialwissenschaften derzeit bestücken, konstruieren und auf dessen Basis wiederum ein neues soziales Problem konstruiert werden soll, nämlich das der hoch-gefährlichen Existenz von Kritik und Meinungsvielfalt – und dies in einer demokratischen Gesellschaft, auf die die Autorinnen doch scheinbar große Stücke halten, wenn es darum geht, die Zweifel von Bürgern an “zentrale[n] Institutionen des demokratischen Rechtsstaates” zu diskreditieren!

Sicherlich wäre eine breitere und tiefere Analyse der diskursiven Konstruktion von Bedrohung der Ideologie des Genderismus und die diskursive Entnormalisierung von Meinungsvielfalt durch Soziologen nicht nur lohnend, sondern notwendig und Aufgabe einer kritischen Sozialwissenschaft. Ausgangspunkt einer solchen Analyse könnte – und müsste, wenn sie in Selbstreflexion erfolgen soll – sein, was Peter L. Berger und Thomas Luckmann in ihrem Buch “Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit” formuliert haben:

Berger Luckmann“Eine mögliche Folge der institutionalisierten Auffächerung ist das Entstehen gesellschaftlich abgetrennter Sinnwelten. Sie ergeben sich aus den verschiedenen Akzenten, die auf Rollenspezialsierung gelegt werden, bis hin zu dem Punkte, an dem rollenspezifisches Wissen, gemessen am allgemeinen Wissensvorrat, völlig esoterisch wird … Wie alle Sinnkonstruktionen der Gesellschaft müssen auch die Subsinnwelten von einer bestimmten Gemeinschaft ‘getragen’ werden, das heißt, von der Gruppe, welche die betreffende Sinnhaftigkeit ständig produziert und in der sie objektive Wirklichkeit geworden ist. Zwischen solchen Gruppen können Streitigkeiten und Rivalitäten bestehen. … In hochentwickelten Industriegesellschaften mit ihrem enormen wirtschaftlichen Überschuss, der es ungezählten Personen gestattet, ihre gesamte Zeit noch den obskursten Interessen zu widmen, ist die pluralistische Konkurrenz von Subsinnwelten jeder vorstellbaren Art und Weise der Normalzustand” (Berger & Luckmann 1996 : 90/91; Hervorhebung d.d.A.)

– und dies im statistischen Sinn und daher empirisch tatsächlich, und das sollten auch oder gerade Sozialwissenschaftler akzeptieren statt neue Bedrohungsdiskurse zu eröffnen und moralische Paniken zu inszenieren.

Bleibt zu fragen, was die beantragte ad hoc-Gruppe anderes sein kann als ein informelles Treffen genderistisch geprägter Ideologen in einem formal-wissenschaftlichen Kontext, denn der Interpretationsrahmen des in Frage stehenden Phänomens, also der in Deutschland und anderen Ländern immer lauter werdenden Kritik am Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus, wird von den Autorinnen ja bereits im Vorfeld durch ihre Antragsschrift vorgegeben und lässt keinerlei Raum für alternative Interpretationen. Insofern ist der Antrag eine schlechte Satire auf den Entwurf einer wissenschaftlichen Fragestellung.

Satire kann auch nur die von Autorinnen aufgeworfene Frage sein, “[w]eshalb und wie genau […] ausgerechnet [!] Sexualität und Geschlecht im Mittelpunkt des breiten [!] […] und breit anschlussfähigen [!] (Krisen-)Diskurses, der sich anti-etatistisch und vordergründig liberal/libertär geriert ….” steht, denn wenn sie selbst ihren Text mit “Genderismus – Der Umbau der Gesellschaft” betiteln, dann sollte man meinen, dass sie doch eine vage Ahnung davon haben, warum “ausrechnet” der Umgang mit Sexualität und Geschlecht in der Kritik steht, wenn es um den Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus geht!

