Untersuchung zeigt, was Wächter der politischen Korrektheit treibt

Wir haben wieder einmal ein kleines Juwel der Sozialforschung gefunden.

Zachary K. Rothschild, Mark J. Landau, Lucas A. Keefer und Daniel Sullivan sind dafür verantwortlich.

Und: “Another’s punishment cleanses the self: Evidence for a moral cleansing function of punishing transgressors” ist der Titel des Beitrags, der in der Zeitschrift Motivation and Emotion zur Veröffentlichung ansteht.

Die Untersuchung

Motivation Emotion SpringerIn drei Experimenten haben die Autoren die Idee getestet, dass eigene A-Moralität, das Wissen um eigene Verstöße gegen moralische Grundregeln (also z.B. das Begehen einer Straftat), dann als weniger schlimm empfunden wird, wenn es Andere gibt, die wegen moralischer Verfehlungen bestraft worden sind.

Das klingt zunächst etwas kryptisch.

Daher in Abfolge:

Alle drei Experimente begannen damit, dass ein Teil der Probanden eine kurze Begebenheit zu Papier bringen sollten, bei der sie in einer moralisch nicht vertretbaren Weise gehandelt haben.

Dann wurde den Probanden jeweils eine Geschichte zu lesen gegeben, und zwar in Experiment 1 von einem Studenten, dem vorgeworfen wurde aus einer Spendenbox an der Universität Geld gestohlen zu haben. Die Geschichte hatte drei verschiedene Ausgänge: (1) der Vorwurf gegen den Studenten hat sich als falsch erwiesen; (2) der Vorwurf hat sich als richtig erwiesen, aber der Student konnte nicht bestraft werden, weil er kein Student der Universität mehr war, (3) der Student wurde bestraft und von der Universität verwiesen.

Sodann sollten die Probanden auf einer 6-Punkte-Skala (“1” stimme überhaupt nicht zu bis “6” stimme voll und ganz zu) jeweils einschätzen, ob sie sich “außerordentlich rein”, “sehr sauber”, “dreckig” oder “verschmutzt” fühlten.

Ergebnis: Die Probanden, denen aufgegeben war, eine Episode zu erinnern und zu Papier zu bringen, in der sich sich in einer moralisch nicht vertretbaren Weise verhalten hatten, fühlten sich phyisch schmutziger als die Probanden, denen diese Aufgabe nicht gestellt worden war. Das Gefühl, psychisch verschmutzt zu sein, reduzierte sich erheblich, wenn die Probadenen mit der Version der Geschichte des Studenten konfrontiert wurden, in der der Student bestraft wurde.

Kurz: Das Wissen um die Bestrafung eines Dritten reduziert Gefühle der Verschmutzung aufgrund eigenen nicht moralischen Handelns.

Zwei weitere Experimente haben die Autoren durchgeführt, bei denen Sie Bedingungen und Einschätzungen variiert haben.

Die Ergebnisse bestätigen Experiment 1. So hatten Probanden, die ein eigenes nicht moralisches Verhalten berichtet hatten, größere Schuldgefühle als die Vergleichsgruppe, sie schätzten andere Personen, die sich nicht moralisch verhalten haben, als körperlich dreckiger ein als die Vergleichsgruppe, sie waren bereitwilliger als die Vergleichsgruppe ihr nicht moralisches Verhalten zu revidieren, eine Bereitschaft, die erloschen ist, wenn sie erfahren haben, dass ein Dritter für sein nicht moralisches Verhalten bestraft wurde.

Schließlich haben Probanden, die ein eigenes nicht moralisches Verhalten berichtet haben, einen Autofahrer, der eine Unfallflucht begangen hat und sich ebenfalls nicht moralisch verhalten hat, als boshafter eingeschätzt als die Vergleichsgruppe, wobei die Probanden gleichzeitig mehr eigene Schuld empfunden haben als die Vergleichsgruppe, allerdings nur so lange, bis sie erfahren haben, dass der Unfallflüchtige bestraft wurde.

So what?

Alle drei Experimente zeigen die symbolische Bedeutung öffentlicher Bestrafung von Personen, die sich moralisch nicht korrekt verhalten haben: Öffentliche, mediale Hinrichtungen wirken als moralische Reinigung für alle Betrachter, die sich ihrerseits moralisch nicht korrekt verhalten haben, die Straftaten begangen haben usw.

Mediale Hinrichtungen von Personen, die sich nicht moralisch verhalten haben, die also den Kanon der Regeln, die als für die Gesellschaft wichtig angesehen werden (sollen), nicht eingehalten haben, von Personen wie Uli Hoeneß oder Christop Daum, für die, die sich noch an ihn erinnern, dienen also nicht nur der Generalprävention, wie Kriminologen annehmen, also der Kenntlichmachung dessen, was passiert, wenn man z.B. Steuern hinterzieht, sie dienen auch der moralischen Reinigung, und dazu dienen sie all denen, die ihrerseits Leichen im Keller haben.

