DEXIT? Laufende ScienceFiles-Umfrage: Immer mehr wollen aus der EU austreten

Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Die Umfrage darüber, ob Deutschland aus der EU austreten soll, die wir vor nunmehr drei Tagen online gestellt haben, und die immer noch läuft (siehe unten), erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Zwischenzeitlich haben sich 1.612 Leser von ScienceFiles an der Umfrage beteiligt, die Verteilung der Antworten fällt nun noch deutlicher aus als wir vor zwei Tagen berichtet haben.

Soll Deutschland in der EU bleiben 2

Wie auch immer man es dreht und wendet, in Deutschland gibt es ein großes Potential von Menschen, die mit der EU unzufrieden sind und ihr lieber heute als morgen den Rücken kehren würden. Allein auf ScienceFiles haben sich 1.494 Leser gegen einen Verbleib in der EU ausgesprochen und damit mehr als in Umfragen von Emnid, Allensbach oder Forsa überhaupt befragt werden (Die entsprechenden Umfrageinstitute sind in der Regel froh, wenn sie 1000 Befragte zusammenbekommen).

Aber: Eure Umfrage ist doch gar nicht repräsentativ, so haben wir zu hören bekommen, obwohl wir auf dieses Thema bereits im Text eingegangen sind.

Da ist er wieder, der Mythos der Repräsentativität, den Umfrageinstitute seit Jahrzehnten nähren, hegen und pflegen, um den Anschein zu erwecken, ihre Gewichtungskünste, also die Instrumente aus der Giftküche der Sozialforschung, die wir bereits in einem zurückliegenden Post offengelegt haben, würden dabei helfen, dass aus 1000 Befragten, die man per Telefon zur Beantwortung standardisierter Fragebögen gedrängt hat, ein repräsentatives Abbild der deutschen Bevölkerung wird.

Das Interessante ist: Es gibt Leute, die das glauben.

Es gibt Leute, die denken, es sei möglich, eine Zufallsauswahl aus der Grundgesamtheit sagen wir aller erwachsenen Deutschen ab 18 Jahren zu ziehen und dabei sicherzustellen, dass jedes Element der Grundgesamtheit dieselbe Möglichkeit hat, in diese Stichprobe zu gelangen, weshalb diese Stichprobe von 1000 Befragten repräsentativ sei.

Nun, wer schon einmal mit Datensätzen von Meinungsforschungsinstituten gearbeitet hat und die geschätzt 12 verschiedenen Gewichtungsfaktoren zum Anfang der Datensätze in Erinnerung hat, mit denen die Abweichung des eigentlich doch repräsentativen Datensatzes im Hinblick auf die Altersverteilung, die Verteilung nach Geschlecht, die Verteilung nach Stadt und Land korrigiert werden soll, der kann nicht anders als über die Naivität der Repräsentativitätsgläubigen zu schmunzeln: Wäre die Zufallsauswahl repräsentativ, man müsste sie nicht gewichten – oder?

Schnell hill esserAber derart intime Kenntnisse von Datensätzen sind gar nicht notwendig, um den Unsinn hinter der Idee, man könne eine repräsentative Zufallsauswahl aus der Grundgesamtheit der deutschen Bevölkerung im Alter ab 18 Jahren ziehen, zu erkennen.

Die Prämisse hinter der Zufallsauswahl setzt eine identische Erreichbarkeit aller Elemente der Grundgesamtheit voraus.

Utopischer kann eine Prämisse kaum sein.

Nehmen Sie an, Sie haben ein Befragungsinstitut mit einem Telefonpool und rufen abends von 17 Uhr bis 22 Uhr die Personen an, die sie aus dem Telefonbuch zufällig gezogen haben:

  • Alle, die nicht im Telefonbuch stehen, eine Geheimnummer haben, sind nicht im Datensatz;
  • Alle, die zwischen 17 Uhr und 22 Uhr nicht zuhause sind, weil sie z.B. Schicht arbeiten oder in einer Kneipe sitzen, sind nicht im Datensatz;
  • Alle, die zwischen 17 Uhr und 22 Uhr nicht ans Telefon gehen, weil sie sich beim Abendessen oder bei was auch immer nicht stören lassen wollen, sind nicht im Datensatz;

Wie man es dreht und wendet, der Datensatz ist nicht repräsentativ, denn nicht alle Elemente der Grundgesamtheit haben dieselbe Wahrscheinlichkeit, an der Befragung teilzunehmen (das wäre zu einer anderen Uhrzeit nicht anders). Und die genannten, sind nicht die einzigen systematischen Ausfälle:

  • Wer im Krankenhaus liegt, der fällt aus.
  • Wer in Urlaub ist, der fällt aus.
  • Wer obdachlos ist, der fällt aus.
  • Wer stumm ist, der fällt aus.
  • Bei wem die Telekom das Telefon gesperrt hat, weil er seine letzten beiden Rechnungen nicht bezahlt hat, der fällt aus.