Und insofern der Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus u.a. die Verabsolutierung askriptiver Merkmale bedeutet, die Ersetzung des meritokratischen Prinzips durch Ergebnisgleichheit und die ideologische Indoktrination von Kindern und Jugendlichen in öffentlichen und öffentlich finanzierten Schulen, ist es vielleicht nicht so überraschend, dass die Kritik am Genderismus in viele Richtungen “breit anschlussfähig” ist. Gerade deshalb ist es sehr seltsam und ganz und gar soziologisch uninformiert, wenn all die verschiedenen Kritiker von den Autorinnen als homogene Gruppe der Anderen und ihre Kritik sozusagen als – im übrigen prinzipiell verfehlte – Einheitskritik am Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus konstruiert und damit ein soziales Problem geschaffen werden soll, dass nur diejenigen sehen können, deren Reflexivität nicht so weit gereicht hat zu erkennen, dass Meinungsvielfalt und Kritik nicht nur der Normalzustand in einer komplexen Gesellschaft sind, sondern die Basis für eine Zivilgesellschaft. Aber genau diese soll ja anscheinend durch den Umbau der Gesellschaft im Sinne des Genderismus beseitig werden. Fragt sich nur, ob Soziologen sich hieran guten Gewissens beteiligen können, aber die Befragung des eigenen Gewissens setzt Selbstreflexivität voraus ….

Literatur:

Berger, Peter L. & Luckmann, Thomas, 1996: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt/M.: Fischer.

Foucault, Michel, 2004: Abnormal: Lectures at the Collège de France, 1974-1975. New York: Picador.

Foucault, Michel, 2003: Society Must Be Defended: Lectures at the Collège de France, 1975-1976. New York: Picador.

Garfinkel, Harold, 1996: Studies in Ethnomethodology. Cambridge: Polity Press.

Goffman, Erving, 1990: Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity. London: Penguin.

Hacking, Ian, 2001: The Social Construction of What? Massachussetts: Harvard University Press.

Henecka, Hans Peter, 2009: Grundkurs Soziologie. Konstanz: UVK.

Klemperer, Victor, 2007: LTI: Notizbuch eines Philologen. Stuttgart: Reclam.

Loseke, Donileen R., 1992: The Battered Woman and Shelters: The Social Construction of Wife Abuse. Albany: State University of New York Press.

Luke, 1999: The Discipline as Disciplinary Normalization: Networks of Research. New Political Science 21, 3: 345-363.

Mooney, Linda, Knox, David & Schacht, Caroline, 2013: Understanding Social Problems. Belmont: Wadsworth, Cengage Learning.

Spector, Malcolm & Kitsuse, John I., 1977: Constructing Social Problems. Menlo Park: Cummings.

Taylor, Dianna, 2009: Normativity and Normalization. Foucault Studies 7: 45-63.

Weitzer, Ronald, 2007: The Social Construction of Sex Trafficking: Ideology and Institutionalization of a Moral Crusade. Politics & Society 35, 3: 447-475.

Die Luft wird dünner: Genderismus vor dem Ende?

Ein Gespenst geht um in Europa. Es ist das Gespenst der Krise. Ganze Soziologentage kümmern sich um die Krise. Der 37. Soziologentag 2014, Anfang Oktober in Trier, steht gar unter dem Motto: “Routinen der Krise – Krise der Routinen”:

Soziologentag_2014“Wir leben in Krisenzeiten. Krisendiagnosen sind allgegenwärtig. Die Liste konstatierter Krisenszenarien reicht von der Finanz- und Schuldenkrise über die Staats- und Legitimationskrise bis hin zur Krise des Politischen, der Öffentlichkeit und des Bildungsystems. Im europäischen Raum erfahren Krisendeutungen nochmals eine Zuspitzung: Unter dem Label der Euro(pa)krise werden der Verlust des europäischen Zusammenhalts, sich im Gefolge einer weltweiten Finanzkrise entwickelnde Renationalisierungen, soziale Verwerfungen sowie irreversible Asymmetrien befürchtet.”

Ganz Europa ist in der Krise? Nein, nicht ganz Europa. Ein kleiner, krisenresistenter Ort harrt allen Zeichen der Krise. Der Vorstand der deutschen Gesellschaft für Soziologie und alle seine Mitglieder scheinen sich bislang als krisenfest erwiesen zu haben. Sie trotzen der Krise – beobachten, was sie andere erleiden sehen oder träumen. Moderne Soziologen, so muss man wissen, sind nämlich Beobachter der Gesellschaft, bystander, wie man im Englischen sagt. Sie lassen auf sich wirken, beschreiben, finden und merken an, und immer im Rahmen des politisch Korrekten, nicht dass man Aufmerksamkeit auf sich lenkt, am Ende die Soziologie in eine Krise stürzt, eine Selbstverständniskrise, eine Daseinszweckkrise, aus der sie wohl kaum wieder herauskäme, es sei denn als Phönix.