Entsprechend haben mediale Hinrichtungen oder Schauprozesse nicht nur eine positive generalpräventive, sondern auch eine negative Wirkung, führen sie doch dazu, dass all diejenigen, die sich ihrerseits schuldig fühlen, z.B. weil sie Steuern hinterzogen haben, z.B. weil sie Brandsätze geworfen haben, z.B. weil sie fremdes Eigentum zerstört haben, durch die öffentliche Zelebrierung der Bestrafung eines Dritten, von aller eigenen moralischen Verfehlung gereinigt.

Insofern öffentliche Hinrichtungen oder öffentiche Pranger eine reinigende Funktion für die Betrachter haben, quasi eine Form der Beichtstuhl-Absolution, lässt sich mediales Aufmerksam-Machen auf vermeintliche Verfehlungen Dritter natürlich dazu instrumentalisieren, die Leichen im eigenen moralischen Keller etwas tiefer zu verbuddeln.

Und das erklärt, warum Wächter der politischen Korrektheit aus dem Boden schießen, deren einziges Anliegen darin besteht, moralische Überlegenheit zu zelebrieren und die Abweichung von dem, was sie als politisch korrekt wahrnehmen, anzuprangern.

AfD-Watch, deren Ziel darin besteht, Dritte zu diffamieren und öffentlich zu brandmarken, Münkler-Watch, dessen Ziel darin besteht, einen konkreten Professor zu diffamieren und öffentlich zu brandmarken, der Jammerzirkus, der klagend ob des wachsenden Anti-Feminismus durch die Lande zieht und dessen Ziel darin besteht, alle, die Kritik am Genderismus üben, zu diffamieren und öffentlich zu brandmarken, die Antifas, die wechselweise gegen das furchtbare Kapital, die schreckliche Globalisierung, die verderbliche Kernkraft, die zersetzende Gentechnik zu Felde ziehen und regelmäßig versuchen, die Bösen in ihrer Bösartigkeit öffentlich zu kreuzigen, sie alle werden getrieben von dem Motiv, sich selbst zu reinigen, ihre eigenen moralischen Unzulänglichkeiten quasi auf Dritte zu projizieren.

Die öffentlichen Hinrichtungen, die wir in letzter Zeit beobachten können, sind somit nichts anderes als der Ersatz für den Beichtstuhl in der nicht-säkularen deutschen Gesellschaft: Sie verteilen Absolution an diejenigen, die sich selbst für moralisch unzulänglich und nicht gesellschaftsfähig halten.

Rothschild, Zachary K., Landau, Mark J., Keefer, Lucas A. & Sullivan, Daniel (2015). Another’s Punishment Cleanses the Self: Evidence for a Moral Cleansing Function of Punishing Transgressors. Motivation and Emotion (Online First).

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15 Responses to Untersuchung zeigt, was Wächter der politischen Korrektheit treibt

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  2. A.S. says:

    Dazu kann ich nur sagen: Amen!

    Danke für den interessanten Artikel. Alleine würde ich so etwas nie finden.

  3. meier, hans (kempten) says:

    Wie sagte Jesus so schön: “Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. (Römer 2.1)”.

    Fatal ist nur: Den Stein wolle v.a. die werfen, die NICHT frei von Sünde sind – im anderen wollen sie ihr eigenes schlechtes Gewissen stellvertretend ermorden. j

    Zwei Analogien:

    1. Ich verstehe das ganze Theater um die rechtliche Situation von Schwulen nicht und habe den Verdacht, dass was am Verdacht vieler Schwuler dran sein könnte, dass ihre Gegner v.a. solche Menschen sind, die Probleme mit ihrer eigenen unterdrückten Homosexualität haben. Was sollte sie das sonst so sehr berühren, dass auch andere heiraten dürfen?

    2. Immer wieder vielen in den letzten Jahren männliche Feministen auf, die irgendwann wegen eben der Formen von sexueller Gewaltausübung angezeigt wurden, gegen die sie zuvor in einer Form gewettert hatten, die ALLE Männer unter Generalverdacht stellte – nur, welch Wunder, ausgerechnet sie persönlich nicht.

    Analogs lässt sich über Pornographie sammelnde Pornographieverfolger sagen, über manische Verfolger “der Juden” (bis 1945) wie eines überall gewitterten Antisemitismus (seit den 1960er Jahren), über Ketzerverfolgung, Verfolgung parteiwidrigen Verhaltens, politischer Abweichung etc. pp.

    Am Intensitätsgrad ihrer Manie werdet ihr sie erkennen.

  4. markus says:

    Mir fallen die SS-Maenner Guenther “Nobelpreistraeger” Grass und Walter “Gewissen der Nation” Jens ein. Die konnten sich auch Zeit ihres Lebens an den boesen Nazis hochziehen … Den anderen natuErlich.

  5. Jürg Rückert says:

    Katholische Pfarrer erleben immer wieder, dass Beichtlinge ihnen die Sünden anderer Menschen beichten. Darin scheint eine süße Lust zu liegen. Es muss aber klar gesagt werden, dass dies von der Kirche nicht gutgeheißen wird …

    Des Weiteren gibt es die Prahlbeichte: “Hochwürden, ich habe am Wochenende 3 Frauen verführt!”
    Das könnte auf dem gleichen Holz wie unser Schuldstolz wachsen.