Aber natürlich ist der Datensatz, der von einem Meinungsforschungsinstitut stammt, sind die Ergebnisse, die von einem der bekannten Institute veröffentlich werden, repräsentativ. Auf irgendeine magische Art und Weise mutieren sie von einer verzerrten zu einer nicht verzerrten, einer repräsentativen Stichprobe, nicht in der Realität, aber in der Vorstellungskraft derjenigen, die unbedingt an die Repräsentativität glauben wollen.

Das sind dann witzigerweise diejenigen, die die Tatsache, dass 1.494 Leser von ScienceFiles aus der EU austreten wollen, als nicht repräsentativ vom Tisch wischen wollen, um im nächsten Satz darüber zu klagen, dass von den 25 Hanseln in der angeblich repräsentativen Stichprobe von 1000 Befragten des Instituts X, die von sich sagen, sie seien homosexuell 60%, also 15, angeben, sie seien schon einmal diskriminiert worden. Skandal! Und was sind schon 1.494 ScienceFiles-Leser im Vergleich zu 15 diskriminierten homosexuellen Hanseln? Nicht repräsentativ!

Viele Deutsche wollen einfach glauben, glauben, dass Dinge, die ihnen nicht gefallen, z.B. dass 1.494 Leser von ScienceFiles sagen, sie wollen die EU verlassen, nicht repräsentativ sind, während Dinge, die ihre Agenda unterstützen, sagen wir 15 diskriminerungserfahrene Homosexuelle aus einer Stichprobe von 1.000 am Telefon befragten Deutschen, die repräsentativ sein soll, auch tatsächlich korrekt und repräsentativ ist.

Dorroch MeinungsmacherIn der Pfalz sagt man: Heär, pätz äm Ochs ins Härn und meint damit, es ist besser sich die sinnlose Mühe, die darin besteht, Gläubige von der Unsinnigkeit ihres Glaubens überzeugen zu wollen, zu ersparen. Mancher Deutscher Weltbild ist nur in Ordnung, wenn Glaubensinhalte wie der an die Repräsentativität von Umfragedaten unbeeindruckt von empirischer Realität stehen bleiben. Also lassen wir sie in ihrer Glauben.

Sicher, unsere Umfrage ist verzerrt. ScienceFiles spricht in erster Linie kritische Leser an. Wir haben vornehmlich berufstätige Leser, viele davon sind an Hochschulen beschäftigt, unsere Leser sind mehrheitlich männlich. Kurz: Wir haben ähnliche Verzerrungen wie Umfrageinstitute, die regelmäßig zu viele erwerbslose, zu wenige junge und zu viele weibliche Befragte in ihren Stichproben finden.

Deshalb gewichten sie ihre Datensätze.

Wir tun das nicht. Warum auch? Sind 1.494 Befragte, die bislang die EU verlassen wollen, nicht genug? Muss man sie heruntergewichten, minimalisieren, marginalisieren, das Problem ihrer Existenz wegrechnen, damit man sich in seiner EU-heilen Welt wieder wohlfühlen kann?

Das Ganze erinnert an eine Begebenheit, die sich vor einigen Jahren ereignet hat, als Dr. habil. Heike Diefenbach als wissenschaftlicher Berater im Familienbeirat der Stadt Leipzig saß. Von ihr damit konfrontiert, dass damals järhlich rund 6% der Leipziger Jungen ohne einen Schulabschluss blieben, meinte der  damalige Beigeordnete, in dessen Zuständigkeit der Familienbeirat gefallen ist: “Na, das sind ja nicht viele”. Nun, bei rund 43.000 Schülern an Leipziger Schulen, und rund 22.000 männlichen Schülern stehen pro Jahr hinter den 6% 1.320 Einzelschicksale, d.h. in fünf Jahren 6.600 Einzelschicksale. Mman muss schon sehr mit Engels sympathisieren und von der Lumpigkeit des Individuums überzeugt sein, um darin nicht viele und kein Problem zu erkennen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn wir politische Verantwortung in Deutschland tragen würden, dann würde uns das Ergebnis der nach wie vor laufenden Umfragen von ScienceFiles schlaflose Nächte bereiten.

Deutschland: Better off out?
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