Und dennoch erreichen selbst Soziologen die Zeichen einer internen Krise. Eine Krise dessen, was man ein Glaubenscredo nennen könnte, das in weiten Teilen der Soziologengemeinde uneingeschränkte Gültigkeit erreicht: Das Credo des Staatsfeminismus. sozialer Wandel

Der Wind of Change, den die Scorpions einst besungen haben, er bläst deutschen Soziologen ins Gesicht, sofern sie auf der Fahrkarte des Genderismus unterwegs sind. Und das sind nicht wenige. Mit 27 Lehrstühlen, die sich dem Thema “Frauen- und Geschlechterforschung” verschrieben haben, ist die Soziologie der Fachbereich, an dem die Inkubation am weitesten fortgeschritten ist. Insofern ist es bemerkenswert, dass in einer Sozialwissenschaft, die sich der Beobachtung der Gesellschaft und der Erklärung gesellschaftlicher Prozesse verschrieben hat, erst jetzt erste Anzeichen der Krise ankommen, erste Anzeichen davon, dass die Fördertöpfe für Frauen- und Geschlechterforschung in Zukunft nicht mehr so ungehindert sprudeln könnten, wie bislang, und das wäre dann in der Tat eine Krise (die einzig denkbare).

Deshalb haben sich Paula-Irene Villa von der LMU München und Sabine Hark von der TU-Berlin (mit brennender Sorge, wie man sagen könnte und) in einer impulsiven ad-hoc Aktion entschlossen, eine ebenso impulsive ad-hoc Gruppe beim 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Trier zu beantragen. Und obwohl der 34. DGS Kongress bereits vor 6 Jahren in Jena stattgefunden hat, wurde die ad-hoc Gruppe (obwohl für den 34. Kongress beantragt) für den 37. Kongress der DGS in Trier bewilligt. Vielleicht war man bei den Veranstaltern mitleidig, ob der offensichtlichen Eile und Aufregung, in der die Krisen-ad-hoc-Gruppen-Sitzung beantragt wurde oder ob der Unkenntnis gegenüber der eigenen Kongressgeschichte.

Also wird zumindest eine Krise, die im Oktober 2014 in Trier zur Sprache kommt, die Soziologie intern betreffen. Und es ist eine wirklich unglaubliche Krise.

Da gibt es in Deutschland, wie Paula-Irene Villa und Sabine Hark feststellen, Menschen, die wehren sich dagegen, dass ihren Kindern im Unterricht sexuelle Vielfalt nahegebracht wird, was im Wesentlichen bedeutet, dass ihnen homosexuelle Lebensentwürfe unter weitgehender Auslassung der mit ihnen verbundenen Probleme (z.B. AIDS) präsentiert werden.

Da gibt es Menschen, die die ständige Berieselung mit Themen des Genderismus (interessanter Weise verwendet Feministen nun auch den Begriff des Genderismus) durch Medien, die das ständige Lamentieren über ein nicht existentes Gender Pay Gap, eine nicht vorhandene gläserner Decke, eine angebliche Doppelbelastung und zu wenig Frauen in Führungspositionen nicht mehr hören wollen und können.

Schlimmer noch, gibt es doch Menschen, die ihre Meinung offen aussprechen, die von einer Allmacht der Homo- oder Frauen-Lobby reden, und das ganze, so der Eindruck der beiden Autor.I.*nnen, “mit dem diskursiven Phantasma eines anti-demokratischen Tugendterrors” oder “Tugendfurors” oder einfach als “omnipräsente und repressive Political Correctness” rahmen. Dabei, so schreiben sie weiter, “steht der Genderismus als vorgeblich hoch-gefährliche Ideologie und ‘staatlich verordnetes Umerziehungsprogramm’ im Zentrum der Krisendiskurse”.