  6. lernender says:

    “1. Ich verstehe das ganze Theater um die rechtliche Situation von Schwulen nicht und habe den Verdacht, dass was am Verdacht vieler Schwuler dran sein könnte, dass ihre Gegner v.a. solche Menschen sind, die Probleme mit ihrer eigenen unterdrückten Homosexualität haben. Was sollte sie das sonst so sehr berühren, dass auch andere heiraten dürfen?”

    Könnte aber auch sein, daß Schwule Probleme mit ihrer eigenen unterdrückten Heterosexualität haben und aus diesem Grunde so vehement die staatlich privilegierte und steuersubventionierte, bisher heterosexuellen Partnern vorbehaltenen Bund der Ehe einzugehen möchten.

    • meier, hans (kempten) says:

      Naja. SteuersubventIonen auch haben wollen ist irgendwie rational. Dafür brauch ich keine Psychoanalyse. Für die Gründe dagegen schon.

      Was nicht ausschließt, dass es manche Aktionen einiger Schwuler gibt (schrilles Auftreten, Opferrolle u.a.m.), die wohl nur psychologisch erklärt werden können; auch die Tabuisierung der in einigen Fällen nun einmal tatsächlich gegebenen Gefahr Päderastie – statt des rationalen, die Dinge benennenden Umgangs damit – gehört dazu. Aber auch die Gegenseite geht damit nicht immer unbedingt rational um.

    • Johannes Asch says:

      Schwule haben Probleme mit iher unterdrückten Heterosexualität.
      Danke für diesen Satz mein Tag ist gerettet.

  7. jakob sparrov says:

    Ebenfalls ein GROSSES Danke an den Autor dieses Artikels. Die Beispiele lassen sich beliebig endlos fortsetzen! Das krasseste Beispiel SOZIAL-DEMOKRATISCH in Wien! Sozial sind die nur zu sich selbst (Parteibuchwirtschaft im Rathaus) und demokratisch nur dann, wenn es ihnen nützt! Siehe Wiener Wahlrecht und die “demokratische” Abwerbung eines gegnerischen Mandatars, nur um das Mehrheitswahlrecht nicht aufgeben zu müssen! Dafür aber politische Mitbewerber pausenlos als Antidemokraten und Nazis zu diffamieren! Aktuell: Häupl zu rot/blauer Koalition im Burgenland! Reaktion der SJ und ähnlicher Verbände zu ebendieser!

  8. hope says:

    Der Autor schreibt in Bandwurmsätzen. Der längst Satz hat 106 Wörter! Da verliert man wirklich sehr leicht den Faden.

    • Das schult die Aufmerksamkeit!

    • meier, hans (kempten) says:

      Sprache kann einfach sein. Wenig Worte. Wenig Inhalt. Kein Zusammmenhang mit Nebensatz und Unterpunkt. Nix Komplexität. Nix Differenzierung. Nix Denken. Je dümmer, desto manipulierbarer.

      Einfach einfach.

      Die Politik freut sich.

  9. anonymus – for my own good reason says:

    Möglicherweise hat das beschriebene Phänomen auch mit einer archaischen Form der Übertragung zu tun: die eigene Verfehlung, die eigene Schuld wird auf den Anderen Übertragen. Der Andere wird stellvertetend bestraft. Die eigene Schuld sei hiermit gesühnt.

    Es ist der Sündenbock, eine Ziege oder ein Ziegenbock, der früher in den Pferdestall gestellt wurde, um (wie überliefert wird häufig mit Erfolg) Krankheit von den wertvollen Pferden abzuwenden. Den Schwächsten einer Gruppe trifft es zuerst, und ‘anders’ muss er sein.

    Unser Sprichwort “Schwein gehabt” hat seinen Ursprung ebenfalls in dieser Form der (hypothetischen) Übertragung einer Krankheit – hier einer bereits eingetretenen:
    einem Kranken wurde ein junges Ferkel ins Bett gelegt, in der Hoffnung, dass das Ferkel die Krankheit auf sich ziehen und vom erkrankten Menschen ‘abziehen’ würde. Ist der Mensch daraufhin genesen, hat er eben ‘Schwein gehabt’.

    Ein Weg dieser Falle zu entgehen ist die Aussprache.
    Ein Tagebuch, ein therapeuton (Weggefährte, Begleiter), eine richtig geführte Beichte, die immer eine ernsthafte Untersuchung ist.

    Wird der Gewissenskonflikt externalisiert, stellt man sich der Verfehlung mit Hilfe eines imaginären oder realen Gegenüber, ist der Weg für Wiedergutmachung, Schadensersatz, Besserung frei. Findet die Aussprache und das damit verbundene Ein-Geständnis nicht statt, greifen die unbewussten, archaischen Mechanismen der Übertragung auf Andere, die für alle Beteiligten zu weiterem Leid führen.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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