Gender Road christian churchWem es nicht gleich klar geworden ist, zB. durch das Adjektiv “vorgeblich”, das ganz und gar unwissenschaftlich jedem Leser die richtige Interpretation des Geschriebenen nahelegen soll, dem sei gesagt: Es ist natürlich so, dass der Genderismus das Heil ist, an dem man nicht mit “diskursiven Phantasmen” herumkritisieren darf. Maßnahmen, die unter der Ägide des Genderismus getroffen werden, sind entsprechend auch dann, wenn sie eine Quote für Frauen vorschreiben, alles andere als repressiv, sondern emanzipierend und befreiend, befreiend, weil sie, wie das Fegefeuer die Seelen der dem Genderismus nicht Zugewandten göttlicher Gnade zuführen, und natürlich sind Abwehrreaktionen gegen das Heil, das der Genderismus bringt, lediglich darauf zurückzuführen, dass die Abwehrer unsicher und nicht erleuchtet sind.

Deshalb lautet die These der gerade für 2008 (34. Kongress) bewilligten ad-hoc Gruppe, die dennoch 2014 (37. Kongress) stattfinden soll: “Dabei steht der ‘Genderismus’ als vorgeblich hoch-gefährliche Ideologie und ‘staatlich verordnetes Umerziehungsprogramm’ im Zentrum jener Krisendiskurse, in denen sich, so die These dieser ad-hoc Gruppe, womöglich nicht nur Unsicherheiten und Abwehrreaktionen gegenüber gesellschaftichen Emanzipations- und Reflexivierungsprozessen artikulieren, sondern vor allem die erneute Befestigung der heteronormativen Geschlechterordnung auf der Agenda steht”.

So einfach ist das. Die heteronormative Geschlechterordnung ist schlecht. Der Genderismus ist gut, ist das Heil. Was Genderisten verkünden, ist Wahrheit. Wer sich gegen die Wahrheit sperrt, ist ein Ungläubiger, der aus Angst vor der Erleuchtung lieber im Dunkeln verbleibt, sich gegen die Emanzipation sperrt, die Emanzipation, die viele Arbeitsplätze für Frauen an Universitäten bringt und Männer von Ausschreibungen ausschließt, sie diskriminiert, auf dass die heteronormative Geschlechterordnung von der Agenda verschwinde.

Wer Genderismus ablehnt und sich gegen Lehrxs und Mülleimx sperrt, sitzt inmitten eines Krisendiskurses, ist in seiner Männlichkeit, seiner Familienorientierung, seiner Nationalität, seiner Rechtsgläubigkeit, seiner ethnischen Zugehörigkeit gestört – kurz: falsch, muss entsprechend bekehrt werden. worship with usBei so viel Heil und missionarischem Eifer, der darauf verschwendet wird, Menschen zu bekehren, die sich gegen Bevormundung und Traktierung mit dem, was die Frauen Villa und Hark für richtig und wahr halten, wehren, wäre es eigentlich konsequent, die ad-hoc Gruppe würde sich als eigenständige Kirche von der DGS abspalten. Angesichts der Nützlichkeit, die der Genderismus-Kult für den Staatsfeminismus hat, wäre es nicht verwunderlich, wenn der Gender-Kirche das Recht eingeräumt würde, Steuern zu erheben.

Wenn sich die Mitglieder dieser Gender-Glaubens-Kongregation jedoch weiterhin innerhalb der DGS herumdrücken, sich weiter ausbreiten, dann wird selbst dem stoischsten Soziologen irgendwann der Verdacht kommen, die DGS befinde sich in einer Krise. Das kann dann Motto beim 48. Soziologentag 2034: “Krise der Soziologie – Soziologie der Krise” – an der Humbug Universität in Berlin sein.

Festgestellt werden muss jedenfalls, dass die DGS von außen betrachtet, bereits jetzt in einer tiefen Krise steckt. Aus einer Wissenschaft, deren Ziel darin bestand, gesellschaftliche Prozesse zu untersuchen und zu erklären, die sich auch als wissenschaftliche Kontrollinstanz der Exekutive verstanden hat, ist eine Legitimationswissenschaft geworden, die schon tanzt lange bevor die Exekutive gepfiffen hat. Sie ist in Teilen zu einem Diskutierkränzchen verkommen, in dem sich Gelangweilte und vom Leben nicht weiter Tangierte treffen, um sich über die Probleme anderer zu unterhalten oder – anders formuliert – beim Kaffeetrinken über nicht Anwesende zu tratschen – die soziologische Variante des Stammtisches und sicher nichts, was mit Steuermitteln finanziert werden kann und muss.

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